Wirtschaftskrise Auf der Kippe
Arbeiter fürchten den Urlaub, Christdemokraten reden wie Marxisten, und der SPD-Ortsverein versteht die Welt nicht mehr. In Bochum bringt die Wirtschaftskrise vieles durcheinander
Als Wolfgang Emmrich aufbricht, um in die Stadt zu fahren, die ihm seit fast vierzig Jahren Lohn und Brot gibt, hat er weder gegessen noch getrunken. »Lohnt nich«, sagt er auf dem Weg zum Auto, ein Mann von 52 Jahren, Stoppelbart, Winterjacke, die Mütze tief in seine Stirn gezogen. Wieso die Kaffeemaschine anwerfen, wenn Frau und Tochter noch schlafen? Warum mit kleinen Gesten den Morgen feiern, wenn der ganze Stadtteil doch wie tot wirkt? Die digitale Uhr zeigt 4:49, als Emmrich seinen Corsa startet und durch die dunklen Vorstadtstraßen im Dortmunder Osten fährt. Nach Bochum. Zu Opel. Hinein in eine Stadt und ihre Geschichte, in der Arbeit die zentrale Rolle spielt. Und mit der Arbeit die Wirtschaft. Und mit der Wirtschaft die Krisen. Und damit nun auch diese Krise, die so anders ist und so viel schlimmer werden soll als alle Krisen vorher. Dem Opel-Arbeiter Emmrich beschert sie seit Oktober einen von Produktionsstopps durchlöcherten Dienstplan, vergifteten Urlaub.
Eine seltsame Krise ist das, die einem zunächst nur freie Tage schenkt.
Wolfgang Emmrich mit seiner kehligen Stimme, diesem schweren Zungenschlag des Ruhrgebiets, soll der erste Zeuge sein in einer Erkundung, die der Frage nachgeht, wie Krisen über Städte und Menschen kommen und was sie aus ihnen machen. Welche Opfer sie fordern, welche Gewissheiten sie rauben. Wo ließe sich das besser betrachten als in Bochum? Dort, wo eine Laune der Natur einst Kohle presste, weshalb aus einem Bauernnest, das im Jahre 1800 nur 1600 Seelen zählte, ein Jahrhundert später eine Stadt von 65.000 Menschen wuchs. Heute sind es 381.000. Bochum bezieht sein Daseinsrecht aus Arbeit, hat dankbar Ortsteile und Straßen nach ihr benannt. Es gibt hier eine Glückaufstraße, eine Neuflözstraße und eine Gußstahlstraße, ein Krankenhaus mit dem wunderbaren Namen Bergmannsheil und einen Ortsteil, der Stahlhausen heißt. Es gibt den Opelring und die Nokia-Bahn. Es ist, als läge die Wirtschaftsgeschichte in dünnen Sedimenten auf der Stadt. Zuunterst die Kohle, zuoberst der Ruhrschnellweg, auf dem Wolfgang Emmrich nun in Richtung Bochum-Langendreer fährt, wo 1962 auf den Ruinen der Zeche Dannenbaum das Opel-Werk errichtet wurde. So überrascht es nicht, dass auch Emmrichs Leben noch im Bergbau fußt. Man darf das nicht übergehen oder als Klischee verbuchen, weil diese Herkunft bis heute sein Denken und Fühlen – und Fürchten – prägt. In einfachen Worten erzählt er an diesem Morgen im Auto von dem, was sonst so kalt »Strukturwandel« oder »Globalisierung« heißt. »Ich erinner mich noch«, sagt er, »wie bei uns zu Hause der Zechenbus rumfuhr.« Dort, wo heute Jalousien wie müde Lider in den Fenstern hängen, war früher Licht. Männer füllten Teekannen und Brotdosen, ehe sie in Zechen, Stahlwerke und Brauereien fuhren. Früh um fünf brachen ganze Nachbarschaften auf.
Auch Emmrichs Vater arbeitete unter Tage, auf der Zeche Minister Stein. Nach 25 Jahren konnte er nicht mehr. 38 war er damals.
1970 wechselte der Vater in eine Halle voller Licht und Luft: Auf zu Opel! Hier gab es Arbeit für alle! Der Vater bekam einen Platz an der Drehbank. Der Sohn, gerade 13, ging in die Lehrwerkstatt. Die Mutter, sagt Emmrich, »kam in die Hinterachse«. An den Bändern bauten Bergleute, Stahlarbeiter, Metzger, Friseurinnen und Kassiererinnen den Kadett und konnten kaum fassen, wie gut Opel sie entlohnte. Schnell zahlten die Emmrichs ihren Wohnwagen ab, fuhren samstags an die Sorpetalsperre und flogen im Sommer nach Marbella. Ihrem alten Opel Rekord folgte 1971 ein neuer Manta, »in Ocker, mit schwarzer Motorhaube«. Ein paar Jahre später begann Wolfgang Emmrich, Tennis zu spielen.
