Am Anfang war die Subvention. La Gazette hieß die Zeitung, die der Arzt Théophraste Renaudot im Mai 1631 gründete, die erste ihrer Art in Frankreich. Das Wochenblatt genoss die finanzielle Unterstützung des Kardinals Richelieu und diente dessen Zwecken; als Konkurrenz drohte, sicherte sich Renaudot ein gesetzliches Monopol.

Der Gedanke an diese Zeiten drängte sich am vergangenen Freitag auf, als Frankreichs Staatspräsident seinen Neujahrsempfang für die Presse gab. Eine Rede zur Modernisierung der Zeitungen war angekündigt. Zuvor hatten wochenlang die sogenannten »Generalstände« der Presse getagt – ein vom Staatschef zusammengetrommelter Kongress der Interessierten – und ein Büchlein mit Bitten an die Macht verfasst. Mehr Regierungsanzeigen in unseren Blättern, bitte schön, dazu Steuergeschenke und andere Subventionen, so sah der Wunschzettel aus. Nicht alle haben ihn unterschrieben. Es gibt Chefredakteure, aus deren Sicht Staatsgeld wie Zement wirkt, der jede Bewegung verhindert – selbst wenn Girlanden darum gewickelt sind, auf denen »Modernisierung« steht. Ihnen missfiel auch die gebückte Haltung der »Generalstände«: Jetzt, in der Krise, brauchten die Bürger eine wache, eine freche Presse und keine, die sich der Staatsmacht als Bittstellerin nähere.

Nun aber drängten sich Verleger und Journalisten unter Gold und Purpur, bis endlich Nicolas Sarkozy in den Festsaal des Élysée fegte. Ehrerbietiges Aufstehen. Und Hochspannung. »Ich werde Sie nicht mit ›liebe Freunde‹ begrüßen«, witzelte der Machthaber, »damit Ihre Unabhängigkeit gewahrt bleibt.« Doch dass sich der Staat um die Presse kümmere, sei ja wohl vollkommen okay. Schließlich stecke die in einer Krise, genauso wie die Autobranche, und die rette er auch.

Das war das Niveau. Nach der Rede, beim Champagner, wunderte sich eine Kollegin, was für einem Retter man sich da anvertraue. »Er verachtet uns«, sagte sie. Während Frankreichs EU-Ratspräsidentschaft habe sie Vergleiche ziehen können: »Ihr Deutschen wurdet während der Gipfel laufend informiert, bekamt Termine mit der Kanzlerin, während wir ganz einfach vergessen wurden.« Details, aber es gibt viele dieser Art. Gleichzeitig, Ironie der Macht, werden Jahr für Jahr Journalisten zu Rittern der Ehrenlegion ernannt. Woraufhin einige von ihnen vor Rührung ganz weich werden und es auch bleiben.

Die Presse sei »die vierte Gewalt«, diesen Ausdruck prägte einst der Club des Cordeliers, jener Verein radikaler Revolutionäre also, der auch die Losung »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit« erfand. »Diese vierte Gewalt existiert nicht mehr«, urteilt Jean Nouailhac in seinem neuen Buch Die Mediakraten. Der altgediente Pressemann übertreibt. Doch den Cordeliers, kämen sie noch einmal zurück, fiele einiges auf. Etwa dass der Sprecher der Regierungspartei verlangte, die vom Staat unterstützte Presseagentur AFP habe seine Kommuniqués gefälligst vollzählig abzudrucken. Oder dass sich der Präsident im Parlament das Vorrecht einräumen ließ, die Direktoren des öffentlichen Rundfunks zu ernennen. Kritikern dieser Klausel begegnet die Macht mit dem zynischen Argument, der Präsident hätte sich auch in dem bisherigen Wahlgremium stets durchgesetzt. Macht ohne Verkleidung – das ist der neue Stil.

Dazu kommt Mikro-Management. Anrufe der obersten Intendanz bei der Presse beispielsweise. Mal passt dies nicht, mal jenes. Ein Foto von Carla vielleicht. Oder die Überschrift »Sarkozy und die Psychologen« auf dem Titel des Nachrichtenmagazins Le Point. »Das gehört zum Spiel«, sagt dessen Chefredakteur Franz-Olivier Giesbert selbstbewusst. »Mich schockiert es nicht, wenn ein Politiker anruft, um zu protestieren oder mich zu bedrohen. Mitterrand, Chirac, Sarkozy, sie alle haben meine Entlassung gefordert. Schockierend ist vielmehr, wenn der Präsident etwas vom Fernsehen oder der Presse verlangt – und es dann auch so geschieht.«

Franz-Olivier Giesbert fügt eine französische Besonderheit hinzu: »Es gibt Industrielle, die Zeitungen besitzen, um ihren Einfluss zu erweitern. Etwa um leichter einen Termin beim Präsidenten zu bekommen zwecks öffentlicher Aufträge. Und die seinen Willen exekutieren.« Wer will außerdem glauben, schreibt der alte Fahrensmann Jean Nouailhac, dass beispielsweise die Journalisten von Paris Match oder Journal du Dimanche unbefangen über Probleme von EADS schrieben, deren Zeitungen der Gruppe des Industriellen Lagardère gehören, der wiederum 7,5 Prozent der Aktien von EADS besitzt sowie den Vorsitz des Aufsichtsrats innehat? Oder dass Les Échos in aller Freiheit die finanzielle Solidität der Luxuswarengruppe LVMH beschreibt, die Bernard Arnault gehört, dem Eigentümer des Wirtschaftsblatts? Als Arnault im Herbst 2007 den Kampf um Les Échos gewonnen hatte – nicht ohne Feuerschutz aus dem Élysée –, schrieb dessen Chefredakteur zum Abschied im Editorial: »In keinem entwickelten demokratischen Land der Welt ist die wichtigste Wirtschaftszeitung Eigentum einer großen Industriegruppe mit weit gespannten Interessen.« Außer in Frankreich – wo der Staatschef noch dazu ein kumpelhaftes Verhältnis zu ebensolchen Industriellen pflegt.