Wird das noch mein Deutschland sein?Wird das noch mein…

Vom Wahnsinn des Mauerfalls 1989 über die Fußballweltmeisterschaft bis zum Tag der Einheit 1990 – Auszüge aus Günter Grass’ Tagebuch

Vale das Eiras, am 1. Januar 1990

Während ich vor der Ostseite des Hauses ein Bäumchen pflanzte, von dem Leonore Suhl, die es uns in der Silvesternacht schenkte, behauptet, es werde in sechs, sieben Jahren ein Baum mit blauen Blüten sein, begann schon am Vormittag das neue Jahr überbetont; und als wir am frühen Nachmittag oberhalb von Casais in den Korkeichenwäldern auf die Suche nach Pilzen gingen, hätte ein ausgewachsener Steinpilz meinen neujährlichen Erwartungen entsprechen können, doch waren unsere alten Fundorte mager bestellt: nach der überlangen Regenperiode gaben die wenigen wäßrigen Pfifferlinge allenfalls ein Motiv her, mehr nicht, doch immerhin die Gelegenheit, dieses Tagebuch mit Pilzen einzuläuten und nicht mit politischen Großereignissen, wie sie während der letzten Monate des vergangenen Jahres einander den Vortritt streitig machten, zum Schluß die blutige Revolution in Rumänien und die gleichfalls blutige Demonstration militärischer Stärke in Panama, als wäre es Absicht des kommunistischen und des kapitalistischen Systems gewesen, noch einmal unverwechselbar Farbe zu bekennen.

Ich bin kein passionierter Tagebuchschreiber. Es muß schon Ungewöhnliches anstehen, das mich in die Pflicht nimmt. Diesmal will ich in immer neuen Anläufen die Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten überschreiten, mich auch in beide Wahlkämpfe (Mai und Dezember) einmischen. Doch eigentlich hätte ich jetzt, nachdem die Arbeit an Totes Holz abgeschlossen ist, mit einem normalen, womöglich in die Breite gehenden Manuskript beginnen wollen: Wie sich auf Allerheiligen in Gdansk Frau Piatkowska und Frau Reschke, zwei Witwen, treffen und an einem Plan zu stricken beginnen, dem, weil die Zeit günstig ist, bald Taten folgen, so die Gründung einer polnisch-deutschen Friedhofs GmbH. – Aber das Tagebuch besteht auf Vortritt.

Vale das Eiras, am 2. Januar 1990

Nachdem oben der Gasofen funktionierte, begann ich mit der Niederschrift von Schreiben nach Auschwitz. Ich habe mir dieses Thema, an dem ich nur scheitern kann, offenbar auferlegt, um mich festzulegen; verdächtig viele meiner schreibenden Kollegen, die vormals den (oder ihren) nachgeholten Antifaschismus aufsagen konnten wie Schillers Glocke, sind zur Zeit national bis an die Grenze zum Stumpfsinn gestimmt; mir hingegen, dem viele deutsche Besitzstände im Verlauf der Jahre abhanden gekommen sind – außer der Sprache –, will Auschwitz vorkommen wie eine zuletzt verbliebene Möglichkeit, mich auf Deutschland zu berufen. (Will versuchen, in der Frankfurter Rede das angebliche Recht auf deutsche Einheit im Sinne von wieder-vereinigter Staatlichkeit an Auschwitz scheitern zu lassen.) Langsam schreiben!

Vale das Eiras, am 3. Januar 1990

In Lagos eingekauft. Keine deutsche Zeitung außer der Bild- Zeitung greifbar. Diese mit Neujahrsbalkenüberschrift: »Wahnsinn!«, ein Wort, das seit Öffnung der deutsch-deutschen Grenze inflationiert; oder kündet es beschwörend neuerlich wirklichen Wahnsinn an? – Unkenrufe.

Flug Faro–Hamburg, am 26.1.90

Weg von meinen Kakteen! Mit den Zeitungen hat mich das deutsch-deutsche Bauchgrimmen wieder. In Die Zeit ein Gespräch mit Brandt: »Auch Konföderation ist Einheit«. Warum dann die vagen Anspielungen auf den Deutschen Bund?

Behlendorf, am 28.1.90

Heute wird wohl im Saarland die Vorentscheidung für die Bundestagswahl fallen: Hält Lafontaine die absolute Mehrheit der Parlamentssitze? Und wird oder wird er nicht Kanzlerkandidat der SPD? Es sieht nicht günstig aus, weil nach Radiomeldungen die Wahlbeteiligung (bei schlechtem, stürmischem Wetter) geringer ist als vor vier Jahren und so die kleinen Parteien größere Chancen haben, die 5-Prozent-Hürde zu überspringen, zum Beispiel die »Republikaner«.