Draußen zieht das neue Ruhrgebiet vorbei. Getränkemärkte, Einkaufszentren, Gartenparadiese. Industriebrachen und Technologieparks. An einer Kreuzung sagt Emmrich: »Hier stehen oft Leiharbeiter und warten auf Jobs. Arme Kerle.« Menschen, die morgens nicht mehr wissen, was der Tag ihnen bringen wird.
Emmrich dachte lange, er sei sicher. Autos braucht ja jeder. Was sollte ihm passieren, solange er gewissenhaft und fleißig arbeitet? Seit ein paar Jahren hat er allerdings das seltsame Gefühl, dass er der Letzte ist aus seiner Siedlung, der morgens noch zur Arbeit fährt. Dass er es ist, der sich jetzt einen Wettlauf mit der Krise liefert: Wer von beiden ist zuerst im Werk? Emmrich ist sich nicht mehr sicher, ob es Glück ist oder Pech, die Krise noch nicht hinter sich zu haben wie die Nachbarn, teuer abgefundene Stahlarbeiter, Bergleute mit Lohnfortzahlung bis zur Rente. Männer in seinem Alter, die eine andere Krise früher traf, zu guten Konditionen. So gesehen ist die Dunkelheit morgens in den Häusern auch ein Luxus. »Es ist verrückt«, sagt er, »aber ich könnt’ auch sagen: Die haben Glück gehabt.«
Denn nun ist die nächste Krise da. Die Medien berichten von einem Monster, das wächst und wächst. Aus einem abstrakten, fernen Bankenproblem in Amerika ist eine Autokrise in Deutschland geworden, aus einer General-Motors-Krise in Detroit eine Opel-Krise in Wolfgang Emmrichs Leben.
In seinem Auto läuft WDR 2, Emmrich ist in steter Alarmbereitschaft. An diesem Morgen: nichts zu Opel. Die Nachrichten vermelden das neue Konjunkturpaket der Bundesregierung und berichten über den Selbstmord des Unternehmers Adolf Merckle. Seltsam. Die Bundeskanzlerin verschenkt Milliarden. Milliardäre wollen nicht mehr leben. Und bei Opel laufen zum ersten Mal in diesem Jahr die Bänder an. Das backsteinrote Werk, längst Nachrichtenkulisse, liegt weiß bestrahlt im Nebel, unwirklich fast. Wolfgang Emmrich steuert seinen Corsa auf eine riesige Asphaltfläche, gebaut für die Autos von 20.000 Arbeitern. Opel beschäftigt nur noch 6000. Emmrich könnte direkt am Werkstor parken, doch er stellt seinen Wagen noch immer auf denselben entlegenen Platz, auf dem er seit Jahren parkt. Damit wenigstens das bleibt, wie es immer war.
»Was ich echt schlimm finde«, sagt er zum Abschied: »Dass ich mich freue, dass ich bald 53 werde und nicht 33.«
Froh sein über gelebtes Leben, über Jahre, die man sicher hat: Ein ambivalentes Gefühl muss das sein. Es wird nicht der einzige – scheinbare – Widerspruch auf diesem Streifzug durch Bochum bleiben, wo der Leiter des Arbeitsamtes Zahlen verkündet, die nicht zur Stadt zu passen scheinen. In der sich ein Betriebsrat wundert, dass Politiker auf einmal radikaler reden als er. In der die Oberbürgermeisterin gegen die Globalisierung kämpft und sich zugleich in den USA verspekuliert hat. Und in der ein Professor sein Forschungsgebiet – die Geschichte der Arbeiterbewegung – nicht mehr für besonders erforschenswert hält.
Vielleicht kann das gar nicht anders sein in einer Stadt, die sich seit fünfzig Jahren immer wieder neu erfinden muss, die mehr als 50.000 Arbeitsplätze in Stahl- und Bergwerken abbauen half und dafür unter anderem Opel und die größte Universität des Ruhrgebiets bekam – wofür sie sich auf eine seltsam stolze Weise schämt, ganz wie die SPD für ihre Regierungspolitik. Bochum ist ein sehr sozialdemokratisches Gebilde, das nur mit sehr viel staatlichem Willen funktioniert. Damit könnte die Stadt jetzt vielleicht ein Vorbild sein im Kampf gegen die Krise eines entfesselten Marktes, doch sie ist – wie die SPD – viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie sich aufheitern ließe von der Nachricht, die Luidger Wolterhoff in diesem Augenblick verkündet.
