Innenminister Gerhart Baum von der FDP geht einen schweren Gang. Es ist der 19. Januar 1981, als die Fernsehkameras den für die Umwelt zuständigen Mann der Bundesregierung ins Bild setzen. Baum steht unter ungeheurem Druck, und er verlangt auf seiner Pressekonferenz auch Ungeheuerliches. Ein Stoff, der in der Industrie und in Millionen Gebäuden und Haushalten omnipräsent ist und unentbehrlich erscheint, soll aus dem Verkehr gezogen werden: Asbest!

Baum hat sich von seiner Fachbehörde, dem Umweltbundesamt (UBA), beraten lassen. Deren 411 Seiten schwerer Bericht 7/80 über das krebserregende Mineral hat schon vor seiner Veröffentlichung einen Sturmlauf der Industrie und wütende Briefwechsel ausgelöst; der Vorstandsvorsitzende des Asbestkonzerns Eternit, Wolf Lehmann, vergleicht die Auswirkungen der Studie mit denen eines »Erdbebens«. In der Tat ist der Bericht von beträchtlicher Wucht. Die UBA-Beamten dokumentieren darin mit klinischer Präzision die nicht mehr tolerierbaren Risiken. Sie fordern »Verwendungsbeschränkungen asbesthaltiger Produkte«, zumal viele Ersatzstoffe »anwendungsreif und im Handel verfügbar« seien. Baum ist entschlossen, die Konsequenzen zu ziehen. Die Bundesregierung, so verkündet er, will den Gebrauch von Asbest einschränken und »in bestimmten Bereichen ganz verbieten«. Die Superfaser soll, wo immer es geht, verschwinden.

Bis zum vollständigen Aus dauerte es allerdings noch zwölf tödliche Jahre; erst 1993 wurde Asbest in der Bundesrepublik tatsächlich verboten. Dennoch markiert der 19. Januar 1981 den Beginn des langsamen Ausstiegs aus dem Umgang mit einem Stoff, der »die größte Industriekatastrophe der Geschichte« ausgelöst hat, wie die Schweizer Journalistin Maria Roselli in ihrem 2007 erschienenen Buch Die Asbestlüge resümiert.

Bis heute hat der Asbestboom weltweit Millionen Opfer gefordert, die genaue Zahl verschwindet im Rauschen der Krebsstatistik. Viel zu lange wurde trotz eindeutiger medizinischer Befunde nicht die Bevölkerung, sondern die Asbestindustrie geschützt. Kein anderer Stoff, keine andere Chemikalie, kein Radionuklid hat rund um den Erdball mehr Menschen umgebracht. Heute sterben weltweit nach Angaben der International Labour Organization der UN rund 100.000 Menschen jährlich an asbesttypischen Krankheiten der Lunge und des Rippenfells, alle fünf Minuten gibt es ein neues Opfer.

Durch die jahrzehntelange Latenzzeit zwischen erster Exposition und Ausbruch der Erkrankung setzte die Lawine der Tumore erst mit großer Verzögerung ein. Inzwischen wird exakt Buch geführt. Allein im vergangenen Jahr erkannte die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) 948 neue Fälle von Rippenfellkrebs als Berufskrankheit an sowie 828 Fälle von Lungenkrebs und 2050 Asbestosen. Seit 1978 sind damit in der Bundesrepublik 57788 an Krebs oder Asbestose erkrankte Menschen als berufliche Asbestopfer entschädigt worden. Rund 500.000 Arbeiter in 53.165 Risikobetrieben hat die »Zentrale Erfassungsstelle asbeststaubgefährdeter Arbeitnehmer« registriert, 300.000 werden medizinisch betreut und in der Früherkennung beobachtet. 350 Millionen Euro zahlt die Unfallversicherung Jahr für Jahr nur für Behandlung und Renten. Und noch immer ist kein Rückgang der tödlichen Epidemie zu erkennen. Beim Lungenkrebs könnte die Spitze gerade erreicht sein, vermutet Heinz Otten, Leiter des Referats Berufskrankheiten der DGUV. Beim Mesotheliom, dem noch bösartigeren Krebs des Rippenfells, wird die Kurve vermutlich weiter steigen.

Asbest ist kein dubioses Kunstprodukt, sondern ein Stoff, der an vielen Stellen der Erdkruste lagert. Der Name ist eine Sammelbezeichnung für faserförmig kristallisierende Minerale aus der großen Gruppe der Silikate.

Das geheimnisvolle Material betörte bereits in der Antike die Menschen mit seinen magischen Eigenschaften. Vor allem Dochte, Tücher und Netze wurden damals aus Asbest hergestellt. Auch Karl der Große soll Jahrhunderte später seine Tischgesellschaft mit dem Zauberstoff verblüfft haben. Er ließ einen aus Asbestfasern gewirkten Läufer ins Feuer halten und präsentierte dann das unversehrt gebliebene Tuch, von allen Spuren des Mahls gesäubert, den staunenden Gästen.