Niederlande Zwei Farben RotSeite 4/4

Neben dem Sextheater Casa Rosso steht, in eine Nische geklemmt, eine postmoderne Bronzeskulptur mit der alttestamentlichen Weisheit des Propheten Jesaja: »Wenn auch der Morgen kommt, so wird es doch Nacht bleiben.« Der Morgen ist jung, doch in den Wallen regieren zu jeder Zeit nokturne Lüste. Ein Pärchen, sich küssend auf der blauen Vespa; der süß-bittere, den Coffeeshops entschwebende Geruch von Marihuana; der Schrei eines torkelnden Junkies; das Lachen französischer Jungmänner; das durch die Zähne ge-ts-ts-ischelte Pfeifen bewollmützter Dealer, und ja: das Zeigefingerklopfen der Huren gegen das Glas ihrer Fenster, wenn sie dich wollen, wenn sie die Tür öffnen und dir zuflüstern, komm rein, draußen ist es kalt.

Während man im Old Sailor am Ende der Samstagnacht die Stühle hochstellt, landen neben der Black Tiger Bar letzte Freier am Achterburgwal, stehen feilschend vor spaltweit geöffneten Fenstern, wo junge Bulgarinnen in ihren Kammern tänzeln. Drüben im Sexhotel Royal Taste sind die Rollläden auf halber Höhe erschlafft, und das Einzige, was stoisch brennt, ist das Weißlicht der besseren, schickeren, der utopischen Welt in den Atelierfenstern der Designer.

 

Vis-à-vis dem Kirchturm hat Paula ein letztes, vergebliches Lächeln für die Männer aufgelegt. Sie wirkt müde. War es eine gute Nacht? Dann hätte sie ihr 1000 Euro gebracht. Um halb sieben früh schlägt die Glocke, und Paula schließt ihr Fenster. Jetzt trägt sie eine Baskenmütze auf dem langen, schönen schwarzen Kraushaar und eine horngerahmte Brille. Ihre Jeans sind weit, und sie marschiert die Zeedijk-Straße nordwärts. Am Turm der Tränen geht sie dem Blick verloren. Von hier, wo einst das Meer begann, brach im April 1609 der Engländer Henry Hudson unter den Blicken weinender Ehefrauen mit seiner Half Moon gen Westen auf und erreichte einen Ort, der heute New York heißt und erst den Namen Nieuw Amsterdam trug. Ein sagenhaft erotischer Vollmond steht zwischen den gotischen Giebeln am Oudezijds Achterburgwal, und vor dem lichtlosen Casa Rosso schwimmen die Schwäne in seinem Widerschein. Jetzt hat das kleine, große, von seiner Liederlichkeit gesäuberte Amsterdam noch ein paar Stunden Ruhe, bevor später am Morgen die neue Nacht beginnt.

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Information Amsterdam

Anreise:
Von allen großen deutschen Flughäfen mehrmals täglich mit KLM oder Lufthansa

Unterkunft:
Lloyd Hotel & Cultural Embassy, Oostelijke Handelskade 34, Tel. 0031-20/5613636, Reservierungen unter Tel. 0031-20/5613677, www.lloydhotel.com . DZ ab 95 Euro. In allen Räumen kostenloser WLAN-Internetanschluss. Ehemaliges Gefängnis in der Nähe der architektonisch faszinierenden neuen Docklands im Osten, zwei Stationen (Tram 26) von Hauptbahnhof und Zentrum entfernt; sehr zeitgenössisches Interieur, gute Küche auf Biobasis

Restaurants:
Centra, Lange Niezel 29, Tel. 0031-20/6223050. Hervorragende spanische Spezialitäten; seit 55 Jahren mitten im Rotlichtbezirk; unbedingt reservieren. Ganz Amsterdam findet sich in diesem großen Wohnzimmer ein. Fischtopf für zwei Personen 44 Euro

Kantjil & de Tijger, Spuistraat 291–293, Tel. 0031-20/6200994, www.kantjil.nl . Günstiges und gutes indonesisches Restaurant am Spui, einem der beliebtesten Plätze im Zentrum

Sehenswert:
Oude Kerk (Alte Kirche), Oudekerksplein 23, www.oudekerk.nl . Geöffnet Mo–Sa 11–17 Uhr, So 13–17.30 Uhr, Eintritt 5 Euro. Älteste Kirche Amsterdams, herrlich gelegen mitten im Rotlichtviertel; berühmte Holzdecke mit Bemalung; ebenso berühmte Orgeln aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Rembrandts Frau Saskia ist hier bestattet. Auswahl der Jungdesigner im Rotlichtbezirk:
Jan Taminiau: www.jantaminiau.com
Edwin Oudshoorn: www.edwinoudshoorn.com
Daryl van Wouw: www.darylvanwouw.com

Auskunft:
Niederländisches Büro für Tourismus, Köln, Tel. 0221/9257170, www.niederlande.de

 
Leser-Kommentare
  1. "In Jan Taminiaus Fenster steht eine Frau und starrt auf den Achterburgwal im Herzen der Stadt, den »Wallen«, Postleitzahl 1012. Sie trägt ein rotes Kleid und hat einen schönen, leblosen Körper."

