Film Unser James Dean

Vor einem Jahr starb der Schauspieler Heath Ledger. Nun wurde er posthum für seine Rolle als "Joker" für den Oscar nominiert

Mit und ohne Maske brilliant: Der Schauspieler Heath Ledger

Mit und ohne Maske brilliant: Der Schauspieler Heath Ledger

Vielleicht wusste Heath Ledger am Ende einfach nicht mehr, was er tun konnte gegen die Angst und die Unruhe, unter denen er litt. Vor einem Jahr, am 22. Januar 2008, starb Heath Ledger mit 28 Jahren in seiner Wohnung im New Yorker Stadtteil Soho an einer Medikamentenüberdosis. Seine Masseurin fand ihn tot in seinem Bett. Es war das Ende eines Lebens auf der Flucht.

Ledger wurde im australischen Perth geboren, er wollte ein Schauspieler sein, er verehrte Gene Kelly, den Tänzer und Schauspieler, deshalb verließ er mit 17 die Schule und ging nach Sydney, es war seine erste große Flucht, die Flucht von zu Hause.

Ledger spielte kleine Rollen für australische Fernsehproduktionen, und dann, 1999, spielte er eine Hauptrolle in der US-Teenie-Komödie Zehn Dinge, die ich an dir hasse – ein kleiner, harmloser, dummer Film. Aus Ledger hätte ein Teenie-Schwarm werden können, Mädchen verliebten sich in ihn, aber er flüchtete wieder, diesmal vor diesem Stempel, dieser Schublade, und ein Jahr später spielte er in dem großen, harmlosen, dummen Film Der Patriot an der Seite von Mel Gibson.

Ledger war jetzt in Hollywood, weit weg von zu Hause, 21 Jahre alt, und nachdem er in dem Film Monster’s Ball neben Billy Bob Thornton und Halle Berry für wenige Augenblicke zeigen konnte, was ihm möglich ist, übernahm er die Hauptrolle in dem Unsinnsfilm Ritter aus Leidenschaft, in der er aussah wie ein Surfer mit einer Lanze in der Hand. Der Film ist fabelhaft schlecht, aber Ledger spielte darin, als ginge es um sein Leben.

Er bekam den Preis "Männlicher Star der Zukunft", und Ledgers Zukunft begann dann 2004, als er die Hauptrolle in Brokeback Mountain übernahm, als Cowboy, der sich in einen anderen Cowboy verliebt. Der Film ist ein großes Drama, es geht darin um Lebenslügen, um verbotene Träume und enttäuschte Hoffnungen, und Heath Ledger spielte seine Rolle so gut, dass er mit 26 Jahren für den Oscar nominiert wurde. Er bekam ihn nicht, aber am 22. Januar, seinem Todestag, wurde er für seine Rolle als Joker in der Batman-Verfilmung The Dark Knight für den Oscar nominiert, den Golden Globe hat er vor ein paar Tagen bereits bekommen.

Ledger lieferte mit der Rolle des Joker sein Meisterwerk ab, alle, die ihn in dem Film gesehen haben, werden diesen Auftritt niemals vergessen, was auch daran liegt, dass Ledger einen Schurken spielt, der in diese Zeit passt wie kaum ein anderer Bösewicht: Ledgers Joker ist ein Nihilist, einer, der an nichts glaubt außer daran, dass die Menschen schlecht sind, dass die Welt das Chaos und die Zerstörung verdient hat, einer, für den das Gute, die Moral, nicht existiert. Heath Ledger spielte wie entfesselt – wild, roh –, und er schenkte den Zuschauern den prototypischen Schurken für das Ende des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts, einen Menschen, für den es keine Regeln gibt, dessen Verbrechen nur möglich sind wegen der Gleichgültigkeit der anderen.

Ledger spielte den Joker in gebückter Haltung, mit wirren Haaren, leeren Augen und einem ständigen Schmatzen und Zungeschnalzen. Der Joker, den Jack Nicholson vor 20 Jahren spielte, sah aus wie Jack Nicholson, Ledgers Joker sieht überhaupt nicht mehr aus wie Ledger, der Schauspieler verschwindet hinter der irren Maske des Verbrechers, er ist nicht mehr zu erkennen. Vielleicht war das auch eine Flucht, eine Flucht vor sich selbst, eine Flucht in das unglaubliche Talent, das er hatte.

Wegen seines frühen Todes wird Ledger oft verglichen mit den Schauspielern James Dean und River Phoenix; Dean starb mit 24 Jahren, Phoenix mit 23 Jahren. Dean und Phoenix waren auf der Leinwand immer Dean und Phoenix, sie inszenierten nicht die Figur, sondern sich selbst, ihr Talent war begrenzt, und auch ihre Tode sind andere Tode: James Dean starb am 30. September 1955 bei einem Autounfall, in seinem Porsche 550 Spyder, als ihm ein anderer Fahrer die Vorfahrt nahm. River Phoenix starb am 31. Oktober 1993 an einer Überdosis Drogen. Phoenix nahm einen "Speedball", eine Mischung aus Heroin und Kokain. Er brach in Hollywood zusammen, vor dem Viper Room, der dem Schauspieler Johnny Depp gehörte. Phoenix starb einen Rockstar-Tod, Drogen, ein Club, von allem zu viel.

Heath Ledger starb allein. Sein Tod war kein Unfall wie bei Dean, und es war auch nicht das tragische Ende einer exzessiven Nacht, das Ende eines unglaublichen Rauschgefühls. Neben seinem Bett fand die Polizei verschreibungspflichtige Tabletten, in seinem Blut wurden bei der Autopsie sechs Medikamente nachgewiesen, Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Schlaftabletten, Tabletten gegen Angstattacken. Ledger nahm sie durcheinander, vielleicht wusste er nicht, was dann mit dem Körper passiert, welche Wechselwirkungen die Medikamente mit sich bringen, dass sie zum Tod führen können.

Heath Ledgers Tod ist ein letzter, gescheiterter Fluchtversuch. Auch im Sterben symbolisierte Ledger die Krankheit einer Generation, die nicht weiß, wo die Reise hingehen könnte und wie man mit den Dämonen in sich umzugehen hat. Und vielleicht ist die Wahrheit über uns die, dass wir uns in Heath Ledgers Flucht vor sich selbst wiedererkennen.

 
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