Auch hier geht ein böiger Nordweststurm übers Land. Der angrenzende Wald stöhnt. Ich habe mich in meinem Atelier verkapselt. Gestern im Fernsehen Brandt in Gotha beim Gründungsparteitag der Thüringischen SPD. Mich beunruhigt, wie er der Einheit das Wort redet. Zu beiläufig und ungenau seine Einschränkungen: Einheit von unten nach oben, kein Einheitsstaat, sondern auf Länderhoheit beruhender Bundesstaat. Aber auch zunehmend vorbeugende Zurückweisung ausländischer Kritik am »Einheitswillen des deutschen Volkes«. Ob seine junge Frau ihn so national gestimmt hat? Oder will er sein politisches Lebenswerk abrunden? Oder meint er gar, er müsse den Makel des »vaterlandslosen Gesellen« abtragen? Oder ist es nur politischer Instinkt, der ihm rät, das Thema zu besetzen? Oder alles zusammen ergibt einen Reim? Ich koche Schweine-Schwarzsauer und habe einige portugiesische Feigen in den Sud gelegt.

Ich bin schlecht in Wahlprognosen. Oskar hat überraschend hoch gewonnen. Als Kanzlerkandidat wird er, der »Deutschen Einheit« wegen, gegen Brandts nationale Vision ausgespielt werden; es sei denn, die beiden nähern ihre Positionen.

Überm Wahlprogramm ist das Schwarzsauer zu stark eingekocht. Kohls unüberbietbarer Satz »Das Ergebnis hat mit dem Wahlkampf zu tun«.

Behlendorf, am 30.1.90

Nur wenige Tage nach der Rückkehr aus Portugal, und schon bin ich vollgepackt mit Information, überschwemmt von Details, die alle sagen wollen, daß nichts mehr außer der Wiedervereinigung laufe. Mit diesem Gepäck (und mit Durchfall, der mich während wieder einmal schlafloser Nacht erwischt hat) fahren wir nach Tutzing. Wird dieser angeblichen Volkesstimme noch zu widersprechen sein? Zumindest die Politiker müßten, bei einigem Format, wissen, daß eine schnelle Wiedervereinigung zwar ertrotzt werden kann, aber mit Mißtrauen und andauernder innerer Spaltung bezahlt werden muß.

Behlendorf, am 2. Februar 90

Zurück aus Tutzing: Es fiel mir nicht leicht, Willy Brandt grundsätzlich zu widersprechen; wahrscheinlich haben ihn (wenn überhaupt) die eher leisen, aber bestimmten Beiträge der jungen DDR-Tagungsteilnehmer, etwa der von Konrad Weiß, nachdenklich gemacht.

Zu kurze Nächte, zu lange Anspannung tagsüber, Anstrengungen insgesamt, die mich das Älterwerden spüren lassen. Als wir gestern in Behlendorf ankamen, lagen die Großnachrichten vom 1. Februar vor: Modrows Deutschlandplan, der ein neutrales Land als Ziel setzt; und des US-Präsidenten Beschluß, die Zahl der amerikanischen Soldaten erheblich zu reduzieren. Abermals eine neue Lage. Doch zeichnet sich ab, daß alle Pläne eine Konföderation vorsehen, die einige Jahre Bestand haben könnte. Das gäbe der DDR und ihren Bürgern die Chance, eigenständig und aus besserer wirtschaftlicher Lage über die zukünftige Form der »Einheit« zu entscheiden. Im Fall sozialdemokratischer Mehrheiten in beiden Staaten könnte sich vielleicht doch noch ein neues deutsches Selbstverständnis entwickeln.

Von Mölln nach Berlin mit der Eisenbahn, am 5.2.90

Das neue Reisegefühl: bei der Kontrolle muß ich nur den Personalausweis vorzeigen. Merkwürdig liest sich Brandts Spiegel- Interview, in dem er abwechselnd von Föderation und Konföderation spricht, die Schweiz als Beispiel nennt, schließlich sogar eine Konföderation als Einheit akzeptiert. Offenbar hat er in Tutzing gut zugehört.