Denn nun betritt ein Schlaks im schwarzen Anzug den Presseraum der Bochumer Agentur für Arbeit. Luidger Wolterhoff, seit fünf Jahren Leiter der Behörde. Er nimmt Platz am Kopf des Tisches, richtet die Papiere, räuspert sich – und blickt in einen leeren Raum, in dem nicht mehr als drei Journalisten sitzen. Er kennt das schon. Wenn Opel Stellen streichen will, steht sofort das Fernsehen vor dem Werk. Wenn er gute Zahlen hat, kommt der Lokalredakteur der
WAZ.
Es gilt, das Jahr 2008 zu bilanzieren, Wolterhoff nennt es ein »sehr gutes«. Er beschließt es mit 17008 Arbeitslosen, das sind 9,3 Prozent. »Seit August liegt die Quote unter zehn Prozent. Zum ersten Mal seit 25 Jahren.«
Wolterhoff macht eine Kunstpause. Niemand fragt etwas.
»Ein Topergebnis, wenn man in die Nachbarstädte schaut«, sagt er. Essen hat 12 Prozent, Dortmund 13, von Gelsenkirchen nicht zu reden. Sind diese 9,3 Prozent nur eine Schönwetterzahl angesichts der aufkommenden Düsternis? In Bochum sei eine solide Mischung großer und kleiner Unternehmen entstanden, sagt Wolterhoff. 27 Prozent der Beschäftigten arbeiten im produzierenden Gewerbe, 73 Prozent im Dienstleistungssektor. Bochum ist auch die Stadt mit der höchsten Exportquote im Ruhrgebiet, 65 Prozent aller Güter und Leistungen sind für das Ausland bestimmt. Deshalb könnte die Stadt jetzt bestraft werden für ihren Strukturwandel. »In der Tat«, sagt Wolterhoff, »drehen sich die ersten Indikatoren. Die Anträge für Kurzarbeit haben sich verfünffacht. Da sind Firmen dabei, die uns jahrelang nicht kontaktieren mussten. So rasant war noch kein Umschwung.«
Es ist ein trüber Tag im Januar, als sich im Verwaltungsbau des Opel-Werkes drei Männer die Hand reichen. Rainer Einenkel, der Betriebsrat, verabschiedet den Werksleiter und dessen Personalchef mit einem matten Gruß. Die beiden nehmen ihre Ledertaschen und verschwinden über einen menschenleeren Flur. Nur jede zweite Lampe brennt. Der graue Teppich sieht nicht so aus, als werde er noch oft gereinigt. So stellt man sich den Bürotrakt eines geizigen Mittelständlers vor, nicht die Filiale eines Weltunternehmens, an dem Bochums Schicksal hängt: General Motors.
Opel ist in Not, der Presseausschnittsdienst auf Einenkels Schreibtisch liest sich existenziell: Rüttgers fordert Zusage für Opel, General Motors braucht Milliarden. Zu viele Arbeiter für zu wenig Arbeit. Seit Tagen, sagt Einenkel, verhandele er über »Produktionspausen«, »Kurzarbeitsgeld« und »Volumensverteilungen im Jahr 2009«. Draußen vor seinem Fenster liegt der große Parkplatz. Tausende Autos, Tausende Existenzen. Der kleine Wagen ganz rechts könnte Wolfgang Emmrichs Corsa sein.
Einenkel, der Mann der IG Metall, sieht nicht aus, wie man sich einen Arbeiterführer vorstellt. Klein und feingliedrig, mit blauem Hemd und schlanker Brille, erinnert er eher an CDU-Fraktionschef Volker Kauder als an den 54 Jahre alten Kommunisten, von dem in den Artikeln über ihn zu lesen ist. Bis 1988 war Einenkel in der DKP.
»Marxist bin ich noch immer«, sagt er und lächelt fein.
Die neue Krise ist auch für Einenkel ganz anders als alle anderen, weil sie ideologische Bestätigung und Machtverlust zugleich bedeutet – noch so ein Widerspruch. Es waren Spekulanten, die diese Krise geschaffen haben, Einenkel liest nun überall von Bürgschaften, gekappten Managergehältern und Auffangschirmen. An der Commerzbank beteiligt sich gerade der Staat. »Wenn ich so einige Ministerpräsidenten reden höre, frage ich mich schon: Hat die CDU jetzt den Karl Marx gelesen?«
Doch während die Politiker reden wie Marxisten, muss der Marxist verhandeln wie ein Politiker. Um jeden Tag, an dem die Bänder laufen dürfen. Um jeden Cent Verdienstausgleich an jenen Tagen, an denen die Bänder stehen.
