Martenstein Jede Menge unentdeckte Mörder

Unser Kolumnist wäre vor 30 Jahren beinahe von seiner Jugendfreundin ermordet worden

Ich traf eine Jugendfreundin. Wir waren in unserer Studentenzeit zusammen, wir hatten eine gemeinsame Wohnung und sind gemeinsam wochenlang in Indien und Sri Lanka und derartigen Ländern herumgereist. Die Jugendfreundin rührte in ihrem Kaffee und sagte: "Ich wollte dich ermorden. Das wollte ich eigentlich immer mal erzählen."

Na ja, sagte ich sinngemäß, kein Problem, solche Gedanken hat vermutlich fast jeder Mensch irgendwann. Man ist auf jemanden sauer, man ist extrem wütend, man hat ein leicht entzündbares Temperament, und schwups, schon wünscht man jemandem den Tod oder hat Mordfantasien. Zwischen Denken und Tun gibt es zum Glück einen großen Unterschied. Kein Problem.

"So war das aber nicht", sagte die Freundin. "Ich habe nicht bloß für einen kurzen Moment den Gedanken gehabt. Ich habe den Mord, wie es sich für einen richtigen Mord gehört, geplant und vorbereitet."

Es war in Sri Lanka. Siebziger Jahre. Wir wohnten am Strand. Neben dem Dorf begann eine Steilküste, die sich einige Kilometer die Küste entlangzog und an ihren höchsten Stellen an die hundert Meter hoch war. Während ich am Strand lag und las, vermutlich Adorno, Dialektik der Aufklärung, ging sie zu dieser Steilküste und suchte eine Stelle aus, die zum Herunterschubsen gut geeignet war, eine Stelle, die nicht beobachtet werden konnte, eine Stelle, wo es tief und gerade nach unten ging, ohne die Möglichkeit, sich an einem Strauch oder an Steinen festzukrallen, gleichzeitig eine Stelle, wo es eine Aussicht gab, also für den Spaziergänger ein Motiv, stehen zu bleiben, sich an den Rand der Küste zu stellen und jenen falschen Schritt zu tun, der ihm vermeintlich, nach Ansicht der nach seinem Tod ermittelnden Polizei, zum Verhängnis wird.

Sie überredete mich zu einem Spaziergang in der Abenddämmerung. Sie achtete darauf, dass uns Leute sahen und dass wir einen harmonischen Eindruck machten. Dann gingen wir zu der Stelle. Ich blieb an der Stelle stehen, natürlich wegen der grandiosen Aussicht, genau auf dem richtigen Punkt, ein paar Zentimeter vor dem Abgrund. Sie stand hinter mir.

"Warum hast du es dir anders überlegt?", fragte ich. "Ich hatte plötzlich das Gefühl, mit der Schuld nicht leben zu können", sagte sie. "Ich hätte mein Leben lang an diese Sache denken müssen und mich schlecht gefühlt. Das ist mir in letzter Sekunde klar geworden."

"Ach, in Wirklichkeit hättest du diese Sache doch heute wahrscheinlich längst vergessen", sagte ich. "Da hast du dir unnötig Sorgen gemacht. Reue, schlechtes Gewissen, das verdrängt man doch."
"Stimmt", sagte sie.

Mehr als die Hälfte aller Morde bleiben unentdeckt, das habe ich irgendwo gelesen. Es laufen jede Menge unentdeckte Mörder herum. Diese Kolumne wird von Tausenden Mördern gelesen, oder etwa nicht?

Ich bin am nächsten Tag noch schnorcheln gewesen. Beim Schnorcheln hat mich eine Welle gepackt und an die Felsküste geworfen, mitten hinein in die scharfkantigen Steine und in eine Seeigelkolonie. Dorfbewohner haben mich halb bewusstlos aus dem Wasser gezogen. Ich blutete stark, und in meinem Oberkörper steckten dreißig Seeigelstacheln. Meine Freundin holte sie mit der Pinzette heraus, einen nach dem anderen, tupfte Jod auf die Wunden und klebte Pflaster auf die kaputtesten Stellen. "Da hast du mir leidgetan", sagte sie. Wegen der Seeigel-Sache habe sie die Mordidee endgültig aufgegeben.

"Weswegen wolltest du mich eigentlich ermorden?", fragte ich.
"Du, so ganz genau weiß ich es heute gar nicht mehr", sagte sie. "Tut mir leid."
"Macht doch nichts", sagte ich.

Zu hören unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
    • hybris
    • 23.01.2009 um 21:49 Uhr

    Sie haben Adorno verstanden? Ich verstehe ihre Freundin! So als wandelnder Beweis meiner Unzulänglichkeit müssen Sie eben die Klippen runterstürzen. Wahrscheinlich noch diskutieren wollen und rezitiert, was? Huch!;-)

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  • Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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