Niederlande Zwei Farben Rot

Amsterdams Vergnügungsviertel wird schick gemacht. Ateliers und Galerien blühen auf im Zwielicht des Verruchten. Dem Milieu wird dabei angst und bange

Rotlichtviertel Amsterdam

In jedes zweite Hurenfenster Amsterdams sollen Trendsetter ziehen

Es kam der Tag, an dem sich die beiden Jans gegenüberstanden. Exakt ein Jahr ist das her, Januar 2008. Jan Taminiau war damals 32, Jan Broers 70. Taminiau kam aus Tilburg und zog in die Häuser Oudezijds Achterburgwal 60 und 62, genau gegenüber dem Hotel von Broers, Hausnummer 47. Seither ist in Amsterdams legendärem Rotlichtbezirk kaum mehr etwas so, wie es die Legende flüstert.

Ein Jahr später, Januar 2009. In Jan Taminiaus Fenster steht eine Frau und starrt auf den Achterburgwal im Herzen der Stadt, den »Wallen«, Postleitzahl 1012. Sie trägt ein rotes Kleid und hat einen schönen, leblosen Körper. Sie sieht auf Broers’ Hotel Royal Taste vis-à-vis. Das rote Licht der Leuchtreklame zerfließt im Wasser des Kanals, auf dem, inmitten treibender Eisschollen, ein Schwan nach Süden schwimmt.

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In Jan Broers’ Fenster steht eine Frau und blickt auf das Haus Nummer 62. Sie trägt eine rote Lederpanty und ein rotes Lackkorsett und hat einen schönen, lebendigen Körper. Sie tänzelt, presst ihre Brüste und sieht, wie Jan Taminiaus Puppe ihr seelenlos gegenübersteht. Zwischen den Frauen der beiden Jans liegt der Kanal, nein: Dazwischen liegt die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Amsterdam, die Narbe der »Operation 1012«, einer Operation am offenen Leib. In Hollands Hauptstadt der Toleranz herrscht seit einem Jahr ein Kulturkampf um die Farbe Rot: In welchem Rot soll »de Wallen« künftig leuchten – im schicken des Modedesigners Jan Taminiau oder im verruchten des Prostitutionsunternehmers Jan Broers?

Man muss vom Nieuwmarkt oder vom Zeedijk nur ein paar Schritte nach Westen gehen, chinesische Fußmassagestudios passierend. Dann steht man schon auf dem Oudezijds Achterburgwal, der Meile des leichten Sinns mit Sexshops, Drogenbars, Spielhallen, Lust und Liederlichkeit. Die Bars heißen Black Tiger oder Old Sailor und die Sex Shops zum Beispiel Caligula. Wohnzimmerkleine Läden verkaufen in Plastiksäckchen abgepackte Cannabissamen. In den Coffeeshops darf man kiffen, so viel man will; darin zu rauchen ist seit Juli untersagt. Hier und da brennen rote Röhren über den Rahmen der Fenster, die Räume dahinter sind meist leer, und manchmal brennen nicht einmal mehr die Röhren. Steht die Hure am Schminktisch, lässt sich ein paar verbotene Sekunden lang ein Blick auf ihren Arbeitsplatz erhaschen: das Bett auf einem fest installierten Kachelsockel, die Matratze, bezogen mit einem Spannbettlaken aus violettem Frottee. Biegt der Spanner von der engen Gasse in die noch engere, lacht ihn dort eine minderjährig wirkende Blondine an, stellt ihre Hüfte aus und streichelt sich über das Bein.

So geht es, so ging es schon immer zu in den Straßen von 1012: Fenster an Fenster, hinter denen die Prostituierten stehen, zwei mal zwei Meter Raum zur Entfaltung zwielichtiger Erotik. Doch dann taucht zwischen zwei Hurenfenstern plötzlich ein artfremdes auf. Das Licht: eindeutig, weiß und hart. Hellblaue Boots, das Paar 350 Euro, baumeln von der Decke. Handtaschen aus edlem Leder erheben Anspruch auf Eleganz. Rechts unten an der Scheibe klebt das Programm gewordene Logo: »Redlightfashion«. Am Boomsteeg, Ecke Achterburgwal schließlich ist das Zwielicht ganz erloschen. Etwas hat sich verändert in Amsterdam.

Die Sonne versinkt gegen 17 Uhr, und die Schwäne vor dem Casa Rosso, Oudezijds Achterburgwal 106-108, baden im ocker und rosé gefärbten Grachtenwasser. Jetzt springen auch die bunten Birnen der Lichterketten an, die sich um Reklametafeln und Häusergiebel schlingen. Zu dieser Stunde ist Amsterdam der vielleicht letzte Ort auf der Welt, wo das Rotlicht eine Romantik hat, wo es eine vielsprachige Einladung ist zur vollzogenen Libertinage.

