GesundheitGefahr aus der Babyflasche?

Neue Forschungsergebnisse verschärfen den Streit über die Substanz Bisphenol A von 

Gierig saugt der fünf Monate alte Florian aus der Babyflasche, die seine Mutter ihm geduldig hält. "Bis er die Flasche allein halten kann, wird es noch dauern. Das Glas ist einfach zu schwer", sagt Martina Brainig. Ein Behälter aus Plastik wäre besser zu handhaben. Aber seit die 31-jährige zweifache Mutter vor ein paar Jahren einen Fernsehbeitrag gesehen hat, will sie von Kunststoffflaschen für ihre Kinder nichts mehr wissen.

Zu Störungen der Gehirn- und Verhaltensentwicklung könne es kommen, wenn Babys aus herkömmlichen Plastikflaschen tränken, hieß es in dem Beitrag. Verantwortlich sei die Chemikalie Bisphenol A. Martina Brainig, die damals gerade ihr erstes Kind bekommen hatte, war geschockt. "Noch am selben Abend sind alle Babyflaschen aus Plastik in den Müll gewandert", sagt sie.

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Medienberichte über Bisphenol A, kurz BPA, lösen immer wieder bei Eltern Besorgnis aus. Dabei waren sich die Experten weitgehend einig, dass BPA für den Menschen ungefährlich ist. Seit einigen Monaten jedoch kommt es auch unter Wissenschaftlern zunehmend zu Diskussionen; einzelne Staaten erwägen inzwischen, die Chemikalie zu verbieten. Was ist passiert?

Tatsächlich entdeckten Forscher wiederholt Anzeichen für eine schädliche Wirkung von BPA. Mehr als 200 Studien sind mittlerweile erschienen, die bei Mäusen und Ratten nach BPA-Gabe unter anderem Entwicklungsstörungen, Veränderungen im Erbgut und ein erhöhtes Krebsrisiko feststellten. Träfen diese Effekte auch auf den Menschen zu, wären die Folgen weitreichend: BPA ist eine der wichtigsten Alltagschemikalien, mehr als drei Millionen Tonnen der Substanz werden jährlich produziert. In Epoxidharzlacken findet es sich auf der Innenseite von Konservendosen und Thermoskannen; als Bestandteil des Kunststoffes Polycarbonat taucht es in CD-ROMs, Handys, Autoteilen und Plastikverpackungen auf – und in Babyflaschen aus Kunststoff.

Angesichts der neuen Forschungsergebnisse bewertete die zuständige EU-Behörde für Nahrungsmittelsicherheit (EFSA) im Jahr 2007 die bereits zugelassene Substanz noch einmal. Und kam zu einem ähnlichen Urteil wie zuvor: In niedrigen Konzentrationen gehe von BPA keine Gefahr aus. Die Ergebnisse der Tierversuche seien nicht unmittelbar auf den Menschen übertragbar, da die Nager die Substanz deutlich langsamer abbauten. Zwar lösten sich Spuren des Stoffes, der eine hormonähnliche Wirkung haben soll, bei starker Hitze aus Plastik, etwa wenn Babyflaschen in der Mikrowelle erwärmt werden. Die Mengen seien aber verschwindend gering. In Anbetracht der überwältigenden Mehrheit der Studien, die BPA weitgehende Unschädlichkeit bescheinigten, hob die EFSA die Obergrenze für die tägliche Aufnahmemenge von BPA sogar noch an.

Erledigt war die Sache damit nur vorübergehend. Neuen Auftrieb verschaffte den Kritikern eine Forschungsarbeit, die im September in der Fachzeitschrift Jama erschien. Diesmal hatten die Wissenschaftler nicht Tiere untersucht, sondern Menschen. Bei mehr als 90 Prozent der 1500 Probanden wiesen sie BPA im Urin nach. Dass wir gelegentlich geringe Mengen an BPA aufnehmen, war bereits bekannt. Für Aufruhr sorgte ein anderes Ergebnis: Besonders hohe Konzentrationen der Substanz traten bei Personen mit Leberschäden, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Ein kausaler Zusammenhang ist damit allerdings nicht bewiesen. Es könnte ja auch sein, dass die fraglichen Patienten BPA eben schlecht abbauen.

Nun streiten die Experten. Für den Würzburger Toxikologen Gilbert Schönfelder hat sich "die Erkenntnislage so weit verändert, dass die Substanz neu bewertet werden sollte." Ähnlich sieht es die US-amerikanische Behörde für Lebensmittel- und Arzneimittelsicherheit (FDA), die BPA derzeit von einem Fachgremium neu prüfen lässt. In Kanada wird die Substanz speziell für Babyflaschen verboten, darf sonst aber weiter verwendet werden. Kinder bis 18 Monate, so das kanadische Gesundheitsministeriums, seien wegen ihres unausgereiften Stoffwechsels besonders gefährdet.

Leserkommentare
  1. Es erscheint mir nicht sinnvoll, Lebensmittel in Plastikbehältern aufzubewahren und zu sich zu nehmen, wenn diese sich auflösen - auch wenn es nur sehr langsam geschieht. Insbesondere bei Babynahrung scheint mir dies bedenkenswert, unabhängig davon, on schon Schäden nachgewiesen wurden - selbst wenn nie Schäden nachgewiesen werden, ist dies ein vermeidbares Risiko, und irgendwie noch dazu unappetitlich.

    aj

  2. Fünf Monate alte Kinder können auch mit Muttermilch ernährt werden. Wer weiß, welche Schadstoffe als nächstes im Milchpulver gefunden werden. Wenn das Kind die Flasche bekommt ist es normal, dass sie die Mutter hält, da ist der Autor ein bisschen weltfremd, wenn er sie für besonders geduldig hält. Außer den Giftstoffen spricht noch mehr gegen die Plastikflaschen. Die sind gut für zahnschädigendes Dauernuckeln. Die Zähne kleiner Kinder, die ständig an einer Saftflasche saugen, die sie selber halten können, verfaulen. Damit die Zähne behandelt werden können, brauchen die Kinder eine Vollnarkose.

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