An der Mutter leiden»Wie ein Stein im Geröll«
Ein Besuch bei der Bestseller-Autorin Maria Barbal in Barcelona Von Bernadette Conrad
Néu!« – ungläubig streckt Maria Barbal die Hand nach den zarten, fast unsichtbaren Flocken aus. Schnee auf dem Montjuic, dem Hausberg von Barcelona, das hat die katalanische Schriftstellerin in ihren 33 Jahren in der Stadt selten erlebt. Zart wirkt sie selbst, wie sie da auf der Wiese steht, eine leise, eher scheue Frau. »In den Pyrenäen, wo ich aufgewachsen bin, waren die Winter hart, mit Schnee und viel Nebel. Ich wartete immer auf die Sonne, das Licht.«
In ihrem auf Katalanisch geschriebenen Roman País Íntim (auf Deutsch Inneres Land) erzählt sie davon, wie Rita und Conrad hier auf dem Montjuic heiraten, hoch über der Stadt, es liegt Frühlingslicht über der blühenden Akazie, unter der sie sich die Hände reichen. Ritas Jugendzeit in den Pyrenäen ist vorbei, und ihr erwachsenes Leben in Barcelona beginnt. Und es ist, als ob Rita bei dieser Wahl, die nach purem Glück aussieht, auch den perfekten Ort dazu gewählt hätte. Eine Art Platz an der Sonne, als starkes Zeichen gegen die hinter ihr liegende Finsternis. Der Blick geht über die sanft geschwungenen Wiesen nach Barcelona, zur Dächerlandschaft der 1,6-Millionen-Stadt, rechts hinten im Dunst das Meer, links die Hügel als Vorboten der Pyrenäen.
Dass Ritas Geschichte ihrer eigenen sehr nah ist, daraus macht Maria Barbal weder ein Hehl noch ein Aufhebens. Ein wahrhaft brutaler Umgangston hatte in Ritas Kindheit geherrscht. Beim Lesen des Romans schmerzt jedes »Ich scheuer dir gleich eine« in den Ohren. Die Schönheit von Maria Barbals Sprache liegt in ihrer Sorgfalt; egal, ob die Keramiktöpfe auf der Terrasse beschrieben sind, die wie poliert glänzenden Hände der Großmutter – oder der maßlose Anspruch der Mutter, allen Schmerz der Welt für sich zu reklamieren. »…mir ist völlig klar, dass in dem Land, das du da in dir bewahrst, einfach kein Platz ist für irgendein anderes Unglück als für deins, selbst wenn es nicht größer ist als ein mickriges, schmales Rinnsal«, so die Tochter zur Mutter.
País Íntim, Mutter-Terrain: So dringlich Rita es verlassen wollte, nach Barcelona entfliehen, zur Schule, zum Studium, zum Leben, sosehr sie die Mutterworte »wie einen Wurm aus dem Ohr zu ziehen« versuchte, genauso dringlich wollte sie das innere Land der Mutter ergründen – und genauso hoffnungslos.
Der kurze Flockenzauber ist vorbei. Dafür lächelt Maria Barbal jetzt das Stück blauen Himmels an, als wollte sie es nach tagelangem Grau herbeirufen. Ja, es gab diese Härte in ihrem Leben und eine Vorgeschichte dazu. Sie wird in dem Buch erzählt. Die Franquisten ermordeten Maria Barbals Großvater, während die Mutter, damals selbst ein Kind, samt Mutter und Schwester in ein Lager verschleppt wurde und danach die Rolle des Familienoberhaupts übernehmen musste.
