Günter Grass "Großer Hofferei hing ich nie an"Seite 3/3
ZEIT: Vielleicht sind die Leute mit den Zuständen, wie sie über die 20 Jahre waren, zufrieden.
Grass: Es gibt ja einen Widerstand ganz negativer Art – das Desinteresse an Politik. Die geringe Wahlbeteiligung ist ein Beleg dafür. Und die Hinwendung nach rechts.
ZEIT: Lässt es Sie nicht manchmal an der Wirkung der Aufklärung zweifeln, wenn Sie sehen, dass gerade junge Leute sich nach rechts orientieren?
Grass: Da ich nie großer Hofferei anhing, ist bei mir die Möglichkeit, grundsätzlich enttäuscht zu sein, relativ gering. Was mich mehr beunruhigt als die Rechtsradikalen, ist die selbsttätige Auflösung unseres demokratischen Systems. Dazu gehören die wahnsinnigen Sicherheitsmaßnahmen, die der Innenminister, ein fanatischer Kämpfer für totale Sicherheit, gebiert. Dazu zählt aber auch die Macht der Lobby, die schon in die Ministerien vorgedrungen ist, an Gesetzesvorlagen mitschreibt – das ist verfassungswidrig! Ich habe eine Bannmeile für Lobbyisten um den Bundestag empfohlen. Da braucht man Unterstützung in der Öffentlichkeit. Ein Einzelner findet kein Gehör.
ZEIT: Sie schreiben gleich im ersten Eintrag, dieses Tagebuch sei Ihre »Pflicht«. Von wem ist Ihnen diese Pflicht auferlegt?
Grass: Es ist der Bürger, der sich verpflichtet sieht. Ich gehöre einer Generation an, die noch geprägt und verformt worden ist in der Zeit des Nationalsozialismus. Ich habe einen Lernprozess durchlaufen müssen von Kriegsende an, der bis heute anhält. Und daraus ergibt sich eine Verantwortung. Ich will ein kleines Beispiel dieser Tage anführen: Da schmeißt sich ein Großunternehmer, der fünftreichste Mann Deutschlands, vor einen Zug. Und im Nachruf des Ministerpräsidenten heißt es: tragischer Fall. Nein, das ist kein tragischer Fall. Das ist eine Flucht dieses Mannes aus der Verantwortung. Der hat 100000 Angestellte, die er in Mitleidenschaft gezogen hat durch seine Spekulationen.
ZEIT: Sie sagen, Ihre Schwarzseherei sei in manchem von der Realität übertroffen worden. Sind Sie eigentlich stolz auf Ihr prophetisches Geschick?
Grass: Natürlich nicht. Es macht einen doch nicht fröhlich, wenn man sieht, dass schlimmste Prognosen, absehbare Dinge, noch übertroffen werden!
ZEIT: Sie ärgern sich darüber, immer als der Schwarzseher der Nation dazustehen. Wie sehen Sie denn Ihre eigene Rolle?
Grass: Ich bin, im Sinne Habermas’, ein Verfassungspatriot. Und für mich war die große Enttäuschung, wie wenig man das Grundgesetz wahrnahm beim Einheitsprozess.
ZEIT: Was erhoffen Sie sich von der Veröffentlichung Ihres Tagebuches jetzt, 20 Jahre später?
Grass: Ich möchte einigen Sonntagsrednern in die Suppe spucken. Aber ich bezweifle, dass sie das überhaupt zur Kenntnis nehmen. Die Sonntagsreden sind schon geschrieben.
Das Gespräch führten Christoph Dieckmann und Christof Siemes
- Datum 29.04.2009 - 11:43 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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Großer Hofferei nicht, aber großer Schwätzerei.
Grass ist eben Grass. Aber wie kann man ihm unwidersprochen zweimal den Quatsch vom "Anschluss" und damit eine Gleichsetzung mit 1938 durchgehen lassen?
JoshWolf, SLDD
war derjenige, für den die DDR eine "kommode Diktatur" war. Er musste ja auch nicht dort leben. Warum fragt diesen Menschen eigentlich noch jemand nach was auch immer?
Einheitspartei, Bespitzelung und Verstaatlichung - mehr braucht es nicht zum neuen deutschen Sozialismus (zum Schmunzeln):
http://www3.ndr.de/sendun...
Und in einem hat Grass recht: "Die Menschen können nur aufbegehren, wenn Fakten vorliegen. Es ist ein Versagen des Journalismus, dass man etwa den Machenschaften der Treuhand nicht genug nachgegangen ist.". Heute wird unter Ausschluß der Öffentlichkeit die Sanierung der Banken durch den Steuerzahler arrangiert.
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"Ich glaube, daß die Bankinstitutionen für unsere Freiheiten gefährlicher sind als die Armeen."
(Thomas Jefferson, Amerikanischer Präsident; 1743-1826)
Meiner Ansicht nach hat Herr Günther Grass mit seiner Darstellung
genau in "Schwarze" getroffen.
angenommen haben.
Die Geschichte der Macher stellt sich zumeist selbst dar, mit allen Verfälschungen. Die kann man korrigieren, indem man die Stimmen von unten zur Sprache bringt. Das ist unter anderem schon immer die Aufgabe der Literatur gewesen. Was wüssten wir vom Dreißigjährigen Krieg, wenn uns nur die dürren Fakten blieben, die Siege und Niederlagen, und kein Grimmelshausen, der den Alltag dieses Krieges beschrieben hat?
Das wollte ich nur vielfach unterstreichen. Das sollte Manifest für jede relevante Literatur und Kunst.
Ich bin ebenfalls der Auffassung, dass Grass hier einige neuralgische Punkt trifft und Mißstände ziemlich deutlich anspricht. Mir drängt sich schon seit längerem die Vermutung auf, dass gewisse Kreise die Vergangenheit von Grass zu nutzen versuchten, um seine integrität in Frage zu stellen und damit einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen.
"einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen." Schreiben Sie sonst für die TITANIC oder sind Sie ein alter Kaaarad von der " Admiral Hipper"?
grass ist der beste.
Ferika75
"einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen." Schreiben Sie sonst für die TITANIC oder sind Sie ein alter Kaaarad von der " Admiral Hipper"?
grass ist der beste.
Ferika75
"einen der letzten kritischen Geister hierzulande mundtot zu machen." Schreiben Sie sonst für die TITANIC oder sind Sie ein alter Kaaarad von der " Admiral Hipper"?
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