Privatuni Witten/Herdecke Ein Leben am Limit
Die Hochschule ist vorerst gerettet. Trotzdem droht die Idee zu scheitern, in Deutschland ein konkurrierendes System aus privaten und staatlichen Unis zu schaffen
Als Ralf Hermersdorfer vergangenen Herbst seinen neuen Job antrat, hätte er nicht gedacht, dass er so schnell zur alten Garde gehören würde. Der Uni-Präsident: zurückgetreten. Die beiden jungen Geschäftsführer, die so motiviert zur Tat schritten: weg. Vor Hermersdorfer liegt die Hochglanzbroschüre, die seine erste Großtat als Pressesprecher werden sollte. Die Druckerei hat sie gerade ausgeliefert. 100 Seiten mit schönen Fotos, glücklichen Studenten und schicken Uni-Ansichten. Ganz vorn: ein Grußwort von Ex-Universitätspräsident Birger Priddat. »Was soll man dazu sagen?«, fragt Hermersdorfer, der sonst zu allem was zu sagen hat.
Vielen Beobachtern ging es ähnlich, als sie in den Tagen vor Weihnachten mit zunehmender Sprachlosigkeit die rasante Demontage eines Symbols mit ansehen mussten. Oder dessen, was nach Jahren der Finanzlöcher und Führungskrisen noch übrig war von dem Mythos Witten/Herdecke, Deutschlands erster privater Universität, die frei von staatlichen Vorschriften hatte beweisen sollen, dass auch hierzulande möglich ist, was man nur aus dem Ausland kannte.
Den Startschuss gegeben für das Beinahe-Ende hatte Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) mit seiner überraschenden Ankündigung, den Landeszuschuss in Höhe von 4,5 Millionen Euro für 2008 nicht auszuzahlen und weitere drei Millionen zurückzuverlangen. Die Begründung: Trotz wiederholter Aufforderung habe Witten keine ordnungsgemäße Geschäftsführung nachweisen können. Was folgte, waren Rücktritte, Studentendemos und die fieberhafte Suche nach neuen Investoren. Ende vergangener Woche schließlich wurde der Rettungsplan bekannt gegeben, und er überraschte: Die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart hat mit einem Millionenengagement nicht nur die Pleite der kleinen Privat-Uni verhindert, sondern sie zudem auch noch vor dem drohenden Einfluss unternehmerischer Interessen bewahrt.
Die Krise ist vorüber, doch der Überlebenskampf geht nur in die nächste Runde – für Witten/Herdecke ebenso wie für die Idee der Privatuniversitäten in Deutschland. Denn die Hoffnung, die Gründung der Hochschule vor gut 25 Jahren werde den Beginn einer neuen Zeit in der höheren Bildung markieren, hat sich nie erfüllt. Am Ende, so hatten sich das Wittens Unterstützer von Gerd Bucerius (Zeitverlag) bis zu Reinhard Mohn (Bertelsmann) ausgemalt, würde es in Deutschland ein System aus staatlichen und privaten Universitäten geben, die sich gegenseitig befruchten.
Es kam anders: Bis heute lernen 96 Prozent der Studierenden in Deutschland in staatlichen Hörsälen. Nachahmer hat das mutige Wittener Projekt kaum gefunden. Zwar gibt es mittlerweile über 120 akademische Privateinrichtungen in Deutschland. Dabei handelt es sich jedoch fast ausschließlich um winzige Business-Schools oder Ein-Fach-Hochschulen, die meist für Wirtschaft, Verwaltung oder Politik ausbilden.
Nur die Jacobs University versammelt mehrere Disziplinen unter einem Dach und kann sich zu Recht Universität nennen. Doch der anspruchsvolle Titel hat einen hohen Preis: Rund 40 Millionen Euro gibt die Bremer Hochschule jedes Jahr aus, insbesondere für die teuren Ingenieurwissenschaften. Aus Spenden allein lässt sich dies nicht finanzieren. »Mehr als 15 Millionen im Jahr bekommen Sie in Deutschland selbst bei größten Anstrengungen nur schwer zusammen«, sagt Fritz Schaumann, langjähriger Präsident der Bremer Hochschule und intimer Kenner der Szene.
Es ist ein Leben am Limit, das die Lenker privater Hochschulen führen: immer auf der Suche nach den Millionen, um den Vorlesungsbetrieb aufrechtzuerhalten, ohne die akademische Freiheit preiszugeben – etwa die Medizinerausbildung in Witten mit der breiten Allgemeinbildung und dem frühzeitigen Kontakt der angehenden Ärzte mit Patienten. Teil dieses Modells ist es, von den Studenten hohe Gebühren zu verlangen. In Witten waren schon vor den Krisen zwischen 19.000 und 30.000 Euro für ein Studium fällig.
Doch selbst solche Beträge können die Budgetlücken privater Hochschulen nur zum Teil füllen: Auch in den USA bekommen Volluniversitäten allenfalls ein Drittel ihrer Ausgaben durch die Beiträge ihrer Studenten wieder herein. Zudem geht mindestens die Hälfte des Geldes für Stipendien und Darlehen drauf. »Wenn Sie solche Finanzierungshilfen nicht anbieten, bekommen Sie nur die Kinder der Reichen und sind langfristig nicht konkurrenzfähig«, sagt Schaumann.
Nur ein Stiftungsvermögen, dessen Zinsen regelmäßig in den laufenden Haushalt fließen, verschafft Sicherheit. In den USA verfügen rund 80 Universities und Colleges jeweils über eine Milliarde Dollar an fest angelegten Geldern. In Deutschland würde rund die Hälfte der Summe reichen, meint Schaumann. Bislang hat jedoch keine Hochschule diesen enormen Betrag zusammengebracht. Dass Witten/Herdecke jahrelang überhaupt kein Geld zurückgelegt hat, gilt als einer der Kardinalfehler der Universität.
