Als mild und wundertätig wird sie beschrieben, Bettlern zugeneigt und eine Freundin des Volkes. Als »von reiner und edler Stirn, anmutigem Wesen und wahrhaft königlicher Gestalt«, pries sie im 10. Jahrhundert die Dichterin Roswitha von Gandersheim, und bis heute ranken sich um die »heilige Editha« viele Legenden. Doch der Streit, den die Gemahlin Ottos des Großen posthum entfacht, ist alles andere als königlich und könnte einen der spannendsten archäologischen Funde Sachsen-Anhalts im Getöse einer Provinzposse untergehen lassen.

Dabei steht die Bedeutung des Fundes außer Zweifel. Was die Archäologen vor einigen Wochen im Magdeburger Dom freilegten, ist für Grabungsleiter Rainer Kuhn »der wichtigste Mittelalterfund der letzten Jahrzehnte in Deutschland, wenn nicht gar in Mitteleuropa«. Denn was man bis dahin für ein sogenanntes Schmuckgrab aus Sandstein gehalten hatte, entpuppte sich als Schatztruhe. Als die Forscher mit einem speziellen Hebezug den tonnenschweren Grabdeckel anhoben, kam darunter ein Bleisarg zum Vorschein, der Knochen und Stoffreste enthielt. Glaubt man der lateinischen Inschrift auf dem Sargdeckel, handelt es sich um nichts anderes als die sterblichen Überreste der Königin Editha.

Jahrhundertelang hatte die Sandsteinhülle nur als Scheinsarg gegolten, als Kenotaph. Schließlich starb Editha schon 946 nach Christus, lange bevor im Jahre 1209 der Bau des Magdeburger Doms in Angriff genommen wurde. Der verzierte Sandsteinklotz im Chorumgang des 1520 fertiggestellten Doms – wenige Meter vom Grab Ottos des Großen entfernt – schien lediglich eine symbolische Erinnerung an jene englische Königstochter Editha von Wessex, die im Jahre 929 zur ersten Gemahlin Ottos I. wurde.

Dass aus dem vermeintlichen Schmuckgrab nun tatsächlich Gebeine zum Vorschein kamen, ließ die Archäologen regelrecht aus dem Häuschen geraten. »Königsgräber werden heutzutage nicht so oft entdeckt. Deshalb können wir den Fund von Magdeburg mit Fug und Recht als sensationell einstufen«, schwärmt Sachsen-Anhalts Landesarchäologe Harald Meller. Er ist sich sicher: »Die geborgenen Reste der Königin Edith sind in diesem Sarkophag.«

Auch in Magdeburg ist man aus dem Häuschen – allerdings aus anderen Gründen. Dort ist man erzürnt darüber, dass in dieser Woche der Sensationsfund nicht in Magdeburg selbst präsentiert wurde, sondern in Halle, im dort ansässigen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. »Dieses empfinde ich als einen Vorgang, der jeden Respekt vor der Geschichte Magdeburgs vermissen lässt«, wetterte Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper. Auch der Chef des Landesmuseumsverbands Matthias Puhle ist erzürnt: In einer »Nacht- und Nebelaktion« seien die wertvollen Gebeine aus dem Magdeburger Dom nach Halle abtransportiert worden. Und Giselher Quast, Domprediger in Magdeburg, klagte im Regionalsender MDR1, die Domgemeinde sei von der Graböffnung regelrecht »ausgeschlossen« worden. »Wir mussten uns im eigenen Haus mit Gewalt sozusagen Zutritt verschaffen. Für mich ist das Störung der Totenruhe.« Sogar das böse Wort von der »Leichenfledderei« fällt.

Wurde die heilige Editha also regelrecht nach Halle verschleppt? Dort kontert man die Vorwürfe gelassen. Verantwortlich für die Ausgrabung sei nun mal das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Und dass die Experten Mitte November entschieden, den Bleisarg aus Magdeburg abzutransportieren, sei aus Sicherheits- und konservatorischen Gründen geschehen. »Und dabei bleibt es auch«, sagte Landesamtssprecher Alfred Reichenberger. Ein Rücktransport nur für eine Präsentation käme nicht infrage. Im Übrigen sei die Domgemeinde seinerzeit über den Abtransport informiert gewesen.

Selbst Sachsen-Anhalts Kultusminister Jan-Hendrick Olbertz versucht inzwischen, die Wogen zu glätten. Doch die Streithähne schalten auf stur. Während Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper beklagt, er habe erst am 21. Januar von der Entdeckung des Grabes erfahren, merkt man in Halle süffisant an, dass Trümper sich zuvor nie für das Projekt interessiert habe; und auch von Magdeburgs Museumschef Puhle habe es seinerzeit so gut wie keine Unterstützung für die Ausgrabungen gegeben. Da komme das plötzliche Interesse an der archäologischen Arbeit arg spät.