Helmut Schmidt

Lieber Herr Schmidt, wenn man sich Ihre Biografie anschaut, dann hätten Sie auch Städtebauer, Redakteur einer Parteizeitung, Eisengießer in den USA, Geschäftsführer der Hamburger Hafen- und Lagerhaus Gesellschaft oder auch Seehafenspediteur werden können.

(lacht) Das ist wohl richtig.

Dann sind Sie aber doch in die Politik gegangen und schließlich bei der ZEIT gelandet. Welche Rolle haben Zufälle gespielt?

Eine große. Als ich jung war, habe ich mich unter dem Einfluss meiner Schule und des Hamburger Architekten Richard Laage innerlich etwa zehn Jahre lang auf den Beruf des Städtebauers vorbereitet – von meinem 15. Lebensjahr an bis zum Ende des Krieges.

Sie träumten doch davon, Architekt zu werden!

Es zeigte sich auch, dass ich ein ganz kleines musikalisches Talent hatte und ein noch kleineres malerisches. Für den Hauptberuf des Musikers oder Malers waren beide völlig unzureichend.

Machen Sie sich jetzt nicht kleiner, als Sie sind?

Nein, nein. Für einen Beruf reichten die Talente nicht aus. Städtebau aber ist eine Mischung aus Kunst, Ökonomie, Organisation und Planung; das hätte mir sehr gelegen. Nach dem Krieg habe ich mich aber für das Brotstudium der Volkswirtschaft entscheiden müssen, weil man da mit sechs oder sieben Semestern auskam.

Ist Ihnen diese Entscheidung schwergefallen?

Nein. Die Volkswirtschaft hat mir all die Möglichkeiten eröffnet, die Sie genannt haben. Wobei Sie übrigens eine vergessen haben: 1939 war meine Wehrpflichtzeit zu Ende, und ich bewarb mich bei der deutschen Shell, um aus Nazideutschland rauszukommen. Ich wollte als kaufmännischer Volontär nach Holländisch-Indien, heute Indonesien genannt. Mein Vater hatte mir sogar schon einen Zivilanzug gekauft. Wenn der Krieg nicht dazwischengekommen wäre – ich wäre wohl Kaufmann geworden.

Wie konnten Sie Ihre Ambitionen mit dem Brotstudium vereinbaren?

Nach meiner Prüfung hat mir ein Professor vorgeschlagen, noch ein paar Semester dranzuhängen und eine Dissertation zu schreiben. Da habe ich ihm ziemlich arrogant geantwortet, dass ich warten könne, bis mir der Doktortitel ehrenhalber verliehen werde. Zunächst müsse ich aber meine Familie ernähren.

Und Ehrendoktortitel haben Sie dann ja auch etliche bekommen. Wie viele sind es eigentlich?

Ich weiß das nicht genau, wohl an die zwei Dutzend. Aber ich mache davon nie Gebrauch.

Sie hatten ja auch einen schickeren Titel: Bis 1982 waren Sie Bundeskanzler. Und nach dem Misstrauensvotum hofften nicht wenige in der SPD darauf, dass Sie bei den Neuwahlen gegen Kohl antreten würden. Angeblich haben Sie damals wochenlang mit sich gerungen.

»Wochenlang« ist falsch. Ich war von Anfang an abgeneigt und habe schließlich abgelehnt. Aber zwischendurch wurde ich von Parteifreunden moralisch unter Druck gesetzt.

Hätten Sie denn 1983, im Jahr der geistig-moralischen Wende, eine Chance gegen Kohl gehabt?

Gegen Kohl vielleicht. Aber ich hätte meine Partei mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf Kurs bringen können. Das wäre das größere Problem gewesen. Und außerdem fühlte ich mich als zu alt.

1994 gab es Spekulationen über Ihr Comeback als Politiker. In einer Biografie heißt es, Sie seien nicht gänzlich abgeneigt gewesen.

Das ist Quitsche-Quatsch – richtiger Unfug!

Bis heute sind Sie der einzige Kanzler gewesen, der nicht zugleich Vorsitzender der Regierungspartei war. Hat Sie dieses Amt nicht gereizt?

Wir hatten ja einen Parteivorsitzenden – und das war Willy Brandt. Es kam für mich nicht infrage, mit ihm in Konkurrenz zu treten.

Sind Karrieren eigentlich planbar?

Das kommt auf den Beruf an. Berufspolitiker, die ihre Karriere planen wollen, können mir gestohlen bleiben.

»Wenn der Krieg nicht dazwischengekommen wäre – ich wäre wohl Kaufmann geworden«Auf eine Zigarette mit

Über das, was er hätte werden können

 
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