Bauerngeschichten sind öde. Wir kennen das aus dem Fernsehen, diese holzvertäfelte Weltenferne, diese herzerwärmende Idylle mit Scheune und Stroh. Wir haben gesehen, wie der Landarzt beim Kalben hilft, und gehört, wie auf unserer kleinen Farm der Hahn kräht. So geht das Klischee. Und so geht der erste Satz aus Gerbrand Bakkers Oben ist es still, dem wohl besten Bauernroman, der in den Niederlanden je geschrieben wurde: "Ich habe Vater nach oben geschafft."

Was für ein Knall, schwerer Camus im Vorstadium. Im Fremden war Mama schon tot, bevor Mersaults Geschichte richtig begann. Bakker aber lässt dem Tod Zeit. Es ist einer dieser Höfe. Im Stall muhen die Kühe, die Schafe grasen, die Esel stehen rum. Behaglich plätschert ein Bach. Es ist die Gegend um das Ijsselmeer, die niederländische Einöde. Hier wartet Helmer van Wonderen seit Jahren darauf, dass sein Vater endlich stirbt.

Den Hof hat Helmer nie gewollt. Studieren wollte er, die Literatur, das Schöne, und vor allem wollte er weg von zu Hause. Da war sein Vater, der ihn stets anschrie, wenn irgendmöglich, sein Vater, der despotische Landbesitzer, sein Vater, der Helmers Zwillingsbruder Henk immer viel mehr geliebt hat. Doch Henk ist schon lange fort, verunglückt, mit dem Auto gegen einen Baum, bevor er den Hof übernehmen sollte.

Als Sisyphos in Gummistiefeln stapft Helmer täglich raus. Das Melken, das Muhen, das Scheren der Schafe und das Füttern der Esel. So sieht die Verdammnis aus. Von Wehmut befallen, verflucht er sein Leben. Keine Frau, keine Kinder, nur der morbide Muff des Hofs, die welken Fotos und der senil siechende Vater unterm Dach. Mit Mitte fünfzig ist Helmer noch Kind im eigenen Haus. Sein einziger Kontakt sind die nassforschen Söhne der Nachbarin und die Milchhändler, deren Namen er sich nie merken kann. Er führt ein glückliches Leben im Konjunktiv. Das existenzielle Vibrieren findet sich auf jeder Seite. Helmer träumt davon, auszubrechen, zu fliehen aus seinem dornigen Schicksal. Nach Dänemark! Aber wer füttert dann die Rinder, fragt sich Helmer, wer seinen Vater?

Das Glück kommt hinterrücks. Plötzlich zieht zum allgegenwärtigen Tod das Leben auf den Hof: Riet, des Bruders damalige Liebe, schickt ihren Sohn als Knecht zu Helmer. Der Sohn ist störrisch, pubertär, faul. Sein Name: Henk! Er muss lernen, wie man arbeitet, sagt Riet. Doch gerade er lehrt Helmer, wie man lebt. Unterdessen erstickt Vater in der Dachkammer an einem Frühstücksei. Helmer wird frei.

Leben, Tod, Einsamkeit, verlorene Träume – das wurde uns zigmal schon erzählt. Bakker tut es oft so frisch, so hin- und mitreißend, als habe er die Sujets gerade erst erfunden. Er erzählt uns diese Geschichte ergreifend und unzerknautscht. Ihm gelingt die Balance zwischen sentimentalen Episoden und lakonischem Witz. Die Dialoge funkeln in der Trübe der grau grundierten Landschaft. Die neugierige Nachbarin, die schnoddrigen Bauernkollegen, der wilde Knecht, der faule Jugendliche – klar, alles Klischees. Bloß: Bakker weiß das! Mit dieser spärlichen Besetzung erreicht er bisweilen wahrlich komödiantische Höhen.

Und immer wieder gibt es diese Szenen, die einfach grandiose Prosa sind: wenn eine Nebelkrähe den flügge werdenden Knecht an der Flucht hindert. Oder als Helmer fast in einer Pfütze ertrinkt, weil er ein Schaf vom regennassen Acker ziehen will.

Jetzt, da alle Muss-man-gelesen-Haben des vergangenen Jahres durchgeackert sind, sollte die Zeit da sein: Raus aufs Land! Helmer, das sind wir alle.

Gerbrand Bakker: Oben ist es still

Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2008; 316 S., 19,80 €