Niederlande Zwei Farben Rot
Amsterdams Vergnügungsviertel wird schick gemacht. Ateliers und Galerien blühen auf im Zwielicht des Verruchten. Dem Milieu wird dabei angst und bange

© Miquel Gonzales/laif für DIE ZEIT
In jedes zweite Hurenfenster Amsterdams sollen Trendsetter ziehen
Es kam der Tag, an dem sich die beiden Jans gegenüberstanden. Exakt ein Jahr ist das her, Januar 2008. Jan Taminiau war damals 32, Jan Broers 70. Taminiau kam aus Tilburg und zog in die Häuser Oudezijds Achterburgwal 60 und 62, genau gegenüber dem Hotel von Broers, Hausnummer 47. Seither ist in Amsterdams legendärem Rotlichtbezirk kaum mehr etwas so, wie es die Legende flüstert.
Ein Jahr später, Januar 2009. In Jan Taminiaus Fenster steht eine Frau und starrt auf den Achterburgwal im Herzen der Stadt, den »Wallen«, Postleitzahl 1012. Sie trägt ein rotes Kleid und hat einen schönen, leblosen Körper. Sie sieht auf Broers’ Hotel Royal Taste vis-à-vis. Das rote Licht der Leuchtreklame zerfließt im Wasser des Kanals, auf dem, inmitten treibender Eisschollen, ein Schwan nach Süden schwimmt.
In Jan Broers’ Fenster steht eine Frau und blickt auf das Haus Nummer 62. Sie trägt eine rote Lederpanty und ein rotes Lackkorsett und hat einen schönen, lebendigen Körper. Sie tänzelt, presst ihre Brüste und sieht, wie Jan Taminiaus Puppe ihr seelenlos gegenübersteht. Zwischen den Frauen der beiden Jans liegt der Kanal, nein: Dazwischen liegt die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Amsterdam, die Narbe der »Operation 1012«, einer Operation am offenen Leib. In Hollands Hauptstadt der Toleranz herrscht seit einem Jahr ein Kulturkampf um die Farbe Rot: In welchem Rot soll »de Wallen« künftig leuchten – im schicken des Modedesigners Jan Taminiau oder im verruchten des Prostitutionsunternehmers Jan Broers?
Man muss vom Nieuwmarkt oder vom Zeedijk nur ein paar Schritte nach Westen gehen, chinesische Fußmassagestudios passierend. Dann steht man schon auf dem Oudezijds Achterburgwal, der Meile des leichten Sinns mit Sexshops, Drogenbars, Spielhallen, Lust und Liederlichkeit. Die Bars heißen Black Tiger oder Old Sailor und die Sex Shops zum Beispiel Caligula. Wohnzimmerkleine Läden verkaufen in Plastiksäckchen abgepackte Cannabissamen. In den Coffeeshops darf man kiffen, so viel man will; darin zu rauchen ist seit Juli untersagt. Hier und da brennen rote Röhren über den Rahmen der Fenster, die Räume dahinter sind meist leer, und manchmal brennen nicht einmal mehr die Röhren. Steht die Hure am Schminktisch, lässt sich ein paar verbotene Sekunden lang ein Blick auf ihren Arbeitsplatz erhaschen: das Bett auf einem fest installierten Kachelsockel, die Matratze, bezogen mit einem Spannbettlaken aus violettem Frottee. Biegt der Spanner von der engen Gasse in die noch engere, lacht ihn dort eine minderjährig wirkende Blondine an, stellt ihre Hüfte aus und streichelt sich über das Bein.
So geht es, so ging es schon immer zu in den Straßen von 1012: Fenster an Fenster, hinter denen die Prostituierten stehen, zwei mal zwei Meter Raum zur Entfaltung zwielichtiger Erotik. Doch dann taucht zwischen zwei Hurenfenstern plötzlich ein artfremdes auf. Das Licht: eindeutig, weiß und hart. Hellblaue Boots, das Paar 350 Euro, baumeln von der Decke. Handtaschen aus edlem Leder erheben Anspruch auf Eleganz. Rechts unten an der Scheibe klebt das Programm gewordene Logo: »Redlightfashion«. Am Boomsteeg, Ecke Achterburgwal schließlich ist das Zwielicht ganz erloschen. Etwas hat sich verändert in Amsterdam.
