Hirnforscher gelten derzeit als wahre Zauberkünstler. Ihre bunten Bilder aus dem Kernspintomografen suggerieren, man könne komplexe menschliche Verhaltensweisen auf die Aktivität bestimmter Nervenzellen zurückführen und so den Menschen neuronal entschlüsseln. Modernes Gedankenlesen? Oder Illusionskunst?

In diese Debatte platzt nun eine kleine Bombe: Edward Vul, Doktorand in einem Neurolabor am MIT, wirft seinen Kollegen grobe statistische Fehler vor. Die von ihnen ermittelten Korrelationen zwischen der Aktivität von Hirnarealen und bestimmten Verhaltensweisen gingen nämlich häufig "über das hinaus, was statistisch möglich ist", schreiben Vul und der Psychologe Harold Pashler.

Ihnen zufolge begehen viele Hirnforscher den Fehler, zwei Untersuchungsschritte auf einmal zu machen. Die Forscher legen die Probanden in den Tomografen, provozieren eine bestimmte Emotion (Angst, Abscheu, Lust…) und suchen dann nach jenen Hirnarealen mit der größten Aktivität. Das ist Schritt eins. In Schritt zwei wird dann bestimmt, wie stark die Aktivität in dem betreffenden Bereich mit dem Verhalten korreliert (zum Beispiel "Je aktiver Areal A, desto größer das Angstempfinden"). Kombiniert man beide, besteht die Gefahr, zufälliges neuronales Rauschen überzuinterpretieren; denn wer nach besonders großer Aktivität sucht, erhält naturgemäß besonders starke Korrelationen – " voodoo correlations ", wie Vul sie nennt. Das Problem ist unter Statistikern als das "Dilemma des texanischen Scharfschützen" bekannt: Wer blind auf ein Scheunentor ballert und dann eine Zielscheibe um die Treffer zeichnet, bekommt zwar ein beeindruckendes Ergebnis; im Endeffekt aber ist es wertlos.

Vuls Attacke trifft offenbar einen Nerv. Die angegriffenen Hirnforscher – unter ihnen Tania Singer von der Universität Zürich und Christian Keysers von der Universität Groningen – haben postwendend mit einem Gegenartikel reagiert. Darin argumentieren sie unter anderem, dass ja oft mehrere unabhängige Studien ähnliche Zusammenhänge zwischen Hirnaktivität und Verhalten zeigten. Das könne kaum mit zufälligem Rauschen erklärt werden. Doch selbst Keysers räumt in der Zeitschrift Nature ein, dass Vuls Kritik "einen Kern an Wahrheit" besitze und manche Studie "shaky" (wackelig) sei. Was folgt daraus? Ist alle Neurowissenschaft nur "Voodoo"? Mitnichten. Großspurigen Ergebnissen einzelner Studien sollte man allerdings ruhig misstrauen – zumindest so lange, bis sie von einer größeren Forschergemeinde bestätigt sind.

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