Günter Grass "Großer Hofferei hing ich nie an"
Ein Gespräch mit Günter Grass über seine Skepsis im Jahr 1990, den Zustand der Einheit und seine Rolle als Schwarzseher der Nation
Die ZEIT: »Es war den Gästen nicht zum Feiern zumute«, schreiben Sie in Ihrem Tagebuch nach einem Restaurantbesuch in Berlin am 3. Oktober 1990. Wie fällt Ihre Wiedervereinigungsbilanz heute aus?
Günter Grass: Eine meiner Befürchtungen war, dass durch den Anschluss und Berlin als Hauptstadt ein zentral regierter Staat entstehen könnte. Doch das ist nicht eingetreten, Gott sei Dank. Aber alles andere ist über mein Schwarzsehen hinausgegangen. Wie sich die Treuhand jenseits des Parlaments etablierte – das war ein ziemlich kriminelles Unternehmen, da kennen wir bis heute nur die Spitze des Eisberges. Ich hätte mir auch nicht ausmalen können, dass 20 Jahre danach noch eine solche Ungleichheit herrschen würde. Dass die Abwanderung sich so fortsetzt, dass manche Regionen sich total entvölkern. Und viel zu wenig ist von westdeutscher Seite getan worden, um sich mit den Biografien dieser damals 17 Millionen Menschen, die dort 40 Jahre lang in einer Diktatur leben mussten, auseinanderzusetzen. Man hat sich auf der Siegerseite gesehen, das Ganze bloß als Erweiterung des Wirtschaftsraumes eingeschätzt. Alle Probleme sollten mit Geld gelöst werden, aber auch das war nur gepumpt. Was wir heute als große Finanzkrise erleben, dieser Raubtierkapitalismus, begann sich schon damals abzuzeichnen. Wir löffeln jetzt die Suppe aus, die wir uns damals eingerührt haben.
ZEIT: Was hat der Mauerfall für Sie bedeutet?
Grass: Ich fand großartig, dass die Teilung vorbei ist. Ich habe es ja nicht nur als eine Teilung Deutschlands, sondern auch als eine Teilung Europas gesehen.
ZEIT: Es gab das Argument, die deutsche Teilung sei zu akzeptieren als Sühne für deutsche Schuld.
Grass: Das ist nie mein Argument gewesen. Ich bin immer gegen die Teilung, aber auch immer gegen die Form der Einheit gewesen. Die Einigung hat bis heute nicht stattgefunden, die Einheit ist vollzogen, steht aber nur auf dem Papier.
ZEIT: Die Einheit selbst war Ihnen nicht suspekt?
Grass: Nein! Alle Texte, die ich vorher geschrieben habe, zielen in diese Richtung. Sicher habe auch ich geglaubt, es dauert noch länger mit der Mauer. Aber ich habe immer gesagt, ihr könnt trennen, soviel ihr wollt – wirtschaftlich, politisch, militärisch –, Deutschland bleibt dennoch, und sei es im Streit miteinander, eine Kulturnation. Das war mein schmales Podest, von dem aus ich argumentiert habe.
ZEIT: Wie hätte denn ein Modell aussehen können, das den 17 Millionen Menschen in Ostdeutschland gerecht geworden wäre?
Grass: Es lagen ja Entwürfe für eine neue Verfassung vor, zum Beispiel der vom Bündnis 90. Der Schlussartikel 146 des Grundgesetzes schreibt vor, im Falle einer Einheit dem deutschen Volk eine neue Verfassung zur Abstimmung vorzulegen. Das hätte einen zünftigen Verfassungsstreit gegeben. Aber man hätte die Menschen dabei wahrnehmen müssen, sie hätten Elemente ihrer DDR-Erfahrung einbringen können. Dieser Verfassungsentwurf ist nicht einmal zur Kenntnis genommen worden in Bonn. Alles wurde mit dem Anschluss-Artikel gemacht.
ZEIT: Aber hechelte die Politik nicht mit heraushängender Zunge den Ereignissen hinterher? Was Sie an Gestaltungskraft und Verantwortung anmahnen, konnte überhaupt nicht praktiziert werden.
Grass: Was heißt »konnte nicht«?! Man hat’s gar nicht versucht! Es ging alles nach dem Motto: Macht’s wie wir, dann seid ihr demnächst auch reich. Aber es gab nur Versprechungen, keine Investitionen. Nach der Währungsreform 1948, als sich abzeichnete, dass Großbetriebe wie Salzgitter oder VW eine Privatisierung nicht überstehen würden, hat Ludwig Erhard sie verstaatlicht und erst nach der Sanierung mit Staatsgeldern Aktien ausgegeben. So hätte man es in den neuen Ländern auch machen können.
