Architektur Alle aussteigen!
Ein waghalsiges Denkmal des automobilen Zeitalters: Das neue Porsche Museum in Stuttgart
Endlich, angekommen! Über hundert Jahre war das Auto unterwegs, hundert Jahre, in denen es ums Fortstreben und Wegkommen ging, ums Durchqueren und Zurücklassen, darum, Raum und Zeit zu überwinden. Nun aber, so scheint es, neigt sich die automobile Epoche dem Ende zu, es hat sich ausbeschleunigt. Selbst viele der Autokonzerne haben sich bereits betriebseigene Ruhestätten errichtet.
Sie heißen VW Autostadt, BMW Welt oder Mercedes Museum, es sind Unterhaltungs- und Ausstellungszentren, und sie sollen für die eigene Marke werben, für die Dynamik des Designs, die Kraft der Motoren. Und doch sind es vor allem Orte des Verweilens, ganz undynamisch und unmotorisiert. Das Flüchtige gerinnt, aus Automobilen werden immobile Sammelobjekte, und nicht länger geht es ums Fortkommen, es geht ums Innehalten. Statt von Ausstellungshäusern könnte man auch von Ausnüchterungshallen sprechen; hier kann sich der moderne Mensch vom Temporausch des 20. Jahrhunderts erholen.
Selbst Porsche, das Inbild des Voranpreschens, hat sich nun einen solchen Ort des Stillstands errichtet, ein Porsche Museum für den Luxuspreis von rund 100 Millionen Euro. Es ist, als habe sich Porsche noch rasch ein Denkmal setzen wollen, ein letztes Zeichen der Stärke, bevor Ölknappheit, Klimakrise und EU-Umweltauflagen den Autokult abwürgen werden. Wer immer nach Stuttgart-Zuffenhausen reist, ins Zentrum der Autoproduktion, wo nun auch das neue Museum steht, der spürt, dass es so wie bisher schwerlich weitergehen kann.
Zuffenhausen ist so etwas wie ein Musterstädtchen der totalen Automobilisierung. Jeder urbane Zusammenhalt hat sich aufgelöst, alles Städtische und alles Ländliche sind dahin. Nichts, was noch zum Bleiben einlüde, nur Anlieferstraßen, Verkehrskreisel, Bahntrassen, wellblechgedeckte Fabriken, Lagerschuppen, Sicherheitszäune. Einzig das neue Museum ragt seltsam heraus, als wollte es ein Wegweiser sein inmitten der Ortlosigkeit.
Man kann das als eine Art Wiedergutmachung begreifen: Erst hat das Auto die Zersiedelung so lange vorangetrieben, bis sich das Gefühl einstellte, die ganze Welt sei ein einziges Gewerbegebiet. Nun kehrt dank der Autoindustrie das Unverwechselbare zurück: ein Gebäude wider die Gesichtslosigkeit, ein Haus zum Hingucken, geplant von dem Wiener Architektenbüro Delugan Meissl.
Sein Bauwerk ist von einer Waghalsigkeit, dass man fast meinen könnte, hier sei Porsche dem Wahlspruch des Konkurrenten Toyota gefolgt und habe sich am »Nichts ist unmöglich« erprobt. Tatsächlich wussten anfangs selbst die Experten nicht, ob sich der Entwurf von Delugan Meissl überhaupt würde bauen lassen. Das Museum, ein Riesenzacken, sollte gen Himmel streben, als wäre der Bau befreit von der Schwerkraft und allen anderen irdischen Gesetzen. Eine machtvolle Geste, zugleich von federnder Leichtigkeit – das schwebte den Architekten vor.
Die gebaute Wirklichkeit sieht anders aus. Zwar ist es den Statikern gelungen, mit wenigen Stützen auszukommen, dennoch wirkt das Gebäude schwer und ungeschlacht. Die Fotografen müssen schon lange nach einer Perspektive suchen, aus der das Museum so wunderbar zackig und energiegeladen erscheint, wie es sich Porsche erhoffte. Zumeist sieht man der Konstruktion leider an, unter welchen Mühen sie errungen wurde, darüber kann auch die verspiegelte Unterseite nicht hinwegtäuschen. Der Bau scheint unter der eigenen Last bedrohlich zu ächzen.
Bewegt sich der Besucher durch den Raum? Oder bewegt der Raum ihn?
Dabei stand doch Porsche bislang stets für das Agile und Leichte, das Spielzeugauto für die reichen Jungs, dem man seine vielen hundert PS nicht ansah. Erst mit dem Geländewagen Cayenne begann vor einigen Jahren aus dem athletischen Auto eine Art Bodybuilderkraftwagen zu werden. Und ausgerechnet dessen Bulligkeit scheint nun auch das Vorbild für das neue Museum zu sein. Es protzt und dröhnt, ein architektonisches Zeichen, das völlig hohl bleibt und sich einzig an der eigenen Machbarkeit berauscht.
Denn nichts wird durch den Kraftakt der Architektur gewonnen, kein Platz entsteht unter dem Museumsbau, kein öffentlicher Raum. Einzig eine Art Schlund öffnet sich am stumpfen Ende des Gebäudes und führt hinein ins Museum – vermutlich werden sich viele Porsche-Fahrer an die eigene Tiefgarageneinfahrt erinnert fühlen. Drinnen geht es dann flugs auf eine Rolltreppe und hinauf in die Ausstellungshalle.
