Welthandel Dummheit oder Ignoranz?

Die EU will den Bauern wieder Exporthilfen zahlen. Sie schadet den Armen der Welt und ruiniert ihr Image. Und alle sehen zu

Treibt uns Dummheit? Ignoranz? Skrupellosigkeit? Da verkündet die EU-Kommissarin Mariann Fischer-Boel pünktlich zur Grünen Woche, sie wolle die Exportbeihilfen für Milch, Butter und Käse wieder einrichten. Die deutsche Agrarministerin Ilse Aigner begrüßt den Schritt, der Bauernpräsident jubelt. Die anderen Politiker schweigen, und das breite Publikum guckt (nicht einmal betreten) einfach weg. Zynischer geht es kaum.

So darf es nicht weitergehen. Denn diese kleine Maßnahme zum Wohle der Bauern ist Europas (und damit unser aller) entwicklungspolitischer Offenbarungseid. Sie entlarvt Europas angebliches Mitgefühl für die Armen als pures Gerede, sie straft die angebliche Suche nach einem faireren Weltwirtschaftssystem Lügen, sie schadet obendrein auch der europäischen Handelspolitik und unserem Image im Süden. Sie ist, um im Agrarjargon zu bleiben, eine Riesensauerei.

Wem diese Formulierung zu drastisch klingt, der erinnere sich: Gegen Exportbeihilfen für europäische Bauern kämpfen die Produzenten aus dem Süden seit Jahren – inzwischen unterstützt durch eine breite Allianz, die von Dritte-Welt-Gruppen bis zu Handelsökonomen reicht. Mit immer neuen Studien belegten die, wie sehr solche Subventionen den fairen Handel verzerren, dem Süden schaden und damit den Hunger in der Welt verstärken. Endlich schien das auch in Brüssel durchzusickern, nach massivem Druck kündigte die EU-Kommission vor einer Weile an, von 2013 an auf Beihilfen ganz verzichten zu wollen. Sie machte allerdings zur Bedingung, dass auch andere (allen voran die USA) mitmachen, und zwar im Rahmen der Welthandelsrunde. Immerhin verzichtete Brüssel in den vergangenen Jahren zunehmend auf diese Beihilfen, als Zeichen guten Willens.

Bis zur vergangenen Woche. Man könne den vom Preisverfall hart getroffenen Milchwirten in der EU derzeit nicht mehr anders helfen, lautet Brüssels Begründung. Die Bauern profitieren von der Subvention, weil die Weltmarktpreise für Milchprodukte noch unter dem sowieso schon niedrigen europäischen Niveau liegen. Es gehe bei der Maßnahme also nicht »um das Kaputtmachen des Weltmarktes oder eine Schwächung der Kleinbauern in Afrika«, sagt der oberste deutsche Bauernlobbyist Gerd Sonnleitner.

Ach ja? Worum geht es dann? Natürlich verzerren die Exportbeihilfen die Marktpreise, sonst könnte man sie gleich lassen. Und natürlich wirkt sich das auf die Bauern in den armen Ländern aus. Dass immer mehr von ihnen ihre Felder und Ställe aufgegeben mussten, dass als Folge vor allem Afrika sich immer weniger selbst ernähren kann – all das hat auch mit den künstlich verbilligten Angeboten aus dem Norden zu tun.

Das weiß man in Brüssel. Dass die Kommission nun dennoch wieder zu diesem Mittel greift und dafür kaum Protest erntet, dass im Gegenteil die Franzosen die gleichen Hilfen auch noch für Schweinefleisch fordern, lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Wir alle schauen schon viel zu lange weg.

Zu sehr überlassen wir Bürger die Landwirtschaftspolitik ehemaligen Bauern und deren Sympathisanten. Die setzen auf knallharte Klientelpolitik, vor allem zugunsten der Großen ihrer Branchen, und das kann man ihnen nicht einmal verdenken. Wütend werden müssten wir indes auf Kommissionspräsident Manuel Barroso, auf Kanzlerin Angela Merkel und all die anderen Politiker, die dem Treiben der Lobby so stillschweigend zusehen. Sie billigen, dass die EU-Agrarpolitik das Image Europas im Süden zerstört. Sie ignorieren, dass diese Politik Entwicklungshilfe konterkariert. Und sie schweigen, wenn sie Europas Handelsinteressen und die Welthandelsrunde beschädigen.

Denn auch deswegen ist dieser Milchskandal so ungeheuerlich. Wer wird der EU nun noch ernsthaft glauben, dass sie den Erfolg der Welthandelsrunde will? Eine Voraussetzung für deren Abschluss, da sind sich ausnahmsweise fast alle einig gewesen, war immer: Die ungerechten Handelsbarrieren des Nordens für die Agrarprodukte des Südens müssen abgebaut werden. Ganz oben auf der Liste stehen da die Exportsubventionen.

Wer die also nun wieder einführt, der ist ein Zyniker.

Und wer dabei zusieht, auch.

