Wir erleben einen finanziellen Zusammenbruch, wie es ihn seit der Großen Depression nicht mehr gegeben hat. Die Folgen werden dramatisch sein. Zum ersten Mal in der Nachkriegszeit könnten wir 2009 ein Jahr erleben, in dem die Weltwirtschaft nicht wächst. Die Krise löst dramatische politische Kurswechsel aus und bereitet die Bühne für eine Wiederauferstehung des Etatismus.

Und noch etwas könnte sie uns bescheren: ein Zurückdrehen der Globalisierung.

Über Jahrzehnte haben wir uns an das Mantra gewöhnt, dass die Globalisierung – die Integration der Welt durch große Ströme von Waren, Kapital und auch Menschen – unumkehrbar sei. Aus historischer Sicht ist das nicht haltbar. Die weltwirtschaftliche Integration im 18. Jahrhundert, angetrieben vom Zucker- und Kaffeehandel, provozierte Rückschläge gegen das englische und das französische Imperium, die diese Art der Globalisierung betrieben. Durch die Kriege der Französischen Revolution und der napoleonischen Ära wurden Handelsströme umgelenkt und Produktionen verlagert. Die Globalisierung im 19. Jahrhundert mit ihrer Integration durch das Dampfschiff, das Telegramm und die Massenmigration endete mit dem Ersten Weltkrieg. Nein, die Globalisierung ist nicht unumkehrbar.

Der heutige Rückschlag in der Globalisierung wird von zwei Kräften vorangetrieben: von praktischen, interessengetriebenen Reaktionen und von tief empfundenen moralistischen Argumenten. Für sich genommen, blieben sie wohl oberflächlich, doch zusammen erzeugen sie eine gewaltige Wirkung.

Um mit der praktischen Seite zu beginnen: Die Krise wird zu höherer Arbeitslosigkeit führen. Die Suche nach Mitteln im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit führt unausweichlich zur Protektion, und tatsächlich sind bereits etliche bekümmernde Zeichen zu sehen, trotz vieler beruhigender Worte über den Wert der internationalen Offenheit.

Im November 2008 gelobten die Delegierten des G20-Wirtschaftsgipfels, dass sie zwölf Monate lang "davon absehen, neue Barrieren gegen Investitionen oder den Handel mit Waren und Dienstleistungen" aufzustellen. Doch binnen weniger Tage erließ Russland neue Zölle auf Automobile und ließ den Rubel abwerten, und Indien führte Zölle auf Eisen- und Stahlerzeugnisse ein. China senkte den Wert des Renminbis, um seine Exporte zu stützen.

In der Eurozone wird die scharfe Abwertung des britischen Pfundes wohl ebenfalls als eine gezielte Aktion wahrgenommen werden, als Teil eines Währungskrieges. Der neue Kongress der Vereinigten Staaten ist offener für die Handelsprotektion als der alte, und es scheint unwahrscheinlich, dass Präsident Obama entsprechende Wünsche blockiert.

Weiterhin gibt es eine dramatische Zuwendung zu einer Denkrichtung, die man als neokeynesianischen Konsens bezeichnen könnte: dass hohe zusätzliche Staatsausgaben notwendig sind, um die Konjunktur zu retten, und dass große Staatsschulden gebraucht werden, um die Kreditmärkte zu stabilisieren, weil der Staat in extrem nervösen Zeiten der einzig verlässliche Gläubiger ist.

Was passiert, wenn der Staat die Erwartungen nicht erfüllt? Wenn die Defizite steigen und eine Wendung ausbleibt? Dann setzt eine Ernüchterung ein. Der Markt hat versagt, aber auch der Staat.

Historisch betrachtet, waren Rückschläge gegen die Globalisierung von moralischer Entrüstung über die Verderbtheit des Handels über große Distanzen getrieben – und oft religiös inspiriert. Die sich ausweitende Welt der Renaissance inspirierte den italienischen Bußprediger Savonarola zu einer derartigen Reaktion, und seine Anhänger veranstalteten "Fegefeuer der Eitelkeiten", in welchen sie die Auswüchse des florentinischen Handels mit Luxusgütern den Flammen überließen. Einen Nachahmer fand Savonarola in Martin Luther, der Traktate gegen den Fernhandel schrieb, in denen er von dem heiligen Paulus ausging und von dessen Standpunkt "Der geytz is eyn wurtzel alles ubels" (wobei das Wort "Geiz" im Frühneuhochdeutschen als "Gier" zu verstehen ist).