»Wie geht es heute?«

»Comme ci, comme ça.«

»Wie heißen Sie?«

»Pauuu-la.«

»Woher stammen Sie, Paula?«

»Santo Domingo, Dominikanische Republik. Aber jetzt, guapo, komm rein zu mir…«

Paula steht in einem der Fenster rund um den Platz der Alten Kirche und lockt streunende Männer von Prekariat bis Bourgeoisie. Die Konkurrenz ist dreißig Jahre jünger: operativ normierte Barbies aus Osteuropa mit seltsam runden Prallbrüsten und manchmal einem Lendentattoo, die tänzeln, sich räkeln und an die Fenster klopfen und dabei recht lustlos wirken. Zum Klopfen ist Paula zu stolz. In zwei Jahren, prophezeit sie in ihrer Mischung aus Spanisch und Englisch, sei das Rotlichtviertel tot.

Leser-Kommentare
  1. "In Jan Taminiaus Fenster steht eine Frau und starrt auf den Achterburgwal im Herzen der Stadt, den »Wallen«, Postleitzahl 1012. Sie trägt ein rotes Kleid und hat einen schönen, leblosen Körper."

    Es ist mir nicht auf Anhieb gelungen zu begreifen, dass hier die Rede von einer Plastikpuppe ist. Dafür musste ich dann erst weiterlesen (war das beabsichtigt?):

    "In Jan Broers’ Fenster steht eine Frau und blickt auf das Haus Nummer 62. Sie trägt eine rote Lederpanty und ein rotes Lackkorsett und hat einen schönen, lebendigen Körper. Sie tänzelt, presst ihre Brüste und sieht, wie Jan Taminiaus Puppe ihr seelenlos gegenübersteht."

    "Paula steht in einem der Fenster rund um den Platz der Alten Kirche und lockt streunende Männer von Prekariat bis Bourgeoisie. Die Konkurrenz ist dreißig Jahre jünger: operativ normierte Barbies aus Osteuropa mit seltsam runden Prallbrüsten und manchmal einem Lendentattoo, die tänzeln, sich räkeln und an die Fenster klopfen und dabei recht lustlos wirken. Zum Klopfen ist Paula zu stolz."

    Merke: Frau sollte vorallem natürlich wirken. Aber dann:

    "Eine Horde Inder kommt auf den Jungmänner-Korso um den Kirchplatz. Weil er sich in der Gruppe sicher fühlt, spottet einer von ihnen über Paulas altersschlaffe Brüste."

    Nix besser natürlich! Spätestens ab einem gewissen Alter meint sowieso jeder, er dürfe eine Kritikliste erstellen (erst recht, wenn er potentiell Geld ausgeben muss, da muss sich das Investment auch rechnen, sprich alle Porno-Vorgaben erfüllen)...

    "Ein Fenster bringt 73000 Euro im Jahr, ein Haus mit Prostitutionsbetrieb ist etwa 1,5 Millionen Euro wert. Die meisten Fenster in 1012 gehören fünf, sechs großen Prostitutionsunternehmen, und das seit Jahren und Jahrzehnten. Aber vielleicht nicht mehr lange."

    Ja, da kommt doch Mitleid mit den armen, soliden und erfolgreichen Unternehmern auf! Worin besteht deren Arbeitsbeitrag zur Prostitution doch gleich? Richtig, sie sind Vermieter (und nur in strafrechtsrelevanten Fällen mehr!). Diese "Leistung" ist natürlich 1,5 Mille pro "Haus" im Jahr wert. Oder wie soll das verstanden werden?

    "Obwohl er nie verurteilt worden war, musste er, unter städtischen Verdacht geraten, wählen: zwischen dem Verkauf seiner 18 Gebäude samt 51 Fenstern an einen Unbescholtenen oder dem Verkauf an die staatliche Wohnungsbaugenossenschaft, die ihm, dem aktuellen Marktwert entsprechend, 17 Millionen Euro bot. Der Sexkönig verkaufte an die Genossenschaft. Für Prostitution genutzt, wären seine Gebäude zusammen allerdings 25 Millionen wert gewesen. Die Differenz beglich die Stadt, also der Steuerzahler."

    Hoppela, Halt! Habe ich das richtig verstanden? Einem jahrzehntelangen "Sexkönig" ("dick" ist vermutlich ein Attribut das auf die meisten Zuhälter zutreffen dürfte) hat der Steuerzahler auch noch 8 Millionen Euro in den Arsch gestopft bevor er ihm seinen "Stall" geschlossen hat???

    "50 Prozent Buchungen habe ihn die Säuberung bereits gekostet, die Hälfte der Sex- und Kifftouristen bleibe weg, aber: Kommt man nach Amsterdam wegen Rembrandt und der Grachten allein? »Stell dir vor, eine Welt ohne Prostitution! Das ist doch Wahnsinn, dann wäre dauernd Krieg!«"

    Mal wieder ein Meisterstück männlicher Logik: wenn es keinen Sex gegen Geld gäbe würden (noch mehr) Männer wahnsinnige Mörder? Hallo??? Was für ein Weltbild ist das? Ach ja, geprägt durch sowas:

    "Wie jeden Tag beobachtet er den Dialog der Körper vor seinem Fenster: wie Frauen Verführung planen und verkaufen, wie Freier, die glauben, sich alles kaufen zu können, auf Zurückweisung reagieren."

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