Heldentum Held auf dem Hudson
Warum wir auch in Zeiten des Ich-Ich-Ich Heroen lieben

© Streeter Lecka/Getty Images; dpa
Anflug auf den Charlotte-Douglas International Airport. Pilot Chesley B. Sullenberger landete am 15. Januar einen Airbus sicher auf dem Hudson-Fluss in New York
Was ist ein Held? Das ist ein Herrmann, der eine ganze römische Armee im germanischen Tann schlägt. Oder ein Herakles, ein richtiger Saubermann, der den Augiasstall ausmistet. Auch Paris gilt als Held, obwohl er nur der bekannteste Frauenräuber der Geschichte war. Doch grundsätzlich zeichnen den Helden jene Gaben aus, die ihn zu Großtaten befähigen, wobei er Mut und Kraft bis zur Selbstverleugnung, ja -zerstörung beweist.
Einen Theseus, der den Minotaur umbrachte, einen Perseus, der die Medusa mordete, gibt es heute nicht mehr. Aber es gibt Chesley Sullenberger, den USAir-Kapitän, dem das schier Unmögliche gelang: die Notlandung eines Passagier-Jets auf dem betonharten Wasser. Er rettete 155 Menschen das Leben, weil er ein perfekter Profi war. Aber das pure Können macht noch keinen Helden; zu dem wuchs der Pilot erst heran, als er in der Tradition von »Kinder und Frauen zuerst« als Letzter von Bord ging, nachdem er die Kabine zweimal nach Verletzten abgesucht hatte.
Dass solche Tugend – unter eigenem Risiko die Verantwortung für Schwächere übernehmen – auch in der Postmoderne gefragt ist, beweisen zwei sehr zeitgemäße Phänomene: Es dauerte nur Stunden, bis der Mann eine Seite bei Facebook und einen Eintrag in Wikipedia hatte. Ein zweiter Held dieser Tage hat keinen Eintrag bekommen, dafür aber ein paar Sätze in der Abschiedsrede von George W. Bush. Es ist Bill Krissoff, ein Chirurg aus Kalifornien, mit dem dieser Autor, damals Austauschschüler, vor Urzeiten die High School in Grand Rapids, Michigan besucht hat.
Sein Sohn Nathan war als Marine im Irak gefallen, und der Vater wollte, statt mit dem Schicksal zu hadern, etwas für dessen Kameraden tun: im Krieg als Arzt Leben retten. Im Alter von 60 gab er die lukrative Praxis auf und unterzog sich in der Navy einem monatelangen Training als Militär-Chirurg. Bei der Zeremonie im Weißen Haus war er nicht dabei, weil er, wie Bush sagte, auf dem Weg in den Irak war. Sullenberger war übrigens auch verschwunden, als die Nation ihren neuen Helden aufzuspüren versuchte.
Bescheidenheit, sich zurücknehmen, das Risiko nicht scheuen – das sind die Tugenden, die früher unter dem Rubrum »Ehrenkodex« liefen und noch immer das Wesen des Helden ausmachen, nicht die Ruhm- oder Geltungssucht. Bei Doktor Krissoff kommt der Patriotismus hinzu, den die Postmoderne kaum noch schätzt, ja als falsche Tugend verpönt. Aber was ist Patriotismus anderes, als für andere einzustehen, für die man eine besondere Zugehörigkeit empfindet?
Bert Brecht, der Zyniker, hat uns im Galilei einzureden versucht: »Glücklich das Land, das keinen Helden braucht.« Falsch, auch wenn unsere Helden heute bei Facebook, auf dem Altar der Selbstbezogenheit, oder, horribile dictu, von George W. gefeiert werden. Die Faszination, die ein Sullenberger ausübt, hat nichts mit dem »Heldentum« zu tun, das im »Dschungelcamp« verhökert wird. Dort geht’s um Ekelabwehr für 15 Minuten Ruhm. Wir werden sie alle nach 20 Minuten vergessen haben, nicht aber Menschen wie Sullenberger und Krissoff. Die haben es nicht für sich, sondern für andere getan. Ein TV-Spektakel wäre ihnen der wahre Ekel.