Maria Barbal hat viel Zeit aufgewandt, sich mit diesem Familientrauma – Trauma einer ganzen Gesellschaft – auseinanderzusetzen. Ihr erstes Buch, Pedra de Tartera, 1985, erzählt vom archaischen Dorfleben des Mädchens Conxa, das sich von der Ermordung ihres geliebten Mannes nie erholte. »Ich spürte die Geschichte meiner Großmutter wie eine Verletzung meiner eigenen Seele. Ich musste sie heilen.« Der schmale Roman über das harte und doch helle Leben der jungen Conxa – Wie ein Stein im Geröll, auf Deutsch erst 2007 erschienen – ist in Katalonien inzwischen in der 51. Auflage. War es der schnelle Erfolg des Erstlings, der aus ihr eine Schriftstellerin machte? Maria Barbal nickt ein Sekundenlächeln, in dem kurz neben aller Bescheidenheit ein Stück Stolz aufleuchtet: »Es war kein Bestseller, eher ein Longseller.« 1989 hörte Maria Barbal auf, als Lehrerin zu arbeiten. Seither sind acht Romane erschienen. »In allen«, sagt Barbal, »geht es irgendwie um Gerechtigkeit.«
Maria Barbal sei mit ihrem ersten Buch eine »Pionierin« gewesen, schreibt der Literaturwissenschaftler Pere Joan Tous. Aufgewachsen im »verlogenen, nationalkatholischen Alltag der Franco-Diktatur«, habe sie mit Pedra de Tartera in ein Klima des Schweigens hineingesprochen. »Ein Schweigen, voll von Verlierergefühl«, präzisiert Barbal. Für sie selbst dürfte der zweite literarische Anlauf, den sie 20 Jahre später nahm, der wahre Bruch mit dem Schweigen gewesen sein: País Íntim, das sind 400 Seiten Kindheit, Jugend, Erwachsenwerden, der Mutter ins Gesicht erzählt; bildhaft, präzise, detailstark. 400 Seiten »Du«-Anrede, die der Wucht der verächtlichen Mutter-Rede keine Widerrede entgegenhält, sondern einen Spiegel.
Eine mächtige Waffe, möchte man finden, gegen die Last des gleich doppelt ererbten Schmerzes. Stark genug, ihn anzuhalten, auf dass er nicht weiter durch die Generationen wandere? Zunächst einmal eine Befreiung. »Ich habe lange darauf gewartet, das Buch schreiben zu können.« Jahrzehnte, um Mutterworte einzusammeln und sie vor einen neuen Hintergrund zu setzen. Unschädlich zu machen – nein, das nicht.
Am Tag zuvor hatten wir Maria Barbal zu Hause besucht, in einem der anmutig hohen Jugendstilhäuser im Wohnviertel Eixample. Hier lebt sie mit ihrem Mann, die beiden Kinder sind aus dem Haus. Helles Licht war durch die großen Scheiben im runden Erker gefallen; und kaum hatte das Gespräch begonnen, war man mittendrin gewesen in einer nicht wegzuredenden Schwere, die daher rührt, dass Maria Barbal ihr Leben lang von zwei Menschen erzählt hat, »die sich lieben, aber absolut nicht verstehen«, die leider Mutter und Tochter sind. Alle zwei Wochen fährt Maria Barbal in ihren geliebten Pyrenäenort, »wo so viel Schmerz gesät wurde und dennoch Schönheit wachsen konnte«. Da lebt noch die Mutter, die País Íntim nicht gelesen hat. Ihr Geist war schon im Erscheinungsjahr 2005 nicht mehr wach genug dafür. Wäre es anders gewesen, hätte Maria Barbal das Buch nicht publiziert. Sie zeigt ein Faltblatt, eine Postkarte aus ihrem Heimatort. Da sind der Stausee, der kleine Wald, die Bahnstation; alle mit Geschichte beladen. »Die Dächer waren früher anders, mit Schiefer gedeckt. Die Leute aber sind gleich geblieben.« Das sagt eine, die weggegangen ist und doch die Sprache der Mutter nicht loswerden konnte. Bis sie ihr, schließlich, einen Platz gab. Sich ein País Íntim erschrieb, um danach festzustellen: »Ich habe jetzt weniger Gründe zu schreiben.«
Maria Barbal: Inneres Land
Roman; aus dem Katalanischen von Heike Nottebaum; Transit Verlag, Berlin 2008; 400 S., 22,80 €
Foto (Ausschnitt): Christine von Enzberg für DIE ZEIT
- Datum 22.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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