Die Sonne versinkt gegen 17 Uhr, und die Schwäne vor dem Casa Rosso, Oudezijds Achterburgwal 106-108, baden im ocker und rosé gefärbten Grachtenwasser. Jetzt springen auch die bunten Birnen der Lichterketten an, die sich um Reklametafeln und Häusergiebel schlingen. Zu dieser Stunde ist Amsterdam der vielleicht letzte Ort auf der Welt, wo das Rotlicht eine Romantik hat, wo es eine vielsprachige Einladung ist zur vollzogenen Libertinage.
»Wie geht es heute?«
»Comme ci, comme ça.«
»Wie heißen Sie?«
»Pauuu-la.«
»Woher stammen Sie, Paula?«
»Santo Domingo, Dominikanische Republik. Aber jetzt, guapo, komm rein zu mir…«
Paula steht in einem der Fenster rund um den Platz der Alten Kirche und lockt streunende Männer von Prekariat bis Bourgeoisie. Die Konkurrenz ist dreißig Jahre jünger: operativ normierte Barbies aus Osteuropa mit seltsam runden Prallbrüsten und manchmal einem Lendentattoo, die tänzeln, sich räkeln und an die Fenster klopfen und dabei recht lustlos wirken. Zum Klopfen ist Paula zu stolz. In zwei Jahren, prophezeit sie in ihrer Mischung aus Spanisch und Englisch, sei das Rotlichtviertel tot.
»Gleich tot, wieso das?«
Weil es zu Tode saniert werde.
Während sie den Lippenstift nachzieht, klöppelt die Glocke der Alten Kirche, der ältesten der Stadt, achtmal hell und eifrig und schickt noch eine Melodie hinterher. Eine Horde Inder kommt auf den Jungmänner-Korso um den Kirchplatz. Weil er sich in der Gruppe sicher fühlt, spottet einer von ihnen über Paulas altersschlaffe Brüste.
Der Kulturkampf, der zum Ende des Bezirks 1012 führen könnte, begann im März 2006. Im Refektorium des ehemaligen Bethanienklosters, an das links wie rechts mehrere Hurenfenster anschließen, fand eine sittengeschichtlich denkwürdige Nachbarschaftssitzung statt. Junge Mütter weinten, Ladenbesitzer polterten, es herrschten Tumult und Verzweiflung. Da ergriff Sander Kok, heute 37, Kunststudent, der bald die Buchhandlung seiner Eltern leiten würde, das Wort. Könnte man nicht durch die Einschleusung anspruchsvoller Kunst und Kulinarik das Rotlichtviertel sanieren? Er lieferte eine Skizze dessen, was kurze Zeit später den programmatischen Namen »Chic & Louche«, schick und verrucht, erhielt: ein Nebeneinander von Laster und Luxus, Fensterhuren und Galerien, Cannabis und Sushi. Sieben Unternehmer schlossen sich der neuen Gruppe an, keine prüden Fleischverächter, sondern besorgte Anwohner. Darunter: ein Fernsehproduzent, ein Festivalmanager, eine Hoteldirektorin, ein chinesischer Restaurantbesitzer.
»Seit Jahren mehr und mehr Schlägereien, Lärm, Diebstähle, Drogenhandel, Einbrüche, machtlose Polizisten, Anwohner mit Bodyguards, englische Touristen, die nur kommen, um zu saufen, zu kiffen, zu ficken«, sagt Kok im Café neben seiner Buchhandlung und nimmt einen Schluck Cola light. »Damals war eine Grenze erreicht, es wurde einfach zu viel.« Chic & Louche publizierte, lobbyierte und inspirierte Stadtverwaltung, Bürgermeister und Unternehmerschaft, aus der Debatte wurde ein Prozess und aus dem Prozess eine politische Agenda. Jetzt patrouilliert berittene Polizei in 1012, große Pferde machen Eindruck.
Mann der Stunde ist der Politiker Lodewijk Asscher. Er verkörpert den Geist einer neuen Ära und Generation, jenen modisch gewordenen Wertkonservatismus, der sich liberal und lässig gibt. Asscher ist 34 Jahre jung, einer alten Amsterdamer Familie entstammend, Jurist, ehemaliger Universitätsdozent, Fraktionsvorsitzender der regierenden Arbeitspartei, Stadtsenator für Wirtschaft, stellvertretender Bürgermeister und vor allem Spiritus Rector der »Operation 1012«. Also schwärmen die einen: ein ehrlicher, anpackender, kompromissloser, kluger, vor allem mutiger Mann, bestimmt für Höheres. Die anderen stöhnen: ein moralistischer, karrieristischer, eitler Draufgänger. Kalt lässt dieser Asscher niemanden.