Berlin, am 10. Februar 90

Das zunehmende Gefühl der Einengung. Wie unter Zwang wird die Einheit Deutschlands herbeigeredet, nur noch der überstürzte Vollzug fehlt. Langsam wird es gefährlich, gegen diese neuerliche Tollheit anzureden. Wenn ich dennoch bei meinem Nein bleibe, geschieht es nicht aus Trotz, vielmehr ist es – neben und mit allen Argumenten – ein immer stärker werdendes Vorgefühl des Scheiterns.

Von Hamburg nach Frankfurt a. Main, am 13.2.90

Heute in der Frankfurter Rundschau der Entwurf einer Verfassung, die zwei Völkerrechtler aus Leipzig und Westberlin ausgearbeitet haben. Der Entwurf sieht in erster Stufe einen Staatenbund vor, ähnlich einer Konföderation. Aus Mitgliedern des Bundestages und der Volkskammer wird ein Bundesparlament gewählt. Ferner gibt es den Bundesexekutivrat und den Gerichtshof des Staatenbundes. In der Schlußbestimmung des Vertragsentwurfes ist in Artikel 26 die Möglichkeit vorgesehen, diesen Vertrag außer Kraft zu setzen, wenn sich bei einer Volksabstimmung eine Mehrheit für die Schaffung eines deutschen Bundesstaates findet. – Dieser Entwurf wäre als Kompromiß für mich akzeptabel. Er gibt Willy Brandts allzu vagen Vorstellungen einen Hintergrund.

Gestern im ZDF das unsägliche Literaturquartett. Begreife nicht, warum sich Jurek Becker in diese Gesellschaft begibt. Als Reich-Ranicki wieder einmal Christa Wolf und Stephan Hermlin diffamierte – Karasek wollte auch mich sogleich in der üblen Brühe verrühren –, widersprach Jurek nicht bestimmt genug. Auf wen nimmt er Rücksicht?

Behlendorf, am 17.2.90

Heute ein zweites großes Blatt im Hochformat begonnen, abermals Baumstümpfe. Die Ruhe in Behlendorf erlaubt, verstreute Sorgen zu sammeln. – Wird das noch »mein Deutschland« sein? Der Bonner Befehlston gibt einen Vorgeschmack auf den zukünftigen Stil der Herren. Wie Modrow in Bonn abgefertigt wurde, desgleichen die Minister der »Runden Tisch«-Gruppe, ist beschämend und doch auch das, was Augstein Realpolitik nennt, wobei sein Ton nicht zu unterscheiden ist von den unangenehmen Geräuschen der Herren Kohl, Waigel, Dregger, Rühe usw. Gestern im Fernsehen: Masowiecki und Modrow zusammen, die gedoppelte Melancholie: menschlich, wissend, leidensfähig, beinahe anrührend; dagegen unsere dröhnenden Großpolitiker: zum Kotzen!

Behlendorf, am 18.2.90

Merkwürdig, daß ich immer noch hoffe, nein, sogar sicher bin, daß Einsprüche und Bedenken zum Tragen kommen werden, spätestens beim Sechsertreffen und dann noch einmal bei der KSZE-Konferenz im September.

Nachträge: Der Wirtschaftsminister Haussmann, der bei Eröffnung der »Ambiente«-Messe die DDR-Regierung schilt, das Geschenk der »Währungsunion« nicht begriffen und gewürdigt zu haben, mit Hinweis auf Ungarn, das ein solches Geschenk mit Freude annehmen würde. Die Vergötzung der DM. Vulgärer Materialismus als Nationalverständnis. »Warum, verdammt, ihr Zonis, wollt ihr nicht nach unserem Gebot ums Goldene Kalb tanzen?«

Von Berlin nach Leipzig, am 20.2.90

»Ein Schnäppchen machen«. Dieser Ausdruck ließe sich auf die DDR anwenden, sobald westdeutsche Wirtschaftsführer von möglichen Investitionen oder Politiker immer offener vom »Anschluß« reden. Kolonialherren, im Zugriff geübt. Beschämend, was diesen ausgepowerten, verängstigten Menschen zugemutet wird. Im Fernsehen wird von der angekündigten Aufhebung der Subventionen für Lebensmittel, Gebrauchsgüter usw. berichtet und von sofort beginnenden Hamsterkäufen, gegen die natürlich Modrows mahnende Worte nichts ausrichten werden. Report München versucht Modrow ins Zwielicht zu bringen, desgleichen führende Sozialdemokraten, die nicht zu allen Zeiten an die Wiedervereinigung geglaubt haben. In westdeutscher Spielart: Der Schwarze Kanal.