2004, als das Werk zum ersten Mal geschlossen werden sollte, half noch ein Streik. Damit zwang Einenkel General Motors in die Knie, weil die Arbeiter in Bochum Teile für alle Opel-Werke produzierten. GM, der Mutterkonzern, ließ sich einen Vertrag abringen, der Bochum eine Zukunft bis ins Jahr 2016 garantierte. Nun steht GM vor der Pleite, und Einenkel sagt: »Wenn es den Vertragspartner nicht mehr gibt, gibt es natürlich auch den Vertrag nicht mehr.«
Aber was soll er machen? Gegen Lehman Brothers demonstrieren?
Diese Krise scheint mittlerweile ein Naturzustand zu sein, unabänderlich wie Regen. Wer das verstanden hat, ist zwar klüger, aber auch hilfloser. An wen soll Einenkel seine Forderungen richten? Von wem Sicherheiten verlangen? Alle, mit denen er spricht, meinen es ja gut. Niemand, mit dem er redet, hat eine Handhabe. Und jeder kann sich hinter seinem Vorgesetzten verstecken. Der Bochumer Werksleiter verweist auf die Opel-Zentrale in Rüsselsheim, die Opel-Zentrale in Rüsselsheim verweist auf die GM-Europazentrale in Zürich, die GM-Europazentrale in Zürich verweist auf die GM-Zentrale in Detroit, und die GM-Zentrale in Detroit verweist auf die amerikanische Regierung.
Früher war das einfacher. Wenn Stahlarbeiter wütend waren, mussten sie nur eine Stadt weiterziehen, nach Essen, hinauf zur Villa Hügel, dem Wohnsitz der Familie Krupp. Jetzt hängt Opels Schicksal noch nicht mal mehr an Rick Wagoner, dem verhassten Konzernchef von GM, der niemals in Bochum war und stets die falschen Autos bauen ließ. Jetzt hängt es an Barack Obama, in dem ein Gewerkschafter nur schwerlich einen Feind erkennen kann.
Ein ziemlich weiter Bogen ist das, von Bochum bis ins Oval Office nach Washington. Fast kann man den Mut verlieren. Vielleicht hat sich die IG Metall deshalb ein neues, wuchtiges Haus gebaut, das eine geballte Faust symbolisieren soll – und sich doch nur trotzig über eine Brache reckt, die Krupp in Bochum hinterließ. Und vermutlich deshalb klingt Einenkels Einschätzung der Krise für einen Gewerkschafter fast kampflos: »Arbeit wird nicht mehr mit Sicherheit bezahlt.«
Der alte Mann, der im fettvernebelten Imbiss Charlottenhof gegenüber dem Werk nicht das erste Bier des Tages trinkt, drückt die Lage krasser aus: »Am Tor isses doch vorbei mit denen ihrer Würde!«
Als »Meier-Schulze« stellt er sich vor, »dem Müller-Lüdenscheid sein Bruder«. Er macht wegwerfende Handbewegungen wie ein frustrierter Fußballtrainer. »Unsere Jungs hier machen Gewinne und überweisen alles nach Amerika. Noch nicht mal geheizt wird da drinnen noch, oder nur halb, was weiß ich. Dafür ist jetzt alles amerikanisch: Der Gruppensprecher is ’n
board-champion.
Die Karossenkontrolle heißt
touch-up.
Und
facility management!
Das ist eigentlich Hausmeister Krause. Nur ohne Dackel.«
Ein Mann, der davon lebt, mit dieser Gefühlslage zu spielen, ist ausgerechnet einer, der von sich sagt, »nie im Leben hart gearbeitet zu haben«.
Der Autor und Kabarettist Frank Goosen hatte das Tierpark’s als Treffpunkt vorgeschlagen, ein Café im Stadtpark, wo die Getränke teuer sind und sogar die Kloschüsseln von Joop – als wollte er gleich mal das Currywurst-Klischee zerstören. Goosen hat ein Gesicht, rund und blass wie der Mond. Goosen war der Erste seiner Familie, »der nicht mehr Tuwort gesagt hat, sondern Verb«, sagt er. Das ist auch einer der Witze aus seinem aktuellen Programm.
