Die Zukunft Islands trägt Rosarot. Ein paarmal schon war die achtjährige Dagný Dimmblá bei den Samstagsdemonstrationen vor dem Parlament in Reykjavík dabei, sie hat gehört, wie die immergleichen Redner immer lauter den Rücktritt des Ministerpräsidenten Geir Haarde und des Zentralbankchefs Davíd Oddsson forderten. Nun, am ersten Samstag des Jahres, steigt das Mädchen mit der rosa getönten Pilotenbrille und der roten Daunenjacke auf zwei aufeinandergestapelte Metallkisten, anders reicht sie an das Mikro nicht heran. "Kinder könnten dieses Land besser regieren als Politiker", ruft sie. "Wir werden nicht mehr für ihre Range Rover zahlen!" Als Dagný von dem Podest hinuntersteigt, muss sie Autogramme geben, bis ihrem roten Filzstift die Farbe ausgeht.

"Kinder müssen auch eine Meinung haben", sagt Dagný ein paar Tage später, und weil sie dabei am Ende des Satzes die Stimme hebt, als stünde sie wieder vor einer Menschenmenge, sagt ihr Vater Johann Richardsson: "Relax!" Sie sitzen in einem Café in Reykjavík, und draußen fahren ebenjene Range Rover vorbei, die zuerst zum Symbol des Booms wurden, weil fast jeder Isländer einen kaufen wollte, und die nun das Symbol der Krise sind, weil fast jeder seinen wieder loswerden will. "Du solltest dich nicht so auffällig benehmen", sagt Dagnýs Vater und guckt sich nervös um. Seitdem ihr Auftritt in den Abendnachrichten lief, bekommt er böse E-Mails und Anrufe. Dagný gilt manchen als ferngesteuerter Automat, ein Vorwurf, gegen den sich ihr Vater verteidigt. "Sehen Sie, die Rede hat sogar Rechtschreibfehler!", sagt er und zieht Dagnýs Kladde mit Mickymaus-Aufklebern hervor, die er zu dem Treffen im Café mitgebracht hat. Darin steht der Text von Dagnýs Rede, und anstelle von "Range Rover" hat sie "greins rovera" geschrieben.

Die Behörden haben Eltern davon abgeraten, mit ihren Kindern über die Wirtschaftskrise zu reden, das mache ihnen zu viel Angst. Aber ein altkluges Mädchen, das Schauspielerin werden will, schnappt natürlich trotzdem auf, was die Erwachsenen umtreibt.

Das Treffen mit Dagný und ihrem Vater ist unsere erste Station auf einer Reise durch ein Land, das sich selbst nicht mehr versteht. In den letzten Jahren wurde in Island mit dem Turbokapitalismus experimentiert, bis es eine große Explosion gab. Und nun wird man in diesem Labor womöglich beobachten können, was nach der Krise kommt.

Es ist noch nicht lange her, da lebten die meisten Isländer von Fischerei und Schafzucht, sie glaubten an Elfen, pflegten ihre Sagenkultur und Naturverbundenheit. Dann kamen die Flachbildfernseher und Blackberrys, und es war die Gleichzeitigkeit von Tradition und Hightech, von Versponnenheit und Fortschritt, die das Land einzigartig machte. Es war einfach zu schön, um wahr zu sein: Ohne ihre Wurzeln zu kappen, schienen die Isländer in der globalen Elite angekommen.

Die Isländer – das waren risikofreudige Investoren, die im Ausland ein Unternehmen nach dem anderen kauften und sich dabei auf Wikinger-Tugenden beriefen. Es waren Künstler, die sich in London, Paris und Berlin als romantisch-lustige Wilde inszenierten. Und es waren Normalbürger, die sich mit günstiger Fremdwährung schwere Autos besorgten, um damit über Lavagestein und Gletscher zu brettern.

Nun hat die Krise Island voll erwischt, schlimmer als jede andere Volkswirtschaft. Die drei Großbanken des Landes sind Anfang Oktober kollabiert und verstaatlicht worden, weil sie sich in den internationalen Finanzmärkten fahrlässig verschuldet hatten. Der Staat selbst musste durch Milliardenhilfen aus dem Ausland vor dem Bankrott gerettet werden. Für 2009 wird die Wirtschaft voraussichtlich um zehn Prozent schrumpfen. In dem 320.000-Einwohner-Land, in dem sich alle beim Vornamen anreden, ist es ungemütlich geworden.