Stefan Huber* liegt im Bett und kämpft. Man erkennt seinen Kampf daran, wie klein seine Augen sind. Wie still er hält. Seit drei Stunden harrt er so aus, in Polohemd und Jogginghose, die Beine angewinkelt, die Decke aufgeschlagen. Er sammelt Kraft, um diesen Tag zu überstehen. Und den nächsten, vor allem den. Huber zählt nicht die Sekunden, die Minuten auf seiner Armbanduhr. Er starrt aus dem Fenster, ohne wirklich etwas zu sehen: die Betonsteine des fast leeren Parkplatzes, die grünen Hügel, den alles versprechenden bayerischen Sonnentag.

Prämedikation: 20 mg Tranxillium, oral, zur Beruhigung

Es geschah vor zehn Jahren beim Wandern in der Nähe von Plauen. Huber war gerade Rentner geworden. Er stapfte über die Uferhänge der Weißen Elster, als warte dahinter der Lohn seines Arbeitslebens als Maschinenbauingenieur, neben ihm lief seine Frau. Sie trugen leichte Rucksäcke, ein unbeschwerter Moment. Sein letzter. Alles wurde schwarz, Huber fiel. Huber ist, als falle er heute noch, so viele Jahre später, immer tiefer in diese Nacht hinein. Hirnblutung. Die Arteria cerebri posterior, hintere Hirnarterie, darin eine Ausbuchtung, Aneurysma genannt, ein dicker Klumpen. Aus ihm trat Blut aus. Die meisten Menschen sterben an so etwas, Huber überlebte. Es könnte jederzeit wieder geschehen, sagten die Ärzte, er müsse sich sehr schonen. Dann die zweite Blutung, vor ein paar Wochen. Seitdem versagen der linke Arm, das linke Bein. Hubers Frau hat ihn heute Mittag hierher gebracht, am Steuer des Autos saß die Schwägerin, ihre Schwester, sie ließen Huber gleich wieder allein. »Ich würd ja gern bleiben«, sagte seine Frau, »aber die Schwägerin will wieder heim.«

Nun liegt Stefan Huber in dem Zimmer der Uniklinik Regensburg, Abteilung Neurochirurgie, erster Stock. Graue Wände, grauer Kunststoffboden. Vor dem Bett seine Hausschlappen. Sonst ist da nichts Persönliches, alles weggeräumt, Huber ist das recht. Auf ihn wartet eine der schwersten Operationen. Viele Eingriffe der Hirnchirurgie sind heute dank des technischen Fortschritts Routine – dieser ist es nicht. Er ist gefährlich, unberechenbar. Huber muss auf sein Glück vertrauen und auf den Chirurgen. Er soll den Klumpen entfernen in Hubers Kopf. Dabei kennt Huber den Arzt kaum, er hat gerade eine halbe Stunde lang mit ihm gesprochen. Mit diesen Gedanken ist Huber nun allein, einsam wie nie, mit einem dürren Jesus am Kreuz über sich an der Wand. Er betastet seinen linken Arm, als wollte er sehen, ob dieser noch da ist. In seinen Augen flackert Unmut auf.

In der kleinen Stadt in Nordbayern, wo er geboren ist und in deren Nähe er wohnt, lebt eine Frau mit dem gleichen Leiden, so einem Klumpen. Die Frau ist 90, sie hat keine Beschwerden. Doch Hubers Klumpen drückt aufs Hirn, daher die Lähmung – seit jenem Samstag gegen 17 Uhr, Huber fiel zu Hause vom Sofa, stand nicht mehr auf. Der Notarzt kam. Dann kamen viele Ärzte. Schwierig. Kompliziert. Leider, leider – solche Wörter hört Huber seitdem. Die Ader liegt hinter dem rechten Auge, dort kann man nur schwer operieren. Es gebe da aber einen Spezialisten in Regensburg. Huber kennt die Oberpfalz, Bayerns Osten, er ist hier Wandern gewesen. Noch lieber wanderte er in Südtirol, wo das Wetter beständiger ist, die Berge höher sind. Die Herausforderungen größer. Er war immer sportlich. Selbst jetzt noch, mit 70, ist er fit. Alles sinnlos ohne den Arm und das Bein. »Hat ja eh alles keinen Zweck«, sagt Huber schleppend. Er mag gar nicht mehr reden. Der Unmut in seinen Augen erlischt. In 19 Stunden werden sie seinen Schädel öffnen. Weitere vier Stunden später werden sie sich darüber beugen und fluchen.

Narkoseeinleitung: Thiopental 3–5 mg/kg Körpergewicht. Rentanyl 2–5 ug/kg. Rocuronium 0,6 mg/kg

»Oh«, entfährt es Huber, seit dreieinhalb Stunden guckt er aus dem Fenster, »da drüben ist ja die Autobahn.«

Am selben Nachmittag um halb fünf Uhr bereitet sich Alexander Brawanski auf seinen Patienten vor. Der Chirurg ist klein und drahtig, ein Mann mit tiefen Schatten unter den Augen. Brawanski sitzt wie sprungbereit an seinem Schreibtisch, leicht vornübergebeugt, als wehe ein starker Wind.

