Kunst in BRD und DDR Nun kann die Mauer fallen
Eine bahnbrechende Ausstellung in Los Angeles lehrt uns, die deutsche Kunst der Nachkriegszeit neu zu sehen und zu bewerten. Sie begräbt die alten Ost-West-Feindbilder.
In Deutschland patrouillieren keine Kunstpolizisten, daran muss man noch mal kurz erinnern. Es gibt auch keine staatlichen Prüfungsämter für Ästhetik oder Museumszensoren. Und doch herrscht ein eigentümlicher Zwang: Eiserne Vorhänge durchziehen die deutsche Kunstlandschaft, geistige Sperrgebiete, wohin man schaut. Denn selbst 20 Jahre nach dem Mauerfall ist der Kalte Krieg nicht zu Ende, nicht in den Köpfen vieler Museumsdirektoren.
Gerne begreifen sie sich als liberal und aufgeschlossen, durchreisen die Welt und suchen nach fremden Spielarten der Kunst, nach anderen Wegen in die Moderne. Sobald es aber um die Kunst der DDR geht, ist es aus mit Neugier und Liberalität, und nicht wenige der Direktoren fallen zurück ins alte Frontdenken: hier die gute Westmoderne, vielschichtig und international begehrt; dort die öde Ostkunst, bieder, grau und derart provinziell, dass man gar nicht anders kann, als sie ins Depot zu sperren – bloß weg mit dem ganzen Sozialismusklimbim. Selbst große Malernamen wie Tübke, Heisig oder Sitte bleiben vielerorts unter Verschluss. Und so dürfen sich die SED-Apparatschicks von einst noch heute bestätigt fühlen: Schon immer haben sie’s gewusst, der Klassenfeind kennt kein Pardon.
Doch freut euch nicht zu früh, Befreiung naht! Und es ist ausgerechnet das ach so imperialistische Amerika, das die deutsche Kunstwelt aus ihren Ressentiments herausreißen will. Offenbar braucht es kalifornische Sonne und den Abstand von 10000 Kilometern, um das alte Freund-Feind-Denken zu überwinden. Am Wochenende wurde sie im Los Angeles County Museum eröffnet: eine Ausstellung, die nichts Geringeres vorhat, als die deutsche Kunstgeschichte der Nachkriegszeit umzuschreiben.
Man kann die Unerschrockenheit der Kuratorin Stephanie Barron nur bewundern. Gemeinsam mit Eckhart Gillen und Sabine Eckmann hat sie rund 300 Gemälde, Fotos, Skulpturen und Videos versammelt, die so wie der fundierte Katalog vor allem eines zeigen: dass die deutschen Künstler aus Ost wie West sich trotz aller Unterschiede ähnlicher waren, als sie meinten. Und wohl wegen dieser Ähnlichkeit beharren viele auf den alten Frontverläufen: Sie müssten sonst ihr Selbstbild ändern, ihren Glauben daran, im Westen respektive Osten stets eine andere, bessere Kunst verfolgt zu haben. Sie müssten erkennen, dass die Künstler beidseits der Grenze mehr verband als trennte.
Verbindend war bereits der Anfang, die Zeit gleich nach Kriegsende. Niemand wusste, ob und wie man nach dem Holocaust noch malen sollte. Niemand, wie Künstler auf die Schrecken des Krieges reagieren könnten. Einig war man sich, dass es mit dem »denkfaulen Nazinaturalismus« endlich vorbei sein müsse. Und selbst die KPD sprach 1946 davon, dass künftig »die Freiheit für den Künstler, die Gestaltung der Form zu wählen, die er selbst für die einzig künstlerische hält, unangetastet bleiben« solle. Eine große Ausstellung in Dresden zeigte damals Künstler aus allen Besatzungszonen, und das Publikum bekam auch das zu sehen, was unter Hitler verboten worden war, das Abstrakte und Expressive. Für einen Moment stand die Zukunft der Kunst weit offen.