Leipzig, am 23. Februar 90

Das beunruhigende Frühlingswetter hält an. Der Parteitag der SPD ist mit ähnlichen Veranstaltungen in der Bundesrepublik nicht zu vergleichen. Alles wirkt wie zeitversetzt: die Agrar-Messehalle wie aus den sechziger Jahren. Gespräche mit alten DDR-Sozialdemokraten, deren späte Genugtuung. Wie souverän hingegen die jungen Sozialdemokraten die Diffamierungen der DSU zurückweisen.

Leipzig, am 24.2.90

Der Parteitag, die anstrengende Prozedur, die mich beeindruckt, weil sie, durch nichts zu ersetzen, die langwierigen und oft langweiligen Abläufe der demokratischen Meinungsbildung deutlich macht, hier nun nahezu lehrbuchhaft, weil Demokratie geübt werden muß. – Zwischendurch die Bombendrohung. Lockeres Herumstehen in der Frühlingssonne. Man vermutet nicht Rechtsradikale als Urhebergruppe, vielmehr noch aktive Stasi-Gruppen. Spät werde ich ans Pult gebeten, auch um die ermüdeten Delegierten ein wenig aufzumuntern.

Und heute kam Willy Brandt, wurde durch »Erheben von den Sitzen« zum Ehrenvorsitzenden gewählt und hielt wieder einmal eine große Rede, groß, weil sie die Delegierten, dann die Stadt Leipzig, schließlich die Bürger der DDR wahrnahm und doch über die deutschen Grenzen hinweg verstehbar wurde. Gewiß, ich hätte mir mehr Deutlichkeit gewünscht, etwa historisch in Richtung Deutscher Bund, Paulskirche, bis hin zum zukünftigen deutschen Bundesstaat, aber er liebt das Vage und hat Erfolg damit. Alles in allem: es ist ein Parteitag von historischem Gewicht geworden.

Leipzig, am 27.2.90

Übernachte bei einem Genossen in einer Neubauwohnung mit Blick über Schrebergärten bis hin zu Industrieanlagen. Seine Frau ist Ärztin, er ist Verkehrsplaner. Die Ehe leidet unter seiner Parteiarbeit. Darüber höre ich ununterbrochen mehr, während wir ab 11 Uhr vormittags über Berlin in Richtung Leipzig unterwegs sind. Abermals eine Lebensbeichte. Diesmal ein jugendlich wirkender Fünfzigjähriger, der kein SED-Mitglied gewesen ist und darunter zu leiden hatte. Seine anhaltende Furcht vor Spitzeln bis in die Parteiführung hinein. Die Angst vor dem Leistungsdruck einer zukünftigen DM-Gesellschaft.

Es bleibt unvorstellbar, wie die DDR, dieses in jeder Beziehung zurückgebliebene Land, einfach übernommen werden kann, ohne daß es zu sozialen Spannungen und Entladungen kommt, zumal kein bundesdeutscher Wille erkennbar ist, mit Breitenwirkung zu investieren.

Dresden, am 28.2.90

Als ich gestern in Dresden-Neustadt ausstieg, war niemand da, mich abzuholen. In der zugigen Halle. Bei naßkaltem Wetter fiel die uniforme Kleidung als Ärmlichkeit auf. Dazwischen Kinder in Faschingskostümen, grell, bunt beschmiert. Eine Ensor-Stimmung. Weil den Kostümen das bundesdeutsche Gekauft-Perfekte fehlte, wirkten sie echt und erschreckend.

Die Eisenbahnfahrt allein im 1.-Klasse-Abteil. Die schmutzigen Scheiben, das gottverlassen graue Land, seine schrottreifen Industrieanlagen, die geduckten, wie zufällig gebliebenen Dörfer. Plötzlich Schneeschauer. Mein jäher Wunsch, bei meinen portugiesischen Kakteen sein zu dürfen, die mir näher sind, gemessen an dieser kalten Fremde.

Dresden-Radebeul, am 2.3.90

Gut war die Veranstaltung gestern im Puppentheater in Dresden mit Baby Sommer. Die Gespräche davor und danach machten mir deutlich, daß jene in der DDR bisher verdeckte, nun unverbraucht und offen zutage tretende rechte Mentalität, die sich nationalistisch, fremdenfeindlich, antisemitisch, vulgär-materialistisch und insgesamt intolerant ausspricht, stärker ist, als ich befürchtete. Die vorausgesagte SPD-Mehrheit ist ernsthaft gefährdet. Hinzu kommt, daß alle Gruppierungen, die hier als stille Opposition überwintert haben und schließlich den Wechsel erzwangen, nun erschöpft sind, mißtrauisch unter- und gegeneinander.

