Kanada So weit, so gut

Die Olympischen Winterspiele kommen 2010 ins kanadische Whistler, eine Gemeinde von Skiverrückten

Skigebiet Whistler

Im größten Skigebiet Kanadas geht es lässig zu

Es ist halb sieben in der Früh, der Wecker klingelt. Der Tourist schält sich aus dem Bett, schleicht ins Badezimmer, zieht sich die Skisachen an und geht schweren Schrittes durchs Hotel auf den Ausgang zu. Draußen ist es dunkel, und es regnet leicht. Die Skischuhe klacken auf dem kurzen Asphaltweg zur Liftstation. Der Tourist holt sich seine Skier bei einem gähnenden Mitarbeiter der zentralen Aufbewahrung und reiht sich in die Schlange an der Gondelbahn ein. Kaum jemand redet. Bald läuft die Bahn an, die Schlange bewegt sich.

Es geht hoch zur Roundhouse Lodge, einem riesigen Bergrestaurant. Dort wartet ein Frühstücksbuffet mit Cornflakes, Eiern und Pfannkuchen. Langsam wachen die Skifahrer auf, die Gespräche werden lauter, die Aufregung nimmt zu. Neuschnee ist gefallen, viel Neuschnee sogar. Und die Menschen hier oben werden dank ihrer Fresh-Tracks-Tickets die Ersten sein, die heute Spuren in den Schnee ziehen dürfen. Gegen halb neun ruft jemand: »Ladies and gentlemen, get prepared!« Im Wettrennen ums unberührte Vergnügen können viele gewinnen, denn Abfahrten gibt es in fast jede Himmelsrichtung. Es ist hell geworden, es hat aufgehört zu schneien, der Himmel reißt auf, und was so müde und nass begann, verspricht ein glorreicher Skitag zu werden.

Das ist Whistler.

Zwischen den Wolkenfetzen zeigt sich im Tal die kleine Stadt mit der lang gezogenen Fußgängerzone, die ihren Ausgang am Hauptplatz des Ortes nimmt. Dort, wo die riesige Talstation der Gondelbahn steht, wo die Skibars und die Geschäfte liegen. Weiter hinten das Luxushotel Chateau Whistler und die modernen Apartmenthäuser etwas abseits. Durchs Tal zieht sich die Hauptstraße, die ins 115 Kilometer entfernte Vancouver an der kanadischen Westküste führt.

Weiter östlich zeichnet sich die Spitze des Blackcomb ab, des zweiten Skiberges von Whistler. Vom Whistler Mountain aus betrachtet, wirkt er weit entfernt, doch gleich neben der Roundhouse Lodge geht die nagelneue Seilbahn ab, eine der höchsten auf dem Planeten, die beide Skigebiete miteinander verbindet. Auf der nur elf Minuten langen Fahrt rauschen die Kabinen mehr als drei Kilometer ohne einen einzigen Stützpfeiler dahin. Weltrekord.

Das ist Whistler. Kein Wintersportziel in Nordamerika ist beliebter, keines hat mehr Pisten oder größere Höhenunterschiede zu bieten. Was einst als Hippie-Skiort begann, ist heute ein nahezu perfekter Erlebnispark für Yuppies, mit Schuh- und Handschuhheizungen am Berg und Papiertaschentüchern an jedem Lift. Und bis 2010 könnte alles noch größer und luxuriöser werden. Dann nämlich kommen die Olympischen Winterspiele nach Vancouver, und das heißt vor allem nach Whistler, wo sämtliche Ski- und Bobwettbewerbe ausgetragen werden.

Für die Zeit der Spiele wird die schönste Talabfahrt des Whistler Mountain zur abgesperrten Strecke für die Rennläufer. Doch die anderen Skifahrer muss das nicht schrecken. Denn gleich hinter der Roundhouse Lodge schwingt sich das Skigebiet in drei Wellen weiter nach oben mit viel Platz für die Fans großzügig bemessener Carvingstrecken, steiler Pisten und von Tiefschneefahrten. Ganz oben angekommen, vervielfacht sich das Gefühl der Weite noch einmal. Ringsherum sind Hunderte unerschlossener Schneeberge zu sehen.

