Er warf die Brocken hin
Rüdiger Jungbluth »Eine Frage der Ehre«
Der Unternehmer Merckle ist an den eigenen Unzulänglichkeiten gescheitert. Im Drang nach immer mehr Größe, nach immer mehr Macht wurden die Risiken eines Wachstums auf Pump ausgeblendet. Das kann passieren. Doch dann wirft er die Brocken hin, statt mit gleichem Einsatz (bei reduzierter Machtfülle) die mögliche Sanierung zu unterstützen. Und das ist eine Frage des Charakters, nicht der Ehre. Die definiert sich ohnehin jeder nach Gusto. Soldaten durften/dürfen sterben für die Ehre des Vaterlands. Die Ehre eines Exkanzlers verbietet ihm, die Namen der illegalen Parteispender zu nennen.
Dass es um das Ansehen der Unternehmer in Deutschland nicht so gut bestellt ist, mag nicht immer an diesen liegen. Aber dass diese »soziale Randgruppe« in Deutschland niemals den Ton angab, ist doch sehr untertrieben. Die Krupps und Haniels und Flicks haben eine breite (und oftmals verhängnisvolle) Spur des Einflusses vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis ins »Dritte Reich« hinterlassen. Und die Einflüsse von BDI, Arbeitgeber- und Bankenverband auf Gesetze und Politik in der Bundesrepublik sind doch erheblich. Für eine Randgruppe zumindest äußerst effizient.
Dietrich Briese, Bobenheim am Berg
Ich kann Ihrer Wertung nur bedingt folgen. Wenn ich auch mit Freude gelesen habe, dass Herr Merckle eine andere Personalpolitik betrieb, frage ich mich doch, wo ist der Einfluss dieser moderateren Unternehmer auf ihre Verbände? Unserer Gesellschaft ist es auch in der sozialen Marktwirtschaft nicht wirklich gelungen, den Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital so zu gestalten, dass beide Seiten zufrieden sein könnten. Zu sehr hat sich in Krisen immer die Kapitalseite durchgesetzt, sodass bei vielen Arbeitnehmern der Eindruck von Benachteiligung entstand. Dazu hat das Verhalten von Managern der Großkonzerne und Großbanken mit ihrer Verantwortungslosigkeit und Gier erheblich beigetragen. Ein trauriger Höhepunkt zeigte sich exemplarisch am Auftreten dreier Autobosse vor dem amerikanischen Kongress. Die Diskrepanz zwischen Unternehmerhandeln und der Forderung des Grundgesetzes nach sozialer Verantwortung des Eigentums hat wesentlich zum schlechten Ruf der Unternehmer beigetragen.
Herr Merckle sah offenbar seine Arbeitnehmer auch als Menschen. Umso mehr bedauere ich seinen Freitod und wünsche ihm Gottes Segen.
Jürgen Raßau, Lahnstein
Ehre und Ehrenwort haben nach Barschel und Kohl für eine Demokratin wie mich einen schlechten Beigeschmack. Nun bringen Sie ausgerechnet den Freitod von Adolf Merckle mit dem Begriff der Ehre in Verbindung.
Unternehmer brauchen Risikofreude und Kreativität, ja, aber auch einen kooperativen Arbeitsstil. Patriarchen wie Adolf Merckle haben ausgedient. Jeder hat für falsche Entscheidungen die Verantwortung zu tragen. Kindern bringen wir im Spiel bei, dass sie dann nicht einfach alles hinschmeißen dürfen.
Andersherum: Wie einsam ist der Mensch Merckle in seiner Familie, wenn er sich das Leben nimmt. Und hat er nicht an den Lokführer gedacht, der nun mit der Schuld weiterleben muss? Auch hier setzt er sich über andere Menschen hinweg.
Regina Harmsen, Meldorf
Der Artikel hebt sich wohltuend von der Berichterstattung in anderen Medien ab. Wie recht haben Sie mit Ihrer Fragestellung, wie sich wohl erklärt, dass der Unternehmer in der deutschen Gesellschaft immer eine ungeliebte Randfigur geblieben ist, auch wenn er nach wie vor mehr oder minder unbestritten Motor für Arbeit und Wachstum ist.
Ich glaube allerdings nicht, dass die vom Unternehmer ausgehenden Veränderungen und die damit verbundene Unruhe und Dynamik die Ursache sind. Zumindest heute spielen die Medien eine Rolle. Im Fall Merckles steht das angeblich Anstößige, Skandalhafte im Vordergrund. Doch oft wird nach Gutdünken oder Opportunität skandalisiert. Im Zusammenhang zum Beispiel mit der Dresdner Bank wurde ohne mediale Ansehenseinbuße der Verantwortlichen zulasten der Aktionäre und jetzt der Steuerzahler das Zehnfache des Betrages verspielt, um den Herr Merckle die Banken gebeten hatte und der ihn bewogen hat, auf tragische Weise zu seiner Verantwortung zu stehen.
Hubertus Henrich, Hamburg
Sich »weithin sichtbar zur Probe« zu stellen ist einfach, solange alles gelingt (was, das darf bitte nicht vergessen werden, in Unternehmerkreisen oftmals bedeutet, dass andere zu Schaden kommen). Wahre Größe erkennt man daran, dass das unbarmherzige Licht der Öffentlichkeit auch im Falle des eigenen Scheiterns nicht gemieden wird. Das nennt man Verantwortung und ist leider ziemlich aus der Mode gekommen. Fehlt sie, war die Größe in Wahrheit eine narzisstisch-selbstverliebte. Diese lässt keine Kratzer im mühsam polierten Lack zu, zu dem auch gehört, nie einen Mitarbeiter entlassen haben zu müssen. Ereignen sich diese Kratzer, was praktisch unvermeidbar ist, bleibt nur die Selbstauslöschung.
Dieses Muster menschlichen Verhaltens ist altbekannt, gut evaluiert, mithin so banal, dass es keiner großen Worte bedarf, schon gar nicht auf Seite 1 der ZEIT.
Dr. Christian Kiefer, Bonn
»Eine Frage der Ehre« wäre es auch gewesen, einem Lokführer, der sich nicht wehren kann, eine Traumatisierung zu ersparen. Sie hätten diese Tatsache in Ihrem sonst durchaus nachvollziehbaren Artikel wenigstens andeuten müssen.
Fritz Senf, per E-Mail
- Datum 22.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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