In Witten, der kleinen Stadt zwischen Bochum, Dortmund und Hagen, sind die Schneemassen der ersten Januarhälfte weggetaut. Weitab vom kleinen Uni-Campus mit den weiß verputzten Neubauten, in einem Haus an den bewaldeten Höhen des Ruhrtals, versucht Birger Priddat mit dem Leben als Ex-Uni-Präsident zurechtzukommen. Was an sich schon schwierig genug wäre, doch dazu kommen all die Fragen, all die »Hättes«, die Priddat durch den Kopf schwirren. »Wir hätten es geschafft«, sagt er immer wieder und streicht sich die schütteren Haare. »Wir waren in guten Gesprächen mit einem Teil der Förderer, die jetzt auch auftreten. Durch den Zahlungsstopp konnten die Verhandlungen nicht weitergeführt werden.«
Nach dem Rücktritt hatte er geschwiegen, um die Gespräche mit dem Land nicht zu belasten. Umso schneller sprudeln die Worte jetzt, da die Rettung gelungen ist. Priddat hockt im Jugendzimmer seines Sohnes, an der Wand hängen Poster von der Band »Die Ärzte«, und der 58-Jährige erzählt von Überbrückungskrediten, von kameralistischer Buchführung einer GmbH und von einem Wissenschaftsminister, der übertrieben formalistisch agiere. »Anders kann ich mir sein Verhalten nicht erklären«, sagt Priddat.
Es wäre eine kaum vorstellbare Ironie gewesen, wenn Deutschlands erste Privatuniversität an einem liberalen Wissenschaftsminister gescheitert wäre, der seine viel beachtete Uni-Reform unter der Bezeichnung »Hochschulfreiheitsgesetz« eingebracht hatte. Doch auch abseits aller finanzrechtlichen Auseinandersetzungen bleibt Priddats Bilanz enttäuschend. Wittens Ziel, über die Uni-Stiftung so viel Geld einzuwerben, dass die Unabhängigkeit auf Dauer gesichert ist, wurde auch unter der Regie des gefeierten Vordenkers der Friedrichshafener Zeppelin University nicht erreicht. Stattdessen setzte sich das Glücksspiel, die ständige Jagd nach dem nächsten Rettungspaket, fort.
Auch die vor zwei Jahren nach dem Kaffeebaron umbenannte Jacobs University ist noch längst nicht heraus aus der Gefahrenzone. 200 Millionen Euro spendete der Milliardär den Bremern, wovon 75 Millionen für fünf Jahre in den Haushalt fließen und 125 Millionen später in die Rücklagen – wenn die Hochschule bis dahin aus eigener Kraft neue Finanzgeber findet. Sicher ist dies keinesfalls. Denn anders als in den USA ist der Spendeneifer für Bildung hierzulande kaum ausgeprägt. Bildung gilt als Aufgabe des Staates. Kaum ein Ehemaliger münzt die Dankbarkeit für seine Ausbildung in Großzügigkeit um.
Allerdings hat sich die private Idee nirgendwo in Europa durchsetzen können. Auch in Großbritannien, wo die Hochschulen am stärksten dem US-Modell folgen, existiert nur eine private Einrichtung: die University of Buckingham mit 750 Studenten. Selbst die berühmte London Business School, eine der besten Managerschmieden Europas, hängt an der Leine des Staates.
Die Alternative zu einem eigenen Kapitalstock oder staatlicher Gängelung sind private Dauergeldgeber. Es ist kein Zufall, dass gemeinnützige Stiftungen hinter den einzigen solide finanzierten Privathochschulen mit Forschungsambitionen stecken: der Bucerius Law School in Hamburg sowie der Hertie School of Governance in Berlin. Obwohl bei der Law School die Gelder aus Spenden, Gebühren und Weiterbildungskursen sprudeln, trägt ihr Financier, die ZEIT-Stiftung, pro Jahr über die Hälfte des laufenden Haushaltes. »Weniger als 35 Prozent werden es voraussichtlich auch niemals werden«, sagt Vorstandsmitglied Markus Baumanns.
Private Dauergeldgeber wären auch in Witten nötig, um die Hochschule langfristig aus der Verlustzone zu holen. Der neue Geschäftsführer und Witten-Absolvent Michael Anders, der den Part des Heilsbringers übernommen hat, bastelte seit seinem Amtsantritt vor drei Wochen an dem jetzt vorgestellten Rettungsplan. Er ist kein Visionär wie Ex-Präsident Priddat, kein Motivator wie Uni-Sprecher Hermersdorfer, das nächtelange Arbeiten zeichnet sich in Ringen unter seinen Augen ab. Witten, kündigte er vor zwei Wochen an, werde die Zahl der Studenten und die Studiengebühren erhöhen, Personal entlassen und die Lehre auf die Kernbereiche Gesundheit und Wirtschaft konzentrieren.
Sätze wie diese waren es, die Studenten und Ehemalige auf den Plan riefen. Sie fürchteten, die Universität werde ihre Freiheit und geistige Unabhängigkeit verkaufen, um am Leben zu bleiben. »Das glaube ich nicht«, beruhigte sie Anders seit Tagen. »Den potenziellen Spendern ist die akademische Qualität wichtig.« Jetzt ist klar, was der neue Geschäftsführer meinte: Der katholischen Diözese Rottenburg-Stuttgart, die etliche Krankenhäuser betreibt, ist die ganzheitliche Medizinerausbildung so viel wert, dass sie mehrere Millionen dafür hinblättert und voraussichtlich ein Viertel der Witten-Anteile halten wird. Die Finanzierung der Uni und ihre wissenschaftliche Unabhängigkeit scheinen damit für die nächsten drei Jahre, den Zeitraum des Rettungsplans, gesichert.
