Kunst in BRD und DDR Nun kann die Mauer fallenSeite 3/3
Doch zeigt sich auch im Reichtum des Westens eine Art Armut: Je mehr Verbindlichkeiten die Künstler dort auflösen, desto unverbindlicher droht ihre Kunst zu werden. Je tiefer sie eintauchen in die Freiheit der Möglichkeiten, desto größer wird die Gefahr der Beliebigkeit. Viele Künstler spüren das und versuchen der Bedeutungserosion durch größere Formate und heftigere Formen vorzubeugen. So versammelt die Ausstellung gleich eine Riege von Hakenkreuz- und Antikriegsbildern, die so überdeutlich sind in ihren bildnerischen Mitteln, dass man meinen könnte, etwas von der Propaganda Ost sei in den siebziger Jahren in den Westen ausgewandert.
Die Kunst der DDR ist weit weniger radikal, sie kann es nicht sein, sie muss es auch nicht. Sie braucht keine lauten Gesten, um gehört zu werden. Denn ob es ihr recht ist oder nicht: Der Staat nimmt sie ernst. Und nicht zuletzt deshalb hat sie auch ein Publikum, das jede Wendung und Nuance registriert. Sich als Künstler der Selbstbezüglichkeit zu weihen, die Kunst gar von aller Bedeutung zu lösen, wie manche Westkollegen das tun, wäre vielen Künstlern im Osten fast wie Verrat an den Betrachtern vorgekommen. Diese erwarteten malerische Subtilität, anspielungsreiche Allegorien, historische Ableitungen – und so ist die Ostkunst zumindest in dieser Hinsicht oft reicher als die Westkunst. Und ist in gewisser Weise auch dem Leben näher.
Das war ja noch so ein Ideal, das die Künstler in beiden Deutschlands einte: Sie wollten die elitären Schranken einreißen, Kunst und Leben fusionieren. Im Westen sollten Fluxus und Performance dafür sorgen, alle Autoritäten abzuräumen. Doch oft erreichte dieser Aktionismus nur die Eingeweihten. Und viele Künstler kreisten derart um sich selbst, dass sich ein Blick in die Tradition der Kunst, geschweige denn über die deutsch-deutsche Grenze geradezu verbot. Man schwärmte für linke Ideale, doch bis auf Jörg Immendorff, den Maoisten, der Kontakte mit Ostkünstlern wie A. R. Penck pflegte, machten es sich die meisten in der warmen Westwelt bequem. Auch in der Ausstellung ist das zu spüren, sogar zu riechen: Denn noch über dem wildesten Künstleraufruhr liegt der verlockende Duft der Schokoladenskulptur von Dieter Roth – und die Gewalt, das Aufbegehren erscheint fast wie eine Wohlfühlrebellion.
Im Westen waren Zweifel gratis, sie wurden geradezu erwartet. Im Osten hingegen gehörte oft Mut dazu, sich gültigen Standards zu widersetzen und so wie etwa die Autoperforationisten den eigenen Leib zur Skulptur zu machen, beschmiert und aufgeschlitzt. Die meisten BRD-Künstler waren frei, nutzten ihre Freiheit aber, um unter sich zu bleiben, und nahmen damit jene Trennung vorweg, die nun viele Museen prägt. Warum nur, so fragt man sich, muss es erst eine Ausstellung in Los Angeles geben, um über Ost- und Westkunst offen diskutieren zu können? Liegt es daran, dass sich viele Museen als Avantgardeverwalter verstehen, die über die Reinheit des Kanons wachen und von den Widersprüchen der deutschen Kunstgeschichte, dem tückischen Verhältnis von Form und Inhalt, dem relativen Begriff der Künstlerfreiheit lieber nichts wissen wollen?