    Es ist mir nicht auf Anhieb gelungen zu begreifen, dass hier die Rede von einer Plastikpuppe ist. Dafür musste ich dann erst weiterlesen (war das beabsichtigt?):

    "In Jan Broers’ Fenster steht eine Frau und blickt auf das Haus Nummer 62. Sie trägt eine rote Lederpanty und ein rotes Lackkorsett und hat einen schönen, lebendigen Körper. Sie tänzelt, presst ihre Brüste und sieht, wie Jan Taminiaus Puppe ihr seelenlos gegenübersteht."

    "Paula steht in einem der Fenster rund um den Platz der Alten Kirche und lockt streunende Männer von Prekariat bis Bourgeoisie. Die Konkurrenz ist dreißig Jahre jünger: operativ normierte Barbies aus Osteuropa mit seltsam runden Prallbrüsten und manchmal einem Lendentattoo, die tänzeln, sich räkeln und an die Fenster klopfen und dabei recht lustlos wirken. Zum Klopfen ist Paula zu stolz."

    Merke: Frau sollte vorallem natürlich wirken. Aber dann:

    "Eine Horde Inder kommt auf den Jungmänner-Korso um den Kirchplatz. Weil er sich in der Gruppe sicher fühlt, spottet einer von ihnen über Paulas altersschlaffe Brüste."

    Nix besser natürlich! Spätestens ab einem gewissen Alter meint sowieso jeder, er dürfe eine Kritikliste erstellen (erst recht, wenn er potentiell Geld ausgeben muss, da muss sich das Investment auch rechnen, sprich alle Porno-Vorgaben erfüllen)...

    "Ein Fenster bringt 73000 Euro im Jahr, ein Haus mit Prostitutionsbetrieb ist etwa 1,5 Millionen Euro wert. Die meisten Fenster in 1012 gehören fünf, sechs großen Prostitutionsunternehmen, und das seit Jahren und Jahrzehnten. Aber vielleicht nicht mehr lange."

    Ja, da kommt doch Mitleid mit den armen, soliden und erfolgreichen Unternehmern auf! Worin besteht deren Arbeitsbeitrag zur Prostitution doch gleich? Richtig, sie sind Vermieter (und nur in strafrechtsrelevanten Fällen mehr!). Diese "Leistung" ist natürlich 1,5 Mille pro "Haus" im Jahr wert. Oder wie soll das verstanden werden?

    "Obwohl er nie verurteilt worden war, musste er, unter städtischen Verdacht geraten, wählen: zwischen dem Verkauf seiner 18 Gebäude samt 51 Fenstern an einen Unbescholtenen oder dem Verkauf an die staatliche Wohnungsbaugenossenschaft, die ihm, dem aktuellen Marktwert entsprechend, 17 Millionen Euro bot. Der Sexkönig verkaufte an die Genossenschaft. Für Prostitution genutzt, wären seine Gebäude zusammen allerdings 25 Millionen wert gewesen. Die Differenz beglich die Stadt, also der Steuerzahler."

    Hoppela, Halt! Habe ich das richtig verstanden? Einem jahrzehntelangen "Sexkönig" ("dick" ist vermutlich ein Attribut das auf die meisten Zuhälter zutreffen dürfte) hat der Steuerzahler auch noch 8 Millionen Euro in den Arsch gestopft bevor er ihm seinen "Stall" geschlossen hat???

    "50 Prozent Buchungen habe ihn die Säuberung bereits gekostet, die Hälfte der Sex- und Kifftouristen bleibe weg, aber: Kommt man nach Amsterdam wegen Rembrandt und der Grachten allein? »Stell dir vor, eine Welt ohne Prostitution! Das ist doch Wahnsinn, dann wäre dauernd Krieg!«"

    Mal wieder ein Meisterstück männlicher Logik: wenn es keinen Sex gegen Geld gäbe würden (noch mehr) Männer wahnsinnige Mörder? Hallo??? Was für ein Weltbild ist das? Ach ja, geprägt durch sowas:

    "Wie jeden Tag beobachtet er den Dialog der Körper vor seinem Fenster: wie Frauen Verführung planen und verkaufen, wie Freier, die glauben, sich alles kaufen zu können, auf Zurückweisung reagieren."

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