ZEITmagazin: Mr. Charles, stimmt es, dass Sie als Autor für Pornomagazine anfingen?

Larry Charles: Ja, ich war Teenager, und in meiner WG in Brooklyn wohnte ein Pornofan, die Hefte stapelten sich in seinem Zimmer bis zur Decke. Ich warf ab und zu einen Blick rein und stellte fest: Die Geschichten waren verdammt schlecht geschrieben. Ich dachte: Das kannst du besser. Und tatsächlich, bald rissen mir die Verlage das Zeug aus der Hand. Ich musste meine Fantasie bemühen, denn viele eigene Erfahrungen hatte ich auf dem Gebiet noch nicht. Deshalb waren es verrückte, satirische Geschichten.

ZEITmagazin: Zum Beispiel?

Charles: Meine beste Geschichte handelt von einem Vietnam-Veteranen, der seine Frau in Amerika verlässt und nach Vietnam zurückkehrt. Dort lernt er eine sexy Vietnamesin kennen, verliebt sich in sie, entführt sie nach Amerika, bringt sie zu seiner Frau, und alle zusammen haben einen flotten Dreier.

ZEITmagazin: Mit diesem Start haben wir hoffentlich auch diejenigen ins Interview reingelockt, die Sie nicht kennen. Jetzt schnappen wir uns noch die Intellektuellen. Sie erwähnen oft Brecht, wenn Sie von Ihrer Arbeit sprechen.

Charles: Richtig, aber wir müssen zuerst Godard nennen. Ich bin in den siebziger Jahren aufgewachsen, das war die goldene Zeit des Autorenfilms. Ich sah alle Filme von Altman und von Cassavetes, aber vor allem begeisterten mich die europäischen Filmemacher. Als ich Godard entdeckte, war das für mich eine Sensation. Er brach alle Gesetze, die bis dahin im Kino gegolten hatten. Die Beschäftigung mit Godard führte mich zu Brecht. Das Revolutionäre an Brecht war ja: Er zerstörte die Illusion, dass das Geschehen auf der Bühne Realität ist. Er ließ den Prozess der künstlichen Manipulation in die Inszenierung einfließen. Durch diesen "Verfremdungseffekt" bekam der Zuschauer eine kritische Distanz zum Stück. Nichts anderes hat Godard gemacht. Plötzlich schaut ein Schauspieler in die Kamera und spricht zu uns. Und uns wird wieder bewusst: Hey, das ist ein Film! Mich hat diese Vermischung der Ebenen, Realität und Fiktion, immer fasziniert. Ich spiele ständig mit diesem Effekt.

ZEITmagazin: Okay, Bahn frei fürs Thema Sitcom. Seinfeld wird immer wieder die beste Sitcom aller Zeiten genannt, gefolgt von Curb Your Enthusiasm. Beide haben Sie mit aus der Taufe gehoben und geprägt. Meilensteine der Komik. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich Sie dafür bewundere.

Charles: Oh, danke. Eigentlich waren wir blutige Anfänger. Keiner von uns hatte je eine Sitcom gedreht. Anfang der achtziger Jahre war ich Autor einer Sketch-Show, die hieß Fridays. Sie hielt sich nur zwei Jahre. Larry David schrieb ebenfalls Gags für die Show. Wir waren beide nach Fridays arbeitslos und hingen miteinander rum. Eines Tages sagte Larry David zu mir: Ich habe da ein Projekt, eine Fernsehshow mit Jerry Seinfeld, willst du mitmachen?

ZEITmagazin: In einer Folge der Show fällt später der berühmte Satz: "Alle machen Shows, die von irgendwas handeln. Unsere Show ist eine Show über – nichts." Was genau ist nichts?

Charles: Nichts ist alles. Seinfeld dreht sich um das alltägliche Leben, um Nebensächliches, um Nichtigkeiten – aber diese Kleinigkeiten sind sozusagen Portale zu den größeren Themen. Dieser Zugang eröffnete uns die Möglichkeit, auf amüsante Art tiefer gehende Fragen aufzuwerfen. Die Frage, wie Menschen miteinander umgehen. Die Frage nach der menschlichen Natur, letztendlich. Vielleicht wäre präziser gewesen: eine Show über das Nichts.

ZEITmagazin:  Wie kreiert man "das Nichts"?

Charles: Ursprünglich – also in der allerersten Phase der Entwicklung von Seinfeld – wollten wir radikal auf jede Form von Story verzichten. Wir hatten vier Figuren, Jerry, George, Elaine und Kramer. Die Show sollte einfach ihren Alltag abbilden. Ihr Leben. Das war dem Sender zu unstrukturiert. "Wo ist die Handlung?", hieß es immer wieder. Also dachten wir uns für die Folgen jeweils kleine Geschichten aus, die saukomisch waren, die sich aber irgendwie auch in Luft auflösten. Im Prinzip treffen sich die vier einfach in Jerrys Wohnung oder im Coffeeshop und unterhalten sich miteinander. Über alles und nichts.

ZEITmagazin: Ihr Alter Ego in Seinfeld ist Kramer. Wie kam es dazu?

Charles: Jeder von uns hat sich in einer Figur gespiegelt. Jerry Seinfeld natürlich in Jerry. Larry David in George. Und dann war da die Figur Cosmo Kramer, der Nachbar von Jerry und George. Die Figur war dem tatsächlichen Nachbarn von Larry David nachempfunden, der auch wirklich so hieß: Kramer. Michael Richards, ein Freund von uns, spielte die Rolle. Er ist ein hinreißender Komödiant, und so wie er loslegte, wurde Kramer ein immer ausgeflippterer Typ. Er ähnelte immer weniger dem realen Nachbarn. Stattdessen ähnelte er immer mehr mir.

ZEITmagazin: Zwei Larrys auf dem Set. Zwei Köpfe, die sich umdrehen, wenn einer "Larry?" ruft. Wie hat das funktioniert?

Charles: Der eine ist LD, der andere ist LC.