»Dieses Ding«, sagt er. »So eine Baustelle! Jetzt wird es größer und lastet auf Strukturen, die für die Bewegung verantwortlich sind. Aber wir gucken während der Operation erst mal, was sich machen lässt. Es sollte schon irgendwie gehen.«

Brawanski ist 55 Jahre alt und einer der besten Neurochirurgen Deutschlands. Sein Alltag, das sind Operationssäle, Wirbelsäulen und Geschwülste. Im Ausland hält er Vorträge über seine Arbeit, er ist ein gefragter Spezialist. Zu ihm kommen Menschen, denen sonst niemand mehr helfen kann. Mut muss so einer haben. Eine ungeheure Selbstgewissheit geht von ihm aus. Seine Disziplin, die Neurochirurgie, ist die Königsklasse einer immer routinierter werdenden Apparatemedizin. Nirgendwo liegen spektakulärer Erfolg und Misserfolg so nah beieinander.

Wenn man sein von Falten zerfurchtes Gesicht genau betrachtet, erkennt man eine Narbe auf Brawanskis Oberlippe. Als Kind, in den fünfziger Jahren, wurde er an einer Hasenscharte operiert. Jener Chirurg damals hat schlechte Arbeit geleistet. Die Lippe ist ein wenig nach oben gezogen, der Mund wirkt schief. Brawanski ist gezeichnet vom Fehler eines Arztes. Fremde Schuld ist ihm ins Gesicht geschrieben – die Erinnerung daran, was geschieht, wenn ein Operateur versagt.

Wie wird es ihm ergehen, wenn ihm zum ersten Mal ein Eingriff misslingt?

Er steht ruckartig von seinem Schreibtisch auf. An der Wand hängt ein Foto von einer seiner Operationen. Das Geschenk eines Kollegen, feuchtes rosafarbenes Fleisch. Gemeinsam erobertes Gebiet. Ein Aneurysma, wie es sich im Kopf von Stefan Huber breitgemacht hat. Darunter, auf dem Tisch, liegt ein ägyptischer Papyrus, 3800 Jahre alte Hieroglyphen. Er hat sie selbst entschlüsselt. Wie man das macht, hat er sich anhand von Büchern selbst beigebracht. Am liebsten beschäftigt er sich mit Problemen, an die sich nicht jeder gleich traut.

»Ich wollte schon immer Chirurg werden«, sagt er. Warum? »Ich war einfach überzeugt, dass ich es kann.«

Vor ein paar Wochen hat er Stefan Huber zum ersten Mal getroffen. Es war eine Situation, in die fast jeder Mensch irgendwann einmal gerät: der ängstliche, hilflose Patient vor seinem Mediziner. Eine Geschäftsbeziehung um Fragen von Leben und Tod. Hubers Frau schob ihren Mann im Rollstuhl herein, platzierte ihn vor dem Schreibtisch, unter dem OP-Foto. Für Brawanski ein Dokument seines Erfolgs – für Huber eine Qual. Dieses rosa Fleisch wollten sie freilegen in ihm. Es bearbeiten, als handele es sich um ein Knäuel defekter Kabel. Sie würden ihn, Huber, auseinandernehmen, als wäre er ein gefühlloser Gegenstand.

Um operieren zu können, wird Brawanski seinen Kreislauf anhalten müssen, zwischendurch springt für sein Herz eine Maschine ein. Damit das Hirn ohne Sauerstoff keinen Schaden nimmt, wird sein Körper auf 20 Grad Celsius abgekühlt. So überleben die Nervenzellen eine Dreiviertelstunde am Stück. Hypothermie nennt man die Methode, sie stammt aus der Herzchirurgie. In den sechziger Jahren wurde sie zum ersten Mal angewandt. Brawanski sagte: »Ich sehe eine gute Chance, dass sich die Lähmung vermindert, wenn wir das Aneurysma entfernen.« Huber stellte kaum Fragen. Er fuhr wieder nach Hause, drei Wochen lang wog er Furcht gegen Hoffnung. Dann holte er sich einen Termin.

Der Mann, in dessen Hände er sein Leben legt, verströmt Begeisterung, wenn er über seine Arbeit spricht. Trotzdem erweckt er den Eindruck, sie sei im Wesentlichen Handwerk, Fingerkunst. Ein Dutzend Spezialisten werden morgen im Operationssaal auf Brawanskis Anweisungen warten. Am Ende wird er es sein, der das Messer führt. Ein einziger Schnitt kann über Hubers Leben entscheiden. Momente, Sekunden.

»Ich liebe Schwierigkeiten«, sagt Brawanski, er lächelt. Den Druck, die Verantwortung? »Ja.« Auch die Zeitnot? »Man muss sich schon beeilen.« Ein kindlicher Stolz ist in seinem Lächeln, eine Spur von Triumph.