Was die Whistler-Offiziellen gern verschweigen: Das Wetter ist launisch

Das sind hier nicht die steil aufragenden, gezackten Rocky Mountains – die ziehen sich 1000 Kilometer weiter im Landesinneren durch den Kontinent. Hier ist man in der sanfteren weißen Mondlandschaft des kanadischen Küstengebirges. Der Ort im Tal liegt kaum 700 Meter hoch, das nahe Meer bestimmt das Wetter. Das hat enorme Vorteile – im Schnitt fallen jährlich zehn Meter Schnee, und es wird trotzdem selten kälter als minus zehn Grad – und einen Nachteil, den die Whistler-Offiziellen gerne verschweigen und der manchen Touristen aus Übersee überrascht: Das Wetter ist launisch. Die Wolkengebilde wechseln im Stundentakt, der Himmel ist selten tiefblau, der Neuschnee keineswegs immer so champagnerperlig wie in den Rockies. Das hier ist nichts für Sonnenanbeter, dafür aber etwas für jene, die alle Arten von Abfahrten in allen Arten von Schnee lieben und für jede Kapriole der Natur wenigstens ein grimmiges Lächeln übrighaben. Die nicht in ihren Zimmern bleiben, weil es unten regnet, sondern sich sogar beeilen: Regen unten heißt wahrscheinlich Neuschnee irgendwo da oben über der Nebeldecke.

An diesem Tag kehren die Wolken während des späten Nachmittags zurück. Im Nu verringert sich die Sichtweite von Kilometern auf Meter. Die Steilabfahrt hinunter zur Roundhouse Lodge wird zum Abenteuer, und erst weiter unten im Wald kann man wieder sehen, wohin man fährt. An einem Tag wie diesem kommt man dem Geheimnis von Whistler auf die Spur: Whistler ist wild geblieben – seiner Größe und allem Luxus zum Trotz.

Rund 50.000 Menschen kann der Ort heute beherbergen. Es sind vor allem junge Leute. So wie der Kanadier Mitte 20, der am Morgen als Letzter in die Gondel stieg. Keine Bewegung zu viel. Zweitagebart. Die dunklen Haare noch etwas wirr. Teure Snowboarder-Kluft, den Caffè Latte von Starbucks in der einen, das Board in der anderen Hand. »So sind die Typen hier«, flüsterte ein deutscher Tourist seinem Nachbarn zu.

Die Auszubildenden und Studenten steigen in billigen und teilweise heruntergekommenen Hostels ab, die jungen Unternehmensberater und Manager in den Luxushotels. Sie treffen sich auf den Bergen und gleich nach dem Skifahren auf der Terrasse des Garibaldi oder des Merlin. Später ziehen sie in Gruppen durch die autofreien Straßen zu Restaurants und Clubs, zu Bier, Livemusik oder Karaoke. Hinzu gesellen sich die jungen Amerikaner, Australier und Briten, die sich für den Winter in Whistler verdingen, Lifttickets verkaufen, Skier ausleihen und Bier zapfen. Alle zusammen sorgen für eine besondere Ski- und Partyatmosphäre, der die hohen Preise nichts anhaben können.

Auch der Luxus kommt in Whistler lässiger daher als in anderen Skiorten. Am Hauptplatz hat Lululemon einen großen Laden eröffnet. Das angesagte Label aus Vancouver verkauft Yoga-Kleidung aus natürlichen Materialien mit der dazugehörigen Weltanschauung. Gleich gegenüber serviert Sushi Village japanische Fischgerichte. Im Vorraum warten fast immer kleine Gruppen beim Bier auf ihre Tische, es ist laut, das Ambiente schlicht – und das Essen ebenso teuer wie hervorragend. Hierher kommen abends auch diejenigen, die sich tagsüber weit von allen anderen entfernt haben und mit Whistler Heli Skiing eine Hubschraubertour zu den Gipfeln der Gegend gemacht haben. 500 Euro und mehr kostet das Skivergnügen pro Tag.

Dass Whistler heute ist, was es ist, hat viel mit einem Mann namens Al Raine zu tun. Als der fröhliche Frankokanadier vor gut 30 Jahren hierher kam, hörte man noch das Pfeifen der Murmeltiere, dem Whistler seinen Namen verdankt. Im Sessellift erzählt Al Raine von damals. Er war ein Ski Bum, wie sie hier oben sagen, ein skiverrückter Nomade der ersten Stunde. »Zunächst wollte ich Skirennläufer werden«, sagt er. »Ich trainierte viel, ging sogar für einige Jahre nach Österreich.« Doch es hat nicht geklappt mit der großen Karriere. Die machte seine Ehefrau, die kanadische Skiolympiasiegerin Nancy Greene. Er wurde stattdessen Cheftrainer der kanadischen Nationalmannschaft. Und danach »Skipionier«, wie er das nennt.

