Frankreich Das Glück der KriseSeite 4/4

Doch nicht vor einer Revolution fürchten sich die Denker des französischen Kapitalismus, sondern eher vor dem Verfall. Sie schreiben beispielsweise wie der Soziologe Emmanuel Todd davon, dass sich ausgerechnet die oberen Klassen vom System abwenden. Man bedient sich der letzten verbliebenen vollen Kassen, flieht die Steuer und lässt die Gesellschaft allein. An die Stelle einer herrschenden Ideologie schleicht sich eine Befindlichkeit, wie sie der Schriftsteller Michel Houellebecq kürzlich in einem Dialogband mit dem Philosophen Bernard-Henri Lévy für sich beanspruchte: Er sei Benutzer, nicht Bürger Frankreichs. Also bar jeder Verpflichtung.

Über Nicolas Sarkozy selber ist immerhin verbürgt, dass er eine unkontrollierbare Radikalisierung sozialer Konflikte fürchtet. Auch er hat also in einen Abgrund geblickt. Und dieser ist mit Krediten allein nicht zu überbrücken.

Die offizielle Linie im Élysée lautet, dass die Krise den Zwang zur Reform nicht verringert, sondern erst recht erhöht. Weitermachen wie bisher, das geht freilich auch nicht. Gesucht wird also eine neue Version von Sarkonomics: ein Projekt, hinter dem sich eine Reformkoalition »gegen die Konservativen von links und rechts« (Sarkozy) bilden könnte. Es zu finden ist aus politischer Sicht dringlich, weil ausgerechnet 2009, im Jahr des Verdrusses, Europa- und Regionalwahlen stattfinden werden. Danach beginnt der Anlauf auf die Präsidentenwahl 2012.

 
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