Flora K. hatte nicht mehr daran geglaubt, noch schwanger zu werden. Sie war 47. Im schwedischen Konzern SCA saß sie im Europa-Management, Geschäftsbereich Hygieneprodukte, zuständig unter anderem für die Papiertaschentücher Tempo und die Küchenrollen der Marke Zewa. Ein Spitzenjob, in dem man womöglich einen Hörsturz bekommt, aber für gewöhnlich kein Kind.

Ein erstes Treffen in einem Münchner Café. Flora K. trägt eine Cordmütze und drei dicke Goldringe, ihre hellbraunen Haare reichen bis weit über die Schultern. Eine elegante, bestimmt auftretende Frau. Die Kollegen, sagt sie, hätten sich damals mit ihr über ihre Schwangerschaft gefreut. Zur Geburt der Tochter im Oktober des vorletzten Jahres schenkten sie einen Blumenstrauß und ein Paket mit Windeln – hergestellt von SCA. Sogar der oberste Justiziar des Konzerns habe aus Schweden angerufen; Flora K. leitete in München eine von zwei Rechtsabteilungen. Er habe ihr geraten, berichtet sie, länger freizunehmen, als es der gesetzliche Mutterschutz vorsieht: Die erste Zeit mit einem Baby sei etwas Besonderes. Die solle sie auskosten.

Flora K. beschloss, ein halbes Jahr lang zu Hause zu bleiben. Endlich, in diesem modernen skandinavischen Unternehmen, schienen sich ihre beiden Lebensziele zu verwirklichen: Karriere und Familie.

Im Februar, noch während ihrer Elternzeit, ging sie zu einem Treffen des Managements, um auf dem Laufenden zu bleiben. Dort erkundigte sich niemand mehr nach ihrem Baby. Ihren Kaffee in der Pause trank sie allein. "Ich spürte", sagt sie, "da stimmt was nicht." Doch ihr Mann meinte: "Das wirst du dir einbilden."

Flora K. hat die Ellbogen auf die Tischkante aufgestützt und die Hände ineinandergelegt. Sie spricht mit dunkler, gleichförmiger Stimme: sachlich, sehr konzentriert. Ihr Gefühl hatte sie nicht getrogen. Im vergangenen halben Jahr hat sie ihren Sitz im Management verloren, ihren Titel General Counsel: Chefsyndikus, ihre Sekretärin, den Manager-Parkplatz und fast ihre gesamte tägliche Arbeit. Immer wenn sie glaubt, das muss es gewesen sein, ihr ist nichts mehr zu nehmen, passiert das Nächste.

"Ich habe nichts gemacht, außer ein Kind zu bekommen", sagt sie. "Ich konnte es zuerst überhaupt nicht fassen." Das Management-Treffen, bei dem sie sich so unwohl fühlte, war gerade einmal zwei Wochen vorbei, als ihr direkter Vorgesetzter sie in die Firma bestellte. Dort sagte er ihr, sie werde ihren Sitz im Management sowie das Aufgabengebiet verlieren, für das sie eingestellt worden war: Wenn SCA Marken zukaufe, betreue das künftig jemand anderes.

So weit ist das nicht ungewöhnlich. Gerade Akademikerinnen, die die Politik immer ermuntert, Kinder zu bekommen, bezahlen genau dafür oft einen hohen Preis. Sie müssen ihre herausgehobenen Positionen aufgeben, weil die Unternehmen fürchten, dass die Mitarbeiterinnen mit Kind zu abgelenkt und unflexibel sind.

Bei der Hertie-Stiftung, die ein Siegel für besonders familienfreundliche Unternehmen vergibt, beschweren sich immer wieder Frauen, meist anonym. Zuletzt zwei hoch qualifizierte Mitarbeiterinnen einer deutschen Großbank, die sich degradiert fühlten. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, dass selbst im Kanzleramt unter Frank-Walter Steinmeier Mütter um ihre Position fürchteten. Mehr als einmal sei einer Mitarbeiterin, die ein Kind bekommen hatte, angetragen worden, in einen ruhigeren, das heißt unwichtigeren Job zu wechseln. Die alte Leitung des Kanzleramtes bestreitet diese Vorwürfe. In vertraulichen Gesprächen, schrieb die Süddeutsche, hätten frühere Mitarbeiter allerdings eingeräumt, dass es da "einen Wahrnehmungsunterschied" gegeben haben könnte.