Goosen, in Bochum geboren, in Bochum aufgewachsen und immer in Bochum geblieben, ist so etwas wie der Hofnarr dieser Stadt geworden, vielleicht sogar ihr Therapeut. Er hat seine Magisterarbeit über Rationalisierung und Fordismus geschrieben, nun füllt er ganze Säle, in denen er erzählt, was Rationalisierung und Fordismus aus dem Ruhrgebiet gemacht haben: ein Land, in dem die Fremden staunen, »dass sie uns ein Wort wie Baum nicht mehr mit einem Piktogramm erklären müssen«. Dann prasselt dankbarer Applaus auf Goosen nieder, weil er eine große Niederlage in einen kleinen Sieg verwandelt hat.
Bochum, sagt Goosen, »hat sich mit dem Schauspielhaus dauerhaft in der Bundesliga etabliert, die Uni ist Champions League. Und was bei Kohle und Stahl abgefedert wurde, ist auf der Welt fast ohne Beispiel. Das hier könnte auch alles ein riesiger Slum sein.«
Empfindet die Stadt das auch so?
»Nö. Der Bochumer empfindet Zufriedenheit nur in einem Maße, das sich am besten im Lieblingssatz meines Opas beschreiben lässt: Woanders is auch scheiße.«
Bochumer sein, sagt Goosen nach langem Nachdenken, sei wohl ein Gefühl von Bodenlosigkeit, weil unter der Schicht von Industriekultur ja nichts ist. Vielleicht habe gerade diese Bodenlosigkeit so viele Persönlichkeiten hervorgebracht, Politiker wie Otto Schily, Wolfgang Clement und Norbert Lammert. Vor allem einen Haufen Kabarettisten und Komödianten wie Hans Werner Olm, Ingo Naujoks, Bastian Pastewka und ihn. Denn was treibt einen Humoristen anderes als Selbstzweifel?
Die Bodenlosigkeit hat die Stadt auch eine Zeit lang überdimensionierte U-Bahnhöfe bauen lassen. Als müsse sie sich ihres Existenzrechts vergewissern. Das neue Konjunkturpaket, es passt zu Bochum: Wenn Krise ist, wird gebaut. Und weil in Bochum öfter Krise war, sieht die Stadt auch aus wie steingewordene Krisenbewältigung. »Ich glaube«, sagt Goosen, »der Baumarkt ist im Ruhrgebiet erfunden worden. Weil die Leute hier alles selber können und selber machen. Wenn man ein Problem durch Arbeit lösen kann, ist es nicht unlösbar.«
Arbeit zu verlieren ist die Urangst dieser Stadt. Vor einem Jahr ließ ein finnischer Konzern sie zum Trauma wachsen. Bis zum 15. Januar 2008 dachten die Bochumer, Nokia sei das Sicherste, was der Arbeitsmarkt zu bieten habe. Ein Handy braucht ja auch jeder, mehr noch als ein Auto. Nokia war der größte Steuerzahler in Bochum. Doch dann musste die Stadt zusehen, wie der Weltkonzern einfach weiterzog, nach Rumänien, trotz Rekordgewinnes.
Erregungswellen rollten durch die Republik, ausgelöst von diesem Lehrstück der Globalisierung, aufgeführt in Bochum-Riemke. Ein Konzern schloss ein Werk, als handele es sich um ein Busdepot. Es steht so neu und weiß im Norden Bochums, als warte es noch auf seine Einweihung. Das ist der Unterschied zu allen anderen, rostig roten Industriedenkmälern im Revier.
Die 3300 Nokianer – 2300 Angestellte und 1000 Leiharbeiter – hatten keine Chance. Schon für den Tag der Verkündung hatten die Finnen an alles gedacht, sie hatten sogar Notarztwagen vorfahren lassen. Jeder moralische Appell perlte an ihnen ab. Sie zahlten Subventionen zurück und verabschiedeten sich mit hohen Abfindungen.
Mindestens 1300 der Gekündigten haben bislang keinen neuen Job. Die Nokia-Bahn ist in Glückaufbahn umbenannt. Das Schauspielhaus hat das Trauma zum Theaterstück verarbeitet, es heißt Connecting People. Viele Nokianer treffen sich noch heute, manche tragen weiter ihre Dienstausweise bei sich – gültig bis 2010.