Karl-Marx-Stadt, am 2.3.90

Der riesige Marx-Kopf vor dem Gebäude des »Rates des Bezirks«. Er soll verkauft werden, damit mit dem Erlös die Rückbenennung der Stadt finanziert werden kann. Die Veranstaltung im Museum mit Imbiß in einem der Ausstellungsräume. Kürzlich war Kohl hier und hat die Masse im Sportpalast-Stil gefragt: »Wollt Ihr die Einheit Deutschlands? Wollt Ihr unseren Wohlstand?« – Vulgärer geht es nicht.

Von Wittenberg nach Stralsund, am 15.3.90

Kaufe auf dem Bahnhof eine Ostausgabe der tageszeitung. Spöttisch bis hämisch über die Sozialdemokraten, ohne daß zu erkennen ist, wohin das Blatt tendiert. Vereinigte Linke? Wage eine Wahlprognose, weil draußen das Wetter so mild frühlingshaft ist:

SPD: 33 %; Bündnis 90: 5 %; Grüne+Frauen: 4 %; DSU: 3 %; DA 5 %; CDU 37 %; PDS: 12 %; Liberale 4 %; Bauernpartei 3 %

Leipzig, am 19.3.90

Und dann kam es schlimmer als erwartet. Die Niederlage der Sozialdemokraten und der Sieg der Allianz mit der Blockpartei CDU sind so übertrieben, daß von grotesken Dimensionen gesprochen werden kann. – Wir waren im »Haus der Demokratie«, zuerst bei den Grünen, dann beim Bündnis 90. Die Enttäuschung der jungen Leute hielt sich in Grenzen; offenbar sind sie es gewohnt, am Rande zu stehen.

Behlendorf, am 21.3.90

Zurück zum Wahlsonntag in Leipzig: Vor dem Seiteneingang zur Nikolaikirche klebt an einem Wellblech-Bauzaun ein Aufkleber, der mit blauer Umrandung und in blauer Schrift ein Straßenschild imitiert: »Platz der Angeschmierten. Die Oktoberkinder grüßen. Ja, wir sind noch da.« Unter der Überschrift »Vom Platz der Angeschmierten aus gesehen« eine Polemik schreiben, die den Oktoberkindern gewidmet ist und erstens vom Sieg der Blockparteien und deren Mitgift handelt; zweitens die Angstwähler definiert, drittens Kohls Umgang mit dem Schicksal und den Schicksalsstunden zum Gespött macht; viertens den altdeutschen Gestank als Vorboten künftigen Unheils definiert; fünftens die Bänglichkeit der Sozialdemokraten beklagt und die allzu schnelle Läuterung der SED/PDS kritisiert; sechstens noch einmal die Oktoberkinder während der Wahlnacht beschreibt; siebtens einen Ausblick wagt.

Behlendorf, am 24.3.90

Hänge durch. Nach der Wahl verkrümelt sich alles ins Triviale und Altgewohnte. Die unbekannte Zahl ehemaliger Stasi-Agenten, die jetzt Volkskammerabgeordnete sind. Die Unsicherheit der SPD-Ost zwischen Opposition und Koalition (ohne DSU). Und Oskars unzureichende, weil nur aufs Nein abonnierte Kandidatenrolle.

Behlendorf, am 7.4.90

Ruhe, Zurückgezogenheit, Bewußtwerden der Vergeblichkeit meiner politischen Anstrengungen: nur noch aussprechen, weil es gesagt werden muß. So auch gestern beim »Wewelsflether Gespräch«. Erstaunlich, wie rasch Björn Engholm zynisch geworden ist. Offenbar entspricht die politische Macht der Klischeevorstellung von ihr. Wie er sich jetzt schon – bei einigen verbalen Absicherungen – auf den Artikel 23 des Grundgesetzes, den Anschlußartikel, einstellt. Wie er jugendliche Linke abbürstet. Auch wie er Einwände von mir als »bloß literarische Äußerungen« abtut. Erfrischend dagegen der junge Sozialdemokrat aus der DDR (Matschie).

