Als Ralf Hermersdorfer vergangenen Herbst seinen neuen Job antrat, hätte er nicht gedacht, dass er so schnell zur alten Garde gehören würde. Der Uni-Präsident: zurückgetreten. Die beiden jungen Geschäftsführer, die so motiviert zur Tat schritten: weg. Vor Hermersdorfer liegt die Hochglanzbroschüre, die seine erste Großtat als Pressesprecher werden sollte. Die Druckerei hat sie gerade ausgeliefert. 100 Seiten mit schönen Fotos, glücklichen Studenten und schicken Uni-Ansichten. Ganz vorn: ein Grußwort von Ex-Universitätspräsident Birger Priddat. »Was soll man dazu sagen?«, fragt Hermersdorfer, der sonst zu allem was zu sagen hat.

Vielen Beobachtern ging es ähnlich, als sie in den Tagen vor Weihnachten mit zunehmender Sprachlosigkeit die rasante Demontage eines Symbols mit ansehen mussten. Oder dessen, was nach Jahren der Finanzlöcher und Führungskrisen noch übrig war von dem Mythos Witten/Herdecke, Deutschlands erster privater Universität, die frei von staatlichen Vorschriften hatte beweisen sollen, dass auch hierzulande möglich ist, was man nur aus dem Ausland kannte.

Den Startschuss gegeben für das Beinahe-Ende hatte Nordrhein-Westfalens Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) mit seiner überraschenden Ankündigung, den Landeszuschuss in Höhe von 4,5 Millionen Euro für 2008 nicht auszuzahlen und weitere drei Millionen zurückzuverlangen. Die Begründung: Trotz wiederholter Aufforderung habe Witten keine ordnungsgemäße Geschäftsführung nachweisen können. Was folgte, waren Rücktritte, Studentendemos und die fieberhafte Suche nach neuen Investoren. Ende vergangener Woche schließlich wurde der Rettungsplan bekannt gegeben, und er überraschte: Die katholische Diözese Rottenburg-Stuttgart hat mit einem Millionenengagement nicht nur die Pleite der kleinen Privat-Uni verhindert, sondern sie zudem auch noch vor dem drohenden Einfluss unternehmerischer Interessen bewahrt.

Die Krise ist vorüber, doch der Überlebenskampf geht nur in die nächste Runde – für Witten/Herdecke ebenso wie für die Idee der Privatuniversitäten in Deutschland. Denn die Hoffnung, die Gründung der Hochschule vor gut 25 Jahren werde den Beginn einer neuen Zeit in der höheren Bildung markieren, hat sich nie erfüllt. Am Ende, so hatten sich das Wittens Unterstützer von Gerd Bucerius (Zeitverlag) bis zu Reinhard Mohn (Bertelsmann) ausgemalt, würde es in Deutschland ein System aus staatlichen und privaten Universitäten geben, die sich gegenseitig befruchten.

Es kam anders: Bis heute lernen 96 Prozent der Studierenden in Deutschland in staatlichen Hörsälen. Nachahmer hat das mutige Wittener Projekt kaum gefunden. Zwar gibt es mittlerweile über 120 akademische Privateinrichtungen in Deutschland. Dabei handelt es sich jedoch fast ausschließlich um winzige Business-Schools oder Ein-Fach-Hochschulen, die meist für Wirtschaft, Verwaltung oder Politik ausbilden.

Nur die Jacobs University versammelt mehrere Disziplinen unter einem Dach und kann sich zu Recht Universität nennen. Doch der anspruchsvolle Titel hat einen hohen Preis: Rund 40 Millionen Euro gibt die Bremer Hochschule jedes Jahr aus, insbesondere für die teuren Ingenieurwissenschaften. Aus Spenden allein lässt sich dies nicht finanzieren. »Mehr als 15 Millionen im Jahr bekommen Sie in Deutschland selbst bei größten Anstrengungen nur schwer zusammen«, sagt Fritz Schaumann, langjähriger Präsident der Bremer Hochschule und intimer Kenner der Szene.

Es ist ein Leben am Limit, das die Lenker privater Hochschulen führen: immer auf der Suche nach den Millionen, um den Vorlesungsbetrieb aufrechtzuerhalten, ohne die akademische Freiheit preiszugeben – etwa die Medizinerausbildung in Witten mit der breiten Allgemeinbildung und dem frühzeitigen Kontakt der angehenden Ärzte mit Patienten. Teil dieses Modells ist es, von den Studenten hohe Gebühren zu verlangen. In Witten waren schon vor den Krisen zwischen 19.000 und 30.000 Euro für ein Studium fällig.