Die Glocke im Rathausturm klöppelt tatsächlich Qué será, será, die Hymne der Schicksalsergebenheit, the future’s not ours to see, als Ottilie Scholz in ihr holzvertäfeltes Dienstzimmer bittet. Grubenlampe, stählerner Tresor, Wurzelholztisch. Ottilie Scholz, 60 Jahre alt, selbstverständlich SPD, ist seit 2004 im Amt. Die erste Frau nach einer Männerriege von Schlossern und Schweißern, ihr direkter Vorgänger war immerhin noch Redakteur bei der Gewerkschaftszeitung. Sie hat in Heidelberg studiert und promoviert, als Dr. phil. Damit hat man es nicht immer leicht in einer Stadt, die sich im Gestern meistens wohler fühlt als im Heute.
Die Rathausglocke ist jetzt bei
what will be, will be
angelangt.
Ja, was wird sein?
Ottilie Scholz holt Luft und sagt erst einmal – nichts. Sie ist an diesem Tag schlecht gelaunt. Gerade hat sie um die Love-Parade verhandelt, die im Sommer durch Bochum pulsieren soll. Ist offenbar nicht gut gelaufen.
Was wird sein, Frau Scholz?
Man könnte nun darüber reden, wie machtlos das Modell Stadt gegen das Modell Konzern geworden ist. Eine Stadt, das ist ihr Wesenskern, kann ja nicht fortziehen wie eine Firma. Sie bleibt verantwortlich für die Menschen, die ein Unternehmen feuert. Ein Unternehmen kann sogar die Demokratie verlassen.
»Die Entwicklung verschärft sich«, sagt Ottilie Scholz, »aber warum soll ich über etwas nachdenken, was Fakt ist? Die Stadt ist eben die Stadt.« Sie will lieber über ihre Reaktion auf diese Lage reden. Weil sich der Blick dann in die Zukunft richtet, auf »Cluster« und »Diversifizierung«. Dann ist sie auch schon bei den 38.000 Studenten, den sechs Hochschulen, den Theatern und dem größten Kneipenviertel des Reviers. Die Stadt hat den Blackberry-Produzenten RIM gewonnen, der hier sein europäisches Forschungs- und Entwicklungszentrum eingerichtet hat. Bochum bietet 19000 Arbeitsplätze im Gesundheitswesen. Auf einer Brache in der Innenstadt ist der »Erlebnisraum Viktoria-Quartier« geplant, mit noch mehr Kneipen und einem Konzerthaus.
Es ist, als nage jede Krise am unteren Rand einer Gesellschaft und lasse jene, die einmal deren Mitte waren, ein Stück weiter nach unten rutschen. Und die Stadt muss dann wieder eine neue Schicht auf all die alten legen.
Damit schwebt im Dienstzimmer von Ottilie Scholz eine der großen Gewissensfragen an die Politik: Soll sie, was vergangen ist, rekonstruieren? Oder muss sie stets die nächste Zukunft planen – im Wissen, damit einige Menschen zurückzulassen?
Scholz verweist auf ein neues Gartencenter. Es hat 80 einfache Jobs versprochen.
Die Globalisierung ist über Bochum hinweggefegt. Sie hat Nokia fortgelockt, Opel gebeutelt, den Textilfabrikanten Steilmann fast vom Markt getilgt und aus Aral die Firma BP gemacht, was der Stadt sogar Arbeitsplätze brachte. Der Oberbürgermeisterin scheint sie jede Ideologie und jede Illusion geraubt zu haben, was manchen irritiert in einer Stadt, die aus so viel Ideologie und Illusion besteht. Ottilie Scholz hat sogar mitgespielt im großen Spiel – und sich verzockt: Trotz eines laufenden Bürgerbegehrens hat sie, noch als Kämmerin, das Bochumer Kanalnetz in einem Cross-Border-Geschäft an einen amerikanischen Investor übertragen, um es dann zurückzuleasen. Bochum bekam dafür 20 Millionen Euro. Schon das Konstrukt ist fast zu kompliziert, um es zu begreifen. Jetzt hat die Finanzkrise es noch unbegreiflicher gemacht. Klar sind nur die Folgen: Ihr Nachfolger in der Kämmerei muss mehr Miete zahlen, als die Stadt bei diesem Tauschgeschäft einnahm.
Wirtschaft erscheint nicht mehr planbar, Politik funktioniert nur noch auf Sicht – was kann eine Stadt richtig machen, wenn weltweit etwas in die falsche Richtung läuft? Um was und wen muss man sich Sorgen machen?
