Die Amtseinführung Barack Obamas Rede an den unreifen Riesen
Wie viel Wahrheit verträgt Amerika? Barack Obama schiebt die Zeit der Vorgänger Clinton und Bush beiseite
Welcher andere Präsident als Barack Obama könnte diese Worte sprechen?
Die Geschichte Amerikas »ist die Geschichte einer Sklavenhaltergesellschaft, die eine Dienerin der Freiheit wurde«.
»Amerika ist nie vereinigt worden durch Blut oder Boden oder Geburt. Wir sind verbunden durch Ideale, die uns über unsere Herkunft hinaus tragen.«
»Und jeder Einwanderer, indem er diese Ideale zu seinen macht, macht unser Land mehr und nicht weniger amerikanisch.«
Diese Worte stammen nicht von Barack Obama, sondern von George W. Bush. Worte sind verführerisch, Worte sind trügerisch.
Gibt es einen überragenden Satz von Barack Obama zu seinem Antritt als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Ja, es gibt einen wirklich großen und – das ist die Überraschung – unspektakulären Satz. Groß ist er nicht, weil er vor allem der Form nach erhebend wäre, sondern weil der Inhalt stark ist. Damit hat Obama einen Sieg über seinen größten Gegner errungen: die eigene Eitelkeit. Oft genug ist ihm in seinem steilen wie kurzen Aufstieg vom Senator zum Präsidenten der Mund übergeflossen vor blumigen Formulierungen. Am wichtigsten Tag seines Lebens hat der Präsident Obama das Grundgesetz der Rhetorik beherzigt, gegen das der Kandidat gelegentlich verstieß: Eine Rede ist nur so groß wie die Politik, der sie dient.
Ist Amerika auch nach vier Jahren Obama noch ein kindischer Koloss?
»Wir bleiben eine junge Nation, aber – in den Worten der Heiligen Schrift – die Zeit ist gekommen, um alles Kindische abzulegen.« Amerika muss erwachsen werden, ohne darüber alt auszusehen – das ist die Botschaft des neuen Präsidenten an sein Land. Und wie um die Bedeutung des Satzes für sein Programm herauszustellen, beruft sich der Redner an dieser Stelle auf das einzige Wort, dessen Autorität noch gewichtiger ist als das eines US-Präsidenten, das Wort Gottes. »Wir bleiben eine junge Nation, aber die Zeit ist gekommen, um alles Kindische abzulegen.« In dieser Botschaft enthalten ist eine fast brutale Analyse des gegenwärtigen Zustands der USA (kindisch!), es ist der Anspruch seiner Präsidentschaft auf Erneuerung formuliert, und es wird die Schwierigkeit anerkannt, die in der Ambition steckt, ein 300-Millionen-Volk auf den Weg zu mehr Reife zu führen. Nicht zuletzt aber enthält der Gedanke ein Risiko, das Präsidenten bei ihrer Inauguration für gewöhnlich scheuen: Es benennt einen Maßstab für den Erfolg der kommenden vier Jahre. Ist Amerika am Ende von Obamas Amtszeit immer noch der kindische Koloss, verstrickt in geistige Beschränkungen, innere Zwistigkeiten und äußeren Hader, dann ist der 44. Präsident der USA nach seinem eigenen Maßstab gescheitert.
Amerika muss erwachsen werden. Die Härte von Obamas Analyse ist unmissverständlich: Eine »Nation im Krieg«, »die Wirtschaft geschwächt« – die Herausforderungen »sind real, sie sind ernst und sie sind zahlreich«. Und für Obama ist nicht länger unaussprechlich, was – nach den Maßstäben präsidialer Rhetorik – schier unvorstellbar war: die verbreitete Sorge vieler Landsleute, »dass Amerikas Abstieg unvermeidlich sein könnte«. Dabei verortet er den Grund zumindest für Amerikas wirtschaftliche Krise an der Heimatfront: Es habe ein kollektives Versagen gegeben, harte Entscheidungen zu treffen und »die Nation auf eine neue Zeit vorzubereiten«. Eine zentrale Stelle nimmt dabei – neben dem Gesundheitssystem und den Schulen – die ökologische Frage ein: »Jeder Tag belegt aufs Neue, dass unsere Wege, Energie zu verbrauchen, unsere Gegner stärkt und unseren Planeten bedroht.«
Würde Obama, der Oberbefehlshaber, anders reden als Obama, der Kandidat? Was zu anderen Zeiten eine akademische Frage gewesen wäre, gewann diesmal handfeste Bedeutung. Zwischen dem 4. November und dem 20. Januar ist in Amerika und der Welt mehr geschehen an Krise und Konflikt, als für gewöhnlich in die gut zwei Monate zwischen der Wahl eines US-Präsidenten und seiner Amtseinführung passt. Der Mann, der der Welt an diesem strahlenden Dienstagmittag auf der Bühne vor dem Kapitol entgegentrat, wirkte rhetorisch wie politisch gereift. Es war, als habe er seinen Ratschlag an die Amerikaner zunächst auf sich selbst angewandt: Keine Kindereien, bitte.