Er kommt zu Fuß ins Lloyd Hotel, wo, mit dem Apple-MacBook beim Biofrühstück, die Neue Bürgerlichkeit logiert, gibt einen geradezu beherzten Handschlag und bestellt ein Hummusbrot. Er trägt Jeans und einen schwarzen Pullover.
»Was läuft schief in Amsterdam?«
»Seit den siebziger Jahren wurde Toleranz als Ausrede benutzt, um sich nicht um den Nächsten kümmern zu müssen. Das führte zu Gleichgültigkeit, vor allem gegenüber Kriminalität und Frauenhandel.«
»Das wird man hier nicht gerne hören.«
»Es geht heute darum, neu zu definieren, was akzeptabel ist. Seit einigen Jahren reden die Holländer wieder über Werte, und wir Politiker haben die Pflicht, ihnen moralische Standpunkte anzubieten.«
Die neuen Moralisten verlangen keineswegs, dass die Prostitution, seit 2000 legal, wieder verboten wird. Sie wollen aber ihr Aufkommen halbieren und zugleich den Drogenhandel ausdünnen. Bis vor einem Jahr gab es in den Wallen auf einem Quadratkilometer 482 Fenster in 140 Häusern, 76 Coffeeshops, zig Sexshops, Sextheater, Geldwechsler, Spielhallen und geschätzt 800 Prostituierte. »Operation 1012« sieht vor, 241 Fenster und 38 Coffeeshops zu schließen. Was bleiben darf, soll auf wenige Straßen zwischen Oudezijds Achterburgwal und Alter Kirche konzentriert werden.
In einem Viertel der Fenster sind die Vorhänge bereits gefallen. 150 Prostituierte haben ihren Arbeitsort verloren, präziser gesagt: Die Hauseigentümer, die ein Fenster für 200 Euro pro Tag an Sexarbeiterinnen vermieten, haben ihren Besitz eingebüßt. Seit einiger Zeit nutzt die Stadt Amsterdam ein maßgeschneidertes politisches Instrument mit dem Kürzel Bibob, um die Herkunft der Einnahmen aller Rotlichtunternehmer zu untersuchen. Legt ihre Biografie auch nur den Verdacht nahe, über den Immobilienerwerb könnte Schwarzgeld gewaschen worden sein, kann der Bürgermeister dem mutmaßlichen schwarzen Schaf die Lizenz auf ewig entziehen. Bis heute wurden 40 Gebäude auf diese Weise zurückgekauft, die manche als Erpressung bezeichnen.
Hier kommt in die ordnungspolitische Diskussion eine ideologische Frage: Ist der Sex hinterm Schaufenster eine Dienstleistung wie jede andere? Prostituieren diese Frauen sich freiwillig, oder werden sie von Zuhältern und Menschenhändlerringen dazu gezwungen? Und wenn ja: wie viele von ihnen – 10 bis 20 Prozent, wie die Gewerkschaft der Prostituierten behauptet, oder 90, wie eine aktuelle Polizeistudie unterstellt? Ein Fenster bringt 73000 Euro im Jahr, ein Haus mit Prostitutionsbetrieb ist etwa 1,5 Millionen Euro wert. Die meisten Fenster in 1012 gehören fünf, sechs großen Prostitutionsunternehmen, und das seit Jahren und Jahrzehnten. Aber vielleicht nicht mehr lange.
Vor dem offiziellen Beginn von Asschers »Operation 1012« trat die Stadtverwaltung mit der renommierten Agentur HTNK am südlichen Oudezijds Achterburgwal in Kontakt, die Talenten aus Mode und Design den Weg zur internationalen Karriere ebnet. Sofort griff deren Chefin zum Telefon und machte einigen ihrer Favoriten ein verstörend reizvolles Angebot: das Atelier zum Nebenkostenpreis, mitten im Zentrum von Amsterdam, im Blick der Besucher aus aller Welt, die zu Hunderttausenden im Jahr auf die Wallen strömen. Eine Nacht Bedenkzeit, und alle sagten Ja.