- Datum 25.01.2009 - 11:07 Uhr
- Serie opi
- Quelle DIE ZEIT, 22.01.2009 Nr. 05
- Kommentare 17
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"Ein zweiter Held dieser Tage hat keinen Eintrag bekommen, dafür aber ein paar Sätze in der Abschiedsrede von George W. Bush. ... Sein Sohn Nathan war als Marine im Irak gefallen, und der Vater wollte, statt mit dem Schicksal zu hadern, etwas für dessen Kameraden tun: im Krieg als Arzt Leben retten."
... Bert Brecht, der Zyniker, hat uns im Galilei einzureden versucht: »Glücklich das Land, das keinen Helden braucht.«
In meinen Augen ist Bush und auch sein Bannerträger, der Verfasser dieses Artikels, zu den Zynikern zu rechnen.
Der Ex-Präsident hat mit frei erfundenen "Beweisen" das Irakdesaster angerichtet. Sohn Nathan könnte ohne den völkerrechtswidrigen Krieg noch leben und sein Vater
müsste hier nicht als Held gepriesen werden.
Brecht hatte Recht, hat Recht und wird mit seinem keineswegs zynischen Satz auch in Zukunft Recht haben.
"Bescheidenheit, sich zurücknehmen, das Risiko nicht scheuen – das sind die Tugenden, die früher unter dem Rubrum »Ehrenkodex« liefen und noch immer das Wesen des Helden ausmachen, nicht die Ruhm- oder Geltungssucht."
Wenn das die Definition von Heldentum ist, dann haben wir viele Helden - mehr im privaten Bereich als im öffentlichen Leben. Leider werden nicht nur heute "Helden" aber zumeist von Regierungen und den ihnen nahe stehenden Medien zunächst gemacht und dann instrumentialisiert. Diese "Helden" meinte Brecht. 'Helden" die beim Volk Hingabe und Begeisterung für die menschenverachtenden Aktionen einer ideologisch verblendeten Clique wecken sollen.
Nebenbei bemerkt, Herr Joffe: Ein Patriotismus, der auf der Liebe zu seinem Land und zu den Menschen fusst, ist auch heute noch ein Bedürfnis. Nicht aber ein Chauvinismus, der sich als Patriotismus tarnt und meint die Interessen seines Landes über das Glück aller anderen Menschen stellen zu können. Deshalb habe ich - wie so viele andere - Probleme mit Helden, die in Verbindung mit völkerrechtswidrigen Angriffskriegen aus nationalistischen Gründen stehen.
Stimme Ihnen zu, dass wir viele Helden haben, die nie bekannt werden. Genauso wie es viele Genies gibt, die nie auf der Weltbühne auftauchen, die im Stillen arbeiten.
Wo ich aber nicht Ihrer Meinung bin ist in der Bewertung des Arztes, der in den Irak ging, um dort als Arzt zu helfen. Schlicht und einfach aus dem Grund, weil er ja nicht in den Irak gezogen ist, um dort andere zu töten sondern um verwundeten Soldaten beizustehen. Für mich kann so jemand durchaus als Held gelten, auch wenn ich Ihre Ansicht zum Irakkrieg 100% teile. Dafür, dass der schlechteste Präsident in der Geschichte der USA seinen Einsatz zu Propagandazwecken ausnützt kann der Arzt aber nichts.
Stimme Ihnen zu, dass wir viele Helden haben, die nie bekannt werden. Genauso wie es viele Genies gibt, die nie auf der Weltbühne auftauchen, die im Stillen arbeiten.
Wo ich aber nicht Ihrer Meinung bin ist in der Bewertung des Arztes, der in den Irak ging, um dort als Arzt zu helfen. Schlicht und einfach aus dem Grund, weil er ja nicht in den Irak gezogen ist, um dort andere zu töten sondern um verwundeten Soldaten beizustehen. Für mich kann so jemand durchaus als Held gelten, auch wenn ich Ihre Ansicht zum Irakkrieg 100% teile. Dafür, dass der schlechteste Präsident in der Geschichte der USA seinen Einsatz zu Propagandazwecken ausnützt kann der Arzt aber nichts.
