Philip Roth: Über welches Buch sprechen wir?

DIE ZEIT: Über Ihren 23. Roman, Empörung.

Roth: Also gut.

ZEIT: Jetzt schreiben Sie seit 50 Jahren Romane und Short Storys, und die Leitmotive Ihrer Arbeit verändern sich merkbar. An die Stelle eines optimistisch-satirischen Blickes auf das Leben und auf den Sex insbesondere transportieren Ihre Hauptdarsteller Furcht, Reue und eine Ahnung vom Sterben. Der Held von Empörung hat schon alles hinter sich und spricht aus dem Grab zu Leserin und Leser. Ist diese Wendung ein Reflex Ihres eigenen Alterns?

Roth: Ich fürchte, schon.

ZEIT: Fürchte? Schreiben Sie nicht bewusst?

Roth: Sagen wir mal so – meine Interessen leiten mich. Natürlich bin ich mir meiner Themen bewusst. Aber ich könnte nichts Lustiges mehr schreiben, selbst wenn ich es wollte. Das ist eine gewissermaßen spontane Entwicklung. Dahinter steckt keine Ideologie oder irgendwas Ähnliches. Es ist auch kein Ergebnis eines Arbeitsplans. Was Sie lesen, ist eine spontane Widerspiegelung meiner Interessen.

ZEIT: Das Alter schleicht sich an.

Roth: Es schleicht sich nicht an, es ist schon da. Aber ich habe eine Menge junger Leser.

ZEIT:Empörung erinnert an die k. u. k. Internatsdichtung, an Robert Musils Törleß, Géza Ottliks Schule an der Grenze. Es geht darum, eine junge Seele zu brechen, sie konform zu machen. Der College-Direktor in Ihrem Roman repräsentiert für mich die Idee wohlmeinender Boshaftigkeit. Oder anders gesagt: Er verkörpert das reine Böse in pädagogischer Verkleidung.

Roth: »Böse« ist zu stark. Aber sein Tonfall, seine Sprache ist repräsentativ für die Epoche, in der Empörung spielt, die Nachkriegszeit der fünfziger Jahre. Wir hatten damals keine Ahnung, wie repressiv die Regierung war, bis die Sechziger kamen.

ZEIT: Der Roman spielt in den Truman- und Eisenhower-Jahren. Ich bin 1959 in Amerika zur Schule gegangen. Die unerfüllten Träume der Jungs an der Highschool kreisten um Triumphe im Sport, um Cheerleader und einen Blowjob im Chevy.

Roth: Nein, der Blowjob kam viel später, nach Kennedys Ermordung.

ZEIT: Nicht in Ihrem jüngsten Buch. Das spielt in der Zeit des Koreakriegs.

Roth: Das Mädchen war ihrer Zeit voraus, es hatte einen freien, wenn auch etwas verwirrten Geist.

ZEIT: Auf Wunsch seines Erfinders, des Dichters Philip Roth. Sie haben in Ihren Romanen meist den Männern die Hauptrollen zugedacht, und in zehn Büchern taucht ihr Alter Ego auf, Nathan Zuckerman. Ein Mr. David Kepesh hat – glaube ich – drei Wiederauftritte, und bisweilen gibt es auch einen gewissen Herrn Roth auf Ihren Bücherseiten. Können Sie sich nicht trennen von Ihrem geschätzten Personal? Ist das ein Kunstgriff der Romantik?

Roth: Nein, die sind einfach praktisch für die Dramaturgie. Aber die beiden haben ausgedient. Ihre Charaktere haben mir dabei geholfen, mein Material zu organisieren. Zuckerman hat mir eine Perspektive gegeben und geholfen, meine Ideen zu sortieren. Kepesh – also der sollte verschiedene sexuelle Lebensphasen vorleben. Er hat sich in drei verschiedene Kepeshe verwandelt, und jeder machte unterschiedliche sexuelle Erfahrungen. Zuckerman ist natürlich vielseitiger, lebendiger.