Auch Pinkwart will für 2009 und 2010 wieder jährlich mindestens 4,5 Millionen Euro beisteuern. Was danach kommt, ist allerdings ungewiss, auch wenn die Uni-Leitung verspricht, bis dahin sei der Haushalt ausgeglichen. In der Vergangenheit ist das nie gelungen. So könnte der jetzige Verzicht auf einen finanzstarken privaten Mehrheitsgesellschafter im schlimmsten Fall bedeuten, dass die Jagd auf die immer nächste Spendermillion weitergeht.
Die Schwäche der privaten Unis in Deutschland hat auch mit der neuen Stärke der staatlichen zu tun. Die Zeiten, in denen diese als im Kern verrottet galten, sind vorbei. »Die Fähigkeit, sich grundlegend zu wandeln, hätte ich den staatlichen Universitäten nicht zugetraut«, sagt Hans Weiler, deutschstämmiger Emeritus der Stanford University. Sie haben gestufte Studienabschlüsse eingeführt, Berufungszeiten der Professoren verkürzt und sich effizientere Leitungsstrukturen verpasst.
Wer wissen will, wie man Auswahlgespräche mit Studenten organisiert oder ein Career-Center aufbaut, braucht nicht mehr nach Witten oder Bremen zu fahren. Im Gegenteil: Die interessantesten Ideen – Graduiertenschulen, Forschungsverbünde, internationale Wissenschaftlerkollegs – finden sich dank der Exzellenzinitiative an den staatlichen Universitäten. Sie waren es auch, die in jüngster Zeit die großen Spenden eingeheimst haben: 24 Millionen Euro gingen nach Düsseldorf, 33 Millionen nach Frankfurt, gar 200 Millionen nach Karlsruhe. Auch das akademische Edelprädikat »Elite« haben die staatlichen Unis erobert.
»Die privaten Hochschulen haben auf weniger Feldern einen Innovationsvorsprung als früher«, sagt Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung. Die Nischen jedoch werden genutzt: Weiterbildung, Studium neben dem Beruf, Fernschulung. Kommerzielle Ketten wie AKAD oder der Gesundheitsdienstleister SRH expandieren bundesweit. Andere konzentrieren sich auf den regionalen Markt. Die internationale Fachhochschule in Bad Honnef macht Studenten zu Eventmanagern, in Saarbrücken kann man in drei Jahren »Bachelor in Fitnesstraining« werden. In Nordrhein-Westfalen besucht ein Viertel aller FH-Studenten eine private Einrichtung.
Hochpolitische Visionen entfachen solche privaten Lernbetriebe keine mehr. Von ihren Kunden, den Studenten, erhalten sie in allen Rankings jedoch stets Bestnoten. Experten wie Hans Weiler sehen daher durchaus noch Betätigungschancen für private Bildungsangebote, vornehmlich im Schnittfeld der Disziplinen. Studiengänge zwischen Ethik und Recht, Medizin und Wirtschaft, Technik und Medizin, die anwendungsnah und dennoch auf hohem wissenschaftlichem Niveau ausbilden, könnten durchaus eine Lücke füllen.
Genau an diesem Punkt, die renommierte Medizinerausbildung mit den Wirtschaftswissenschaften zusammenzuführen, hat Witten jahrelang versagt. Die Hochschule hat damit die Todsünde aller privaten Initiativen begangen: Sie hat verkannt, dass das Neue nicht mehr neu ist, und es versäumt, sich weiterzuentwickeln. Das beschlossene Zukunftskonzept sieht vor, auch hier endlich anzusetzen und neue interdisziplinäre Studiengänge und Forschungsvorhaben einzurichten, etwa Gesundheitsökonomie, Demenzversorgung oder Management, Philosophie und Kultur.
Eine seiner Stärken ist Witten freilich niemals verloren gegangen: die Treue seiner Studenten. Sie haben sich aus Protest ausgezogen, Unterstützerseiten im Internet geschaltet und offene Briefe verfasst. Die Ehemaligen haben Gesellschafteranteile von fast einer Million Euro aufgekauft, um den Einfluss der Unternehmer zu schmälern und den Wittener Geist doch noch zu retten. Ihr Geld hilft jetzt dabei, die Gesellschafteranteile der Nichtunternehmerseite deutlich zu steigern. In Witten kommt es schon mal vor, dass ein Vorstand der Studierendengesellschaft die Grundsätze der Universität feierlich zitiert, um anschließend zu versichern, dass man dafür auch mehr Studiengebühren zahlen werde, wenn nötig doppelt so viel wie bislang.
Auch die Erfolgsgeschichten der vergangenen Jahre verdankt Witten seinem Nachwuchs. Zwei Wittener Studenten konzipierten ein Fortbildungsprogramm für Zahnimplantologie. Mithilfe der GründerWerkstatt der Universität entstand ein florierendes Unternehmen. Fünf solcher Firmengründungen will sie von jetzt an im Jahr ermöglichen. Das Projekt ist so erfolgreich, dass Uni-Sprecher Hermersdorfer Anfang Januar zur Abwechslung eine positive Pressemitteilung formulieren konnte. Denn die GründerWerkstatt hat für das innovative Konzept den Ideenwettbewerb des Bundeswirtschaftsministeriums gewonnen. Ein Lichtblick im Wittener Winter – und eine kleine Erinnerung, warum die erste deutsche Privatuniversität einst entstanden ist.
- Datum 30.01.2009 - 10:37 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
- Kommentare 8
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








findet sich hier (unter Punkt 20)
http://www.nachdenkseiten...