Oft bleibt unklar: Wann wollen Arbeitgeber ihre Mitarbeiterinnen entlasten, wann abschieben? Flora K. sagt, sie habe schon geahnt, dass ihr Chef nicht das Wohl ihrer Tochter im Sinn hatte, als er am Ende des Gesprächs vorgeschlagen habe: ob sie unter den veränderten Bedingungen nicht lieber ein Jahr bei ihrem Kind bleiben und sich anschließend einen Job in einer Kanzlei suchen wolle.

Flora K. hat fünf Kinder zu versorgen. Ihr Mann hat vier Kinder aus früheren Beziehungen, für die er unterhaltspflichtig ist. Er hat sich gerade selbstständig gemacht und verdient noch nicht viel. Sie entschied, bei SCA zu bleiben. Sie buchte gleich einen Flug zu einem sogenannten Senior Management Meeting, zu dem sie aus der Konzernzentrale in Schweden eingeladen worden war. Ein paar Tage später, erzählt sie, habe ihr Chef angerufen und gesagt, sie solle doch lieber bei ihrem Kind bleiben. Sie entgegnete, dass sie bereits eine Kinderfrau engagiert habe. Doch der Chef hatte die Sekretärin bereits angewiesen, ihren Flug zu stornieren.

Da begann ihre Krankengeschichte. Flora K., die ihr Baby stillte, hatte auf einmal keine Milch mehr. Von einem Tag auf den anderen musste ihre Tochter die Flasche bekommen. Flora K. bekam eine schwere Bronchitis mit Verdacht auf Lungenentzündung. Ihr Immunsystem ist seitdem so stark geschwächt, dass sie sich alles Mögliche einfängt. In ihrem Körper scheinen die Widerstandskräfte zu schwinden, die ihr Kopf mobilisiert. "Ich bin ein absoluter Gerechtigkeitsmensch", sagt sie. Als man ihr bei SCA sagte, sie solle sich für Abfindungsverhandlungen einen Anwalt nehmen, antwortete sie: "Brauch ich nicht." Im Mai, zum verabredeten Termin, kehrte sie an den Arbeitsplatz zurück, obwohl ihr Arbeitgeber sie mehrfach gebeten hatte, Urlaub zu nehmen.

Flora K. wirkt selbstbewusst, trotz allem. Eine gewisse Härte ist ihr anzumerken, mit der sie sich unter Männern immer zu behaupten wusste. "Ich trage Probleme nicht vor mir her", sagt sie. Der Wille, sich nichts anmerken zu lassen, lässt ihre Mimik gefrieren. Sie lächelt nie, klagt nie, hustet nur dauernd, als man sie ein paar Wochen nach dem ersten Treffen zum Mittagessen abholt.

Ismaning, ein Industriegebiet. In einem schwarz-weißen Seidenkleid sitzt sie zwischen zwei Zimmerpalmen. Das Mobiliar riecht neu, die Akten sind alt. Nur abgeschlossene Fälle durfte sie mitnehmen, als sie vor einem halben Jahr das Büro bezog. Es liegt 15 Kilometer von der SCA-Zentrale im Münchner Airport Center entfernt, in der die anderen Kollegen der Rechtsabteilung mit den aktuellen Akten sowie das Management untergebracht sind. Nach ihrer Rückkehr ist Flora K. zu den Computer-Abteilungen und dem betrieblichen Pensionsfonds ausquartiert worden.

Ihr Telefon hat an diesem Tag noch nicht geklingelt. Arbeit bekommt sie von einem Kollegen per E-Mail zugewiesen. In diesem Büro fühlt man sich an den zynischen Ausdruck von Personalmanagern erinnert: Sterbezimmer. Isoliert von den Kollegen, abgeschnitten von interessanter Arbeit, sitzen Mitarbeiter dort, bis sie kündigen.