Cottbus, am 17.4.90

Wir essen mit Metag (Jimmi) im Hotel Lausitz. Später mit Metags Freundin im Cottbuser Hof. Sie ist Oberbuchhalterin in einem Betrieb, der mit Spermien von Bullen und Ebern handelt. Beide sind mit mir sicher, daß der geplante Währungsschnitt (1. Juli?) ein Schuß in den Ofen sein wird, weil die DM (so heiß ersehnt) sofort für westliche Produkte und für Westreisen – Paris, Italien, Spanien – ausgegeben wird, also wieder in den Westen abfließt, ohne die DDR-Wirtschaft zu beleben. Alle hier erwirtschafteten Produkte werden unverkäuflich, Firmen werden Pleite machen, auch solche, die sich durchaus hätten entwickeln können.

Zu erwarten ist ein Heer von westdeutschen Verwaltungsjuristen (bei Einrichtung der Länder): Kolonialbeamte. Die Menschen in der DDR werden wieder »die Angeschmierten« sein.

Cottbus, am 20.4.90

Heute vor 45 Jahren war ich als 17jähriger in dieser Gegend. Ich sah, wenn nicht die genaue Stelle, dann doch die inzwischen überwachsene Braunkohlengrube kurz vor Senftenberg wieder, neben der ich an Hitlers letztem Geburtstag verwundet wurde. Das Dorf, in dem ich wegen »Entfernung von der Truppe« (Schörner-Befehl) mit einem Obergefreiten im Keller unter Arrest saß und das ich als »Peterlein« erinnere, heißt Petershain und liegt zwischen Cottbus und Senftenberg. Die Zufälligkeit meines Überlebens wurde hier an wenigen Tagen an wechselnden Orten bewiesen.

Von Berlin nach Büchen, am 27.4.90

Im Fernsehen die Nachricht vom Attentat auf Oskar Lafontaine: wie eine Besieglung der politischen Situation. Wollte später nicht glauben, daß Glück im Unglück das Schlimmste verhindert hat. Dennoch bleibt ungewiß, ob Oskar noch Zeit genug haben wird, an Kohl das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern unter Beweis zu stellen. Ihm fehlt das klare Gegenkonzept. Zusehends lebt er tagespolitisch von der Hand in den Mund.

Behlendorf, am 18.5.90

Sah im Fernsehen der Unterzeichnung des Staatsvertrages durch die Finanzminister Romberg und Waigel zu. Wieder eine »historische Stunde«. Offenbar wird die SPD dem Vertrag im Bundestag zustimmen, gleichfalls im Bundesrat. Sollte das ohne gewichtige Veränderung über die Bühne gehen, werden meine Tage als SPD-Mitglied gezählt sein.

Von Berlin nach Büchen, am 1.6.90

Gestern in der ZEIT eine ungerechte Polemik von Greiner gegen Christa Wolf; und eine Verteidigung von V. Hage. Jetzt beginnt das widerliche Abschlachten und Rechthaben. Lafontaine wird mehr und mehr isoliert. Ich nehme an, daß er demnächst die Kandidatur hinwirft; oder sollte er gelassen genug sein, um seine Stunde im Herbst, wenn der Schaden der Währungsunion offensichtlich ist, abwarten zu können?

Behlendorf, am 1.7.90

Das Interesse der Nation (auch meines) ist gleichzeitig auf die Fußballweltmeisterschaft und die Einführung der DM konzentriert. Die Leistung an sich: das Geld sicher zum Zeitpunkt an Ort und Stelle geordnet zur Verteilung bringen; die Ware folgt dem Geld, ist sozusagen bei Fuß. Das hat man gelernt, das kann man. Telefoniere mit meiner nun 16jährigen Helene, die ich morgen schauspielern sehen werde. Sie hat es eilig, will sehen, was die Leute in Ostberlin mit dem neuen Geld machen.

Von Behlendorf nach Berlin, am 2.7.90

Im Spiegel von heute attackiert Augstein, nachdem er wie ein Geschichtspauker alter Schule (rechtsliberal bis deutschnational) tausend Jahre Geschichte abhandelt – immer am Beispiel der »Großen« –, einzig meine Gegenposition in der Schlußpassage seines Artikels. Die üblichen Auslassungen. Sein Leugnen der Moral als Meßlatte für Politik. Im Grunde trägt ihn, den professionellen Zyniker, die Geschichtsgläubigkeit des kleinen Moritz. – Soll ich darauf antworten? Wohl kaum.

Das Daumenhalten für die Tschechen während des gestrigen Spiels oder die Hoffnung bis zum Verlängerungsschlußpfiff, es möge Kamerun gelingen, die Engländer zu schlagen, worauf sie im Halbfinale den Deutschen zeigen, was eine ehemalige Kolonie auf die Beine zu stellen vermag. (Das Ganze natürlich nicht ohne Rückfälle: Klinsmann und Littbarski sind schon gut. Hoffentlich holt sich Matthäus nicht eine zweite gelbe Karte.)