Geschäftsleute aus Vancouver hatten in den siebziger Jahren erste Häuser gebaut und Lifte auf dem Whistler Mountain errichtet, um die Olympischen Winterspiele in die Region zu holen – und waren mit der Bewerbung zweimal knapp gescheitert. Das Projekt lag am Boden. Die Regierung schaltete sich ein und heuerte Al als Berater für Whistler an. Er setzte sich durch mit seiner Idee, gleich am Berg das Ortszentrum zu bauen, mit autofreien Wegen, Hotels und Restaurants, darunter riesige Parkhäuser, und mit genau jener hübschen Fußgängerzone, die heute noch den Charme von Whistler ausmacht. Al erzählt, dass er alle Pläne für Hochhäuser abwehrte, wie sie damals in französischen Skistationen entstanden. Stattdessen wurden kleine Häuser gebaut, mit viel Holz, Erkern und Sprossenfenstern. »Alpiner Stil« heißt das hier.

Bald wurde Al Entwicklungschef von Whistler. Der kanadischen Wirtschaft ging es schlecht damals, Kapital war knapp. Al fand als Investor den Tourismuskonzern Intrawest, der vor allem Skistationen in den USA betrieb. Die Profis von Intrawest sahen das einmalige Potenzial der beiden Skiberge und übernahmen den Blackcomb. Ihre Lifte waren neu, das ganze Skierlebnis war besser organisiert als auf dem benachbarten Whistler Mountain, und schließlich übernahm der Konzern in den neunziger Jahren das gesamte Skigebiet.

Noch heute, mehr als zehn Jahre nachdem er sein Hotel in Whistler verkauft hat und in eine kleinere Skistation gezogen ist, fährt Al Raine begeistert Ski »mit die Leut«, wie er in seinem österreichischen Deutsch sagt. Es ist ein Vergnügen, ihm hinterherzufahren, der 67-Jährige findet immer noch einen unberührten Hang oder ein anderes kleines Abenteuer. Das macht für ihn auch den Erfolg junger Skiorte aus: »Nur begeisterte Skifahrer und Bergfreunde an der Spitze der Organisation können für das richtige Erlebnis sorgen.« Und dann kritisiert er die Geister, die er damals selbst rief: »Wenn stattdessen immer größere Konzerne das Sagen haben, dann kann das nicht mehr dasselbe sein.«

Tatsächlich sind die Ski Bums neben der Natur der zweite große Erfolgsfaktor von Whistler. Die allermeisten der knapp 10.000 Einwohner sind nicht in dem jungen Bergort geboren, sondern aus Skibegeisterung hierhergekommen. So wie Sue Lemmers, die am nächsten Tag eine Gruppe von Skifahrern auf den Blackcomb begleitet, mit 2284 Metern Höhe der gewaltigere der beiden Berge, mit den verwegeneren Abfahrten.

Sue hat lange dunkle Haare und ein kantiges Gesicht. Sie redet langsam und strahlt vor allem eines aus: Ruhe. Mit sorgfältig kontrollierten Bewegungen fährt sie die steilen, buckligen Waldabfahrten auf der Whistler abgewandten Seite des Berges herunter. Hinter ihr findet man leicht einen Weg über die meterhohen Buckel und zwischen Tannenbäumen hindurch. Dann nimmt sie zwei Lifte bis auf die Spitze, fährt kurz ab und führt die Gruppe eine verborgene Traverse entlang, steigt noch hundert Meter auf und fährt hinein in den Blackcomb-Gletscher, der auf breiter Fläche eine herrliche Tiefschneestrecke bereithält. Was man nicht merkt: Vor ein paar Wochen hat sich die Mutter zweier Töchter den Kiefer gebrochen und musste unters Messer. Die Skisaison lässt sie sich davon nicht verderben.

»Ich bin ein Ski Bum mit Hochschulabschluss«, sagt sie später in der Horstman-Hütte weit oben auf dem Blackcomb bei einem Teller Chili. Sue ist die Tochter eines kanadischen Hochseefischers, sie studierte Film in Vancouver und be gann dort auch im Filmgeschäft zu arbeiten. »Aber ich musste Ski laufen«, sagt sie. Also zog sie nach Whistler, ging im Sommer mit ihrem Mann auf Fischfang im Pazifik und im Winter auf Tiefschneejagd. Ihre Armbewegung beschreibt den fantastischen Rundblick, wie zum Beweis, dass es nicht anders ging.

Die Frage ist, ob Whistlers Geist vom großen Geld verdrängt wird oder ob das Städtchen sich dieses Kapital erhält. Dafür kämpft keiner mehr als der grün-alternative Bürgermeister Ken Melamed, der in einem unscheinbaren Gebäude am Ende der Fußgängerzone arbeitet. Er wurde gerade wiedergewählt, vor allem mit den Stimmen der kleinen Leute, die sich sorgen, dass sie sich ihre Mietwohnung nicht mehr leisten können und die alte Dorfgemeinschaft der Ski- und Naturenthusiasten auseinanderbricht.