Flora K. zieht eine Karte aus ihrer Handtasche: ein Weihnachtsgruß. "Liebe Fiona", schrieb ihr Chef ihr noch während des Mutterschutzes, "vielen Dank für die ausgezeichnete Arbeit während des Jahres. Ich freue mich schon auf die Zusammenarbeit, wenn du wiederkommst." – "Da schwelte kein Streit", sagt sie, "im Gegenteil."

Sie hängt sich ihre Tasche über die Schulter und geht fast schreitend die Treppe in den Keller hinunter. Durch etliche Brandtüren hindurch geht es zur Kantine. Der Kantinenchef begrüßt sie. Von einem hinteren Tisch winken ihr eine Sekretärin und der Leiter des Fuhrparks zu. Was Flora K. an Kontakten bei SCA blieb, sind diese Kantinenbekanntschaften. Sie belädt ihr Tablett und geht zum Nachbartisch. Da sitzt sie in ihrer feinen Garderobe in einem Keller in Ismaning über einem Cordon bleu und versucht, ihre Würde zu wahren.

"Bei erfolgreichen Frauen ist die Arbeitsrolle doch die viel bestimmendere als die Mutterrolle", sagt die Münchner Professorin Barbara Vinken, die den deutschen Muttermythos untersucht hat. Mit ihrer Arbeit hätten sich die Frauen über die Jahre selbst entworfen – sie kommen nicht ohne sie aus. Deshalb ist es heute fatal, wenn eine Mutter aus dem Job gedrängt wird: "Dann führt der Glücksfall, der jede Geburt ist, letztlich zur Zerstörung ihrer Existenz: nicht unbedingt finanziell, aber psychisch."

Flora K. sagt, sie tröste sich jetzt damit, dass sie so ein tolles Kind habe. Es klingt eher wie ein Vorsatz: Sie wirkt auf ihre kontrollierte Art tief enttäuscht.

Einen Anwalt hat sie sich nun doch genommen: Stefan Filippi, einen Arbeitsrechtler aus Frankfurt, den der "drastische Umgang" mit Flora K. erstaunt, wie er sagt, nicht aber der Versuch überhaupt, sie in der Elternzeit aus dem Job zu drängen. Dass so etwas regelmäßig passiert, deutet auch eine Umfrage der Bundesanstalt für Arbeit an. Darin bezeichneten sich ein Sechstel der Frauen nach drei Jahren Elternzeit als arbeitssuchend, die zuvor Arbeit hatten. Dabei ist eine Kündigung in der Zwischenzeit eigentlich verboten. Um die Frauen trotzdem loszuwerden, müssen die Arbeitgeber sie entweder zermürben oder überrumpeln – wie ein Spediteur aus Baden-Württemberg, der einer Angestellten einen Scheck über 2.000 Euro als Abfindung übergab, als sie nach dem verabredeten Jahr Auszeit zurückkehrte. Sie jobbt jetzt in einem Schuhgeschäft. Andere Firmen legen die verabredete Teilzeitarbeit so, dass die Mitarbeiterin keine Kinderbetreuung findet. Aus betrieblichen Gründen, leider.

Flora K. sagt, dass sie mit SCA eine Viertagewoche ausgemacht hatte. Im Spätsommer hat die Firma sie aufgefordert, wieder an fünf Tagen zu kommen. "Dabei habe ich doch gar nichts zu tun", sagt sie. "Ich hatte denen erzählt, wie schwer es war, ein Kindermädchen zu finden, das an vier Tagen in der Woche Zeit hat. Und freitags kann mein Kindermädchen nicht." Eine fast unglaubliche Reihe von Gemeinheiten. Ist doch noch etwas anderes vorgefallen?

Gegenbesuch bei SCA am Flughafen. Der Boden aus hellem Holz, in den Vitrinen ungewöhnlich gewöhnliche Exponate: Damenbinden, Taschentücher, Küchenpapier – das Sortiment von SCA. Ein Unternehmen, das ein gewisses Verständnis für den privaten Alltag haben muss, allein aus professionellen Gründen. Und wie steht es um das Verständnis für den privaten Alltag der Mitarbeiter?