Seit einem Jahr residieren 20 Jungdesigner aus den Niederlanden in ehemaligen Sexkammern der Prostituierten. Von denen sieht man seitdem nicht mehr viel. Sie verrichten ihre Arbeit im Untergrund, ohne Schutz durch Monitor, Kamera und Alarmknopf. Die neue »Redlightfashion« hingegen erregte derart großes Aufsehen, dass internationale Modegrößen zur Schaufenstertour an den Oudezijds Achterburgwal kamen. Der erklärte Romantiker Jan Taminiau, dessen achte Couture-Kollektion in einer Woche prêt-à-porter nach Paris geht, avanciert gerade zum Star der Szene. »Das Rotlichtviertel ist ein absolut inspirierender Ort«, sagt er. Wie jeden Tag beobachtet er den Dialog der Körper vor seinem Fenster: wie Frauen Verführung planen und verkaufen, wie Freier, die glauben, sich alles kaufen zu können, auf Zurückweisung reagieren. Die neue Kollektion basiere auf der Interaktion der Geschlechter, sagt Taminiau. Symbolisiert werde sie durch das Element der Druckknöpfe. Eine maßgeschneiderte Rotlichtfantasie.
Im Haus 47, Oudezijds Achterburgwal, schneidet Jan Broers’ Freundin ihrem Pudel das Fell, und Jan selbst, die Brille ins Grauhaar gesteckt, wettert wie ein junger Wilder gegen das adrette Arrangement einer sterilen Frivolität. »Seit einem Jahr glotze ich jetzt auf diese Puppe!« Im Fenster gegenüber steht also, ausgeleuchtet in weißem Licht, Jan Taminiaus Schneiderpuppe in der roten Abendrobe. Früher standen dort, lasziv mit dem Zeigefinger lockend, die Fensterhuren, so wie sie es in Broers’ Fenstern auch heute tun. Zehn Sexkammern entlang des Achterburgwals gehören Broers, alle hat er vermietet, an Frauen aus Holland, Deutschland, der Slowakei, Russland, Albanien, »seit Jahren dieselben!«, die ihren Körper, »selbstbestimmt!«, wie er betont, zu Geld machen, um sich ein gutes Leben zu leisten, und keines dieser Fenster wird er hergeben, niemals. Er verkauft nicht, wie der »dicke Charlie« es getan hat, besser: tun musste. Charles Geerts, 40 Jahre lang Sexkönig der Wallen, dem halb 1012 gehörte. Ihn traf Bibob als Ersten. Obwohl er nie verurteilt worden war, musste er, unter städtischen Verdacht geraten, wählen: zwischen dem Verkauf seiner 18 Gebäude samt 51 Fenstern an einen Unbescholtenen oder dem Verkauf an die staatliche Wohnungsbaugenossenschaft, die ihm, dem aktuellen Marktwert entsprechend, 17 Millionen Euro bot. Der Sexkönig verkaufte an die Genossenschaft. Für Prostitution genutzt, wären seine Gebäude zusammen allerdings 25 Millionen wert gewesen. Die Differenz beglich die Stadt, also der Steuerzahler.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Verlifestylisierung Amsterdams auch eine neue Klasse Besucher nach sich ziehen könnte: jene, die empfänglich sind für ästhetisch veredelte Verwegenheit und das Aseptisch-Aufgeräumte zart verspielter Netzstrumpferotik. Man sieht dann womöglich kaum mehr Horden ausgelassener Briten, die mit Billigfliegern aus Manchester für einen Tag in 1012 einfallen, eine Runde Fleisch beschauen und sich in die Gassen erbrechen.
Jan Broers schält und isst vier Kiwis in fünf Minuten, parliert nebenbei mit seinen englischen und italienischen Gästen und hat kein Interesse, seine Tiraden zu beenden. Er ist ein paar Häuser weiter am Oudezijds Achterburgwal geboren, in 1012 groß geworden und seit 40 Jahren im Geschäft mit der Prostitution. »Jahrelang gab es Lizenzen, und jetzt sollen wir auf einmal alle Verbrecher sein?« Er kramt Kiwi sechs aus dem Plastikbeutel und wettert weiter. 50 Prozent Buchungen habe ihn die Säuberung bereits gekostet, die Hälfte der Sex- und Kifftouristen bleibe weg, aber: Kommt man nach Amsterdam wegen Rembrandt und der Grachten allein? »Stell dir vor, eine Welt ohne Prostitution! Das ist doch Wahnsinn, dann wäre dauernd Krieg!«
Neben dem Sextheater Casa Rosso steht, in eine Nische geklemmt, eine postmoderne Bronzeskulptur mit der alttestamentlichen Weisheit des Propheten Jesaja: »Wenn auch der Morgen kommt, so wird es doch Nacht bleiben.« Der Morgen ist jung, doch in den Wallen regieren zu jeder Zeit nokturne Lüste. Ein Pärchen, sich küssend auf der blauen Vespa; der süß-bittere, den Coffeeshops entschwebende Geruch von Marihuana; der Schrei eines torkelnden Junkies; das Lachen französischer Jungmänner; das durch die Zähne ge-ts-ts-ischelte Pfeifen bewollmützter Dealer, und ja: das Zeigefingerklopfen der Huren gegen das Glas ihrer Fenster, wenn sie dich wollen, wenn sie die Tür öffnen und dir zuflüstern, komm rein, draußen ist es kalt.
