Ein neues Gebäude, sieben Stockwerke hoch, ist vor zwei Jahren fertig geworden. Davor fand der Unterricht wegen Raummangel nur im Schichtwechsel statt, vormittags kam die eine Hälfte der Schüler, am Nachmittag die andere. Inzwischen gibt es ein Ganztagesprogramm für alle. Und jetzt sind auch noch die neuen Computer da! »Geben wir den Kindern Zugang zu dieser Welt«, ruft Solomon, »lassen wir sie ihre eigenen Erfahrungen sammeln!« Der Direktor hat Umweltprojekte vor Augen, in denen die Schüler losziehen und mit ihren Webcams die Natur selbst erforschen sollen. Er will eigenständiges Lernen fördern, Referate halten lassen, Gruppenarbeit organisieren. Was an äthiopischen Schulen ungefähr so selbstverständlich ist wie fließendes Wasser in jeder Wellblechhütte.

Tradition hat hier der Frontalunterricht. Aus den Klassenzimmern kann man hören, wie der Lehrer einen Satz auf Englisch vorspricht und 80 Kinderstimmen ihm im Chor nachsprechen. Auf dem Schulhof führt der Hausmeister vor, was außerdem zum Stil der alten Disziplinschule gehört: Mit einem grünen Elektrokabel schlägt er den Jungs auf die Finger, die vorwitzig an den Fenstern herumturnen.

Die Lehrer tun sich schwer beim Teacher-Training. Die meisten von ihnen haben zuvor noch nie einen Computer gesehen, geschweige denn bedient. Suchend kreisen die Zeigefinger über der Tastatur, als müssten sie Staubpartikel aus einer Schale mit Hirsekörnern picken. Lehrer werden in Äthiopien nicht gut bezahlt, und der Unterricht ist anstrengend in Klassen mit teilweise über 100 Schülern. Im pädagogischen Konservatismus fest verankert, balancieren sie auf dem Weg in die Klassenzimmer die Pappschachteln mit Schulkreide auf ihren Büchern.

Dabei können die Lehrer viel dazu beitragen, dass das Laptop-Projekt sich nicht in eine ähnliche Richtung entwickelt wie die Sache mit dem Plasma-TV. Vor ein paar Jahren nämlich hat die äthiopische Regierung im ganzen Land Fernsehgeräte für die oberen Schulklassen anschaffen lassen. Auf die teuren Plasmabildschirme wurde von zentraler Stelle aus eine Art Schulfernsehen in Fächern wie Mathematik und Fremdsprachen gesendet. Aber viele Kinder verstanden das Englisch der Fernsehlehrer kaum, die Unterrichtseinheiten rauschten zu schnell an ihnen vorbei, die pädagogische Kommunikation war zu einseitig. Die ersten Geräte gingen kaputt. Viele, so heißt es, stehen inzwischen unrepariert herum. Eine Erfolgsgeschichte klingt anders.

Werden sich all die Verheißungen und Erwartungen erfüllen, die an das blaue Monitorlicht geknüpft sind, das die kleine Almas in ihrer Lehmhütte in Mullosayyoo angeknipst hat? Die des Vaters, des Staates, der Entwicklungshelfer und der amerikanischen Technikgläubigen? Auf die Frage, was sie denn am liebsten spiele, klappt Almas ihren neuen Computer erst einmal zu und führt den Besuch zu einem winzigen Verschlag in der Nachbarshütte. Dort spielt sie mit winzigen Holzschälchen, zerbeulten Niveadosen und Stöckchen die traditionelle äthiopische Kaffeezeremonie nach. Kichernd sitzen ihre Freundinnen bereits um eine alte Holzkiste, rösten Fantasiebohnen über einer ausgedachten Feuerstelle und wedeln dem Gast mit Blättern den frischen Kaffeeduft unter die Nase. Der riecht sehr verlockend.

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