Verlagswesen E-Books, Blogs, Chats

In Hildesheim diskutierten Lektoren über Veränderungen in der Verlagsarbeit

Früher reisten sie mit großen Manuskriptstapeln und dicken Taschen an, jetzt haben sie die Manuskripte ihrer Autoren auf einem schlanken E-Book von Sony gespeichert. »Es ist ein wunderbares Gefühl, alle Texte, an denen man gerade arbeitet, immer bei sich haben zu können«, sagt Uta Rupprecht, Lektorin im Ullstein Verlag. Was bei diesen neuen, superleichten E-Books nur noch fehle, sei die Möglichkeit, in die Texte hineinzuschreiben und sie handschriftlich korrigieren zu können. Das sei in Deutschland noch eine Frage der Zeit, in den USA und in England gebe es solche E-Books längst, das E-Book werde bestimmt einmal das ideale Arbeitsinstrument gerade für Lektoren sein.

Wie verändert die Arbeit mit den Neuen Medien deren Arbeit? Und welche Chancen und Gefahren tun sich dabei für die Verlage und den Buchmarkt auf? Das waren zentrale Fragen, die 20 Lektorinnen und Lektoren bedeutender deutschsprachiger Verlage (wie etwa S. Fischer, Rowohlt, dtv, Droemer, Klett, Insel, Diogenes, Hoffmann und Campe, Wallstein, Arche, Jung und Jung) während der Vierten Deutschen Lektorenkonferenz beschäftigte, die am vergangenen Wochenende auf dem schönsten deutschen Universitätscampus, dem Domänen-Gelände der Universität Hildesheim, stattfand.

Die alte Domäne Marienburg ist ein ehemaliger Sitz der Hildesheimer Bischöfe aus dem 14. Jahrhundert, heute beherbergt sie unter anderem das Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft, das die Tagung organisiert und mithilfe des Landes Niedersachsen großzügig sponsert. Durch ihre Lage weit draußen auf dem Land, nahe dem Flüsschen Innerste, über das Wilhelm Raabe eine unheimliche Erzählung schrieb, ist sie geradezu ideal geeignet für den internen Austausch abseits der Öffentlichkeit. Für drei Tage bleiben die Lektorinnen und Lektoren hier unter sich, keine Presse, keine Verlautbarungen und Resolutionen, dafür aber das intensive Gespräch vom frühen Morgen bis tief in die Nacht.

Klaus Siblewski, Lektor bei Luchterhand, hat diesen Austausch ins Leben gerufen, jedes Jahr lädt er ein und kümmert sich um die Auswahl der Themen. Diesmal sind es vor allem die Großszenarien rund um das Thema »Neue Medien«, die für viel Gesprächsstoff sorgen. Von Autoren wie Paulo Coelho ist zum Beispiel die Rede, die längst über ein von ihnen selbst gezielt angestoßenes Netz von Blogs und anderen Internet-Foren den Austausch mit ihren Lesern suchen. Die Leser kommentieren dann nicht nur Coelhos Bücher, sie machen auch Vorschläge dazu, wie sein Werk fort- und weitergeschrieben werden könnte. Allmählich entsteht dadurch ein weltweites Netz von Diskussionen, das sich mit allen Aspekten von Coelhos Werk beschäftigt, in dessen Produktion massiv mit eingreift und zu seiner Verbreitung beiträgt.

Machen solche Netze schon bald die gute alte Verlagswerbung und die Pressearbeit der Verlage überflüssig? Manches deutet zumindest darauf hin, gehen doch auch viele Autoren etwa in den USA immer mehr dazu über, die Vermarktung ihrer Bücher selbst in die Hand zu nehmen. Sie gründen ihr eigenes Management, beschäftigen einen eigenen Lektor und eine eigene Presse- und Werbeabteilung und benutzen den Verlag nur noch als eine Institution, die das Buch druckt und vertreibt.

Jan Strümpel vom Steidl Verlag macht darauf aufmerksam, dass solche Abkoppelungsprozesse in der Musikbranche schon gelaufen sind: Längst haben hier viele Musiker ihr eigenes Label und produzieren und vermarkten ihre Sachen selbst. Das unter anderem hat zum Zusammenbruch großer Musikfirmen geführt, die viele ihrer Mitarbeiter in den Werbe- und Presseabteilungen von heute auf morgen entlassen mussten. Sollten also nicht auch die entsprechenden Verlagsabteilungen umdenken, und sollten nicht auch Lektorate viel stärker mit den Mitteln und Methoden der Neuen Medien wie etwa Blogs und Chats arbeiten?