Das Publikum jedenfalls interessiert sich für Werke aus dem Osten mindestens so sehr wie für die Westkunst. Und gewiss werden die Warteschlangen in Nürnberg und in Berlin groß sein, wenn die Ausstellung aus Los Angeles dort gezeigt werden wird, im Germanischen Nationalmuseum und im Deutschen Historischen Museum. Die klassischen Kunstmuseen haben hingegen abgewinkt, offenbar wollen Köln oder Bonn, Hamburg oder Frankfurt nichts von ungewohnten Ost-West-Querungen wissen. Ein wenig beschämend ist das, im Jahr 20 nach dem Mauerfall. Mag die Kunstwelt sich auch globalisiert haben, in ihrem deutschen Herzen ist es bedrückend eng.
»Art of Two Germanys«, bis 19. April in Los Angeles; vom 23. Mai bis zum 6. September in Nürnberg; vom 3. Oktober an in Berlin. Der Katalog erscheint bei DuMont
- Datum 04.02.2009 - 11:49 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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... den leeren Kopf der Dünkel. (M. Claudius)
Erinnert sich noch ein Leser an die geplatzte Ausstellung des Malers Sitte aus dem Jahr 2001? Es ist jetzt ziemlich genau 8 Jahre her, da sagte Willi Sitte eine ihm vertraglich zugesicherte Ausstellung im Germania-Museum ab, da der noch heute amtierende Kunstverwaltungsbeamte Großmann und sein Dienstherr, der damalige Kunst-Minister Zehetmair, die Ausstellung in eine Art Schautribunal umfunktionieren wollten, in der Sitte als Objekt einer pseudo-wissenschaftlichen Aufarbeitung seiner Person vorgeführt werden sollte. Dümmlich und verräterisch agierten der Spiegel und die FAZ, als die Ereignisse gleich in den Rubriken DDR-Vergangenheit und DDR-Kunst abgeheftet wurden.
Sitte sagte natürlich und verständlich ab mit dem Hinweis, dass er sich vor Leuten dieser Couleur nicht rechtfertigen muss. Oberverwaltungskunstaufseher Prof. Großmann prophezeite daraufhin, "... dass auf absehbare Zeit nicht mehr mit einer Ausstellung von Sitte in Deutschland zu rechnen sei ...". Der Weitblick von Herrn Großmann reichte bis 2003. Der Kunsthoheitsrechtler Wiegand giftete daraufhin in seine dürftigen HTML-Seiten in der FAZ noch etwas von "... ideologischer Großmäuligkeit ..." und "... einen Beuys hat die DDR eben nie hervorgebracht ..." - na Gott sei Dank, möchte man sagen.
Verstand und echte Kenntnis der Materie hätten so manchen Feuilleton-Schreiber stutzig werden lassen müssen, dass Kunst etwas für Menschen und Liebhaber ist, die etwas vom Handwerk Kunst verstehen - oder aber, dass Kunst nur im Auge des Betrachters entsteht. Gerhard Schröder war da um Lichtjahre voraus und eröffnete 2006 das Sitte-Museum in Merseburg.
Das ganze Geplärre in den Spalten der Zeitungen hat überhaupt nichts mit Kunst zu tun, es ist ideologisch geschwängerte Einbildung von eigenem Sachverstand. Als Therapie empfehle ich das Malen eines Bildes. So klärt sich dann auch, wer welche Mauer einreißen muss.
Man kann sich einmal die Frage beantworten, warum Tübke den Altar in Clausthal gestaltet hat? Meine Interpretation: Für die Auftragsarbeit der evangelischen Gemeinde von St.-Salvatoris kam nur der beste Handwerker in die engere Wahl.
Schön, wenn jetzt der große Bruder in Amerika die Richtung vorgibt, dem kann man ja unvoreingenommen folgen. Es bedarf zwar immer etwas Hilfe und man muss die Dinge gewissen Leuten vormachen – aber dann geht es ein wenig voran.
Zur Erinnerung: Neo Rauch wurde auch durch den zuständigen Kunstsachverständigen entzaubert. Diese eigentümliche Interpretation hätte nie stattgefunden, wenn es sich um einen Maler aus Hamburg oder Düsseldorf gehandelt hätte.
Dann kam die Ausstellung im MoMA in New York, und Herr Rautenberg hat nach wie vor doch eine recht lokale Sendereichweite und kann von den Einkommensverhältnissen des Herrn Rauch nur träumen.
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