Während man im Old Sailor am Ende der Samstagnacht die Stühle hochstellt, landen neben der Black Tiger Bar letzte Freier am Achterburgwal, stehen feilschend vor spaltweit geöffneten Fenstern, wo junge Bulgarinnen in ihren Kammern tänzeln. Drüben im Sexhotel Royal Taste sind die Rollläden auf halber Höhe erschlafft, und das Einzige, was stoisch brennt, ist das Weißlicht der besseren, schickeren, der utopischen Welt in den Atelierfenstern der Designer.
Vis-à-vis dem Kirchturm hat Paula ein letztes, vergebliches Lächeln für die Männer aufgelegt. Sie wirkt müde. War es eine gute Nacht? Dann hätte sie ihr 1000 Euro gebracht. Um halb sieben früh schlägt die Glocke, und Paula schließt ihr Fenster. Jetzt trägt sie eine Baskenmütze auf dem langen, schönen schwarzen Kraushaar und eine horngerahmte Brille. Ihre Jeans sind weit, und sie marschiert die Zeedijk-Straße nordwärts. Am Turm der Tränen geht sie dem Blick verloren. Von hier, wo einst das Meer begann, brach im April 1609 der Engländer Henry Hudson unter den Blicken weinender Ehefrauen mit seiner Half Moon gen Westen auf und erreichte einen Ort, der heute New York heißt und erst den Namen Nieuw Amsterdam trug. Ein sagenhaft erotischer Vollmond steht zwischen den gotischen Giebeln am Oudezijds Achterburgwal, und vor dem lichtlosen Casa Rosso schwimmen die Schwäne in seinem Widerschein. Jetzt hat das kleine, große, von seiner Liederlichkeit gesäuberte Amsterdam noch ein paar Stunden Ruhe, bevor später am Morgen die neue Nacht beginnt.
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Information Amsterdam
Anreise:
Von allen großen deutschen Flughäfen mehrmals täglich mit KLM oder Lufthansa
Unterkunft:
Lloyd Hotel & Cultural Embassy, Oostelijke Handelskade 34, Tel. 0031-20/5613636, Reservierungen unter Tel. 0031-20/5613677, www.lloydhotel.com . DZ ab 95 Euro. In allen Räumen kostenloser WLAN-Internetanschluss. Ehemaliges Gefängnis in der Nähe der architektonisch faszinierenden neuen Docklands im Osten, zwei Stationen (Tram 26) von Hauptbahnhof und Zentrum entfernt; sehr zeitgenössisches Interieur, gute Küche auf Biobasis
Restaurants:
Centra, Lange Niezel 29, Tel. 0031-20/6223050. Hervorragende spanische Spezialitäten; seit 55 Jahren mitten im Rotlichtbezirk; unbedingt reservieren. Ganz Amsterdam findet sich in diesem großen Wohnzimmer ein. Fischtopf für zwei Personen 44 Euro
Kantjil & de Tijger, Spuistraat 291–293, Tel. 0031-20/6200994, www.kantjil.nl . Günstiges und gutes indonesisches Restaurant am Spui, einem der beliebtesten Plätze im Zentrum
Sehenswert:
Oude Kerk (Alte Kirche), Oudekerksplein 23, www.oudekerk.nl . Geöffnet Mo–Sa 11–17 Uhr, So 13–17.30 Uhr, Eintritt 5 Euro. Älteste Kirche Amsterdams, herrlich gelegen mitten im Rotlichtviertel; berühmte Holzdecke mit Bemalung; ebenso berühmte Orgeln aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Rembrandts Frau Saskia ist hier bestattet. Auswahl der Jungdesigner im Rotlichtbezirk:
Jan Taminiau: www.jantaminiau.com
Edwin Oudshoorn: www.edwinoudshoorn.com
Daryl van Wouw: www.darylvanwouw.com
Auskunft:
Niederländisches Büro für Tourismus, Köln, Tel. 0221/9257170, www.niederlande.de
- Datum 29.01.2009 - 16:25 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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"In Jan Taminiaus Fenster steht eine Frau und starrt auf den Achterburgwal im Herzen der Stadt, den »Wallen«, Postleitzahl 1012. Sie trägt ein rotes Kleid und hat einen schönen, leblosen Körper."