Anmerkung W(olfgang) L(ieb):
Der ehemalige Chef des bertelsmannschen Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), Müller-Böling, hätte noch hinzufügen müssen: Dank unserer Kampagnen ist es gelungen, die staatlichen Hochschulen wie private Unternehmen zu organisieren und sie dennoch weitgehend vom Steuerzahler finanzieren zu lassen. Es lohnt sich also jetzt für die Wirtschaft nicht mehr eigene Hochschulen zu gründen, sie können das besser an den staatlichen Hochschulen tun.
DIE ZEIT schreibt:
Trotzdem droht die Idee zu scheitern, in Deutschland ein konkurrierendes System aus privaten und staatlichen Unis zu schaffen.
Tja, da kann man nichts machen!
Also werden in Zukunft keine privaten Hochschulen mit lautem (neoliberalen) Getoese gegruendet - um am Ende dann doch dem Steuerzahler auf der Tasche zu liegen.
Die staatlichen Unis in Deutschland gehoeren zu den besten staatlichen Unis der Welt.
********************************
Ich gehe, damit ich wiederkommen kann.
Witten ist nicht nur private Universität, Witten ist auch in seinem Selbstverständnis anders als staatliche Hochschulen. Mit seinem anthroposophischen Ansatz, der in vielen Aspekten den Leitbildern der scientific community widerspricht, hat man sich bewusst gegen die bewährten Leistungskriterien gestellt, die von aller Welt anerkannt werden insbesondere, und mehr noch als von allen anderen, von privaten Eliteschmieden wie Stanford, Harvard et al. Vielleicht ist ja auch schlicht nur der Versuch gescheitert, gegen den Strom zu schwimmen - ob nun privat oder staatlich alimentiert ist womöglich zweitrangig. Anders zu sein als die meisten kann nämlich neben innovativ auch dumm sein -
Wolfgang Lieb hat auf den Nachdenkseiten seinen Vortrag zur Quasi-Privatisierung der staatlichen Hochschulen veröffentlicht:
http://www.nachdenkseiten...
Da Bertelsmann erkannt hat, das sich eine private Hochschule in Deutschland nicht gegen staatliche Hochschulen konkurrieren können, müssen eben die staatlichen Hochschulen mittels Hochschulranking durch Bertelsmann-CHE und durch implementierung von nicht zu kontrollierenden Hochschulräten zerlegt werden.
"Orchideen-Fächer" werden durch den Bolonga-Prozess abgeschafft. Eine breite Hochschulausbildung ist kaum noch möglich. Die Credit Points für eine Teilnahme an einer Vorlesung verhindern ein eigenständiges Erarbeiten von Wissen. Die Studenten werden entmündigt und gehetzt, so dass ein Broterwerb neben dem Studium nicht mehr möglich ist.
Die Uni Witten bekommt soviel staatliche Zuschüsse, als wenn sie eine staatliche wäre.
>Trotzdem droht die Idee zu scheitern, in Deutschland ein konkurrierendes System aus privaten und staatlichen Unis zu schaffen
Och nee, echt jetzt? Das ist aber schade, hatten uns doch schon alle so gefreut!
Habt ihr aber alle einen Hass auf die Uni. Wieso denn bloß? Wurdet ihr da mal abgelehnt?
Hallo zusammen,
ich hatte das Vergnügen, als Externer an der UWH promovieren zu dürfen. In den drei ersten Jahren der Universität habe ich die Physikpraktika der Medizinstudenten mitbetreut, war also in gewisser Weise an der Betriebsaufnahme der UWH „von unten her“ beteiligt.
„Dass Witten/Herdecke jahrelang überhaupt kein Geld zurückgelegt hat, gilt als einer der Kardinalfehler der Universität“, heißt es in dem Artikel. Das mag sein. Es ist ja heute allgemein üblich, Erfolge und Fehler einzig am Pekuniären zu messen. Insofern ist es nur konsequent, die Frage zu stellen, warum dieses pekuniäre Problemfeld mit schöner Regelmäßigkeit über diese kleine Universität hereinbricht. Offensichtlich scheint dies noch niemand richtig aufgefallen zu sein, oder es wurden bislang die falschen Fragen gestellt. In wirtschaftliche Schwierigkeiten kann jede wie auch immer geartete Unternehmung geraten, jedoch hat man diese – ein gutes Management vorausgesetzt – pro Ursache nur einmal, hernach sollte ein Lernprozess erfolgt sein. Allein bei Witten/ Herdecke wird auch die Frage nach den Ursachen mit schöner Regelmäßigkeit gestellt. Dass die deutsche Hochschullandschaft nicht mit der US-amerikanischen zu vergleichen sei, ist ein Allgemeinplatz, der im Falle der UWH auch immer wieder bemüht wird. Aber offensichtlich sind aus dieser Erkenntnis schon bei der Gründung nie die richtigen Konsequenzen gezogen worden, obwohl es dazu deutliche Vorschläge und Ambitionen gab. Das Problem der UWH ist von Anfang an ein Konzeptionell-Strukturelles gewesen. Wer die Hochschullandschaft in NRW zur Genüge kennt, weiß, dass es im Umkreis der UWH jede Menge sehr große Universitäten mit einem umfassenden Angebot an Fakultäten gibt, also gewissermaßen große „Supermärkte“ für Bildung. Diesen einen „Tante-Emma-Laden“ entgegenzusetzen ist wirtschaftlich völlig unsinnig. Ein „Delikatessengeschäft“ hingegen hätte sogar die Möglichkeit geboten, mit den Supermärkten effizient zu kooperieren, durch ein Angebot an über Drittmittel finanzierten Graduierten-Studiengängen in Bereichen, die durch die umliegenden großen Unis eben nicht abgedeckt sind. Beispiele dafür gab und gibt es genug, auch aus den USA, so z.B. das Biological Computer Lab in Urbana Illinois (1960-1972) oder das heute noch existierende Santa-Fe-Institute (for Sciences of Complexity). Stattdessen wurden u.a. auch zweckgebundene Stiftungsgelder für den Aufbau eines Campus verblasen, der en miniature nur noch einmal das abbildet, was es längst schon gibt. Das Argument, dass man aber „in der Lehre“ einiges anders mache als die Großen, läßt sich bei genauer Betrachtung der Gründungsgeschichte als ein ideologisches identifizieren, es zählt hier nicht. Denn „Universität“ meint immer die Einheit von Forschung und Lehre. Für die Lehre allein reicht eine Schule. Und an der Forschung hapert’s an der UWH, das hat der Wissenschaftsrat in der Vergangenheit mehrfach und zur Genüge konstatiert. Die UWH steht jetzt vor der Situation, dass sich die Großen weiterentwickelt haben und nun selbst auf den Aufbau von Graduiertenkollegs setzen. Einen langfristig tragfähigen Ausweg für die UWH kann es nur geben, wenn man im eigenen Hause Spitzenforschung auf Gebieten ansiedelt, die woanders eben unterrepräsentiert sind. Die Luft wird da allerdings immer dünner .....
