Seit Langem geht es in den Romanen von Philip Roth nur noch um den Tod und kaum noch um den Sex. Je älter er wird (und er wird in diesem Jahr 76 Jahre alt), desto deutlicher und einseitiger kreist sein Schreiben um das Sterben, Abschiednehmen und den Verfall. Es sind Greise, die in seinen beiden Altersromanen Jedermann und Exit Ghost auf beeindruckend trockene Weise mit ihrer Inkontinenz, ihrer Gottesferne bei gleichzeitiger Todesnähe hadern.

In Roths neuem Roman Empörung wäre der Icherzähler heute ähnlich wie seine beiden Vorgänger 77 Jahre alt, hätte er nicht das Pech gehabt, vor 57 Jahren im Koreakrieg zu fallen. Eine Unbequemlichkeit, die ihn dazu zwingt, den Romanmonolog aus dem Jenseits zu halten. Dieser nicht gerade kleinen Aufgabe entledigt er sich erstaunlich routiniert. Im bequemen Erzählbogen, gut sortiert und durch sparsamen Adjektiveinsatz zart koloriert wie in einem vorbildlichen Collegeaufsatz, hebt der Verstorbene an zu erzählen: »Ungefähr zweieinhalb Monate nachdem die gutausgebildeten, von den Sowjets und den chinesischen Kommunisten mit Waffen ausgerüsteten Divisionen Nordkoreas am 25. Juni 1950 über den 38. Breitengrad vorgedrungen waren und mit dem Einmarsch in Südkorea das große Leid des Koreakrieges begonnen hatte, kam ich aufs Robert Treat, ein kleines College in Newark, benannt nach dem Mann, der die Stadt im siebzehnten Jahrhundert gegründet hatte.«

So möchte man ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch fabulieren können. Und so geduldig, so kleinteilig, so unangestrengt geht es weiter. Punkt für Punkt, Schulstunde für Schulstunde, Rendezvous für Rendezvous werden wir mit den letzten Monaten im Leben des jüdischen Metzgersohnes Marcus Messner aus Newark bekannt gemacht. Einem sympathischen, gradlinigen Kerl, der natürlich nicht alle, aber doch einige Züge des jüdischen Collegebesuchers Roth aus Newark trägt.

Der Fleischersohn Marcus ist ein unauffälliger Adoleszent in den amerikanischen Vierzigerjahren. Er besucht einen Debattierclub und begeistert sich für Bertrand Russell, ist strebsam, hat noch nie mit einem Mädchen geschlafen und möchte gerne aus dem Metzger- ins Advokatenmilieu aufsteigen. Zu diesem Zweck distanziert er sich von seinem lebensängstlichen Vater und dessen scharfen Fleischermessern und besucht das College in der von Sherwood Anderson erfundenen Kleinstadt Winesburg, Ohio. Hier bleibt er ein Außenseiter, tritt keiner, auch der jüdischen Verbindung nicht bei und weigert sich die obligatorischen Gottesdienste zu besuchen, weshalb er relegiert und in den Koreakrieg geschickt wird – wo ihm am 31. März 1952 ein den Fleischermessern seines Vaters auffallend ähnelndes Utensil den Leib aufschlitzt.

Die Geschlossenheit dieser Erzählung und ihrer Motive ist handwerklich beeindruckend, aber auch beengend. Der Sohn liebt seinen Vater, verlässt ihn und endet auf einer noch viel größeren Schlachtbank als der im väterlich-jüdischen Newark. Dieser Tod ist ein Skandal der Sinnlosigkeit, der nur noch durch die Sinnlosigkeit des himmlischen Lebens überboten werden kann. Eingesperrt in die dürftigen Erinnerungen an diese Kleinstadtjugend, muss der Erzähler fortan in der Ewigkeit ausharren, die nichts als das in Literatur verwandelte Wiederkäuen seines mickrigen Lebens für ihn bereithält. Das ist bitter. Aber so ist Philip Roth.