Und was für eine Halle das ist! Hier zeigen die Architekten dann endlich, warum sie seit einiger Zeit so gerühmt werden. Es ist ein Raum der tausend Plateaus, der langen Geraden und Haarnadelkurven, der Brücken, Treppen, Galerien – und bleibt doch der eine Raum, nicht zerteilt durch Stellwände oder zugestellt von Kojen. 80 Autos werden hier gezeigt, vom Ur-Porsche über die Traktoren und Rennwagen bis hin zu den neusten Modellen. Immer hat man das Gefühl, all das im Blick zu haben. Delugan Meissl gelingt das Kunststück einer Vielfalt in Einheit. Sie überspielen die Übergänge, und manchmal meint der Besucher fast, nicht er selbst bewege sich durch den Raum, sondern der Raum bewege ihn.
Noch stärker würde dieser seine Wirkkraft allerdings entfalten, wären Boden und Decke nicht in einem makellosen Weiß gehalten, das dem Raum keine Kontraste erlaubt und ihn so zu enträumlichen scheint. Hinzu kommt, dass diese Autowelt nur sich selbst zu kennen scheint, bis auf ein schmales Fensterband gibt es keinen Sichtkontakt zur Außenwelt. Das entspricht dem Museumskonzept, das kein Interesse an kulturhistorischen Zusammenhängen hat und nur die Autos und ihre technischen Kennziffern präsentiert. So ist denn die Architektur weit komplexer als die Ausstellung, die eine seltsame Scheu vor jeder Art von Frage zu haben scheint. Vielleicht liegt das an der Perfektion, die Porsche für die eigenen Autos behauptet. Wer perfekt ist, an dem perlt alles ab.
Dass es also einmal eine Zeit ohne Autos geben könnte oder zumindest eine Zeit ohne benzinschluckende Sportwagen, davon ist im Porsche Museum nichts zu erahnen. Hier lebt man in einem eigenen Universum, entrückt in einer blickdichten Blackbox. In diesem Bauwerk gibt es nur Vergangenheit zu sehen, nirgends geht der Blick voraus. Die Zukunft bleibt ausgespart, es scheint kein Voran mehr zu geben. Das Auto ist angekommen. Bitte alle aussteigen!
- Datum 25.01.2009 - 04:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
- Kommentare 4
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Lieber Herr Rauterberg,
Zuerst habe ich mir die Augen gerieben, dann Alles noch einmal gelesen, gestaunt und im Stillen gedacht, da lese ich eine wahrhaftige Architekturkritik und einen klugen Artikel zur Denkweise im ausgehenden Zeitalter der automobilen Beweglichkeit.
Ihr Beitrag ist auch sprachlich ein Genuss.
Grüße
Christoph Leusch
Lieber Herr Rauterberg,
als Stuttgarter, welcher oft genug an diesem "Mondstrum" vorbeiradelt (ja, es gibt Radler in der Autostadt) kann ich meinem Vorposter und Ihnen nur zustimmen! Das Porschedenkmal gleicht eher einer letzten Ruhestätte. Man muss sich immer wieder fragen, wer solche Projekte genemigt. Als einer der größten Gewerbesteuerzahler Stuttgarts jedoch geniesst man wohl Narrenfreihet. Wie lange das aber noch anhält?
Ein schöner Satz, welcher mir letztens untergekommen ist:
"Blässt der Wind der Veränderung, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen".
Porsche sollte sich auf den Windmühlenbau konzentrieren, in die Zukunft investieren und sich nicht an der Vergangeheit klammern. Ansonsten bleibt das Museum ein Relikt aus der Dinosaurierzeit.
MfG
Horst Bayer
Ich schließe mich den beiden Kommentaren an und bin auch vom Inhalt des Artikels beigeistert. Was die Architektur des Gebäudes betrifft kommt mir wieder mal das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern in den Sinn. Da hat sich mal wieder ein Architekt "selbst verwirklicht" und niemand hat den Mut öffentlich zu sagen "Absolut hässlich". Vielleicht hat es ja wie im Märchen ein kleines Mädchen gesagt, aber wer hört schon auf kleine Kinder.
Gruß, Bernd
*** Money helps the body to survive, but friends are needed to make the soul survive ***
Immer wenn sich eine Ära den Zenis überschritten hat setzt es sich nochmal Denkmäler.
Kurz bevor das Zeitalter der Eisenbahn vom Auto beendet wurde hat man überall in der westlichen Welt gigantische Kathedralen der Schiene gebaut. Grand Central oder Frankfurt HBF.
Nun endet das Zeitalter der automobilen Superlative, wie ich als Autofreund sagen muss zu meinem Leidwesen. BMW Welt und Porsche Museum werden bleiben.
Jetzt beginnt das Zeitalter der kleinen Vernunftautos, so wie einst die Pullmann-Züge, mondänen Speisewägen und mit Stuck verzierten Wartehallen durch behindertenfreundliche und effiziente Züge abgelöst wurden. Praktisch, vernünftig,.. aber kein Erlebnis mehr. So ist es halt, die neue Zeit..
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