Krise in den USA Ein gigantischer Haufen Probleme
In Amerika erfasst die nächste Welle der Finanzkrise eine Großbank nach der anderen

© Daniel Pierce Wright/Getty Images
Sturm über Manhattan
Barack Obama hat noch nicht richtig Platz genommen an seinem Schreibtisch im Oval Office, da erreicht die nächste Welle der Finanzkrise den neuen Präsidenten. Die Flut der Verluste bedroht nun auch die Großbanken, die lange Zeit als Stützen des Systems galten. Und die bisherigen Rettungsmaßnahmen scheinen kaum zu wirken. Dabei hat die Bush-Regierung bereits mehr als 370 Milliarden Dollar aus ihren 700-Milliarden-Dollar-Rettungspaket ausgegeben, und die Notenbank hat ihrerseits Billionen beigesteuert.
Vergangene Woche nun musste sich die Bank of America, der zweitgrößte Finanzkonzern des Landes, hilfesuchend an die Regierung wenden. Der Riese, der 1.200 Milliarden Dollar an Ersparnissen und Vermögenswerten verwaltet, hat sich offenbar übernommen, als er vor ein paar Monaten die angeschlagene Investmentbank Merrill Lynch kaufte. Diese hat in den vergangenen sechs Quartalen Verluste in der unvorstellbaren Höhe von 39 Milliarden Dollar angehäuft. Speziell die letzten drei Monate des Jahres 2008 verliefen katastrophal, und so musste Bank-of-America-Chef Kenneth Lewis, bisher als eine Art Retter der Wall Street gefeiert und erst im Dezember zum »Banker des Jahres« gekürt, um neues Kapital bitten. Insgesamt hat die Bank of America inzwischen 45 Milliarden Dollar aus Regierungshand erhalten; zudem bürgt der Staat für Verluste aus 118 Milliarden Dollar an Wertpapieren in ihren Beständen.
Der Aufschrei über die Probleme der Bank of America verdrängte kurz sogar das unrühmliche Ende eines anderen Wall-Street-Riesen, der Citigroup. Noch vor Monaten war Citi mit mehr als 300.000 Mitarbeitern und Geschäften in mehr als 100 Ländern das mächtigste Finanzkonglomerat der Welt. Jetzt gilt die Bank als ein gigantischer Haufen Probleme. Trotz einer massiven Spritze von 45 Milliarden Dollar aus dem Rettungspaket sowie einer Rekordsumme von 306 Milliarden Dollar staatlicher Garantien für Wertpapierverluste ging Citi das Kapital aus. Jetzt wird der Finanzriese zerschlagen und in Einzelteilen verkauft, wenigstens ein Kern der Institution soll dabei noch gerettet werden. Welcher Konkurrent sich aber in diesen schweren Zeiten am Resteverkauf beteiligen soll, ist bisher noch offen.
Für die kommenden Monate macht sich die US-Finanzbranche noch viel größere Sorgen. Die Welle der Verluste aus der Hypothekenkrise, die die Kapitalbasis der Institute aushöhlen, ebbt nicht ab. Die Lage bei Unternehmen und privaten Haushalten wird schlechter, die Zahl der Insolvenzen bei Unternehmen ist im dritten Quartal 2008 um über 60 Prozent gestiegen, das Heer der Arbeitslosen wächst. In den Büchern der Banken schlägt sich das mit Kreditausfällen und massiven Ertragseinbrüchen nieder.
Nach jüngsten Hochrechnungen von Jan Hatzius, US-Chefökonom bei Goldman Sachs, werden die Verluste der Banken aus US-Immobilienhypotheken auf 1,1 Billionen Dollar anschwellen, viel mehr als bisher gedacht. Hatzius erwartet, dass die Ausfälle bei Industriehypotheken, Auto- und Konsumentenkrediten sich auf eine weitere Billion belaufen werden. Davon habe die Bankenbranche bisher gerade mal die Hälfte offiziell verbucht, so der Volkswirt. Gerade bei Investoren und Banken in Europa und Asien gebe es wohl noch unbekannte Löcher in den Bilanzen.
