Und sie kommen doch zurück
Koch, Müntefering, Özdemir: Comebacks in der Politik werden einfacher von Elisabeth Niejahr
Roland Kochs Mitstreiter verwenden ein Zitat aus dem Boxsport, wenn sie in diesen Tagen die knappe Wiederwahl ihres Chefs bewerten: They never come back – Sie kommen nie zurück. Der Satz stammt vom amerikanischen Schwergewichtler Floyd Patterson, wird auch von Ex-Kanzler Gerhard Schröder häufig zitiert und soll dem Zuhörer sagen, dass Comebacks in der Politik eigentlich genauso schwierig sind wie beim Boxen.
Kochs Helfer wollen deutlich machen, dass das hessische CDU-Ergebnis zwar nicht gut sei, die eigentliche Leistung des Ministerpräsidenten aber darin liege, überhaupt im Amt zu bleiben. Und Schröder will erklären, warum er in der Wirtschaft bleibt. Er erzählt gern vom deutschen Boxer Axel Schulz, der beim ersten Rückkehrversuch tatsächlich kräftig verdroschen wurde.
Trotzdem stimmt der Satz für die deutsche Politik schon längst nicht mehr. Schröder selbst hat als Kanzler zwei gescheiterten Ministerpräsidenten, Hans Eichel und Wolfgang Clement, wichtige Posten in seinem Kabinett angeboten. Mit dem Beginn der Großen Koalition wurde der nordrhein-westfälische Wahlverlierer Peer Steinbrück Finanzminister.
Und seitdem folgte eine Reihe politischer Comebacks: Franz Müntefering ist zum zweiten Mal SPD-Chef, Cem Özdemir war nach einer Affäre wegen privat genutzter Bonusmeilen fast vergessen und ist seit Kurzem Bundesvorsitzender der Grünen. Der grüne Bürgerrechtler Werner Schulz will nach vier Jahren jenseits der Bundespolitik zurück ins Parlament. Am meisten Erfahrung mit Comebacks hat die Linkspartei: Oskar Lafontaine, Gregor Gysi und Lothar Bisky haben sich, teilweise mehrfach, erst von der Macht verabschiedet und dann wieder zugegriffen.
So unterschiedlich die Fälle sind, so interessant sind die Gemeinsamkeiten.
Zu den Ursachen für die verschiedenen Neustarts gehört der Mangel an politischem Personal, über den Landes- und Kommunalpolitiker seit Langem klagen. Hätte Franz Müntefering einen strahlenderen Nachfolger gehabt als Kurt Beck, so wäre er heute vermutlich nicht erneut Parteivorsitzender. Auch Horst Seehofer siegte beim zweiten Anlauf auf das Amt des CSU-Vorsitzenden nicht, weil er nach dem ersten Versuch ein besserer Politiker geworden wäre, sondern weil die Konkurrenz verschlissen war.
Möglicherweise trägt auch die steigende Politikverdrossenheit dazu bei, dass eine Rückkehr in Spitzenämter einfacher wird: Ein Abschied auf Zeit gilt manchem Wähler heute weniger als Zeichen von Unbeständigkeit denn als Beweis dafür, dass man nicht an Posten hängt. Zumindest Lafontaine gelingt es, sich mit solchen Gedanken zu profilieren. Inhalte seien ihm nun einmal wichtiger als Ämter, das habe er ja bewiesen, sagt er über seinen Rückzug aus dem rot-grünen Kabinett und vom SPD-Vorsitz im Jahr 1999. Je mehr Wähler Politiker für machtversessen halten, desto besser kommen solche Sätze vermutlich an.
Zu den positiven Folgen der Comebacks gehört, dass die Biografien der Politiker denen ihrer Wähler ähnlicher werden – und zwar sowohl den Bürgern mit schlechter Ausbildung, die immer seltener lebenslang denselben Job behalten, als auch den Hochqualifizierten, die heute in Hongkong und morgen in New York ihr Geld verdienen.
Gerade in den Volksparteien ist es bis heute schwer, eine politische Karriere zu unterbrechen – wer einmal einen Wahlkreis oder einen sicheren Listenplatz errungen hat, gibt ihn nicht ohne Weiteres auf. Und wer nicht jahrelang die heimische Parteibasis pflegt, kommt oft gar nicht erst so weit. Und so fehlt Politikern oft jene Mobilität und Internationalität, die von Führungskräften in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft heute selbstverständlich erwartet wird. Es ist kein Zufall, dass fünfzigjährige Politiker meist schlechter Englisch sprechen als gleichaltrige Manager, Wissenschaftler oder Spitzenbeamte: Kaum einer hat längere Zeit im Ausland zugebracht.
Nicht nur die Globalisierung, auch die buntere Parteienlandschaft erfordert womöglich einen anderen, beweglicheren Typ von Politikern als in den vergangenen zwanzig Jahren. Joschka Fischer hat nach seinem Abschied aus der Politik oft gesagt, er sei ein Mann für rot-grüne Bündnisse, schwarz-grüne oder Ampel-Koalitionen müssten andere machen.
Vielleicht klingt das schon für die nächste Generation so unverständlich wie Schröders Boxer-Vergleich. Fischer benutzt eine andere Metapher. »Die Tür ist zu und der Schlüssel weggeworfen«, sagt er. Das klingt zwar auch entschieden. Aber doch nicht so, als sei es ein Naturgesetz, dass Ausstieg ein Abschied für immer sei. Schlüssel kann man wiederfinden.
- Datum 22.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren