Die Amtseinführung Barack Obamas Gefährliche Hauptstadt
Der Reformer, die Lobbyisten und die Armut: Wie Barack Obama Washington erobern will. Die ersten Tage einer neuen Ära
Washington D. C. - Wird er enttäuschen, dieser 20. Januar 2009, nach der Spannung des Wahlkampfs und der Euphorie über Barack Obamas Sieg am 4. November vergangenen Jahres? Das ist die Frage, mit der Amerika und die Welt in den Tag der Inauguration des neuen Präsidenten gehen. Aber als Obama mit der linken Hand auf Abraham Lincolns Bibel gelobt, die Verfassung zu wahren, zu schützen und zu verteidigen, ist doch noch einmal eine neue Stufe erreicht, ein Gefühl von: »Es ist vollbracht.« Als könne man es erst jetzt wirklich glauben, als sei das Neue erst jetzt in Sicherheit gebracht.
Noch vor dem ersten Morgengrauen haben sich Hunderttausende auf den Weg gemacht, um sechs Uhr früh ist die zwei Kilometer lange Meile zwischen Kapitol und Obelisk schon halb gefüllt. Mit Schals und dicken Mützen bewehrte Menschenmassen, soweit das Auge reicht. In den U-Bahnschächten, auf den Straßen, vor den Kontrollpunkten bilden sich riesige Trauben, man singt das Lied der Bürgerrechtsbewegung We shall overcome. Ausgelassenheit und Zuversicht haben Obama bis hierher begleitet und ins Weiße Haus getragen inmitten von Krieg und Wirtschaftsnot.
Einen so starken Willen, sich immer wieder aufzurichten, neu zu erfinden und Geschichte zu schreiben, findet man vielleicht wirklich nur in Amerika. Hunderttausende haben in den vergangenen Tagen stundenlang in eisiger Kälte an einem Eisenbahngleis ausgeharrt, um für ein paar Sekunden einen Blick auf den blauen Zug zu werfen, der Obama von Philadelphia in die Hauptstadt Washington trug. Eine halbe Million Menschen haben sich am Sonntag schon von 8 Uhr morgens an vor dem Lincoln Memorial in Washington versammelt, um am Nachmittag Barack Obama und ein Popkonzert zu seinen Ehren anzuhören. Zwei Millionen sind zur Inauguration gekommen – darunter viele, die Obama nicht gewählt haben. Pete Seeger, der fast 90-jährige Barde, trifft das Gefühl der Massen am besten, als er auf dem Sonntagskonzert seinen Evergreen This land is your land, this land is my land anstimmt. Die meisten Amerikaner wollen wieder stolz sein auf ihr Land und es mit Barack Obama für sich zurückgewinnen.
Es ist ein Augenblick großer Geschichte und großartiger Inszenierungen. Fast alle Auftritte finden vor bedeutsamer Kulisse statt. Seit Anbeginn dient Abraham Lincoln Obama als Modell und Vorbild. Vor dem Kapitol in Springfield, Illinois, wo Lincoln einst seine berühmte Rede zur Einheit der Nation hielt, verkündete Obama seine Bewerbung um das Präsidentenamt. Wie Lincoln fuhr er nach seiner Wahl von Philadelphia aus mit dem Zug in Washington ein, vor dem Lincoln Memorial stimmte er am Sonntag das Volk auf seine Präsidentschaft ein, von Lincolns Reden hat er sich inspirieren lassen, und auf Lincolns Bibel legte er den Amtseid ab.
Die Zeit der Bushs ist vorbei – auch die der Kennedys
Aber so, wie es ein Tag der Anknüpfung an Geschichte ist, ist es auch ein Tag des Abschieds von der Vergangenheit. Senator Edward Kennedy, der Obama den Segen der größten politischen Dynastie der Demokratischen Partei gespendet hatte, wird beim festlichen Mittagessen im Kapitol ohnmächtig und muss hinausgetragen werden. Es ist tatsächlich Neuland, das der jetzt vereidigte Präsident betreten wird, und die großen Namen und Figuren des 20. Jahrhunderts werden ihn dabei nicht mehr begleiten und nicht die Hand über ihn halten können. Nicht nur die Zeit der Bushs ist vorbei, sondern auch die der Kennedys.
Alle von Rang und Namen sind zur Vereidigung des ersten schwarzen Präsidenten gekommen. Oprah Winfrey und Dustin Hoffmann haben Tränen in den Augen. Der erste Präsident Bush humpelt auf seinen Ehrenplatz. Ganz vorne dabei sitzen die Kinder Martin Luther Kings und einige, die damals gemeinsam mit dem Bürgerrechtler nach Washington marschiert sind. »Heute hat der Wahlzettel über die Gewehrkugel gesiegt«, ruft Senatorin Dianne Feinstein in Erinnerung an die leidvolle Geschichte der Afroamerikaner.
Barack Obama scheint vieles davon nicht zu hören. Gedankenverloren sitzt er da. Unterdessen ist am Fuße des Kapitols die 70-jährige Roberta Blackwell zu Tränen gerührt. Mit Barack Obama, glaubt sie, ziehe zum ersten Mal in ihrem Leben nicht nur ein Präsident in 1600 Pennsylvania Avenue ein, sondern zugleich ein Bürger Washingtons.
Ein 58-Jähriger, den wir George Packard nennen, weil er seinen Namen nicht in der Zeitung sehen mag, schaut etwas später durch die großen Fenster seines Büros in unmittelbarer Nachbarschaft des Kapitols auf die Präsidentenparade herunter. Packard ist Lobbyist in der Technologiebranche. Er hat ein zwiespältiges Gefühl. Die Wahl Obamas hat auch ihn bewegt, er freut sich und wünscht dem neuen Präsidenten alles Gute. Zugleich bangt er um seine eigene Zukunft, denn der neue Herr im Weißen Haus hat angekündigt, den Einfluss der Lobbyisten zurückzudrängen.
Am 20. Januar 1953 jubelte die damals 15-jährige Roberta Blackwell erstmals Dwight D. Eisenhower zu und amüsierte sich, als ein berittener Cowboy den herzhaft lachenden neuen Präsidenten mit dem Lasso einfing. Seitdem hat die schwarze Frau keine Inauguration verpasst, hat alle Höhen und Tiefen des Landes und seiner Hauptstadt erlebt und durchlitten. Sie trauerte um die Kennedy-Brüder und warf nach der Ermordung Martin Luther Kings aus Wut Steine. Sie wurde aus ihrem kleinen Haus hinter dem Kapitol vertrieben, weil die Bundesregierung Platz für neue Paläste brauchte. George Packard dagegen steht für das andere Washington. Er ist weiß und residiert in einer stattlichen Villa im vornehmen Nordwesten. Wann immer eine neue Regierung an die Macht kommt, verschickt er Einladungen auf Büttenpapier an die neuen Berater und bittet sie zum Dinner.
In der amerikanischen politischen Mythologie und Folklore ist Washington, diese gerade einmal 580000 Einwohner zählende Metropole, Synonym für das Böse und das Verkommene – für Korruption, verbissene Grabenkämpfe und nationalen Stillstand, aber ebenso für eine unfähige Stadtverwaltung und tiefe soziale wie rassische Spaltung. In dem einen Teil lebt eine kleine weiße, reiche und oft hochnäsige Oberschicht, richtet Partys für die Mächtigen aus und lässt ihre Kinder in sündhaft teuren Privatschulen erziehen.
Im anderen Teil lebt die schwarze Mehrheit, knapp Zweidrittel der Einwohner, in weitaus bescheideneren Quartieren und muss ihre Kinder auf die schlechtesten öffentlichen Schulen Amerikas schicken. Es gibt inzwischen auch eine stattliche schwarze Mittelschicht, aber geschlossen ist die Kluft zwischen Oben und Unten noch lange nicht. In kaum einer anderen wichtigen Hauptstadt, klagt Thomas Mann, Politikwissenschaftler an der renommierten Denkfabrik Brookings, seien die Bürger der Politik so nah und doch so fern.
Barack Obama will diese Kluft schließen. Es ist ein dialektischer Auftrag, denn wer Washington – die Stadt und die nationale Regierungsbürokratie – verändern will, muss sie zugleich für sich einnehmen, sonst kann er seine Pläne nicht verwirklichen. Im Wahlkampf hat er wie alle anderen gegen die Regierungszentrale und ihre Beherrschung durch Interessengruppen gewettert. Ohne diese Kampfrhetorik wird heute niemand mehr ins Weiße Haus gewählt. Aber als Präsident braucht er den Kongress, die Verwaltung und die Stadt – und sogar das Wissen mancher Lobbyisten. Zumal er eben nicht, wie seinerzeit Ronald Reagan, als Staatsverächter antritt, dem die Beamten und Institutionen im Zweifel gleichgültig sein können. Obama will ja der Regierung wieder Macht verschaffen, dem Marktabsolutismus entgegentreten – er wird zu »Washington« ein viel komplexeres Verhältnis entwickeln als die konservativen Steuersenker und Regulierungsfeinde.
Die ehemalige Kirchensekretärin Roberta Blackwell hat sich gefreut, als ihr neuer Präsident gleich nach seiner Ankunft versprach, Brücken zu schlagen zwischen dem feinen Regierungsviertel und dem weniger feinen Washington. Vor lauter Begeisterung rief sie ihre Freundinnen an, als Amerikas neue erste Familie den Martin-Luther-King-Gedenktag in einen allgemeinen Wohltätigkeitstag umwidmete, an dem jeder in seiner Nachbarschaft Gutes tun soll. Dem Lobbyisten George Packard dagegen hat es gefallen, dass Obama seine Fühler sofort nach allen Seiten ausstreckte. Er organisierte ein Festmahl für den Republikaner John McCain und traf sich zu einem privaten Essen am Stadtrand mit stramm konservativen Zeitungskommentatoren.
Kann Obama Washington im Geist der Überparteilichkeit verändern? Die Interessen und politischen Philosophien sind nach wie vor sehr unterschiedlich. Nicht ausgeschlossen, dass alte Grabenkämpfe wieder aufflackern, schließlich umgibt sich Obama mit einer stattlichen Minister- und Beraterriege, die in Bill Clintons Kriegsschule gelernt haben und nicht in Obamas Mediationskursen. Über Nacht lassen sich ebenso wenig die Hauptstadtprobleme lösen. Auch die Obamas schicken ihre beiden Töchter aus verständlichen Gründen auf eine gute Privatschule. Washingtons Stadtkasse ist leer, die verheerende Wirtschaftslage fordert weitere Opfer und man wird sehen, wie willkommen den Bürgern auf Dauer ein Präsident sein wird, der zum Kneipen- und Kirchenbesuch jedes Mal mit einem riesigen Sicherheitsapparat im Schlepptau anreist.
Am Tag vor der Vereidigung besucht Obama obdachlose Jugendliche
Dennoch, Obama ist entschlossen, dass Washington nicht Washington bleiben darf. Seinen raubeinigen Stabschef Rahm Emanuel pfiff er in den Verhandlungen mit dem Kongress schon zwei-, dreimal zurück. »Der Ton macht die Musik«, soll er ihn gemahnt haben. Justizminister Holder versprach in Obamas Auftrag, Folterverhöre zu verbieten, Guantánamo zu schließen und sich an das internationale Recht zu halten – das Aufatmen nach acht Jahren präsidialer Machtanmaßung war allgemein. Und es waren Obama-Mitarbeiter, die einige Unregelmäßigkeiten in der Steuererklärung des künftigen Finanzministers entdeckten und offenlegten. Der Einzug der Obamas in die Hauptstadt, sagt der konservative Politologe Norman Ornstein vom einflussreichen American Enterprise Institute, sei ein Epochenwechsel, »geradezu eine Zeitenwende für das große und das kleine Washington«.
Einen Tag vor seiner Amtseinführung, am neuen nationalen Wohltätigkeitstag, demonstriert Barack Obama, was er unter dem Brückenschlagen versteht – und unter der Dialektik von Präsidentenmacht und alltäglichem, bisweilen sogar elendem Leben. Am Montagmorgen fährt er im Nordosten der Stadt, kurz hinterm Kapitol, vor einer Wohnungsunterkunft für obdachlose Jugendliche vor. Zehn Jungen und Mädchen beherbergt das Jugendwerk Sasha Bruce in diesem Haus. Der Jüngste ist elf, die Älteste 17, ihr Leben handelt von Gewalt, Drogen, Prostitution und Schulversagen. Obama lässt sich ihre Geschichten erzählen, hört aufmerksam zu, fragt nach, ermutigt. Dann ergreift er Farbeimer und Pinsel und hilft, das dringend renovierungsbedürftige Jungenzimmer zu streichen. Anderthalb Stunden packt der neue Präsident mit an, dann bedankt er sich bei den Jugendarbeitern und erklärt, warum er gekommen ist.
Er hat diesen Ort mit Bedacht gewählt, denn hier kann er am besten deutlich machen, was es für ihn heißt, Washington im Großen wie im Kleinen zu verändern. Obama spannt einen Bogen von der Finanzkrise auf der Wallstreet zum Obdachlosenheim Sasha Bruce, vom Alltag im Oval Office zum Alltag der Sozialarbeiter, von der Notwendigkeit eines neuen Regierungsstils auf der prunkvollen Pennsylvania Avenue zur Verantwortung für Schwache im trostlosen Nordosten der Stadt. Für Obama gehört das alles zusammen, ist das eine nicht ohne das andere zu haben. Diese Philosophie hat der ehemalige Community Organizer und Sozialarbeiter aus Chicago immer proklamiert, in seinen Büchern, in seinen großen Reden zur Rassenfrage und zur Verantwortung schwarzer Väter. Jetzt will er sein Versprechen in die Tat umsetzen.
Am Abend nach dem Obama-Besuch im Obdachlosenheim lädt das soziale Washington zum Inaugurationsball. Vor dem Saal liegt die Satirezeitung The Onion aus und titelt: »Schwarzer Mann bekommt schlimmsten Job« – Präsident der vereinigten Staaten und Oberbürgermeister von Washington. Mehr als Tausend sind gekommen und haben sich herausgeputzt, erstmals in der Geschichte dieser Festveranstaltung hat auch der Herr im Weißen Haus Vertreter geschickt. Er selbst ist am Abend seiner Inauguration auf einer ganzen Serie von Bällen zu Gast. Ein Präsident, der in der Welt der »sozialen Brennpunkte« genauso zu Hause ist, wie er den Washingtoner Glamour in neue Höhen steigern wird – das ist Barack Obama, und auch darin erfasst man etwas von seiner Einzigartigkeit.
- Datum 22.01.2009 - 15:31 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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