Tesseract legt den Finger auf einen ganz entscheidenden Schwachpunkt der UWH: es fehlt bis heute ganz offensichtlich an wettbewerbsfähiger Profilbildung in Forschung und Lehre. Und das, obwohl die eigentlichen Gründerväter dieser Hochschule gerade ein solches im Auge hatten, als sie wissenschaftlicher Transdisziplinarität einen besonderen Stellenwert einräumten. Warum die von der Stiftung Volkswagenwerk bereits in der Gründungsphase der UWH finanzierten Forschungsaktivitäten dieser Art dann sehr schnell die Hochschule verlassen mussten, bleibt Geheimnis der damaligen Leitungsverantwortlichen. Damit wurde gleichzeitig eine, wenn nicht d i e entscheidende Chance einer wissenschaftlich wettbewerbsfähigen Profilbildung vertan.
Insofern ist es nicht überraschend, dass es in den letzten 26 Jahren den an der Hochschule Witten-Herdecke Gestaltungsverantwortlichen nicht gelungen ist, dieser Hochschule ein wirtschaftlich tragfähiges und nachhaltiges Fundament zu geben.
Ohne aus der Vergangenheit zu lernen, ist auch und gerade für diese Hochschule kein wirtschaftlich tragfähiges Existenzsicherungskonzept zu entwickeln. Einige zentrale Fragen müssten auch für Außenstehende erkennbar geklärt werden, soll eine wirtschaftlich stabile Zukunft der UWH tatsächlich gesichert werden.
Warum haben sich in der Vergangenheit immer wieder bedeutende private Finanzierer der UWH nach einiger Zeit ganz oder überwiegend zurückgezogen, so z.B.
- Voith, Heidenheim
- VW-Stiftung
- Bertelsmann (Mohn, Wössner)
- Thyssen-Krupp (Vogel, Cromme)
- McKinsey Deutschland (Henzler)
- Boston Consulting (von Oetinger)
- SAP
- Droege (der jetzt offenbar wieder mitmacht)
und eine ganze Reihe mehr.
Kann es sein, dass die für den Umgang mit Geld an der UWH Verantwortlichen Fehler gemacht haben?
Folgt man der Argumentation des Landes NRW, lagen bis heute keine testierfähigen Wirtschaftspläne vor.
Kann es sein, dass vorhandene Mittel nicht zweckgerecht eingesetzt wurden?
So verlangte beispielsweise das Land Baden-Württemberg um 1990 die der damaligen Hochschulleitung für die von ihr beabsichtigte Verlegung der Hochschule nach Mannheim gewährten Mittel wegen nicht zweckentsprechender Verwendung zurück (http://www.zeit.de/1990/0...).
Was bedeuten die häufigen Präsidentenwechsel? Was sind die wirklichen Gründe für das außerplanmäßige Ausscheiden der Präsidenten Zimmerli und Glatthaar?
Kann es sein, dass die Errichtung aufwendiger Hochschulbauten wichtiger war als die Schaffung einer wirtschaftlich tragfähigen Basis für die Realisierung der Hochschulinhalte (Paläste statt Zelte, obwohl immer Aufbruchstimmung und Zelte vordergründig(?) gepredigt wurden)?
Was bedeuten die höchst kritischen Gutachten des Wissenschaftsrates (Wirtschaftswissenschaften 1996, Medizin 2005)? Die Wirtschaftswoche schrieb in Sachen Wirtschaftswissenschaften dazu: “Das Urteil über die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät kam einer Ohrfeige gleich.” (WiWo Nr. 44 vom 24.101996) Welche Schlußfolgerungen sind daraus zu ziehen?
Warum sind die wichtigsten Gründerväter und inhaltlichen Konzeptgestalter Gerhard Kienle, Herbert Hensel, Gunther Hildebrand, Dieter Lauenstein und Eberhard von Goldammer heute in der UWH kaum noch bekannt? Kennt jemand in der Hochschule noch das Grundsatzpapier dieser Gründerväter?
Wird die neue Gesellschafterstruktur der Träger-GmbH dieser Hochschule für eine wettbewerbsfähige Profilbildung sorgen und die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit sichern können? Oder werden Richtungskämpfe zwischen anthroposophischen Tendenzkräften an dieser Hochschule und den jetzt eingestiegenen katholischen Tendenzen zu erwarten sein? Wird schließlich die katholische Kirche diese Hochschule übernehmen, wenn die nächste Finanzkrise auftritt und der Staat sich sträubt, noch weiter zur Kasse gebeten zu werden?
Diese und andere Fragen wären zu klären und die in den Antworten sichtbar werdenden Probleme zu analysieren, will man wirklich mit aller Kraft an der Erhaltung Witten-Herdeckes arbeiten.