Behlendorf, am 6.7.90

Fand heute früh auf Anhieb unterm Nußbaum einen vierblättrigen Klee (für Ute auf dem Frühstücksteller).

Sind einige meiner Unkenrufe nur Unkenrufe gewesen? Ist der (von mir erwartete) ausgebliebene Kaufrausch der DDR-Bevölkerung ein erstes Zeichen positiver Natur? Könnte der Bundesrat mit SPD-Mehrheit und ein nun politisch präsenter O. Lafontaine doch noch in Richtung Deutscher Bund oder Bund deutscher Länder tätig, erfolgreich tätig werden? Bilden achtzig Millionen einzig auf ihren Wohlstand konzentrierte Deutsche eine erträgliche Größenordnung? Bin ich mit meinen Befürchtungen, Ängsten und Unkenrufen nur voreingenommen, weil von gestern? Dagegen spricht, daß von Tag zu Tag mehr abzusehen ist, wem die Produktionsmittel – vom Bier bis zu den Kinos, von den Kaffeeröstereien (Tchibo) bis zur Autoproduktion – gehören werden: den westdeutschen Herren. Damit sind jetzt schon die Besitzverhältnisse auf Dauer festgeschrieben.

Behlendorf, am 7.7.90

Am Nachmittag Besuch aus Schwerin: Herr und Frau Ürkwitz. Sie ist Sekretärin am Schweriner Theater. Beide klagen, wie zur Zeit jedermann in der DDR, über die zu hohen Preise insbesondere für Lebensmittel, weil sie zum Teil weit über den westdeutschen Preisen liegen. Bis jetzt hatte der überkommene Handel, HO und Konsum, das Monopol. Nun sollen SPAR und andere Billiganbieter aus dem Westen dieses Monopol brechen. Doch vorerst wird in den grenznahen Gebieten und in Westberlin eingekauft, was natürlich die Preise auch hier hochtreiben könnte. Es bilden sich Einkaufgemeinschaften, die jemand mit Auto (auch Lkw) und Einkaufslisten rüberschicken. Mit dieser Entwicklung habe selbst ich – der Schwarzseher – nicht gerechnet. Kein Wunder, wenn bei niedrigen Löhnen und Gehältern geklagt wird: Das ist ja schlimmer als früher! Zumal beim Schuster, sagt Frau Ürkwitz, bei angehobenen Reparaturpreisen die Wartezeiten genausolang sind wie vormals. Das wird wohl in den kommenden Monaten die vorherrschende Tonart sein: Genörgel und Gejammer.

Von Behlendorf nach Berlin, am 9.7.90

Das also war es: die besser spielenden Deutschen sind Weltmeister. Anschließend wurde nach deutscher Art gefeiert: republikweit, lauter, glücklicher als beim Fall der Mauer. Inzwischen ist die DM in der DDR eine Woche alt, und schon hat sie einen Teil ihres Glanzes verloren, ja, mehr noch, sie beweist sich doppelsinnig als harte Währung.

Behlendorf, am 17.7.90

Kohl feiert seinen Erfolg in der Sowjetunion. Die wirtschaftlich miserable Lage zwingt Gorbatschow, bei verschämter Entgegennahme von fünf Milliarden DM, die Mitgliedschaft von Gesamtdeutschland in der NATO zu akzeptieren. Eine für die Zukunft (bis über das Jahr 2000) folgenreiche Entscheidung, die Polen wieder einmal zwischen zwei Riesen zwängt. – Was hindert uns, bei westdeutscher NATO-Mitgliedschaft, den Raum zwischen Elbe und Oder frei von Militär zu halten, wenn doch angeblich die NATO die Sowjetunion nicht mehr als Feind sieht?

Behlendorf, am 18.7.90

Es sieht so aus, als sei die »Einheit« nach gegenwärtigem Sprachgebrauch »gelaufen«. Jetzt sollen Milliardenkredite die zusammenbrechende Landwirtschaft und die ausgepowerten Städte und Gemeinden subventionieren. Hoch lebe die Marktwirtschaft! Auch Polen will jetzt – wie die Sowjetunion – mit dem vereinten Deutschland einen Generalvertrag abschließen, der natürlich nicht so heißen soll, der Wirtschaft wegen. Kaum ist die Oder-Neiße-Grenze anerkannt, soll sie europäisiert, das heißt durchlässig gemacht werden, auf daß sich die Ökonomie, das heißt die deutsche, frei entfalten kann. Ein Porträt der Deutschen schreiben, wie sie diesmal friedfertig, nur mit Gebrauchsgütern und günstigen Krediten bewaffnet, die Grenze überschreiten.