...das helden hat, wenn es sie braucht.
...Chesley B. Sullenberger keinen Herrn Joffe brauchte, um zu wissen, was zu tun war als er gefordert wurde.
Sagen sie mal Herr Joffe, manchmal schreiben sie ganz schön komische Dinge.
"Glücklich das Land das keine Helden braucht" ist falsch weil in Amerika zwei Menschen geehrt wurden die etwas Tolles "... nicht für sich, sondern für andere getan ..." haben.
Aha.
Wollen sie damit jetzt sagen dass Amerika glücklich ist und trotzdem Helden braucht?? Hat ja nur Probleme in der Wirtschaft, Bildung und Chancengleichheit, außerdem Krieg in Afganistan, Krieg im Irak und "die Notlandung eines Passagier-Jets auf dem betonharten Wasser"!
Und eben zwei Helden die die Karre ein bisschen aus dem Dreck ziehen (wollen).
Ein Land das einen 60-jährigen Opa in den Krieg ziehen lässt. Glücklich?
Übrigens noch herzlichen Glückwunsch dass sie einmal mit einem Helden auf der selben Schule gewesen sind.
Wenn jetzt nach einem Tag rausgekommen wäre, das nicht er sondern seine jüngere Copilotin geflogen wäre (keine Ahnung obs die jetzt in dem Fall gab), dann hätte sicher die ganze Welt darüber gerätselt, was sie vorher falsch gemacht hat.
So war das zumindest letztes Jahr bei uns mit dem weggewehten Flugzeug. Erst hieß es er wars: ja, super gemacht! Dann kam raus sie wars: die Anfängerin hat bestimmt einen Fehler gemacht...
In der Theorie sind Theorie und Praxis immer dasselbe, in der Praxis sind sie es nie!
Lieber Herr Joffe,
Bezüglich Sullenberger und Ihrem High School Kameraden Kerissoff mögen Sie mit der Beschreibung wahrhaftiger moderner Helden Recht haben. Sullenberger und seine Crew handelten so, wie professionelle Airline-Leute reagieren müssen, denen 150 oder mehr Passagiere ihr Leben anvertrauen. Der Kapitän des Airbus hat das in einer der kürzesten eindrucksvollen Reden der letzten Tage auf den Punkt gebracht. - So sind sie, die wahrhaftigen Helden des Alltags. Wahrscheinlich gibt es davon rund um die Erde mehr, als wir es uns in den Stunden des tiefsten Pessimismus eingestehen wollen.
Mit Patriotismus hat das allerdings überhaupt nichts zu tun, ebenso nicht mit den heroischen Halbgöttern und Königssöhnen der griechischen Sagen-Antike.
Warum Sie dann die Helden-Geschichte ihres Schulkameraden Kerissoff mit dem Begriff Patriotismus aufladen, bleibt mir unverständlich, denn das Motiv mit dem eigenen Handeln einfach so viele Menschen wie möglich zu retten oder ihnen zu helfen, genügte doch für jeden "Helden", ob das nun Feuerwehrleute, Bergretter oder die Ärzte in den Krankenhäusern von Gaza und Shderot sind, die ohne Ansehen ihrer selbst und der Personen die sie retten, handeln.
Patriotismus hingegen, bleibt in diesem Zusammenhang eine zweifelhafte, erst einmal zu überprüfende Kategorie. Ich würde ihn, den Patriotismus, im positiven Sinne z.B. Henning von Tresckow oder auch Klaus von Stauffenberg, der "Weißen Rose", oder den Leuten von der "Roten Kapelle" unterstellen. Auch beim nun plötzlich wieder entdeckten Robert Blum träfe das sicherlich zu. - Meist waren diese "Helden" nicht eigentlich "erfolgreich", aber sie halten die Hoffnung hoch, dass das Böse und Falsche nicht unbedingt siegen muss und ihre Beispiele geben uns immer Mut und Hoffnung.
Warum Sie aber ausgerechnet den Brecht des Galilei heran ziehen, um ihn mit dem bekannten , aber von Ihnen entstellten Zitat, es stammt aus Rollendialogen eines Dramas, als Zyniker und schlechtes Gegenmodell hinzustellen, kann ich intellektuell nicht nachvollziehen.
