Filmstart "Benjamin Button" Tod mit Goldrand

Erstaunlicher Ars-Moriendi-Film aus Hollywood: David Finchers "Der seltsame Fall des Benjamin Button". Auch wegen der Schlussszene wird man ihn nicht so schnell vergessen

Brad Pitt als Benjamin Button in einer Szene mit Tilda Swinton

Brad Pitt als Benjamin Button in einer Szene mit Tilda Swinton

Der Film Der seltsame Fall des Benjamin Button handelt vom Geborenwerden, von der Liebe und vom Sterben und davon, wie es ist, wenn man sein Leben rückwärts lebt. Der amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald hat über diese hypothetische Frage eine aufgeräumte kleine Erzählung verfasst, in der ein armer Mensch namens Benjamin Button, seit er im Jahr 1860 in Baltimore als Greis zur Welt kam, Seite um Seite jünger wird, bis er 90 Jahre und 60 Seiten später als dekorierter Kriegsheld und Baby stirbt.

Veröffentlicht im Jahr 1921, ist diese Geschichte nichts als eine heitere Kuriosität, die ihren Unterhaltungswert aus den pikanten Verwicklungen bezieht, zu denen das Missverhältnis zwischen physischer Gestalt und Geburtsjahr des Helden Anlass gibt, während Papa und Mama stets die Etikette wahren und so tun, als ließe sich die Ungeheuerlichkeit ihres greisen Kindes mit Matrosenanzügen reparieren. Unnötig zu sagen, dass der Witz dieser charmanten Novelle eigentlich zu kurze Beine hat, um nach Hollywood zu laufen.

Dennoch ist er nun dort angekommen. Mit dem Film von David Fincher ist der seltene Fall eingetreten, dass eine klassische literarische Vorlage im Kino einmal nicht verramscht, sondern im Gegenteil bereichert und vertieft wurde. Das liegt vor allem an dem Einfall des Drehbuchautors Eric Roth, Benjamin Button ins 20. Jahrhundert zu verpflanzen, ein Jahrhundert, das schon Schlimmeres als einen jungen Greis gesehen hat und das deswegen ohne die komödiantischen Effekte auskommt, die sich aus der fortgesetzten Leugnung des Offensichtlichen ergeben. Damit hat der Film von der ersten Szene an ein Gewicht, das die leichthändige Erzählung nicht hat.

Benjamin Button wird bei Eric Roth 1918 am Tag des Kriegsendes geboren. Sein von Abscheu geschüttelter Vater, der Knopffabrikant Thomas Button, nimmt das in Decken gewickelte Greisenkind, rennt mit ihm durch die dunkle Nacht und legt es auf der Schwelle, nein, nicht eines Stalles, aber eines Altenheimes ab, wo man sich den Zumutungen des Alters und des Sterbens in der Folge eher gewachsen zeigt als im Knopffabrikantenhaushalt.

Auf den knarrenden Schaukelstühlen der Alten, deren Tage wie die Sandkörner in der Eieruhr dahinrieseln, wächst das Kind auf. Mitten in New Orleans, das vom Jazz durchweht und von einer Unmenge Statisten bevölkert wird, die vormoderne, menschenwarme Großstadtwuseligkeit erzeugen sollen. Abgewetzte Tapeten, karierte Morgenröcke und seufzende Holzfußböden – die Requisiten der amerikanischen Sonntagsschulwelt tun ein Übriges, um dem Tod die Aura einer Edelantiquität zu verleihen, die auch von der geduldigen Kamera nie zerstört wird. Mehr noch als das Kuriosum eines todgeweihten Säuglings ist es diese kunstvoll restaurierte schöne Schäbigkeit einer abgenutzten Welt voller alter Menschen, die für den Film einnimmt. Auch in dieser aufgehübschten Oldtimer-Fassung erzählen seine Bilder noch von der Vergänglichkeit des Lebens.