Private Hochschulen können die etablierten staatlichen Hochschulen nicht ersetzen. Ihre Chancen bestehen darin, anders und vielleicht(!) auch besser zu sein, neue Wege zu erproben, neue Erkenntnisse zu gewinnen und dadurch möglicherweise auch Impulse zur Weiterentwicklung des staatlichen Hochschulbereichs zu setzen.
Fehlt der privaten Hochschule der Mut zur Innovation, gefährdet sie anders als eine wirtschaftlich existenzgesicherte staatliche Hochschule glücklicherweise ihre Existenz.
Im Vergleich zu einer privaten Hochschule, die immer auch Energie auf ihre wirtschaftliche Existenzsicherung richten muß, kann die entsprechend gesicherte staatliche Hochschule eigentlich viel unbesorgter innovativ experimentieren.
Dieser Herausforderung sollten sich alle privaten Hochschulen bewusst sein - auch und gerade Witten-Herdecke.
Und noch etwas müsste man dem einen oder anderen in Witten-Herdecke ins Stammbuch schreiben:
Vorsicht mit Eurem Elite-Bewusstsein! Wer sich als Elite ausgibt, gehört nicht dazu. Wer wirklich zur Elite gehört, ist sich dessen entweder gar nicht bewußt, oder er macht sich nichts daraus. Wer sich dessen bewußt ist, dass er nicht dazu gehört, ist häufig ein glücklicherer Mensch.
Wer weiß schon, ob und unter welchen Voraussetzungen in Witten-Herdecke (oder sonstwo) Eliten entstehen.
Wenn zur Elite gehören heißt, die eigene Person der Aufgabe unter zu ordnen, zu arbeiten, hart zu arbeiten, zu wagen, zu entscheiden und in die Zukunft zu schauen, wenn hohes Können und lebenslanges Lernen ebenso dazu gehören wie die Fähigkeit, Zusammenhänge gesellschaftlich verantwortlich zu verarbeiten, kann sie vielleicht entstehen.
Je mehr einer zweifelt, desto eher gehört er zur Elite als Gruppe jener, von denen der geistig-sittliche Fortschritt erwartet werden darf. Denn sie stellen alles in Frage, was bislang als richtig galt - nicht um es zu verwerfen, sondern um es neu zu fundieren.
Es ist der UWH und ihren Studenten zu wünschen, dass es dort endlich gelingt, ein dauerhaft wettbewerbsfähiges wissenschaftliches Sonderprofil zu entwickeln, auf dessen Basis eine langfristige wirtschaftliche Existenzsicherung möglich wird. Derzeit ist immer noch alles offen ...
Tesseract legt den Finger auf einen ganz entscheidenden Schwachpunkt der UWH: es fehlt bis heute ganz offensichtlich an wettbewerbsfähiger Profilbildung in Forschung und Lehre. Und das, obwohl die eigentlichen Gründerväter dieser Hochschule gerade ein solches im Auge hatten, als sie wissenschaftlicher Transdisziplinarität einen besonderen Stellenwert einräumten. Warum die von der Stiftung Volkswagenwerk bereits in der Gründungsphase der UWH finanzierten Forschungsaktivitäten dieser Art dann sehr schnell die Hochschule verlassen mussten, bleibt Geheimnis der damaligen Leitungsverantwortlichen. Damit wurde gleichzeitig eine, wenn nicht d i e entscheidende Chance einer wissenschaftlich wettbewerbsfähigen Profilbildung vertan.
Insofern ist es nicht überraschend, dass es in den letzten 26 Jahren den an der Hochschule Witten-Herdecke Gestaltungsverantwortlichen nicht gelungen ist, dieser Hochschule ein wirtschaftlich tragfähiges und nachhaltiges Fundament zu geben.
Ohne aus der Vergangenheit zu lernen, ist auch und gerade für diese Hochschule kein wirtschaftlich tragfähiges Existenzsicherungskonzept zu entwickeln. Einige zentrale Fragen müssten auch für Außenstehende erkennbar geklärt werden, soll eine wirtschaftlich stabile Zukunft der UWH tatsächlich gesichert werden.
Warum haben sich in der Vergangenheit immer wieder bedeutende private Finanzierer der UWH nach einiger Zeit ganz oder überwiegend zurückgezogen, so z.B.
- Voith, Heidenheim
- VW-Stiftung
- Bertelsmann (Mohn, Wössner)
- Thyssen-Krupp (Vogel, Cromme)
- McKinsey Deutschland (Henzler)
- Boston Consulting (von Oetinger)
- SAP
- Droege (der jetzt offenbar wieder mitmacht)
und eine ganze Reihe mehr.
Kann es sein, dass die für den Umgang mit Geld an der UWH Verantwortlichen Fehler gemacht haben?
Folgt man der Argumentation des Landes NRW, lagen bis heute keine testierfähigen Wirtschaftspläne vor.
Kann es sein, dass vorhandene Mittel nicht zweckgerecht eingesetzt wurden?
So verlangte beispielsweise das Land Baden-Württemberg um 1990 die der damaligen Hochschulleitung für die von ihr beabsichtigte Verlegung der Hochschule nach Mannheim gewährten Mittel wegen nicht zweckentsprechender Verwendung zurück (http://www.zeit.de/1990/0...).
Was bedeuten die häufigen Präsidentenwechsel? Was sind die wirklichen Gründe für das außerplanmäßige Ausscheiden der Präsidenten Zimmerli und Glatthaar?
Kann es sein, dass die Errichtung aufwendiger Hochschulbauten wichtiger war als die Schaffung einer wirtschaftlich tragfähigen Basis für die Realisierung der Hochschulinhalte (Paläste statt Zelte, obwohl immer Aufbruchstimmung und Zelte vordergründig(?) gepredigt wurden)?