Längst greifen die Neuen Medien aber auch in die alltäglichen Arbeitsprozesse von Lektoren ein. Ein normaler Arbeitstag beginnt mit der Lektüre unzähliger Mails und ist gefüllt mit immer mehr überhandnehmenden Internetrecherchen und Besprechungen. Gab es früher höchstens zwei Vertreterkonferenzen im Jahr, so gibt es heute gleich mehrere und dazu eine Vielzahl von Programm-, Marketing- und Verkaufskonferenzen. Immer stärker sind Lektoren inzwischen auch in die Vertriebsprozesse von Büchern eingespannt, sie werben bei Rezensenten und Buchhändlern gezielt für ein Buch, entwerfen Strategien für seine Vermarktung und sind Teil des Managements. Für Manuskript-Lektüren müssen oft freie Tage zu Hause herhalten, oder es sind höchstens die Wochenenden, an denen man etwas Ruhe findet.

Auffällig auch, dass die Verlage es heutzutage mit einem neuen, jungen Autorentypus zu tun haben. Er spricht offen über seine Texte, kann jeden Handgriff erklären, ist auf der Höhe von Poetik und Wissenschaft, rhetorisch mehr als begabt und der beste Promotor seiner eigenen Werke. Die früheren Quengeleien über die »Arbeit am Text«, fehlende Einfälle, gestörte Arbeitsprozesse sind Geschichte. Der »neue Autor« ist kein gehemmtes oder sich quälendes, sondern ein gut informiertes, hellwaches Wesen, Tag und Nacht für sein Werk auf Achse. Behäbigkeit und Langsamkeit – sie werden heutzutage gnadenlos bestraft.

Wie wohltuend ist es nach solchen Szenarien dann aber, einer jungen Lektorin wie Ann Kathrin Heier vom Berlin Verlag zuzuhören, wie sie noch einmal von einem monatelangen Gespräch über ein einziges Buch eines einzelnen Autors spricht. Thomas Klupps Roman Paradiso ist gerade erschienen, er ist angeblich der Geheimtipp des Frühjahrs. »Wir haben das Manuskript sechsmal neu gesetzt, bis zur letzten Minute hat der Autor daran gearbeitet, unsere Herstellerin ist beinahe wahnsinnig geworden. Jetzt aber ist es wunderbar und genau so, wie der Autor es sich immer erträumte.«

Klaus Siblewski aber will noch mehr als eine jährliche Konferenz, er will Tagungen über Lektoratsarbeit, ja er denkt an eine »Akademie der Lektoren« und damit an einen Platz, wo über Lektoratsarbeit geforscht wird und Unmengen von lektorierten Manuskripten für die Forschung gelagert werden. »Ich gebe keine Ruhe«, sagt er, »wir Lektoren haben gerade erst angefangen, die etwa hundertjährige Geschichte unseres Berufes zu erforschen und zu begreifen, was wir da eigentlich von Tag zu Tag alles Herrliches tun.«

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr differenziert dargestellt, dass die neuen Medien die "alten" wunderbar ergänzen, ja sogar in ihrer Herstellung vereinfachen können, aber Hand aufs Herz: was ist das für ein "Gefühl", die nächste Seite zu scrollen, anstatt, gespannt oder ergriffen, mit den Fingerspitzen die Buchseite respektvoll umzublättern?
    Ich bin und bleibe ein Anhänger des papierenen Werks, trotzdem ich das Netz immer wieder gern zur zusätzlichen Lektüre regelmäßig nutze.
    Auch die gute alte Zeitung kann ich mir beim besten Willen nicht aus dem Alltag wegdenken, ich hoffe, dass ich es nicht mehr erlebe, dass Lesen nur noch an Bildschirmen möglich sein wird.