Die Geschichte des Benjamin Button wird 165 Filmminuten lang aus diesem sepiafarbenen Fotoalbum nicht herausfinden. Anders die Rahmenhandlung. Sie zeigt ganz nah, ganz nüchtern eine alte Frau, die im Sterben liegt. Der Atem ist schon schwach, die Augen sind halb geschlossen, vor der Tür lärmen die Geräusche der Krankenhausindustrie. Im Koffer der Sterbenden liegt ein abgegriffenes, handgeschriebenes Buch, das die Geschichte ihrer Liebe mit Benjamin Button erzählt. Solange die Alte noch nicht gestorben ist, liest die Tochter aus diesem Buch vor und kehren wir gemeinsam mit den beiden zurück in die Kulissen einer Welt, in der der Tod noch einen Goldrand hatte.

Und es wird sehr viel und sehr schön gestorben in diesem erstaunlichen Ars-Moriendi-Film aus Hollywood, das dem menschlichen Verfall noch selten so viel Beachtung geschenkt hat. Es sterben die rührenden ondulierten alten Damen, die dem greisen Benjamin das Klavierspielen beigebracht haben, ihren sanften Nachmittagstod auf dem Sofa. Es stirbt der schwarze Prediger, der Benjamin mit Gottes Hilfe das Laufen lehrte, einen theatralischen Sekundentod auf der Kanzel. Es stirbt der raubeinige Captain Mike, auf dessen Kutter Benjamin recht malerisch in den Zweiten Weltkrieg zog, den blutigen Seebärentod inmitten einer Seeschlacht. Es stirbt der Knopffabrikant Button einen Operettentod beim Sonnenaufgang am Meer. Es stirbt Benjamins herzensgute schwarze Pflegemutter Queenie und liegt im offenen Sarg. Und jedes Mal ist es, als sei das Sterben weniger eine Kunst als eine Marotte, der sich diese fast vollständig aus Kinomarotten zusammengesetzten Nebenfiguren dem Publikum zuliebe überlassen.

Der glaubwürdigste Charakter dieses Films ist der Weltstar Brad Pitt in der Rolle des Benjamin Button, von dem man nie genau sagen kann, ob er redet oder gerade Zigarrenkrümel ausspuckt. Was es bedeutet, sein ganzes Leben im falschen Augenblick zu leben, im falschen Leib zu stecken, muss er nicht simulieren, so beeindruckend verkörpert er diesen ins Leben verirrten Fremdling. Als Benjamin Button elf Jahre alt und ein Greis ist, verliebt er sich in die fünfjährige Daisy, an deren Sterbebett wir uns in der Filmgegenwart befinden. Weltverloren spielen die beiden unter dem Tisch des Altenheims. In ihren Vierzigern treffen sich die Zeiger ihrer biologischen Uhren für ein paar – durch den Griff in die Bilderkiste der kommerziellen Liebesklamotte leider verdorbene – selige Jahre.

Danach bittet der Film um Mitleid für einen Altersunterschied, der in umgekehrter Rollenverteilung zur gewohnten Lebenspraxis in der westlichen Welt gehört. Zum Schluss stirbt Baby Benjamin in den Armen der greisen Daisy (Cate Blanchett), deren letzten Tage auf den knarrenden Schaukelstühlen des Altenheimes verfliegen, in dem alles begann. Anfang und Ende reichen sich die Hände. Der Tod beseitigt die kuriose Ungleichzeitigkeit ihrer Liebe.

Als alles fertig erzählt ist, stirbt Daisy einen modernen Krankenhaustod, wie ihn noch niemand in diesem Schöner-sterben-Film gestorben ist. Sie ist allein. Sie hat ihre Geschichte zu Ende gebracht. Sie dreht den Kopf zum Fenster und atmet nicht mehr. Als Letztes sieht sie, sehen wir mit ihr, einen Vogel, der vor der Fensterscheibe flattert und der vielleicht derselbe Vogel ist, der den sterbenden Filmregisseur Andrej Tarkowskij an seinem Pariser Krankenhausfenster Tag für Tag besucht hat. Für diese Szene, für die stumme Hoffnung, die sie enthält, wird man diesen Film nicht vergessen.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich ärgere mich fürchterlich, diese Rezension gelesen zu haben - auch wenn der Ausgang ja vorherzusehen, ist, muss die Autorin ja nun wirklich nicht unbedingt alles verraten, vor allem eben die zuvor gelobte Schlussszene nicht...!!!