Was bedeuten die höchst kritischen Gutachten des Wissenschaftsrates (Wirtschaftswissenschaften 1996, Medizin 2005)? Die Wirtschaftswoche schrieb in Sachen Wirtschaftswissenschaften dazu: “Das Urteil über die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät kam einer Ohrfeige gleich.” (WiWo Nr. 44 vom 24.101996) Welche Schlußfolgerungen sind daraus zu ziehen?
Warum sind die wichtigsten Gründerväter und inhaltlichen Konzeptgestalter Gerhard Kienle, Herbert Hensel, Gunther Hildebrand, Dieter Lauenstein und Eberhard von Goldammer heute in der UWH kaum noch bekannt? Kennt jemand in der Hochschule noch das Grundsatzpapier dieser Gründerväter?
Wird die neue Gesellschafterstruktur der Träger-GmbH dieser Hochschule für eine wettbewerbsfähige Profilbildung sorgen und die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit sichern können? Oder werden Richtungskämpfe zwischen anthroposophischen Tendenzkräften an dieser Hochschule und den jetzt eingestiegenen katholischen Tendenzen zu erwarten sein? Wird schließlich die katholische Kirche diese Hochschule übernehmen, wenn die nächste Finanzkrise auftritt und der Staat sich sträubt, noch weiter zur Kasse gebeten zu werden?
Diese und andere Fragen wären zu klären und die in den Antworten sichtbar werdenden Probleme zu analysieren, will man wirklich mit aller Kraft an der Erhaltung Witten-Herdeckes arbeiten.
Private Hochschulen können die etablierten staatlichen Hochschulen nicht ersetzen. Ihre Chancen bestehen darin, anders und vielleicht(!) auch besser zu sein, neue Wege zu erproben, neue Erkenntnisse zu gewinnen und dadurch möglicherweise auch Impulse zur Weiterentwicklung des staatlichen Hochschulbereichs zu setzen.
Fehlt der privaten Hochschule der Mut zur Innovation, gefährdet sie anders als eine wirtschaftlich existenzgesicherte staatliche Hochschule glücklicherweise ihre Existenz.
Im Vergleich zu einer privaten Hochschule, die immer auch Energie auf ihre wirtschaftliche Existenzsicherung richten muß, kann die entsprechend gesicherte staatliche Hochschule eigentlich viel unbesorgter innovativ experimentieren.
Dieser Herausforderung sollten sich alle privaten Hochschulen bewusst sein - auch und gerade Witten-Herdecke.
Und noch etwas müsste man dem einen oder anderen in Witten-Herdecke ins Stammbuch schreiben:
Vorsicht mit Eurem Elite-Bewusstsein! Wer sich als Elite ausgibt, gehört nicht dazu. Wer wirklich zur Elite gehört, ist sich dessen entweder gar nicht bewußt, oder er macht sich nichts daraus. Wer sich dessen bewußt ist, dass er nicht dazu gehört, ist häufig ein glücklicherer Mensch.
Wer weiß schon, ob und unter welchen Voraussetzungen in Witten-Herdecke (oder sonstwo) Eliten entstehen.
Wenn zur Elite gehören heißt, die eigene Person der Aufgabe unter zu ordnen, zu arbeiten, hart zu arbeiten, zu wagen, zu entscheiden und in die Zukunft zu schauen, wenn hohes Können und lebenslanges Lernen ebenso dazu gehören wie die Fähigkeit, Zusammenhänge gesellschaftlich verantwortlich zu verarbeiten, kann sie vielleicht entstehen.
Je mehr einer zweifelt, desto eher gehört er zur Elite als Gruppe jener, von denen der geistig-sittliche Fortschritt erwartet werden darf. Denn sie stellen alles in Frage, was bislang als richtig galt - nicht um es zu verwerfen, sondern um es neu zu fundieren.
Es ist der UWH und ihren Studenten zu wünschen, dass es dort endlich gelingt, ein dauerhaft wettbewerbsfähiges wissenschaftliches Sonderprofil zu entwickeln, auf dessen Basis eine langfristige wirtschaftliche Existenzsicherung möglich wird. Derzeit ist immer noch alles offen ...
Tesseract legt den Finger auf einen ganz entscheidenden Schwachpunkt der UWH: es fehlt bis heute ganz offensichtlich an wettbewerbsfähiger Profilbildung in Forschung und Lehre. Und das, obwohl die eigentlichen Gründerväter dieser Hochschule gerade ein solches im Auge hatten, als sie wissenschaftlicher Transdisziplinarität einen besonderen Stellenwert einräumten. Warum die von der Stiftung Volkswagenwerk bereits in der Gründungsphase der UWH finanzierten Forschungsaktivitäten dieser Art dann sehr schnell die Hochschule verlassen mussten, bleibt Geheimnis der damaligen Leitungsverantwortlichen. Damit wurde gleichzeitig eine, wenn nicht d i e entscheidende Chance einer wissenschaftlich wettbewerbsfähigen Profilbildung vertan.
Insofern ist es nicht überraschend, dass es in den letzten 26 Jahren den an der Hochschule Witten-Herdecke Gestaltungsverantwortlichen nicht gelungen ist, dieser Hochschule ein wirtschaftlich tragfähiges und nachhaltiges Fundament zu geben.
Ohne aus der Vergangenheit zu lernen, ist auch und gerade für diese Hochschule kein wirtschaftlich tragfähiges Existenzsicherungskonzept zu entwickeln. Einige zentrale Fragen müssten auch für Außenstehende erkennbar geklärt werden, soll eine wirtschaftlich stabile Zukunft der UWH tatsächlich gesichert werden.