Vielleicht kennen Sie das Stück nicht, oder Sie erinnern es nicht, haben das Zitat irgendwo abgeschrieben, statt einmal nachzuschauen.
Sicher kennen Sie weder seine Entstehungsgeschichte, noch die Lebenssituation Brechts, als er es schrieb. - Wenn Sie sich kundig gemacht hätten, wären Sie vielleicht vorsichtiger und würden nicht völlig falsch interpretieren und auch noch falsch zitieren. - Korrekte Zitate sind doch die primäre Tugend des Journalisten.
Auf keinen Fall ist dieses Stück ein zynisches Stück und der Satz stammt aus einem Zusammenhang, in dem der enttäuschte Schüler Galileis seinem Meister wegen des Widerrufs der von ihm erkannten Wahrheit vor der päpstlichen Inquisition zur Rede stellt: "Unglücklich das Land, das keine Helden hat!" Galilei antwortet, "Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat." (Szene 13, 1., dänische Fassung). Am Ende des Stückes hilft Galilei, schon vom Tode gezeichnet der Wahrheit mit der List der Vernunft ans Licht der Öffentlichkeit. - Wo finden Sie da einen Funken Zynismus?
Dieses Stück wurde 1947 in New York auch in einer dritten, englischen Fassung aufgeführt, mit einem überragend agierenden Charles Laughton als Galilei. Im Publikum Chaplin, Charles Boyer, Ingrid Bergmann, Anthony Quinn und Frank Lloyd Wright, danach noch siebzehn Mal vor teilweise illustrem Publikum.
Keiner hat danach behauptet, dieses Stück sei Verführung zum Zynismus. Ganz im Gegenteil. - Man hat diesem Stück alles nur Erdenkliche, Naivität, Ideologie, mangelnde inszenatorische Inspiration, in böser Absicht und dummer Unkenntnis unterstellt. Sie aber, sind tatsächlich der Erste, der ausgerechnet daraus als Fazit liest, Brecht wolle uns zu Zynikern umerziehen.
Worüber man so wenig oder nichts weiß, sollte man besser schweigen. Und noch viel trauriger finde ich es, wenn Sie fast jedes Thema, das geeignet wäre auf ganz allgemeine Werte hinzuweisen und positiv zu wirken, durch viel Nebel in Halbsätzen und solche unwahren Unterstellungen, entstellen und verschwurbeln. Ich finde, Sie hätten das doch überhaupt nicht nötig.
Ich würde gerne einmal eine Antwort von Ihnen, vor allem zu ihrer Recherche um das Brecht-Zitat, hier lesen. Das ist doch die kleinstmögliche, heldische Journalisten-Pflicht, bei so wenig verfasstem Text. Denken und Meinen können Sie ja ruhig weiter was Sie wollen.
Mit freundlichen Grüßen
Christoph Leusch
Meine Anregung:
Bertolt Brechts "Leben des Galilei", Spectaculum 65- Sonderband zum 100.Geburtstag von Bertolt Brecht, Franfurt.a.M., 1. Aufl.1998
Die Medien produzieren aus eigennützigen Gründen (Umsatz) permament erhebliche Teile unseres Realitätsbildes. Herr Sullenberger mag ein guter Pilot und feiner Mensch sein aber warum ist er ein Held wenn er sich erfolgreich bemüht nicht mit seinem Flugzeug zu zerschellen?
Die Mechanismen nach denen die Medien funktionieren, die Wechselwirkung mit den Erwartungen des Publikums, sind äußerst wichtig und äußerst beunruhigend. Sie machen Kriege möglich und füttern ständig verblödende Tendenzen zurück ins kollektive Bewusstsein. Es wird Zeit dass in den Schulen dafür mal ein Bewusstein geschaffen wird, denn die Medien selbst tun den Teufel und reflektieren sich nicht öffentlich selbst. Vielleicht bricht auch das Internet (aber nicht das verlagskontrollierte) langfristig diese üble, klebrige Verbindung zwischen Realität und Kommerzinteressen.
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