  2. Die Kritik bleibt leider in dieser Rezension auf der Strecke. Eine Zusammenfassung trifft es eher.

    Hier meine Kritik, die, wie alle Kritiken Ansichtssache sind. Ich möchte positive wie auch kritische Dinge anmerken.

    Wie Frau Radisch schon erwähnte, handelt es sich um eine lustige Kurzgeschichte von Fitzgerald. Und das liegt auch schon das Hauptproblem des ganzen Films: Er weiß nicht was er sein will. Auf der einen Seite stehen die immer mal wieder aufkommenden und reingeschnittenen Drama-Momente mit Cate/Bratt. Und dazwischen? Viel Humor. Wobei man arg merkt, dass er nicht gewollt ist. Eher wird er erzeugt von den hölzernen und seichten Dialogen der Darstelller... wie zum Beispiel die Frage vom Vater an Benjamin:"Kennst du dich mit Knöpfen aus?" - Eine Saukomische Situation.

    Was leider arg irritiert sind die Milliarden und Abermilliarden Effekte die Cate und Brad jung bzw. alt aussehen lassen. Eingerollt in seinen Kinosessel grübelt man (und auch Frau), wie wohl was gemacht wurde und wird somit 160Minuten lang abgelenkt.
    Was bei der länge auch nicht immer verkehrt ist.
    Aber ganz im ernst: Die Masken sind teils auch sehr lustig. Gerade Brat im alter. Was hab ich viel gelacht. Als junger Brad wird er sogar fast nur im Schatten gezeigt weil die Trickkiste es wohl doch nicht so gut geschafft haben, wie die Macher es wohl gerne gehabt hätten. :-)
    Bei Cate ist es richtig gruselig wie viele Weichzeichner verwendet wurden und wie blass und ohne eine Mimik sie dargestellt wird. Schade.
    Aber auch beim älter werden er Cate hat man seine Freude. Vor allem als sie im sterben liegt. Hui....

    Apropos Technisches: der gesamte Film kommt sehr unklar und unwirklich daher. Allein dies liegt an der Optik, was den Gesichtsfffekten zugute kommt. Aber ab und an, wenn der Fim so seine längen zeigt, nervts ´n bischn.

    Kamera, Schnitt und Ton sind normaler Standard. Alexandre Despalt gibt sein bestes und schafft es mit seinen verspielten Melodien vieles zu retten.

    Ein echtes Highlight ist dann aber doch der kurze Augenblick mit Brad und Tilda. Sie spielt nicht nur Darstellerisch Cate an die Wand, ihr gesamter Charakter in der Geschichte sagt mehr aus, als was man über die Träume und Ängste von Cate erfährt. Ein großen Hieb an die Drehbuchautoren.

    Alles im allem eine recht nette Nachmittagsunterhaltung. Keine besondere schauspielerische Leistung, normale Standards bzgl. Technik und Ausstattung. Geschichte nett... und ungewollter Weise sehr lustig. Zum bedauern der Feuilletonisten sie mit uns im Kino saßen und den Film arg ernst nehmen wollten. Mit etwas mehr Humor macht der Film mehr Spaß... aber nur an einem Nachmittag.
    :-)

  3. Der Kinofilm erzählt dem Zuschauer laut Rezension Bilder - Das konnte ich leider nicht feststellen. Vielmehr ist es Brad Pitts aufdringliche Stimme, die mir sagt was ich zu sehen habe. Die Bilder sprechen nicht und verpassen viele Chancen. Zu Dialogen kommt es auch nur vereinzelt und wenn sind dies klischeehafte Phrasen, in denen Schicksal wohl am häufigsten fällt.
    Die gesamte Rezension könnte aus einem Pressetext einer PR-Agentur stammen. So etwas erwarte ich nicht bei der ZEIT.

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