»Um die klassischen Arbeiter jedenfalls nicht. Die sitzen ruhiggestellt zu Hause.«
Der Mann, der diesen Satz sagt, wirkt wie aus einem Block geschlagen, ist fast zwei Meter groß und hat Hände wie Baggerschaufeln, mit denen auch er nach Kohle grub. Noch so eine Ruhrgebietsbiografie, denkt man, doch Klaus Tenfelde unterbricht sofort, indem er sagt: »Dann dachte ich aber, sozialer Aufstieg wäre nicht schlecht.«
Tenfelde ist mittlerweile 64 und Professor für Sozialgeschichte an der Ruhr-Universität. Er sitzt im alten Verlagshaus der Gewerkschaft Bergbau und Energie, wo die
Einheit
gedruckt und mit viel Gefühl die Ehre des Arbeiters hochgehalten wurde. Tenfelde ist ihr nüchterner Widersacher geworden. 1998 hat er das Institut zur Erforschung der Europäischen Arbeiterbewegung umbenannt – in Institut für soziale Bewegungen. Soziale Bewegungen? Die Arbeiterführer hatten das Institut immer als ihre eigene Heldenfabrik verstanden, nun strich dieser Akademiker sie einfach aus dem Namen. »Wenn ich mich frage, welche Bewegungen innovativ auf unsere Gesellschaft gewirkt haben«, sagt Tenfelde, »dann waren das die Studentenbewegung, die Frauenbewegung, die Friedensbewegung und die Umweltbewegung.« All das, was auch Bochum in den sechziger Jahren zu einer modernen Stadt machte, im Umfeld der Universität, über die Heinz Kühn, von 1966 bis 1978 SPD-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, einmal sagte: »Erst schicken wir die Kinder aufs Gymnasium, dann auf die Universität, und anschließend wählen sie CDU.« Für Tenfelde ist die Uni eine »Aufstiegsschleuse der Frauen« in einer Region geworden, die bis dahin zwar Arbeit für Männer bot, aber kaum Aufstiegschancen für deren Töchter.
Und die Arbeiterbewegung?
»Hat nach dem Krieg den eigenen Niedergang moderiert. Das ist auch ihre große Leistung: dass diese Region nie richtig ins Brodeln geraten ist. Aber wozu hat das geführt? Zu einer Sozialtechnokratisierung. Es geht nur noch um Abfindungen und Auffanggesellschaften.«
Klaus Tenfelde, der Professor, der einst Kohle schürfte, stellt den Stolz der Stadt infrage. Er findet, dass dieser Stolz in falschen Kategorien denken lässt, auch in der Krise. »Es müsste heute eine soziale Bewegung der Alleinerziehenden geben«, sagt er, »eine Familiengewerkschaft. Eine Gewerkschaft nur für Leiharbeiter. Und eine für Migranten.« In Gefahr seien jene, die später in diese deindustrialisierte Landschaft zogen oder geboren wurden. Als die Pfründen verteilt waren.
Die Love-Parade ist mittlerweile abgesagt. Die Stadt ist zu klein für eine Million Gäste. Noch ein Schlag fürs Selbstbewusstsein. Die Oberbürgermeisterin sagt in der WAZ: »Wir sind nicht provinziell, wir sind dicht bebaut.«
Es ist schon dunkel über Bochum, als im Vereinsheim des Schrebergartens Carolinenglück das Licht aufflammt. Monika, die Wirtin, zupft die Gardinen glatt, entzündet Kerzen, stellt Pilsgläser bereit. Gleich tagt der Ortsverein der SPD in Bochum-Hamme.
Hier, an der Trasse des Ruhrschnellwegs, liegt inmitten der rasenden Welt ein sozialdemokratisches Idyll, wo scheinbar alles noch seine Ordnung hat, nicht nur die Parzellen, 1947 angelegt für die Kumpel der Kohlezeche Carolinenglück. Das Vereinsheim ist auch Wahllokal, 2005 machten fast 60 Prozent ihr Kreuz noch bei der SPD. Hustend treten Männer ein, die meisten schon etwas älter. Sie begrüßen sich knapp und sachlich.
»’n Abend, Rudi.«
»Dieter.«
»Uli.«
»Klaus.«
Der Ortsverein von Hamme ist vor einem Jahr kurz in den Blick der Republik geraten. Damals beantragte der Rudi, Rudolf Malzahn, der Vorsitzende, ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Clement, gegen den eigenen Genossen, der von der Wahl der SPD in Hessen abgeraten hatte. Nach Clements Arbeitsmarktreformen und Aufsichtsratsgeschichten war das endgültig zu viel. Malzahn, 65, war Stahlwerker bei ThyssenKrupp und fünfzig Jahre lang Gewerkschafter. Er schrieb nun Brief um Brief, durchzogen von Enttäuschung über all die Zumutungen der neuen Zeit. Und verbunden mit dem Rat an Clement, sich »eine von den neoliberalen Parteien als neue politische Heimat auszusuchen. Viele Grüße nach Bonn!«
Schriftführer Martin Rockel, der mit seiner runden Brille und seinem grauen Rollkragenpullover ein wenig an Bert Brecht erinnert, vielleicht erinnern will, zückt am Tresen sein Portemonnaie und zeigt all die Visitenkarten, die er gesammelt hat: RTL, Deutsche Welle, ARD, ZDF,
Süddeutsche Zeitung, Handelsblatt.
