Für den amerikanischen Informatiker Nicholas Negroponte ist hier ein entscheidender Schritt getan. Ein Schritt zur Verbesserung der Welt! Ein Kind beginnt, sich mit einem Computer zu beschäftigen – viel mehr braucht es seiner Meinung nach nicht, um die Bildungskluft zwischen den Wohlstandsländern und den Holzfeuergesellschaften der Dritten Welt zu verringern. Gebt allen Kindern auf unserem Planeten ein Laptop, so lautet seine provokante These, und alles Weitere wird sich ergeben. Jeder Mensch lerne das Laufen und Sprechen, ohne dass man es ihm extra beibringen müsse. Nicht viel anders sei es beim Umgang mit Computern.

Negroponte, der Bruder des ehemaligen stellvertretenden US-Außenministers John Negroponte, ist Ex-Professor am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, ein Visionär in der IT-Welt und ein großer Polemiker gegen bedenkenträgerische Technik-Verächter. Wenn er höre, sagt er in einem seiner Vorträge, die man auf Youtube ansehen kann, dass darüber nachgedacht werde, wie man Lehrer lehren soll, die Kinder zu lehren, einen Computer zu bedienen, dann frage er sich, in welcher Welt er eigentlich lebe. In Kambodscha hat er schon vor zehn Jahren in einem abgelegenen Dorf Laptops an Jugendliche ausgeben lassen und ihnen via Satellit Internetzugang verschafft. »Sie benutzten Skype jeden Tag. Das erste englische Wort, das sie beherrschten, war Google.« Für den Professor ist das eine frohe Botschaft.

Im Herbst seiner Karriere hat er die gemeinnützige Initiative One Laptop Per Child (OLPC) ins Leben gerufen mit dem Ziel, Kindern armer Länder den Zugang zu Computern zu ermöglichen. Sein Team entwickelte ein mit lizenzfreier Software arbeitendes 100-Dollar-Laptop, das am Ende zwar 188 Dollar kostete, aber ein Wunderwerk an technologischer Effizienz und Cleverness wurde. 570000 Laptops in über 23 Ländern hat die Organisation schon vermittelt. Die 5000, die in Äthiopien ausgegeben werden, hat die italienische Stadt Brescia finanziert.

Da der Preis für die Produktion der Computer mit steigenden Stückzahlen sinkt, ist das Projekt auf größtmögliche Expansion ausgerichtet. Millionenfach will Negroponte seine Laptops in die Welt bringen, am liebsten in großen Containerlieferungen, gleichsam vom Lastwagen herab, wie er vor eineinhalb Jahren in einem Interview mit der ZEIT verkündete. Im festen Glauben an das Prinzip Learning by Doing sollen die Kinder mit den Geräten auf den Knien in glückliches Medienleben entlassen werden.

Wir fahren zurück nach Addis. Eine Stadt, die im Vergleich zu anderen afrikanischen Metropolen auf eine ganz selbstverständliche Weise in sich zu ruhen scheint – in der Resignation, die soziale Not auf den Bürgersteigen und in den Wellblechsiedlungen hinnehmen zu müssen, und im Stolz, sich davon trotzdem nicht entwürdigen zu lassen. Die Straße nach Addis führt im Norden über hügeliges Gelände. Es ist die Strecke, auf der der äthiopische Wunderläufer Haile Gebrselassie trainiert. Am Abend vor dem Feiertag kommen einem dort scharenweise junge Langstreckenläufer mit drahtigen Körpern und geblähter Brust entgegen. Ihre Gesichter künden vom eisernen Willen, vorankommen zu wollen in einem Land, an dem das Hungerkatastrophen-Image klebt wie der Staub an den verschwitzten Lauftrikots.

Entlang der Bole Road, die zum Flughafen führt, sind in Addis die Gebäude des schicken Äthiopien aufgereiht, Shopping-Center, Bürohochhäuser und Appartements. Hier trifft man wieder auf das Hoffnungsblau, in das der Computer Deribas Hütte in Mullosayyoo getaucht hat: Vor blau getönten Hochhausfenstern in blauem Sakko sitzt Doktor Mebrahtu Meles und entwirft himmelblaue Zukunftsvisionen. Er ist der Direktor des Engineering Capacity Building Program (ecbp), einer Organisation, die (in Kooperation mit dem deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit) die IT-Infrastruktur in Äthiopien voranbringen will und unter anderem für die Einführung der 5000 gespendeten OLPC-Laptops zuständig ist. Was die Computer angeht, hat er eine einfache Rechnung parat: Auf mindestens fünf Jahre ist die Haltbarkeit der Geräte veranschlagt, bei einem Preis von 200 Dollar betragen die Kosten 40 Dollar pro Jahr. Das sei weniger, als man für die Anschaffung von gedruckten Schulbüchern pro Jahr und Kind ausgeben müsse. Alleine die Verwendung des Laptops als Schulbuchersatz rechtfertige also die Anschaffung. Trotzdem sei es für eine landesweite Einführung der Computer auf Staatskosten noch viel zu früh. Vorerst sind die Laptops für Doktor Mebrahtu nur ein kleines Mosaiksteinchen im Bild vom großen äthiopischen Aufbruch. Von den Universitäten erzählt er, die im ganzen Land gebaut werden, von der großen Justizreform, die durchgeführt wird, von der einheimischen Industrie, die auf dem Weg zur Exportfähigkeit sei. 60 Reformprogramme habe die Regierung aufgelegt, deren Ziel ein anderes Äthiopien sei. 97 Prozent aller Kinder gingen inzwischen zur Schule, vor 20 Jahren seien es nur 20 Prozent gewesen.

Solomon Getachem Kassa, Direktor an der Atse Naod Public School, einer der größten in Addis, kann das bestätigen. Seine Schule liegt mitten in der Stadt, beherbergt 2000 Schüler, 800 von ihnen haben ein OLPC-Laptop bekommen. In Solomons Büro ist die Nationalflagge hinter dem ledernen Schreibtischsessel aufgepflanzt, aber die Amtsführung des Direktors ist alles andere als präsidial. Er trägt einen blauen Trainingsanzug. Sportiv ist der Vierzigjährige unterwegs in eine neue Zeit. Im Laufschritt durchpflügt er die dichten Kindertrauben auf dem Schulhof, rennt einen Jungen über den Haufen, streichelt ihm liebevoll über den Kopf und ist schon wieder im Gewusel der grünen Schuluniformen verschwunden. Er will dem Gast den Fachraum für die Naturwissenschaften zeigen – ein geradezu weltvergessen eingestaubtes Klassenzimmer voll leerer Regale. In die Tischzeilen sind Nirosta-Spülbecken eingelassen, in die noch nie ein Tropfen Wasser gelaufen ist. Neben der Tafel steht einsam ein Menschenmodell mit aufklappbarem Oberbauch. Der Biologieraum? »Nein, der Raum für alle Naturwissenschaften. Für die gesamte Schule«, sagt Solomon und verzieht entschuldigend das Gesicht. Noch sei nicht alles gut in Atse Naod, aber viel habe sich getan.