MAIL AUS Paris
Von: gero.von.randow@zeit.de Betreff: Autoreduktion
Die Pariser Bourse du Travail, eine Festung der kommunistisch verankerten Gewerkschaft CGT, wird seit acht Monaten von sans-papiers besetzt, von illegal Eingewanderten also. Sie ist schlecht beleuchtet und bitterkalt, denn die Gewerkschafter haben den Strom abgedreht. Der Besucher stapft durch ein Matratzenlager und bemüht sich, nicht auf Gebetsteppiche zu treten, bis er sich zum Treffen der Aktivisten und Unterstützer vorgearbeitet hat. Dort erfährt er vom Zorn der Bewohner, überwiegend Männer aus Mali. Allesamt CGT-Mitglieder, hatten sie einst große Hoffnung in ihre Gewerkschaft gesetzt, als die forderte, wer in Frankreich arbeite, müsse auch ein Aufenthaltsrecht haben. Die CGT ließ demonstrieren, die sans-papiers trugen Fahnen und Transparente. Die meisten von ihnen aber arbeiten in Kleinbetrieben, und für die erklärte sich die CGT unzuständig. Da war die Enttäuschung groß. Doch dabei blieb es nicht, die Besetzer lassen fast jede Woche von sich hören. Als die Rede auf das Weihnachtsfest kommt, geraten die Organisatoren ins Schwärmen: Nachbarn und Freunde waren da, bis tief in die Nacht wurde gefeiert, mit Champagner und Foie gras. Woher? Nun, da gibt’s doch diese Bewegung namens Autoreduction: Deren Aktivisten stürmen Supermärkte, schnappen sich die Ware und schlagen dem Filialleiter vor, einen Polizeieinsatz zu vermeiden und sie ohne Zahlung ziehen zu lassen. Anschließend wird an Bedürftige verteilt. »Produkte guter Qualität«, sagt einer. »Was übrig blieb, haben wir Obdachlosen geschenkt.«
- Datum 15.01.2009 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 15.01.2009 Nr. 04
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