Der Bürgermeister hat als Steinmetz die teuren Chalets mitgebaut

Ken kam vor 33 Jahren nach Whistler, ein Ski Bum auch er. Bis heute arbeitet er einen Tag in der Woche in seinem alten Job bei der Pistenwacht, weil ihm sonst etwas fehlt. »Ich liebe Whistler und seine Gemeinschaft«, sagt er. »Die Einwohner haben sich dieses Leben hier ausgesucht. Das vereint uns.« Einfach war Kens Leben nicht. Er hat nicht nur Skihänge kontrolliert, sondern vor allem als Steinmetz die teuren Chalets mitgebaut. »Ständig steht man unter Druck, etwas zu leisten, mitzuhalten«, sagt der Bürgermeister über seine teure Wahlheimat.

Mit Blick auf das Großereignis Olympia spricht Ken von einer »Atmosphäre der Spekulation«. Er sei ein Freund der Wirtschaft, aber nicht ohne auf die Gesellschaft zu achten. »Ich habe eine nachhaltige Entwicklung versprochen.« Intrawest, das dominierende Unternehmen am Ort, gehört mittlerweile selbst einem Finanzinvestor. Der ist in der Finanzkrise angeschlagen und daher mehr denn je darauf angewiesen, dass in Whistler die Preise steigen. Solche Interessen passen nicht ganz zu denen des Bürgermeisters. Ihm gefällt es nicht, dass einige Mieter für 2010 schon die Kündigung erhalten, weil die Eigentümer auf das große Geschäft hoffen. Er fürchtet, dass einige langjährige Bürger die Gegend ganz verlassen könnten, und will deshalb erreichen, dass nicht nur Luxushäuser gebaut werden, sondern auch Wohnungen für die weniger vermögenden Einwohner.

Könnte sein, dass es Ken Melamed ist, der die Gewinnchancen auf Dauer erhöht. Denn das Produkt Whistler bleibt besonders, solange die Ski Bums nicht vertrieben werden. Typen, die es auch nach Jahrzehnten kaum abwarten können, bis es wieder weiß wird auf dem Whistler Mountain und dem Blackcomb. Die es auf den Berg zieht, wenn es unten noch regnet. Die ihr altes Leben aufgegeben haben und hierhergezogen sind, weil sie sich partout nichts Schöneres vorstellen können.

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Anreise: Mit Lufthansa und Air Canada Direktflüge von Frankfurt am Main nach Vancouver, British Airways fliegt über London. Weiter mit dem Mietwagen oder dem Bus »Whistler Express« ( www.perimeterbus.com ). Abfahrt mehrmals täglich vom Flughafen

Skigebiet: Whistler und Blackcomb Mountains, Tel. 001-604/9048134, www.whistlerblackcomb.com . Zirka 200 Pisten und über 30 Lifte

Whistler Heli-Skiing, Tel. 001-604/9324105, www.whistlerheliskiing.com . Drei Abfahrten kosten zirka 455 Euro, weitere Abfahrt 52 Euro

Unterkunft: Whistler hat über 100 Hotels, etwa die Crystal Lodge, 4154 Village Green, Tel. 001-604/9322221, www.crystal-lodge.com . DZ ab 100 Euro, Suiten ab 176 Euro. Greystone Lodge, 4905 Spearhead Place, Tel. 001-604/9054607, www.greystonelodge.com . DZ ab 102 Euro. Apartments vermietet die Firma Aloha, Tel. 001-604/9386263, www.alohawhistler.com . Für 6 Personen pro Nacht ab 109 Euro

Auskunft: Canadian Tourism Commission, Tel. 01805-526232, www.kanada-entdecker.de . Tourism Whistler, Tel. 001-604/9353357, www.tourismwhistler.com

 
Leser-Kommentare
  1. Super Artikel, danke! Ich habe mich gerade an der Universität in Vancouver beworben; Ihr Bericht steigert da gleich die Hoffnung auf eine Zusage noch einmal! :)

  2. war ich auch dort. Zwar nur ein Tag, aber ich kann die Ausführungen in dem Artikel bestätigen. Das Wetter wechselt wirklich unvorhersehbar, ich kann mich noch an die Wettervorhersagen eines Lokalsenders in Vancouver erinnern: "Joa, mal schauen wie es heute wird... zum morgigen Tag kann ich gar nichts sagen"^^
    Whistler ist wirklich schön gelegen (am Straßenrand saßen Bären und haben Gras gefressen), die Stadt selbst fand ich jetzt nicht so dolle... "a tourist trap".

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