Behlendorf, am 31.7.90

Für Oslo will ich die soziale Verelendung als auslösende Ursache für verschieden geprägten Haß befragen. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten und der damit verbundene Rassenwahn wären ohne sechs Millionen Arbeitslose kaum möglich gewesen. Der amerikanische Rassismus, insbesondere den Schwarzen gegenüber, läuft parallel mit der sozialen Verelendung der Unterschichten, insbesondere der Schwarzen. Trotz scheinbar günstiger Bedingungen droht innerhalb der Bevölkerung der DDR die anfängliche Erwartung auf das Wunderding DM in Enttäuschung umzuschlagen. Sprunghaft steigende Arbeitslosenzahlen, das arrogante, besserwisserische Auftreten der westdeutschen Herren im Kommandostil, die absehbare Perspektive, wieder die Angeschmierten, die ewigen Verlierer, ja, nun auch noch die Versager zu sein, könnte Haß keimen lassen, nicht frei von Selbsthaß. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Zwangsherrschaft und Mangelwirtschaft stehen nun das kapitalistische System und dessen Ideologie, die rigorose Marktwirtschaft und die Macht der Banken, auf dem Prüfstand.

In der DDR mehren sich (vier Wochen nach der Einführung der DM) die Katastrophenmeldungen. Heute die Arbeitsministerin Hildebrandt, die vom Zusammenbruch der Wirtschaft sprach und von der zunehmenden Abwanderung qualifizierter junger Arbeiter und Lehrlinge in den Westen; alles Tatsachen, die ich prognostiziert habe und die, indem sie sich nun bestätigen, nicht fröhlich stimmen.

Behlendorf, am 30.9.90

Der Becher Brombeeren gestern war wohl der letzte in diesem Jahr. Und heute habe ich aufgeräumt, damit mir, wenn ich am 5. Oktober zurück bin, keine »Deutsche Einheit« mehr im Wege liegt: Platz für Neues!

Von Büchen nach Berlin, am 2. Oktober 90

Die letzte Eisenbahnfahrt mit der »Reichsbahn« durch die Noch-DDR. Ute bemerkt die schmutzige Toilette. Beide leiden wir unter der Kälte im Abteil. Draußen huschen die Dörfer (wie vergessen) vorbei. Zerfallene Scheunen, geduckte Kirchtürme, wie letzte Zuflucht. Das Mangelland wird noch lange seinen Zustand aufrechterhalten.

Lese Zeitungen: FAZ, Süddeutsche, FR. Das Ende der Nachkriegszeit und der Nachkriegsliteratur wird (als Wunschvorstellung) behauptet. Der etwa 30jährige Schirrmacher, ein Reich-Ranicki-Eleve, gibt beschwörend den Ton an, als wolle er sich freischwimmen von meiner, der Vätergeneration, bleibt dabei vorsichtig in Ufernähe, denn man weiß nie…

Diese Wiederholungstäter! Schon wieder soll eine Stunde Null ausgerufen werden.

Frankfurt am Main, am 3. Oktober 90

Dem Kohl gelingt aber auch alles! Sogar Vollmond am Tag der Deutschen Einheit.

Behlendorf, am 6.10.90

Nach dem nächtlichen Sturm, der anhält – mit Sturmflutwarnung im Radio –, habe ich sechs Körbe Äpfel und Birnen im Obstgarten gesammelt. Warum trauere ich immer noch dem möglichen, in seiner Vielfalt reichen Deutschland nach? Wußte ich doch vom November des letzten Jahres an, in welch altbekannte Richtung (und Ordnung) der Karren lief. Abschütteln den politischen Plunder! Pflichtvergessen sein. Bedränge mich, noch vorm Abflug mit einem Brief an Vogel meinen Parteiaustritt zu erklären. Hindere mich dennoch, diesen Schritt zu tun.

Zur Zeit ist einzig das Fallobst sinnvoll.

Fortsetzung auf Seite 42

Fortsetzung von Seite 41

Abb. (Ausschnitt): © Günter Grass © Steidl Verlag, 2009 (o.); Foto: Interfoto Alle Abbildungen (Ausschnitt): © Günter Grass © Steidl Verlag, 2009

 
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