Warum haben sich in der Vergangenheit immer wieder bedeutende private Finanzierer der UWH nach einiger Zeit ganz oder überwiegend zurückgezogen, so z.B.
- Voith, Heidenheim
- VW-Stiftung
- Bertelsmann (Mohn, Wössner)
- Thyssen-Krupp (Vogel, Cromme)
- McKinsey Deutschland (Henzler)
- Boston Consulting (von Oetinger)
- SAP
- Droege (der jetzt offenbar wieder mitmacht)
und eine ganze Reihe mehr.
Kann es sein, dass die für den Umgang mit Geld an der UWH Verantwortlichen Fehler gemacht haben?
Folgt man der Argumentation des Landes NRW, lagen bis heute keine testierfähigen Wirtschaftspläne vor.
Kann es sein, dass vorhandene Mittel nicht zweckgerecht eingesetzt wurden?
So verlangte beispielsweise das Land Baden-Württemberg um 1990 die der damaligen Hochschulleitung für die von ihr beabsichtigte Verlegung der Hochschule nach Mannheim gewährten Mittel wegen nicht zweckentsprechender Verwendung zurück (http://www.zeit.de/1990/0...).
Was bedeuten die häufigen Präsidentenwechsel? Was sind die wirklichen Gründe für das außerplanmäßige Ausscheiden der Präsidenten Zimmerli und Glatthaar?
Kann es sein, dass die Errichtung aufwendiger Hochschulbauten wichtiger war als die Schaffung einer wirtschaftlich tragfähigen Basis für die Realisierung der Hochschulinhalte (Paläste statt Zelte, obwohl immer Aufbruchstimmung und Zelte vordergründig(?) gepredigt wurden)?
Was bedeuten die höchst kritischen Gutachten des Wissenschaftsrates (Wirtschaftswissenschaften 1996, Medizin 2005)? Die Wirtschaftswoche schrieb in Sachen Wirtschaftswissenschaften dazu: “Das Urteil über die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät kam einer Ohrfeige gleich.” (WiWo Nr. 44 vom 24.101996) Welche Schlußfolgerungen sind daraus zu ziehen?
Warum sind die wichtigsten Gründerväter und inhaltlichen Konzeptgestalter Gerhard Kienle, Herbert Hensel, Gunther Hildebrand, Dieter Lauenstein und Eberhard von Goldammer heute in der UWH kaum noch bekannt? Kennt jemand in der Hochschule noch das Grundsatzpapier dieser Gründerväter?
Wird die neue Gesellschafterstruktur der Träger-GmbH dieser Hochschule für eine wettbewerbsfähige Profilbildung sorgen und die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit sichern können? Oder werden Richtungskämpfe zwischen anthroposophischen Tendenzkräften an dieser Hochschule und den jetzt eingestiegenen katholischen Tendenzen zu erwarten sein? Wird schließlich die katholische Kirche diese Hochschule übernehmen, wenn die nächste Finanzkrise auftritt und der Staat sich sträubt, noch weiter zur Kasse gebeten zu werden?
Diese und andere Fragen wären zu klären und die in den Antworten sichtbar werdenden Probleme zu analysieren, will man wirklich mit aller Kraft an der Erhaltung Witten-Herdeckes arbeiten.
Private Hochschulen können die etablierten staatlichen Hochschulen nicht ersetzen. Ihre Chancen bestehen darin, anders und vielleicht(!) auch besser zu sein, neue Wege zu erproben, neue Erkenntnisse zu gewinnen und dadurch möglicherweise auch Impulse zur Weiterentwicklung des staatlichen Hochschulbereichs zu setzen.
Fehlt der privaten Hochschule der Mut zur Innovation, gefährdet sie anders als eine wirtschaftlich existenzgesicherte staatliche Hochschule glücklicherweise ihre Existenz.
Im Vergleich zu einer privaten Hochschule, die immer auch Energie auf ihre wirtschaftliche Existenzsicherung richten muß, kann die entsprechend gesicherte staatliche Hochschule eigentlich viel unbesorgter innovativ experimentieren.
Dieser Herausforderung sollten sich alle privaten Hochschulen bewusst sein - auch und gerade Witten-Herdecke.
Und noch etwas müsste man dem einen oder anderen in Witten-Herdecke ins Stammbuch schreiben:
Vorsicht mit Eurem Elite-Bewusstsein! Wer sich als Elite ausgibt, gehört nicht dazu. Wer wirklich zur Elite gehört, ist sich dessen entweder gar nicht bewußt, oder er macht sich nichts daraus. Wer sich dessen bewußt ist, dass er nicht dazu gehört, ist häufig ein glücklicherer Mensch.
Wer weiß schon, ob und unter welchen Voraussetzungen in Witten-Herdecke (oder sonstwo) Eliten entstehen.
Wenn zur Elite gehören heißt, die eigene Person der Aufgabe unter zu ordnen, zu arbeiten, hart zu arbeiten, zu wagen, zu entscheiden und in die Zukunft zu schauen, wenn hohes Können und lebenslanges Lernen ebenso dazu gehören wie die Fähigkeit, Zusammenhänge gesellschaftlich verantwortlich zu verarbeiten, kann sie vielleicht entstehen.
Je mehr einer zweifelt, desto eher gehört er zur Elite als Gruppe jener, von denen der geistig-sittliche Fortschritt erwartet werden darf. Denn sie stellen alles in Frage, was bislang als richtig galt - nicht um es zu verwerfen, sondern um es neu zu fundieren.
Es ist der UWH und ihren Studenten zu wünschen, dass es dort endlich gelingt, ein dauerhaft wettbewerbsfähiges wissenschaftliches Sonderprofil zu entwickeln, auf dessen Basis eine langfristige wirtschaftliche Existenzsicherung möglich wird. Derzeit ist immer noch alles offen ...
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren