Fernsehfilm Liebe an der Mauer
Der Zusammenbruch der DDR als Glück für die ganze Familie: Mit dem pompösen dreiteiligen Dokudrama "Die Wölfe" feiert das ZDF das Ende der deutschen Teilungsgeschichte
Das Gedenkjahr 2009 wird hart. Wie viel historische Folklore unter dem immergleichen Motto »Die Liebe kennt keine Grenzen« werden wir noch aushalten müssen? Nur um die triste, geschändete Landschaft des Ostens als Gefühlsverstärker für pathetisch hochgestemmten Kitsch vorgeführt zu bekommen? Aber natürlich, an zwanzig Jahren Mauerfall und Wende führt kein Weg vorbei. Daher jetzt: Die Wölfe, das gewaltige dreiteilige Dokudrama im ZDF, mit den Stars Axel Prahl, Barbara Auer, Matthias Brandt.
Die Wölfe, das ist eine Clique junger Menschen, die sich nach dem Krieg im zerstörten Berlin kennenlernen und ewige Freundschaft schwören: Kurt, der Sohn eines Nazis, der später politische Karriere macht; Lotte, die in Ost-Berlin Sängerin wird, und deren Bruder Ralf, der bei einem Fluchtversuch ums Leben kommt; Silke, eine FDJ-Funktionärin, die sich am Ende noch zur Bürgerrechtlerin wandelt; sowie Jakob, der als Kind jüdischer Eltern die Vernichtungslager der Nazis überlebt hat, Lehrer an der Humboldt-Universität wird und schließlich in die Fänge der Stasi gerät.
Und dann gibt es noch Bernd, der vom vaterlosen Kind zu einem erfolgreichen Unternehmer heranwächst und mit Kurt seine heißen Geschäfte in West-Berlin deichselt. Bernd ist der Erzähler der Geschichte, von ihm aus geht die Kamera in die Szene und der Schnitt in die Dokumentation. Empfindliche Zuschauer könnten unterstellen, dass damit wieder ein Wessi das Sagen hat. Indes: Wäre Jakob der Erzähler geworden, hätte der andere deutsche Teil Grund zum Beleidigtsein gehabt. Die Angst vor möglichen Verletztheiten prägt den Film: nur keine Fehler machen, keine Meinungen jenseits der politischen Korrektheit äußern. Es ist ein einziges emotionales Minenfeld, das da um den Film herumgelegt ist.
Alles wirkt wie nach dem Kochbuch, mit den unentbehrlichen Zutaten. Sibirien, Mauer, Stasi auf der einen, Luftbrücke, Wirtschaftswunder und Geschäftemacherei auf der anderen Seite. Und jetzt auf die korrekten Mischungen achten! Wer wie viel gute oder schlechte Punkte bekommt. Am Ende sind sie alle sympathisch, liebenswert, Opfer ihrer Zeit und ihrer Umstände, die reine phänomenologische Geworfenheit. Offen bleibt nur die Frage, aus wem oder was ein Staat eigentlich besteht, wer ihn verwaltet und schließlich auch zu verantworten hat. Denn hier ist er reine Abstraktion, etwas Monströses jenseits der Menschen.
Das Menschliche aber liegt in der emotionalen Verwicklung. Bernd liebt Lotte, Lotte liebt Jakob, der Silke heiratet, in Wirklichkeit aber Lotte liebt, während die nun wiederum Bernd heiratet, den sie auch liebt, aber nicht so sehr wie Jakob. Und wo bleibt das Politische? Nun, nach dem Mauerbau leben Kurt, Lotte und Bernd im Westen, Jakob und Silke im Osten der Stadt. Die drängende Frage lautet: Wird Lotte noch ihren Jakob und Jakob noch seine Lotte bekommen? Genau das nun ist eine falsche Fährte, denn da gibt es die Kinder der beiden Paare. Thomas ist der Sohn von Silke und Jakob, ein angehender Modefotograf, der im August 89 nach Ungarn fährt, um ein paar knackige Fotos zu schießen. Und in wen verliebt er sich dort Hals über Kopf? In Miriam, die, wir ahnen es nicht, die Tochter von Lotte und Bernd ist. So kommt, was kommen muss: Die beiden heiraten und führen damit auch ihre Eltern nach fast dreißig Jahren wieder zusammen. Das ist die Rahmenhandlung. Aussage: Erst die nachwachsende, von den verschiedenen Sozialisationen der zweifachen deutschen Geschichte nicht mehr belastete Generation wird zusammenwachsen und im Sinne des Nationalgedankens von achtzehnhundertundnochetwas innig vereint sein. Arme Eltern. Reiche Kinder.
Doch halt! Als Miriam nun Thomas ihr Jawort geben will, stürzt ihre Mutter Lotte dazwischen, sozusagen in der letzten, einen Inzest verhindernden Sekunde, und gesteht, dass Miriam nicht die Tochter von Bernd, sondern von Jakob ist. Hätte das ein Ende sein können? So unlösbar miteinander verflochten wie in einer griechischen Tragödie? Die Ambivalenz der Liebe vor dem Hintergrund einer gespaltenen und im Spaltungsbewusstsein wieder zusammengefügten politischen Welt? Der Film jedoch erbarmt sich und schenkt uns noch eine große dramatische Wendung zum Guten, Reinen, Schönen. Dem Zuschauer ergeht es wie bei einem Fußballspiel, wenn der Spieler allein vor dem leeren gegnerischen Tor steht und den Ball dann in aller Ruhe über die Latte hebt.
Nicht unproblematisch auch die Genremischung, halb Spielfilm, halb Dokumentation, wenngleich handwerklich hervorragend gelöst. Es ist eine dermaßen gleitende, das Original von der Fiktion und die historische Geschichte von den individuellen Geschichten trennende und dann wieder verbindende Bild- und Kameraführung, dass man als Zuschauer verführt ist, alles auf derselben Ebene von Bedeutung zu sehen. Allein die Tatsachenwahrheit, die historisch verbürgt und faktisch nachprüfbar ist, gleichviel, ob unser Bewusstsein sie als richtig erkennt, ist das eine – die ästhetische Wahrheit etwas sehr anderes. Das Bild ist dort nicht mehr Abbild einer konkreten Realität, sondern Allegorie einer höheren Wahrheit. Die Zusammenführung dieser einander ausschließenden Bedeutungsschichten im Film kann einen gewaltigen Kurzschluss erzeugen. Dann nämlich, wenn die Stringenz des Fiktiven mit den Gesetzen des Dokumentarischen nicht mehr Schritt halten kann, weil sie auf alle die unberechenbaren und paradoxen Entwicklungssprünge verzichtet, wie sie die Wirklichkeit unweigerlich bietet: Zum Beispiel das breite Grinsen des letzten Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz im Augenblick des Zusammenbruches der DDR, in dem sich die Verweigerung ausdrückt, die politischen Realitäten zur Kenntnis zu nehmen, oder die zerstreute Bekanntgabe der neuen Reiseregeln durch Günter Schabowski, die durch ein herausgestrichenes Adjektiv zu einer ultimativen, alles entscheidenden Aussage wird, das ist so unübertrefflich absurd, dass die dramaturgisch geordneten Spielszenen dagegen nur harmlos wirken.
Was also bleibt? Ein spannender Dreiteiler, der seine Qualitäten eher aus dem Gegenteil seiner historischen Absicht bezieht, aus der Art und Weise des Erzählens nämlich, die uns vorführt, wie unsicher, vorsichtig, tastend wir noch immer dabei sind, uns gegenseitig verständlich zu machen. Die Rhetorik des ästhetischen Verzichts lässt eine Menge Rückschlüsse darüber zu, was wir uns noch immer nicht zumuten möchten. Ob das jeder für sich so übersetzen mag, bleibt dahingestellt und ist vielleicht schon egal. Nicht egal ist, und damit nun bietet der Film auch eine neue Sichtweise an, dass die Geschichte der beiden deutschen Staaten als eine gemeinsame Geschichte im Kontext der westeuropäischen Moderne betrachtet wird.
Ost und West waren Zwillingsgesellschaften, die voneinander profitierten, indem sie ihre Mängel und Widersprüche über den Eisernen Vorhang hinweg jeweils dem anderen System zuschreiben konnten. Der Osten konnte die schlechte Ernte dem Klassenfeind anlasten, der den Kartoffelkäfer geschickt habe, und im Westen war die Drohung »Dann geh doch rüber« ein probates Abschreckungsmittel selbst noch bei denen, die ebendort den Heiland vermuteten. Der Gegensatz der Systeme war also in Wahrheit deren grandioser Stabilisator. Es muss eine Ahnung davon gegeben haben, dass ein ganzes Bedeutungssystem zusammenbrechen würde, wenn einer der Rivalen seine Schachfiguren abzöge und die Spielbretter wechselte, sonst hätte die Bundesrepublik der DDR keine Milliardenkredite gegeben. Der Irrtum lag nur darin, den Osten für eine Alternative zu halten, während er tatsächlich wenig mehr als ein zentral verwalteter Westen in den Formen seiner technologischen Rückständigkeit war.
Und gerade in dem Moment, als sich alle auf die Koexistenz zweier disparater politischer Blöcke einschließlich ihrer Schattenverhältnisse eingerichtet hatten, sackte der Gegner in sich zusammen wie eine leer geräumte Einkaufstüte. Diese quasi-suizidale Selbstauslöschung ist die letzte Rache des Ostens am Westen, der nun in der Demütigung dasteht, die große Schlacht des 20. Jahrhunderts nicht gewonnen, sondern lediglich überlebt zu haben. Es ist wie bei einem Pistolenduell, wenn der eine tot umfällt, ohne dass der andere geschossen hat. Der Osten ist zu einer leeren Chiffre geworden, in die keine Utopie mehr hineinpasst, und der Westen ist mit sich und seinem Spiegelbild allein. Das ist der große Stoff, der sich hinter den Liebeleien der Wölfe wenigstens in Umrissen abzeichnet.
Jetzt, wo sich alles in einem kulturellen Kreislauf bewegt und die Indifferenzen im eigenen System bewältigt werden müssen, sehnt man sich vielleicht auch einmal wieder zurück, wie schön es doch war, als die einen Erlösungsfantasien und die anderen Lübecker Marzipan geschenkt bekamen. Aber vorbei ist vorbei, und nichts ist besser als das. Die Wölfe erzählen also mehr, als sie erzählen, und sie heben damit auch andere Gewichte als ihre filmischen Vorläufer, in denen die DDR eher noch wie ein fernes, sehr fremdes Ausland erscheint. Denn sie war immer nur die andere Seite der gleichen Medaille.
»Die Wölfe«, am 29. 1. um 21 Uhr, am 2. und 3. 2. um 20.15 Uhr im ZDF
- Datum 04.02.2009 - 11:49 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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