Petra Pinzler

 
Leser-Kommentare
  1. Hallo
    Der Verfasser dieses Artikels kann man nur beglückwünschen .Wenn diese Person Kontakt sucht mit einemdirekt betroffenen bin ich gerne bereit.
    Die deutsche und europäische Agrarpolitikist eine Schande die seines gleichen sucht.
    Anstatt an den Ursachen für die Überproduktion etwas zu ändern,werden nur die Symtome bekämpft.
    Die europäischen Produzenten woll mehrheitlich eigentlich nur so viel produzieren wie nötig.
    Einige wenige setzten noch auf wachsen ohne Ende.
    Es muss dem deutschen und europäischen Steuerzahler bewußt werden, das er auf diese Art der Politik,um ein vielfaches mehr bezahlt an Steuern,als wenn er ander Ladentheke ein bischen mehr für das wichtigste das es im Leben gibt,nämlich das Essen ausgeben müßte.
    Die Milchbauern in BRD und Europa Milchbauern setzten auf das Verständnis der
    breiten Bevölkerung,damit sie diesen Weg mitbekleidet.
    Wir alle zusammen müssen für den Tag X bereit sein.und aufstehen ,wenn es darum geht dieser Politik und seinen Lobbyisten das Handwerk zulegen.
    So wie es im Momment der Fall ist, kann und darf es nicht weitergehen in unserem noch schönen Land.
    Schließen wir uns zusammen und machen Front gegen diese Globalisierungswahnsinnigen.Denn durch diese wird die breite Mehrheit der Bevölkerung nur immer ärmer ,und nur ein paar wenige immer reicher.
    Mehr zu diesem Thema bin ich gerne bereit zu diskutieren unter
    07837/796
    Stefan Lehmann

  2. Zu allererst herzlichen Dank der Autorin - eine klare Ansage über diesen Skandal, der leider schon seit langem das Denken der Politikentscheider des Nordens dominiert. Wenn man dann dazu nimmt, dass beispielsweise Daewoo die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche Madagaskars aufkauft (auf 99 Jahre pachtet!), um Mais anzubauen und Palmöl zu produzieren - nicht für Madagaskar. Nein, diese landwirtschaftliche Produkte werden nach Südkorea verschifft, um sie dort für den einheimischen Verbrauch zu verarbeiten. Saudis bauen Getreide im Sudan an, nicht um den dort Hungernden zu helfen, nein, für den eigenen Verbrauch! Rohstoffe wie Öl, Diamanten, Coltan - dafür werden auch Kriege geführt, als nicht zum Artikel bezogene Nebenbemerkung...

    Warum wundern wir uns, dass die Menschen aus Afrika beispielsweise aus ihren Ländern raus wollen? Dass sie sich bei uns ihren Anteil wieder holen wollen, den wir ihnen mit allen Mitteln und Tricks vorenthalten? Wundern wir uns vielmehr darüber, dass es nicht mehr sind, die kommen; dass nicht viel häufiger Hunger-Revolten stattfinden; dass sie uns noch immer ernst nehmen mit unseren "Hilfsangeboten"!

    Dieser "Zwischenruf" von Petra Pinzler gehört aus seinem Versteck auf Seite 25 auf die Titelseite der ZEIT. Dann bewirkt er vielleicht was - und wenn es nur dazu beiträgt die Wut und das Unverständnis ob solchen politischen Handelns zu verstärken!

    Dr. Rüdeger Schlaga

    • Tina F
    • 11.06.2009 um 13:21 Uhr

    Vielen Dank auch von meiner Seite. Während des Lesens Ihres Artikels wurde mir klar, dass mir dieses Problem bewusst ist und ich weiß; dass diese Subventionen zu einer Teufelsspirale führen bzw. die bereits bestehende verstärken. Dennoch muss ich mir eingestehen, dass ich noch nie aktiv etwas dagegen getan habe und mit mir wohl viele anderen.

    Diese Passivität ist in Deutschland heutzutage leider viel zu verbreitet, weil wir viel zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind und uns zu sicher oder aber zu unmächtig fühlen. Die lange Periode des Friedens und der guten sozialen Struktur hat uns ein Gefühl der Sicherheit vermittelt und uns ignorant gemacht für die Probleme in der Welt, unseren Beitrag zu diesen und die langzeitigen Folgen, die wir früher oder später zu spüren bekommen werden.

    Uns sollte allen Bewusstsein, dass wir in Deutschland im Schnitt 20cent weniger für einen Liter Milch bezahlen wie zum Beispiel in Belgien oder Frankreich. Wir sollten wieder lernen, unsere Nahrung als Genussmittel und Bestandteil unserer Lebenserhaltung anzusehen und sie in Maßen zu genießen und sie nicht in uns hineinzustopfen ohne uns darum zu scheren wo diese herkommt und wieviel Arbeit hineingesteckt wurde.

    Auf alle Fälle möchte ich mich für Ihre Zuwortmeldung bedanken und Herrn Schlage rechtgeben, dieser Artikel hat mehr Aufmerksamkeit verdient.

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