Globale Integration, globale Gewalt und eine Krise der Werte – diese Dinge sind, historisch gesehen, eng miteinander verbunden. Es sollte uns nicht merkwürdig vorkommen, wenn wir ihrem Zusammenspiel in unserem eigenen Zeitalter der Globalisierung begegnen. Doch in unserem Fall wird die Reaktion besonders gewaltig ausfallen, was an den vornehmlich finanziellen Ursachen der Krise liegt.

Die jüngste Episode der Globalisierung wurde von einer dramatischen Expansion der Finanzflüsse begleitet und befördert. Man kann die heutige Krise, diese Explosion am Finanzmarkt, auch als eine Reaktion auf das Anhäufen von Schulden begreifen, und zwar sowohl der Verschuldung von Ländern wie der von Privatpersonen. Die Krise erzeugt einen allgemeinen Druck auf die Preise, einen Prozess, der in der Großen Depression der 1930er Jahre "Schuldendeflation" genannt wurde. Da vermindern sich die nominalen Schulden, doch steigen die realen Schulden sogar noch, weil die Preise schneller verfallen.

Seit den 1930er Jahren hielt man dies aber für ein Problem von gestern. So wurde beispielsweise angenommen, dass ein Prozess der Deflation leicht durch die richtige Geldpolitik verhindert werden könne. Die Zinsen müssten nur gesenkt und wiederum gesenkt werden. Die Bank of England, die Federal Reserve Bank und die Europäische Zentralbank haben genau dies getan, einzeln für sich und in koordinierten Schritten, um die Märkte zu beeindrucken. Die Märkte waren auch beeindruckt, und zwar jeweils für etwa einen Tag. Dann herrschte wieder Panik.

Andere gingen davon aus, dass eine Ausweitung der Geldmenge eine Deflation sicher verhindern würde, also die Bereitstellung von Liquidität und immer mehr Liquidität. Viel zitiert wurde eine Bemerkung des Federal-Reserve-Chefs Ben Bernanke, der über die beharrliche japanische Deflation der 1990er Jahre gesagt hatte: Im Grunde brauche man einfach nur Geld auf die Menschen herabrieseln zu lassen, wie aus einem Helikopter. In der Weltwirtschaft ging diese Strategie gegen Ende des Jahres 2007 recht gut auf. 2008 tat sie es nicht. Die Zentralbanken pumpten mehr als 2,5 Billionen Dollar in die Wirtschaft, doch erzielten sie bloß eine vorübergehende Beruhigung. Es gelang nicht, die Banken dazu zu bringen, ihre Kreditvergabe wie gewohnt aufzunehmen.

Wieder andere glaubten, die deflationäre Bedrohung könne eingedämmt werden, indem Zentralbanken oder Regierungen faule Wertpapiere aufkauften. Das mag eine gute Idee gewesen sein, ursprünglich war sie auch der Kern im Rettungsplan des USFinanzministers Hank Paulson. Doch erwies sich die Umsetzung als zu kompliziert, weil jedes faule Wertpapier auf seine eigene Weise faul war und es viel zu kompliziert erschien, einen Preis dafür zu finden.

Es ist die Geschichte eines vergeblichen Kampfes gegen die Deflation, und sie lässt uns innehalten.

Außerordentlich schwer scheint es zu sein, aus einer Deflation herauszukommen, und auf die dauerhaften Deflationsperioden in den USA in den 1930er Jahren und in Japan in den 1990er Jahren folgte keine echte Erholung. Deflation, die aus dem Finanzsektor kommt, ist besonders gefährlich. Der Umgang mit ihr ist schwieriger als der mit der Inflation: Zur Bekämpfung der Deflation kann man die Zinsen nicht tiefer senken als auf null.

Nicht alle Preise bewegen sich in der Deflation nach unten. Die Schulden passen sich nicht an, weil sie in nominalen Preisen festgelegt sind. Inflation senkt den Wert der Schulden und erzeugt eine Munterkeit, wenn Privathaushalte und Unternehmen ihre Verpflichtungen schrumpfen sehen. Deflation erhöht die Schulden, und es fühlt sich an, als würde man von einer Bleidecke erdrückt.

In der Großen Depression zwischen den Weltkriegen beschrieb der Ökonom Irving Fisher akkurat den Prozess der Schuldendeflation. Die Kreditgeber, besorgt über den Wertverfall der Sicherheiten, rufen ihre Kredite zurück, zwingen die Gläubiger zum Verkauf weiterer Sicherheiten, das treibt die Preise noch weiter nach unten, führt zu noch mehr Kreditverknappung, Firmenbankrotten und Bankenpleiten.

Die Antworten und Verschreibungen unserer Ökonomen sind für das 20. Jahrhundert sehr charakteristisch. Sie setzen sich mit den Wurzeln der neuen Unsicherheit auseinander. Doch gibt es auch viel ältere Antworten. Deflation produziert radikalen Antikapitalismus und Forderungen nach einer Löschung der Schulden. Die Ablehnung der Marktwirtschaft nimmt oft die Form einer spezifischen Verdammung der Schulden und der Schuldinstrumente an.

Der saudische Geistliche Großmufti Abdelaziz Al al-Sheikh vertrat die Ansicht, dass die Ursache von Wirtschaftskrisen der Schuldzins an sich sei und dass das Scharia-Prinzip der Risikoverteilung das Problem beseitigen werde. Das Alte Testament empfahl das turnusmäßige Löschen der Schuld, alle 49 Jahre. Die Kirche des Mittelalters kämpfte gegen den Wucher.

Solche Antworten verstehen Schulden als die Ursache eines grundlegenden moralischen Defizits. Heute gibt es sehr viel mehr Schulden als im mittelalterlichen Europa. Verbraucher in Industrieländern besorgen sich Kredite, um einzukaufen. Die theologische Interpretation der Moderne ist, dass wir voneinander leihen, immer mehr – aus einem verurteilungswürdigen Grund. Wir leihen, weil wir überzeugt sind, dass unser Nutzen, unser Genuss größer und wichtiger sind als der eines anderen Menschen. Wenn wir das blitzende Auto im Laden sehen, das wir uns nicht leisten können, sind wir dennoch tief davon überzeugt, dass dieses Auto am besten von uns selber gefahren werden würde. Auf eine Weise nährt sich die Gier aus Stolz oder Selbstsucht.

Schon vor dem Sommer 2007 gab es Zeichen dafür, dass wir in ein neues Zeitalter eintreten, in dem die »Globalisierungsthese« zurückgerollt wird. Die Doha-Verhandlungsrunde zur Liberalisierung des Welthandels blieb stecken, weil ein Konflikt zwischen den zu Macht gekommenen Schwellenländern und den alten Industrieländern ausgebrochen war. Die autoritären Staaten China und Russland nutzten die Knappheit an Rohstoffen, um ihre weltpolitische Macht zu mehren. Eine Skepsis über die Vorzüge des freien Kapitalverkehrs hat eingesetzt.

Während die Wirtschaftslage sich verschlechtert, sorgen sich die Menschen in vielen Ländern über die Folgen der Einwanderung. In dieser neuen Welt wird die Abgrenzung von Fremden wichtig. Individuen sehen sich eher Risiken aus der Außenwelt ausgesetzt, statt Chancen zu sehen. Länder sind bereit, Handels- und Währungskriege zu führen und Einmischungen in ihre Geschäftsangelegenheiten zu widerstehen.

Die erweiterten, teuren Aktivitäten des Staates bedeuten, dass die Steuerzahler ein Interesse daran haben, dass die Vorteile des neuen Keynesianismus nicht außerhalb der Landesgrenzen verwendet werden. Macht und Hegemonie gewinnen wieder an Bedeutung, weil politische Entscheidungsträger eher Nullsummenspiele sehen als die Vorteile der Zusammenarbeit. In dieser Welt neigen Konflikte dazu, zu eskalieren und die Grundlage des Wohlstands und der internationalen Ordnung zu zerstören.

Aus dem Englischen von Thomas Fischermann

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