Es ist mir nicht auf Anhieb gelungen zu begreifen, dass hier die Rede von einer Plastikpuppe ist. Dafür musste ich dann erst weiterlesen (war das beabsichtigt?):
"In Jan Broers’ Fenster steht eine Frau und blickt auf das Haus Nummer 62. Sie trägt eine rote Lederpanty und ein rotes Lackkorsett und hat einen schönen, lebendigen Körper. Sie tänzelt, presst ihre Brüste und sieht, wie Jan Taminiaus Puppe ihr seelenlos gegenübersteht."
"Paula steht in einem der Fenster rund um den Platz der Alten Kirche und lockt streunende Männer von Prekariat bis Bourgeoisie. Die Konkurrenz ist dreißig Jahre jünger: operativ normierte Barbies aus Osteuropa mit seltsam runden Prallbrüsten und manchmal einem Lendentattoo, die tänzeln, sich räkeln und an die Fenster klopfen und dabei recht lustlos wirken. Zum Klopfen ist Paula zu stolz."
Merke: Frau sollte vorallem natürlich wirken. Aber dann:
"Eine Horde Inder kommt auf den Jungmänner-Korso um den Kirchplatz. Weil er sich in der Gruppe sicher fühlt, spottet einer von ihnen über Paulas altersschlaffe Brüste."
Nix besser natürlich! Spätestens ab einem gewissen Alter meint sowieso jeder, er dürfe eine Kritikliste erstellen (erst recht, wenn er potentiell Geld ausgeben muss, da muss sich das Investment auch rechnen, sprich alle Porno-Vorgaben erfüllen)...
"Ein Fenster bringt 73000 Euro im Jahr, ein Haus mit Prostitutionsbetrieb ist etwa 1,5 Millionen Euro wert. Die meisten Fenster in 1012 gehören fünf, sechs großen Prostitutionsunternehmen, und das seit Jahren und Jahrzehnten. Aber vielleicht nicht mehr lange."
Ja, da kommt doch Mitleid mit den armen, soliden und erfolgreichen Unternehmern auf! Worin besteht deren Arbeitsbeitrag zur Prostitution doch gleich? Richtig, sie sind Vermieter (und nur in strafrechtsrelevanten Fällen mehr!). Diese "Leistung" ist natürlich 1,5 Mille pro "Haus" im Jahr wert. Oder wie soll das verstanden werden?
"Obwohl er nie verurteilt worden war, musste er, unter städtischen Verdacht geraten, wählen: zwischen dem Verkauf seiner 18 Gebäude samt 51 Fenstern an einen Unbescholtenen oder dem Verkauf an die staatliche Wohnungsbaugenossenschaft, die ihm, dem aktuellen Marktwert entsprechend, 17 Millionen Euro bot. Der Sexkönig verkaufte an die Genossenschaft. Für Prostitution genutzt, wären seine Gebäude zusammen allerdings 25 Millionen wert gewesen. Die Differenz beglich die Stadt, also der Steuerzahler."
Hoppela, Halt! Habe ich das richtig verstanden? Einem jahrzehntelangen "Sexkönig" ("dick" ist vermutlich ein Attribut das auf die meisten Zuhälter zutreffen dürfte) hat der Steuerzahler auch noch 8 Millionen Euro in den Arsch gestopft bevor er ihm seinen "Stall" geschlossen hat???
"50 Prozent Buchungen habe ihn die Säuberung bereits gekostet, die Hälfte der Sex- und Kifftouristen bleibe weg, aber: Kommt man nach Amsterdam wegen Rembrandt und der Grachten allein? »Stell dir vor, eine Welt ohne Prostitution! Das ist doch Wahnsinn, dann wäre dauernd Krieg!«"
Mal wieder ein Meisterstück männlicher Logik: wenn es keinen Sex gegen Geld gäbe würden (noch mehr) Männer wahnsinnige Mörder? Hallo??? Was für ein Weltbild ist das? Ach ja, geprägt durch sowas:
"Wie jeden Tag beobachtet er den Dialog der Körper vor seinem Fenster: wie Frauen Verführung planen und verkaufen, wie Freier, die glauben, sich alles kaufen zu können, auf Zurückweisung reagieren."
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