Dann allerdings obsiegte das Bedürfnis nach Gewissheit. Denn auch darin waren sich die Künstler hüben wie drüben einig: Die Kunst darf nicht nur Vergnügen sein, sie muss von Höherem künden, soll den Menschen zur Wahrheit erheben. Nur zu welcher Wahrheit, darüber war man uneins. Die DDR glaubte an den Sieg der Arbeiterklasse und sah in der Kunst ein Kampfmittel. Der sozialistische Realismus, in Moskau erprobt, schien dafür gerade recht: didaktisch und bestens geeignet zur Heroisierung. Viele Künstler malten Maurer und Fabrikarbeiter, Bilder von treuherziger Entschlossenheit. Einige davon sind nun auch in Los Angeles zu sehen – vereint mit jenen Werken, die der Westen als Zeichen seiner Wahrheit feierte.
- Datum 04.02.2009 - 11:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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... den leeren Kopf der Dünkel. (M. Claudius)
Erinnert sich noch ein Leser an die geplatzte Ausstellung des Malers Sitte aus dem Jahr 2001? Es ist jetzt ziemlich genau 8 Jahre her, da sagte Willi Sitte eine ihm vertraglich zugesicherte Ausstellung im Germania-Museum ab, da der noch heute amtierende Kunstverwaltungsbeamte Großmann und sein Dienstherr, der damalige Kunst-Minister Zehetmair, die Ausstellung in eine Art Schautribunal umfunktionieren wollten, in der Sitte als Objekt einer pseudo-wissenschaftlichen Aufarbeitung seiner Person vorgeführt werden sollte. Dümmlich und verräterisch agierten der Spiegel und die FAZ, als die Ereignisse gleich in den Rubriken DDR-Vergangenheit und DDR-Kunst abgeheftet wurden.
Sitte sagte natürlich und verständlich ab mit dem Hinweis, dass er sich vor Leuten dieser Couleur nicht rechtfertigen muss. Oberverwaltungskunstaufseher Prof. Großmann prophezeite daraufhin, "... dass auf absehbare Zeit nicht mehr mit einer Ausstellung von Sitte in Deutschland zu rechnen sei ...". Der Weitblick von Herrn Großmann reichte bis 2003. Der Kunsthoheitsrechtler Wiegand giftete daraufhin in seine dürftigen HTML-Seiten in der FAZ noch etwas von "... ideologischer Großmäuligkeit ..." und "... einen Beuys hat die DDR eben nie hervorgebracht ..." - na Gott sei Dank, möchte man sagen.
Verstand und echte Kenntnis der Materie hätten so manchen Feuilleton-Schreiber stutzig werden lassen müssen, dass Kunst etwas für Menschen und Liebhaber ist, die etwas vom Handwerk Kunst verstehen - oder aber, dass Kunst nur im Auge des Betrachters entsteht. Gerhard Schröder war da um Lichtjahre voraus und eröffnete 2006 das Sitte-Museum in Merseburg.
Das ganze Geplärre in den Spalten der Zeitungen hat überhaupt nichts mit Kunst zu tun, es ist ideologisch geschwängerte Einbildung von eigenem Sachverstand. Als Therapie empfehle ich das Malen eines Bildes. So klärt sich dann auch, wer welche Mauer einreißen muss.
Man kann sich einmal die Frage beantworten, warum Tübke den Altar in Clausthal gestaltet hat? Meine Interpretation: Für die Auftragsarbeit der evangelischen Gemeinde von St.-Salvatoris kam nur der beste Handwerker in die engere Wahl.
Schön, wenn jetzt der große Bruder in Amerika die Richtung vorgibt, dem kann man ja unvoreingenommen folgen. Es bedarf zwar immer etwas Hilfe und man muss die Dinge gewissen Leuten vormachen – aber dann geht es ein wenig voran.
Zur Erinnerung: Neo Rauch wurde auch durch den zuständigen Kunstsachverständigen entzaubert. Diese eigentümliche Interpretation hätte nie stattgefunden, wenn es sich um einen Maler aus Hamburg oder Düsseldorf gehandelt hätte.
Dann kam die Ausstellung im MoMA in New York, und Herr Rautenberg hat nach wie vor doch eine recht lokale Sendereichweite und kann von den Einkommensverhältnissen des Herrn Rauch nur träumen.
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