  2. Was gut ist, wird sich durchsetzen, denke ich. Ein E-Book kann auch ich mir schwer vorstellen, weil ich das Ambiente mit Sessel und Blätterbuch ebenfalls vorziehe. Das Anfassen des Papiers. Eine gute Lektüre morgens als Startseite im Netz schließt das ja nicht aus. Vorteilhaft am Netz finde ich die Möglichkeit, zu bestimmten Themen eigene Dossiers anzulegen, im pdf-Format. Das Sammeln interessanter Artikel hat doch früher ganz schön die Ecken verstopft. Ein Blog brauche ich nicht, solange ich Freunde habe. Und mit Fremden rede ich eh nicht über meine Meinung zu Politik und Wirtschaft, Religion und Geld. Erleichtert das friedliche Zusammenleben ungemein. Nachdem ich in meinem Berufsumfeld - der Werbung- erlebt habe, wie DesktopPublishing ca. 15 Berufe vernichtet hat, bin ich gespannt, was diese neue Form der Überkommunikation und des Totquatschens von Themen im Verlagswesen anrichtet. Ich persönlich habe Verlagsarbeit immer geschätzt. Die Meinung von Fachleuten, die sich damit befaßt hatten. Eine gewisses, professionelles Urteil. Die Meinung einzelner sehe ich mehr als emtionales Ventil für den Einzelnen. Ein Ventil, das ich ja hier auch nutze. Es mag sicher Schreiberlinge (Autoren) geben, die sich des Profits willen an ihren Lesern ausrichten statt an eigenen Intentionen. Ich persönlich werde weiterhin die Individualisten schätzen, die sich einen Dreck drum kümmern, obs gefällt. Man braucht allerdings einen Broterwerb, dies mag zu Korruption führen. Und Verrat der eigenen Idee. Schade eigentlich. Was herauskommt, ist meines Erachtens kommunikativer Einheitsbrei, ausgerichtet am kleinsten gemeinsamen Nenner.

  3. Ich meine, wir werden noch ein völlig digitalisiertes Zeitalter erleben. Oder aber es kommt vorher zu einem "Clash of Communication" - glaube ich aber eher nicht.
    Aber ich hoffe und meine zu ahnen, dass es zu viele Anhänger der "papiernen" [vgl. mein Vorkommentator] Formen gibt und solche zumindest als antiqes Kursiosum erhalten bleiben.
    Allerdings.. vielleicht nicht mehr in 50 Jahren. Die Welt wird sich in einem Maß verändern, wie wir es und derzeit gar nicht vorstellen können. Oder..?!
    Gekauft: "Neue Intelligenz", S. Johnson. Allerdings 1. Auflg. 2005... Aber mal sehen, vielleicht bietet es dennoch Erkenntnisse. Ich hoffe es.

    Ach so: lesen mag ich auch lieber "nicht-digital". So gibt es wirklich noch schöne Bücher. Siehe der neue Roth.. - gibt eben auch noch wirklich gute Verlage.

    Du kannst nicht zwei Pferde mit einem Hintern reiten

    Woody Allen

  4. Ein interessanter Artikel, allerdings sind die Aussagen und erzählten Erfahrungen auch teilweise austauschbar. Die Medienrevolution hat ja inzwischen alle Berufe erfasst, in denen mit großen Textmengen und erhöhter Kommunikation gearbeitet werden muss. Da sind die Lektoren nicht unbedingt die neue Avantgarde. Und die großen Verlage erst recht nicht. Die haben zwar Geld für aufwändige Booktrailer und stellen die dann auf YouTube, aber ansonsten kann ich große Web 2.0.-Anstrengungen nicht sehen. Man muss da aber auch unterscheiden, was sinnvoll ist für die eigene Arbeit und was für Marketing: Ein Chat ist eben nicht unbedingt ein Kommunikationsmittel. Oder hat der Autor da eine falsche Vorstellung von eben diesen gehabt?
    Es gibt aber kleine Verlage, die spielerisch mit diesen Mitteln umgehen, sei es für sich selbst oder für ihr Publikum. So bloggen die Verlage Voland & Quist und mairisch; Voland & Quist hat sogar einen Fotstream auf flickr.com. Ist so etwas für die großen Verlage alles kein Thema, möchte man da wissen?

    Viel interessanter finde ich da, mit welcher Selbstverständlichkeit der Autor mit der Domäne Hildesheim als "Deutschlands schönstem Campus" spricht, an dem, wohlgemerkt, der Studiengang residiert, den er (denn er ist ja nicht nur Autor) vor zehn Jahren dort selbst gegründet hat. Und ganz zufällig fließen mit Anne-Kathrin Heier und Thomas Klupp denn auch Lektorin und Autor ein, die als seine Schützlinge eben dort auf "Deutschlands schönstem Campus" studiert haben - wie auch übrigens all die (wenigen) erfolgreichen Theatermacher, Künstler und Festivalmenschen dieser Republik und die (sehr vielen) am Existenzminimum kratzenden freischaffenden Künstler, die einen der drei künstlerischen Studiengänge in Hildesheim absolviert haben - auch ich selbst, aber ich arbeite inzwischen im Mittelfeld und nicht mehr unbedingt primär in der Kunst.

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