ZEIT: Ihr Eintreten – als ein namhafter westdeutscher Stimmführer – für die Ostdeutschen wurde dort als etwas ganz Außerordentliches angesehen.
Grass: Das habe ich als meine Möglichkeit gesehen, weil so viele sprachlos geworden waren. Es wurden ja nicht nur die ostdeutsche Wirtschaft, sondern auch die ostdeutsche Literatur und Malerei auf den Müllhaufen geschmissen. Christa Wolf, noch wenige Jahre zuvor als eine der führenden Autorinnen der DDR im Westen gefeiert, war auf einmal ein Nichts, sie wurde niedergemacht.
ZEIT: Wie in all Ihren Büchern gilt Ihre Sympathie im Tagebuch jenen, denen die Geschichte widerfährt. Ist diese Sichtweise nicht zu einseitig?
Grass: Die Geschichte der Macher stellt sich zumeist selbst dar, mit allen Verfälschungen. Die kann man korrigieren, indem man die Stimmen von unten zur Sprache bringt. Das ist unter anderem schon immer die Aufgabe der Literatur gewesen. Was wüssten wir vom Dreißigjährigen Krieg, wenn uns nur die dürren Fakten blieben, die Siege und Niederlagen, und kein Grimmelshausen, der den Alltag dieses Krieges beschrieben hat?
ZEIT: Aber waren die Ostdeutschen nicht auch zu leichtgläubig? Sie dachten, der Bundeskanzler könnte der Wirtschaft genauso befehlen wie Günter Mittag der Planwirtschaft in der DDR.
Grass: Das war meine große Überraschung. Denn im Gegensatz zu den Tschechen oder auch den Polen hatten sie übers Westfernsehen die Möglichkeit, zu erfahren, wie der Kapitalismus läuft.
ZEIT: Wäre die Wahrheit über die Kosten der Einheit den Menschen zumutbar gewesen?
Grass: Oskar Lafontaine hat sie benannt – aber mit der Kälte eines Mannes, der aus dem Westen kam, und ohne eine Alternative zu bieten.
ZEIT: Wie sehen Sie die Rolle von Lafontaine jetzt?
Grass: Ich habe ihn immer für einen sehr begabten Politiker gehalten. Er hat einen populistischen Zug, den er nun in der Linkspartei voll ausleben kann. Solange er eingebunden war in die SPD, konnte er das nicht. Was er dann gemacht hat, ist aus meiner Sicht unverzeihlich: gleichzeitig sämtliche Ämter niederzulegen und in der Bild-Zeitung gegen die eigene Partei wohldotiert seine Artikelserie loszulassen! Das hat mich für immer von ihm getrennt.
ZEIT: Hat Sie die Nationalfühligkeit vieler Ostdeutscher überrascht?
Grass: Mich hat der Wechsel vom Ruf »Wir sind das Volk« zu »Wir sind ein Volk« überrascht, der begleitet war vom Auftauchen der Reichskriegsflagge der Rechtsradikalen. Es gab offenbar ein Potenzial, das in der DDR mit strengen Maßnahmen unter der Decke gehalten wurde, nun jedoch ausbrach.
ZEIT: Trotz aller Härten hat die Bevölkerung bis jetzt alles mitgetragen.
Grass: Die Menschen können nur aufbegehren, wenn Fakten vorliegen. Es ist ein Versagen des Journalismus, dass man etwa den Machenschaften der Treuhand nicht genug nachgegangen ist.
ZEIT: Vielleicht sind die Leute mit den Zuständen, wie sie über die 20 Jahre waren, zufrieden.
Grass: Es gibt ja einen Widerstand ganz negativer Art – das Desinteresse an Politik. Die geringe Wahlbeteiligung ist ein Beleg dafür. Und die Hinwendung nach rechts.
ZEIT: Lässt es Sie nicht manchmal an der Wirkung der Aufklärung zweifeln, wenn Sie sehen, dass gerade junge Leute sich nach rechts orientieren?
Grass: Da ich nie großer Hofferei anhing, ist bei mir die Möglichkeit, grundsätzlich enttäuscht zu sein, relativ gering. Was mich mehr beunruhigt als die Rechtsradikalen, ist die selbsttätige Auflösung unseres demokratischen Systems. Dazu gehören die wahnsinnigen Sicherheitsmaßnahmen, die der Innenminister, ein fanatischer Kämpfer für totale Sicherheit, gebiert. Dazu zählt aber auch die Macht der Lobby, die schon in die Ministerien vorgedrungen ist, an Gesetzesvorlagen mitschreibt – das ist verfassungswidrig! Ich habe eine Bannmeile für Lobbyisten um den Bundestag empfohlen. Da braucht man Unterstützung in der Öffentlichkeit. Ein Einzelner findet kein Gehör.
