Wirtschaftskrise Auf der KippeSeite 5/5
Es ist schon dunkel über Bochum, als im Vereinsheim des Schrebergartens Carolinenglück das Licht aufflammt. Monika, die Wirtin, zupft die Gardinen glatt, entzündet Kerzen, stellt Pilsgläser bereit. Gleich tagt der Ortsverein der SPD in Bochum-Hamme.
Hier, an der Trasse des Ruhrschnellwegs, liegt inmitten der rasenden Welt ein sozialdemokratisches Idyll, wo scheinbar alles noch seine Ordnung hat, nicht nur die Parzellen, 1947 angelegt für die Kumpel der Kohlezeche Carolinenglück. Das Vereinsheim ist auch Wahllokal, 2005 machten fast 60 Prozent ihr Kreuz noch bei der SPD. Hustend treten Männer ein, die meisten schon etwas älter. Sie begrüßen sich knapp und sachlich.
»’n Abend, Rudi.«
»Dieter.«
»Uli.«
»Klaus.«
Der Ortsverein von Hamme ist vor einem Jahr kurz in den Blick der Republik geraten. Damals beantragte der Rudi, Rudolf Malzahn, der Vorsitzende, ein Parteiausschlussverfahren gegen Wolfgang Clement, gegen den eigenen Genossen, der von der Wahl der SPD in Hessen abgeraten hatte. Nach Clements Arbeitsmarktreformen und Aufsichtsratsgeschichten war das endgültig zu viel. Malzahn, 65, war Stahlwerker bei ThyssenKrupp und fünfzig Jahre lang Gewerkschafter. Er schrieb nun Brief um Brief, durchzogen von Enttäuschung über all die Zumutungen der neuen Zeit. Und verbunden mit dem Rat an Clement, sich »eine von den neoliberalen Parteien als neue politische Heimat auszusuchen. Viele Grüße nach Bonn!«
Schriftführer Martin Rockel, der mit seiner runden Brille und seinem grauen Rollkragenpullover ein wenig an Bert Brecht erinnert, vielleicht erinnern will, zückt am Tresen sein Portemonnaie und zeigt all die Visitenkarten, die er gesammelt hat: RTL, Deutsche Welle, ARD, ZDF,
Süddeutsche Zeitung, Handelsblatt.
Die Journalisten kamen nicht nur, weil die Männer hier so schön brummen und grummeln. Sondern weil es ein intaktes Weltbild zu betrachten gibt, ganz ohne Widersprüche.
Und muss die Wahrheit immer kompliziert sein?
Vorn am Tisch schlägt Rudolf Malzahn an sein Glas und wünscht ein erfolgreiches Wahljahr. Malzahn spricht wie Franz Müntefering, in diesem Sound der Sozialdemokratie. Er sagt »Donnestach« und »Schoklade«. In mehr als vier Jahrzehnten SPD hat sich sein »liebe Genossinnen und Genossen« zu einem »Nossinnenunossen« abgeschliffen.
21 Nossinnenunossen habe der Ortsverein im letzten Jahr hinzugewonnen, sagt Malzahn, »damit liegen wir gegen den Bundestrend«. Jetzt muss 2009 geplant werden, das Jahr der Kommunalwahl, der Europawahl, der Bundestagswahl, der Krise. Eine Stunde wird über Lesebrillen hinweg über Termine geredet, über Delegierte für den Unterbezirksparteitag, über die Geschwindigkeitsbegrenzung an der Gahlenschen Straße und die Instandsetzung des Gehwegs zum Hordeler Friedhof.
Dann kommt die Frage nach etwas Großem auf. Was sich vom Konjunkturpaket nach Bochum-Hamme holen ließe. Was der Ortsverein gegen die Krise tun kann. Der Genosse Norbert Kriech schlägt einen Appell an die Regierung vor, dass die Kindergelderhöhung nicht auf den Hartz-IV-Satz angerechnet wird. »Es ist unerträglich, dass ausgerechnet Kinder von Hartz-IV-Empfängern von der Erhöhung keinen Euro mehr bekommen.«
»Und die Studiengebühren müssen weg.«
»Mindestlöhne.«
»Ausbildungsgarantie für jeden.«
Alle nicken.
»Aber wer soll das alles finanzieren?«, fragt ein Mann im roten Pulli zaghaft in die Stille. Uli. Arbeitet in der Stadtkämmerei.
»Uli«, ruft Schriftführer Rockel, »aus unserer Gesetzgebung resultiert Armut! Das müssen wir uns hinter die Ohren schreiben.«
»Wir sind aber kein armes Land. Ihr müsst auch mal die Kirche im Dorf lassen.«
»Uli! 500 Milliarden für den Rettungsschirm!«
»Das ist doch was anderes.«
»Oh nein! Für mich hängt das zusammen.«
Es wird immer lauter. Stühle knarzen, Sätze werden zu Kaskaden. Rudolf Malzahn schlägt mit der Faust auf den Tisch. Er bebt. »Ich kann mich an Zeiten erinnern, wie ich junger Sozialdemokrat war, da haben wir Forderungen aufgestellt! Dafür sind sich die Herren Sozialdemokraten heute wohl zu fein. Sitzen wir denn alle mit dem Arsch an der Heizung?!«
Was ist nur los? Überall ist jetzt mehr Staat, aber in seinem Ortsverein gibt es einen »Finanzierungsvorbehalt«. Alles ist durcheinander. Durch die Stadt geht das Gerücht, BP verlagere nach Budapest. Nokia entlässt schon wieder in Rumänien. In New York stehen Banker auf der Straße. Porsche wird seine Autos nicht mal mehr in Russland los. Die Deutsche Bank meldet Rekordverluste. Josef Ackermann hat einen Schwächeanfall erlitten. Ein Opel ist Auto des Jahres.
Im Vereinsheim Carolinenglück sitzen die Genossen Rudi und Uli hinter verschränkten Armen und würdigen sich keines Blickes. Selbst in Bochum-Hamme hat die Welt jetzt Risse. Und draußen sagen alle, die Krise kommt erst noch.
- Datum 14.07.2009 - 09:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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Man hat den Kohlenpott vorsätzlich ruiniert und damit ganz Deutschland hart getroffen. Das muss man sich einmal vorstellen: Ein Land, dass großenteils vom Amschinen- und Autobau lebt, hat fast keine eigenen Stahlwerke mehr...
Wundert sich da noch jemand?
Fokko
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