Dringliche Probleme – doch wie damit umgehen? In Washington ist Streit darüber ausgebrochen, wie mit der neuen Runde an Bankenhavarien umgegangen werden soll. Bushs Finanzminister Henry Paulson hatte die Mittel aus seinem Nothilfepaket bisher als Kapitalspritze in die verschiedenen Banken gepumpt, und zwar mehr oder weniger nach Gutsherrenart – sehr zum Ärger der Demokraten. Jetzt will die demokratische Mehrheit im Kongress erreichen, dass die restlichen Mittel unbedingt auch überforderten Hausbesitzern und überlasteten Konsumenten helfen.
Notenbankchef Ben Bernanke hat noch eine ganz andere Idee: Vergangene Woche meldete er sich überraschend zu Wort und plädierte dafür, den Banken ihre »toxischen« Wertpapiere abzunehmen. Darin schlummern nämlich kaum abschätzbare Verluste, und deshalb sind die Investoren so misstrauisch gegenüber den Banken. Ein seltsam vertrauter Lösungsansatz: Das war Paulsons ursprünglicher Plan gewesen, für ihn hatte er die Zustimmung der Volksvertreter erhalten. Aber dann steckte er das Geld lieber direkt in staatliche Beteiligungen an den großen US-Banken.
Jetzt ist sie also auch in Amerika wieder da, die Idee der sogenannten Bad Bank. Obamas neuer Finanzminister solle, so Bernanke, eine Institution gründen, die mit Hilfe von regierungsgarantierten Anleihen den Banken ihre maroden Papiere abnimmt. Das entscheidende Problem ist dabei jedoch die Frage, wie die Wertpapiere zu bewerten sind. Wenn der Staat auf einer günstigen Bewertung besteht, dann müssen die Banken weitere Abschreibungen vornehmen – was ihre Kapitalnot verschärfen könnte.
So oder so: Die Banken brauchen frisches Kapital. Bisher findet sich nur der Staat als Geldgeber. Das Schicksal der Citigroup zeigt das deutlich. »Eigentlich muss Citi verstaatlicht werden, das will bloß keiner wirklich«, sagt ein Insider. Und er rät: Statt eines Finanzministers sollte der neue Präsident lieber gleich einen Minister für Staatsbanken berufen.
- Datum 22.01.2009 - 17:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
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Soweit ich weiß, wartet man bei uns nur darauf, dass deutsche Banken weitere mind. 300 Mrd. Euro abschreiben. Dass sie abschreiben werden, ist klar. Allerdings ist nicht jedes Quartal gleichgut geeignet; man könnte ja auch warten, bis neue Zusagen der Regierungen die eigenen Löcher stopfen. Und erst dann platzt man mit den bad news heraus; wenn der weiße Ritter mit dem Fondsschutzschirm in Sichtweite ist.
Man sollte angesichts moderner Buchungsgepflogenheiten und -regeln nicht versuchen, den Verlauf der Krise daran zu chronologisieren, wann welche Nachricht eintrifft. Krise haben wir weltweit seit ca. Mitte 2006. Bereits da kühlte der US-Immobilienmarkt ab und seitdem war alles nur eine Frage der Zeit (für die Betroffenen) und eine Frage des Timings (für die Verantwortlichen).
Natürlich erst nach der Hypothekenkrise. In den USA war es bisher in beispielloser Weise möglich, mit der 4. oder 5. Kreditkarte die ersten 3 oder 4 "glattzustellen" und dann wie bisher weiter zu machen mit dem Konsum auf Pump. Oder einfach in einen anderen Bundesstaat umziehen. In den USA stellen Banken zunehmend Kreditkartensalden fällig - aber auch hier können die Kunden nicht zahlen.
Dumm nur, dass von unseren oberschlauen Bankerhelden auch diese Kreditkartenverbindlichkeiten als SPVs (Special Purpose Vehicles) weiterverkauft wurden. Fragt sich nur, an wen... der Schwarze Peter geht aaaaaaaan: *Trommelwirbel*...man wird sehen.
Es gibt eine Kriminalität, die von den Zeitungen im großen und ganzen ignoriert wird. Der verstorbene Professor Edwin H. Sutherland schrieb, daß Menschen aus den oberen Vermögens- und Einkomrnensschichten sehr häufig ein kriminelles Verhalten an den Tag legen. Es unterscheidet sich jedoch von den Untaten der Armen — und zwar vor allem durch die Art und Weise, in der beide Arten von Kriminalität geahndet werden.
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