Karla Hoffmeister, die Personalleiterin, hat ein paar Beispiele mitgebracht, die belegen sollen, dass SCA besonders familienfreundlich sei: Einer Mitarbeiterin habe man während der Elternzeit sogar ein Studium mitfinanziert. Doch warum das Unternehmen Flora K. wieder jeden Tag braucht, will sie nicht sagen. Keine der Anschuldigungen räumt sie aus. Sie sagt nur: "Es hat eine Umstrukturierung gegeben." Zwei Rechtsabteilungen wurden zusammengelegt. "Der laufende Fall hat mit Flora K.'s Mutterschaft überhaupt nichts zu tun." Es handele sich "um eine zeitlich unglückliche Koinzidenz".

Die Personalleiterin ist die Einzige aus dem Unternehmen, die sich überhaupt äußert. Wenn man anruft, um etwa mit Flora K.'s Chef zu sprechen oder mit dem obersten Juristen in Schweden, hat man immer wieder sie am Apparat. "Ich kann keine Details kommentieren. Der Fall liegt beim Arbeitsgericht."

Bei einem ersten Termin in der zweiten Januarwoche versuchte die Richterin, den Streit in kleine, lösbare Punkte zu zerteilen. Sie schlug zum Beispiel vor, Flora K. könne freitags zwar arbeiten, aber von zu Hause aus. "Es drängt sich der Gedanke auf", sagte sie einmal, "dass es der Klägerin möglichst unbequem gemacht werden soll im Betrieb."

Ein kalter Wintertag. Flora K. sitzt auf ihrem Sofa in ihrer Altbauwohnung am Münchner Prinzregentenplatz. Sie ist krankgeschrieben: Von der Anspannung hat sie schwere Rückenschmerzen. Die Tochter, mittlerweile ein Jahr alt und ganz in Rosa gekleidet, hangelt sich am Wohnzimmertisch entlang. Eine Kinderfrau steht hinter ihr und wacht darüber, dass sie nicht hinfällt.

Wie Flora K. in ihrem Kaschmirpulli dasitzt und das Kindermädchen anweist, welche Mütze es für die Tochter heraussuchen soll, ist sie noch immer ganz die Karrierefrau. Kindermädchen und Tochter gehen auf den Spielplatz, Flora K. sucht das Protokoll eines sogenannten Jahresgespräches heraus, in dem bei SCA Führungskräfte bewertet werden. Darin heißt es: Flora K. sei direkt und klar, ehrlich und loyal, arbeite schnell und setze Prioritäten. Der einzige kritische Punkt: In manchen Situationen könnte sie "diplomatischer" sein. Immer wieder sagt Flora K.: "Ich habe nichts falsch gemacht."

Sie ist jemand, der im Leben immer alles richtig machen wollte. Deshalb trifft sie der Streit so hart. Sie war Einserschülerin, zügige Studentin, nach drei Jahren von der angestellten Anwältin in einer Kanzlei zur Partnerin aufgestiegen. Dann dieser gut dotierte Job in der Industrie. In der Vorweihnachtszeit, erzählt sie, hatte sie die Kollegen einmal zum Abendessen hier zu sich eingeladen. "Ein netter Abend." Es ist nicht zu verstehen, warum ihr jetzt keiner aus der Firma beisteht. "Ich kannte halt nur das Management. Und davon sind viele in der Zwischenzeit gegangen", sagt sie. Dies ist sicher auch eine Geschichte über die Kälte in den Chefetagen, nur dass sie diesmal eine Mutter zu spüren bekommt.

Dem obersten Justiziar aus Schweden hatte Flora K. im Frühjahr vom Umgang mit ihr berichtet – demjenigen, der ihr ausdrücklich geraten hatte, die Elternzeit auszudehnen. Er habe ihr geantwortet, sagt sie, dass sich alles um ein Missverständnis handeln müsse. Im Sommer hat er sich dann von sich aus bei ihr gemeldet. Das jährliche Treffen aller Justiziare des Konzerns stand an, in Philadelphia. Er hat sie ausgeladen.

Mit welchen Fällen von Mobbing er in seiner Kanzlei konfrontiert wird und was er Frauen vor und nach der Rückkehr in den Beruf rät, erzählt der Berliner Arbeitsrechts-Anwalt Friedemann Koch im Interview mit ZEIT ONLINE