Obama, der frisch Vereidigte, verzichtete auf jenen juvenilen Überschwang, der manche seiner Sentenzen aus dem Wahlkampf zu Lachnummern hatte werden lassen. »Wir sind die, auf die wir gewartet haben«, lautete ein Satz, der die Grenze zum Messianischen verdächtig tangierte.
Gerade Obamas Ruhm als Redner hatte ihn in den Wochen vor dem 20. Januar in ein unfreiwilliges Spiel der öffentlichen Erwartungen getrieben, das kaum zu gewinnen schien: Seine besten Reden zu überbieten war schier unmöglich, umgekehrt drohte ein schwacher Auftritt seinen Nimbus anzukratzen. Die erste Stärke der Rede lag also im Verzicht, den sie übte, mindestens so sehr wie in dem Angebot, das sie enthielt: Der rhetorische Überschmuck, der rasch zum Schmock wird, war ebenso reduziert wie jener biografische Narzissmus, der Obama in den vergangenen Jahren manchmal arg häufig dazu verleitet hatte, die eigene Geschichte zur Parabel auf eine Menschheitsgeschichte der Globalisierung zu stilisieren.
Der Dienstag von D. C. war darum vielleicht der erste große Obama-Auftritt, der mehr von der Zukunft als der Vergangenheit, mehr von Amerikas Rolle in der Welt als von Obamas Weg ins Weiße Haus handelte. Für den Amtsantritt war dieser Wandel passend, dafür blieb für Tränen der Rührung – wie noch in der Siegesnacht in Chicagos Grant Park – weniger Raum.
Doch nicht nur stilistisch, auch politisch beansprucht Barack Obama als Erwachsener vor seinen zwei Millionen Zuhörern zu stehen. Mit fast lässiger Geste wischt er drei ideologische Großkonflikte der amerikanischen Politik des 20. Jahrhunderts beiseite. 1980 hatte Ronald Reagan bei seiner ersten Inauguration das Ende der demokratischen Tradition des »Big government« proklamiert: »Wir sind eine Nation, die eine Regierung hat – nicht umgekehrt.« 28 Jahre später erklärt Obama: »Die Frage, die wir heute stellen, ist nicht, ob unsere Regierung zu groß oder zu klein ist, sondern ob sie funktioniert.« Denselben Pragmatismus lässt er walten in der Frage, was die Krise über den Kapitalismus lehrt: »Genauso wenig stehen wir vor der Frage, ob der Markt eine Macht zum Guten oder Schlechten ist.« Und schließlich, in direkter Anspielung auf den wenige Meter entfernt sitzenden Vorgänger George W. Bush, kritisiert er: »Was unsere Verteidigung angeht, so lehnen wir den falschen Gegensatz ab zwischen unserer Sicherheit und unseren Idealen.«
Viel Staat oder wenig, viel Markt oder wenig, Freiheit oder Sicherheit: Wie viele demokratische Präsidentschaftsbewerber haben sich in diesen Widersprüchen aufgerieben? Nicht weiß, aber auch nicht nur schwarz: Barack Obamas Appeal als Wahlkämpfer lag darin, sich überholten Zuschreibungen entzogen zu haben. Denselben Anlauf unternimmt nun Präsident Obama. Erwachsen regieren heißt von der Mitte aus regieren – aber zu Zwecken, die denkbar idealistisch sind.
Daraus leitet der Neue eine erste Agenda ab: Seinem Land verordnet er die Überwindung seiner Selbstgefälligkeit. Der Welt, auch der muslimischen, bietet er eine ideelle Wiedervereinigung nach den Jahren der Konfrontation an. Und überwölbt wird die innere und äußere Erneuerung von einer Wiederentdeckung der Politik.
Zugespitzt ausgedrückt, verbindet ihn damit sowohl etwas mit Bill Clinton als auch mit George Bush. Von Clinton hat er das Zentristische entlehnt, die Suche nach dem Konsens in der Mitte, mit Bush dagegen teilt er den Glauben an eine amerikanische Mission, dem Guten zum Durchbruch zu verhelfen. Trotzdem müssen in seinen Augen beide seiner Vorgänger auch etwas zutiefst Unreifes an sich haben: Clintons Hedonismus, der sich in wiederholter erotischer Unbeherrschtheit entlud, haftete ebenso etwas Kindisches an wie Bushs Militarismus, der ihn in Pilotenkostümierung auf einem Flugzeugträger das Ende des Irakkriegs ausrufen ließ.
Ist die amerikanische politische Welt in Hemisphären aufgeteilt, dann wird politischer Idealismus (trotz der Neocons) immer noch eher auf der Linken verortet, Härte eher auf der Rechten. Obama, steter Schöpfer seiner selbst, bedient sich, wo es ihm gefällt. War ihm im Wahlkampf sein Idealismus oft als Naivität vorgehalten worden, so hat er ihn am Tag seines Amtsantritts um eine Härte ergänzt, die womöglich manche Zuhörer überrascht hat. Das Amerika Barack Obamas bietet Respekt an und hehre Ziele, wo die Welt beides erwidert. Es wird aber kämpfen, wenn es seine Prinzipien bedroht sieht. »Wir werden uns für unseren way of life weder entschuldigen noch schwanken in seiner Verteidigung. Wer seine Ziele verfolgt, indem er Terror verbreitet und Unschuldige abschlachtet, dem sagen wir: Ihr habt den kürzeren Atem als wir, und wir werden euch besiegen.«
Sein Gegner lauert nicht nur in der Ferne, sondern steckt in jedem von uns
Dass die Zukunft immer gerade jetzt beginnt, dieser Gedanke gehört zum Mythos des amerikanischen Selbstverständnisses. Dass Obama sich als Präsident in der Krise präsentiert, gibt seiner Zeitansage eine innere Berechtigung. Ziemlich genau auf der Hälfte seiner Rede platziert er die Beschwörung des Kairos, des einen günstigen Augenblicks: Amerika erlebe einen »Moment, der eine Generation definiert«. Kunstvoll ist damit beides verwoben: eine Mission, die weit über das Jahr oder gar die Präsidentschaft hinausweist, und eine unabweisbare Notwendigkeit, sofort zu handeln.
Woher aber nimmt der Mann die Gewissheit, dass sein Unterfangen gelingen kann? Nirgend sonst stellt der 44. Präsident sich derart in die Tradition der Inauguration als Ritual der amerikanischen Zivilreligion: Die Hoffnung auf die Zukunft speist sich aus der glückvoll bewältigten Vergangenheit. Auch wenn die Zeit gekommen ist, um alles Kindische abzulegen, wie es in Obamas zentralem Satz heißt, so gilt zugleich: »Wir bleiben eine junge Nation.« Das Geschichtsbild Obamas ist so dynamisch und optimistisch, so amerikanisch wie das fast all seiner Vorgänger.
Seine Gegner aber, darin hat der Präsident eine eigene Perspektive, sieht er nur zu einem Teil in der Welt – zu einem anderen wähnt er sie zu Hause, ja womöglich in jedem Bürger ein wenig angelegt. »Nun gibt es manche, die die Größe unserer Ansprüche bezweifeln, die meinen, unser System könne zu viele große Pläne nicht vertragen.« Doch die Zweifler verfügten nicht über größere Voraussicht, spottet er, sondern allenfalls über »ein schlechtes Gedächtnis«. Es ist noch immer gut gegangen.
Große Reden machen große Präsidenten? Nein, die Abfolge ist umgekehrt: Große Präsidenten machen großen Rede. Die Reden sind nur so groß wie die Taten, die ihnen folgen. Allein die Taten haben die Macht, die großen Versprechen zu besiegeln – oder zu entwerten. Die Größe einer Inauguration erweist sich daher erst im Rückblick auf eine Präsidentschaft.
»Der Amerikanische Traum kommt nicht zu denen, die in den Schlaf sinken.« Große Worte oder großer Quatsch? Richard Nixon wollte mit diesem Bild seine Amtseinführung aufpolieren. Der Satz gilt heute als schlechter Witz.
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- Datum 31.03.2009 - 23:05 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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