ZEIT: Sie schreiben gleich im ersten Eintrag, dieses Tagebuch sei Ihre »Pflicht«. Von wem ist Ihnen diese Pflicht auferlegt?
Grass: Es ist der Bürger, der sich verpflichtet sieht. Ich gehöre einer Generation an, die noch geprägt und verformt worden ist in der Zeit des Nationalsozialismus. Ich habe einen Lernprozess durchlaufen müssen von Kriegsende an, der bis heute anhält. Und daraus ergibt sich eine Verantwortung. Ich will ein kleines Beispiel dieser Tage anführen: Da schmeißt sich ein Großunternehmer, der fünftreichste Mann Deutschlands, vor einen Zug. Und im Nachruf des Ministerpräsidenten heißt es: tragischer Fall. Nein, das ist kein tragischer Fall. Das ist eine Flucht dieses Mannes aus der Verantwortung. Der hat 100000 Angestellte, die er in Mitleidenschaft gezogen hat durch seine Spekulationen.
ZEIT: Sie sagen, Ihre Schwarzseherei sei in manchem von der Realität übertroffen worden. Sind Sie eigentlich stolz auf Ihr prophetisches Geschick?
Grass: Natürlich nicht. Es macht einen doch nicht fröhlich, wenn man sieht, dass schlimmste Prognosen, absehbare Dinge, noch übertroffen werden!
ZEIT: Sie ärgern sich darüber, immer als der Schwarzseher der Nation dazustehen. Wie sehen Sie denn Ihre eigene Rolle?
Grass: Ich bin, im Sinne Habermas’, ein Verfassungspatriot. Und für mich war die große Enttäuschung, wie wenig man das Grundgesetz wahrnahm beim Einheitsprozess.
ZEIT: Was erhoffen Sie sich von der Veröffentlichung Ihres Tagebuches jetzt, 20 Jahre später?
Grass: Ich möchte einigen Sonntagsrednern in die Suppe spucken. Aber ich bezweifle, dass sie das überhaupt zur Kenntnis nehmen. Die Sonntagsreden sind schon geschrieben.
Das Gespräch führten Christoph Dieckmann und Christof Siemes
- Datum 29.04.2009 - 11:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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Großer Hofferei nicht, aber großer Schwätzerei.
Grass ist eben Grass. Aber wie kann man ihm unwidersprochen zweimal den Quatsch vom "Anschluss" und damit eine Gleichsetzung mit 1938 durchgehen lassen?
JoshWolf, SLDD
war derjenige, für den die DDR eine "kommode Diktatur" war. Er musste ja auch nicht dort leben. Warum fragt diesen Menschen eigentlich noch jemand nach was auch immer?
Einheitspartei, Bespitzelung und Verstaatlichung - mehr braucht es nicht zum neuen deutschen Sozialismus (zum Schmunzeln):
http://www3.ndr.de/sendun...
Und in einem hat Grass recht: "Die Menschen können nur aufbegehren, wenn Fakten vorliegen. Es ist ein Versagen des Journalismus, dass man etwa den Machenschaften der Treuhand nicht genug nachgegangen ist.". Heute wird unter Ausschluß der Öffentlichkeit die Sanierung der Banken durch den Steuerzahler arrangiert.
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"Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
(Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)
Meiner Ansicht nach hat Herr Günther Grass mit seiner Darstellung
genau in "Schwarze" getroffen.
angenommen haben.
Die Geschichte der Macher stellt sich zumeist selbst dar, mit allen Verfälschungen. Die kann man korrigieren, indem man die Stimmen von unten zur Sprache bringt. Das ist unter anderem schon immer die Aufgabe der Literatur gewesen. Was wüssten wir vom Dreißigjährigen Krieg, wenn uns nur die dürren Fakten blieben, die Siege und Niederlagen, und kein Grimmelshausen, der den Alltag dieses Krieges beschrieben hat?
Das wollte ich nur vielfach unterstreichen. Das sollte Manifest für jede relevante Literatur und Kunst.
Ich bin ebenfalls der Auffassung, dass Grass hier einige neuralgische Punkt trifft und Mißstände ziemlich deutlich anspricht. Mir drängt sich schon seit längerem die Vermutung auf, dass gewisse Kreise die Vergangenheit von Grass zu nutzen versuchten, um seine integrität in Frage zu stellen und damit einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen.
"einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen." Schreiben Sie sonst für die TITANIC oder sind Sie ein alter Kaaarad von der " Admiral Hipper"?
grass ist der beste.
Ferika75
"einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen." Schreiben Sie sonst für die TITANIC oder sind Sie ein alter Kaaarad von der " Admiral Hipper"?
grass ist der beste.
Ferika75
"einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen." Schreiben Sie sonst für die TITANIC oder sind Sie ein alter Kaaarad von der " Admiral Hipper"?
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