Die Journalisten kamen nicht nur, weil die Männer hier so schön brummen und grummeln. Sondern weil es ein intaktes Weltbild zu betrachten gibt, ganz ohne Widersprüche.
Und muss die Wahrheit immer kompliziert sein?
Vorn am Tisch schlägt Rudolf Malzahn an sein Glas und wünscht ein erfolgreiches Wahljahr. Malzahn spricht wie Franz Müntefering, in diesem Sound der Sozialdemokratie. Er sagt »Donnestach« und »Schoklade«. In mehr als vier Jahrzehnten SPD hat sich sein »liebe Genossinnen und Genossen« zu einem »Nossinnenunossen« abgeschliffen.
21 Nossinnenunossen habe der Ortsverein im letzten Jahr hinzugewonnen, sagt Malzahn, »damit liegen wir gegen den Bundestrend«. Jetzt muss 2009 geplant werden, das Jahr der Kommunalwahl, der Europawahl, der Bundestagswahl, der Krise. Eine Stunde wird über Lesebrillen hinweg über Termine geredet, über Delegierte für den Unterbezirksparteitag, über die Geschwindigkeitsbegrenzung an der Gahlenschen Straße und die Instandsetzung des Gehwegs zum Hordeler Friedhof.
Dann kommt die Frage nach etwas Großem auf. Was sich vom Konjunkturpaket nach Bochum-Hamme holen ließe. Was der Ortsverein gegen die Krise tun kann. Der Genosse Norbert Kriech schlägt einen Appell an die Regierung vor, dass die Kindergelderhöhung nicht auf den Hartz-IV-Satz angerechnet wird. »Es ist unerträglich, dass ausgerechnet Kinder von Hartz-IV-Empfängern von der Erhöhung keinen Euro mehr bekommen.«
»Und die Studiengebühren müssen weg.«
»Mindestlöhne.«
»Ausbildungsgarantie für jeden.«
Alle nicken.
»Aber wer soll das alles finanzieren?«, fragt ein Mann im roten Pulli zaghaft in die Stille. Uli. Arbeitet in der Stadtkämmerei.
»Uli«, ruft Schriftführer Rockel, »aus unserer Gesetzgebung resultiert Armut! Das müssen wir uns hinter die Ohren schreiben.«
»Wir sind aber kein armes Land. Ihr müsst auch mal die Kirche im Dorf lassen.«
»Uli! 500 Milliarden für den Rettungsschirm!«
»Das ist doch was anderes.«
»Oh nein! Für mich hängt das zusammen.«
Es wird immer lauter. Stühle knarzen, Sätze werden zu Kaskaden. Rudolf Malzahn schlägt mit der Faust auf den Tisch. Er bebt. »Ich kann mich an Zeiten erinnern, wie ich junger Sozialdemokrat war, da haben wir Forderungen aufgestellt! Dafür sind sich die Herren Sozialdemokraten heute wohl zu fein. Sitzen wir denn alle mit dem Arsch an der Heizung?!«
Was ist nur los? Überall ist jetzt mehr Staat, aber in seinem Ortsverein gibt es einen »Finanzierungsvorbehalt«. Alles ist durcheinander. Durch die Stadt geht das Gerücht, BP verlagere nach Budapest. Nokia entlässt schon wieder in Rumänien. In New York stehen Banker auf der Straße. Porsche wird seine Autos nicht mal mehr in Russland los. Die Deutsche Bank meldet Rekordverluste. Josef Ackermann hat einen Schwächeanfall erlitten. Ein Opel ist Auto des Jahres.
Im Vereinsheim Carolinenglück sitzen die Genossen Rudi und Uli hinter verschränkten Armen und würdigen sich keines Blickes. Selbst in Bochum-Hamme hat die Welt jetzt Risse. Und draußen sagen alle, die Krise kommt erst noch.
- Datum 14.07.2009 - 09:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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Man hat den Kohlenpott vorsätzlich ruiniert und damit ganz Deutschland hart getroffen. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Land, dass großenteils vom Amschinen- und Autobau lebt, hat fast keine eigenen Stahlwerke mehr...
Wundert sich da noch jemand?
Fokko
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