Die SPD und ihr Chef Müntefering Gut, nicht gut genug

Hundert Tage im Amt: Der neue, alte SPD-Vorsitzende Franz Müntefering galt als Lichtgestalt. Nun zeigt sich, er ist auch nur ein Mensch

Den Boden festtrampeln, eine Leiter hinstellen, hochklettern: Franz Müntefering

Den Boden festtrampeln, eine Leiter hinstellen, hochklettern: Franz Müntefering

Er ging immer schon schnell, doch jetzt, da er zurück ist, rennt er fast. Zu Tempo und Zeit hat er sein eigenes, ein eigenwilliges Verhältnis. Eine Uhr trägt er nie, doch in jeder Minute weiß er, wie viel Stunden es noch sind bis zum 27. September, 18 Uhr, wenn die Wahllokale schließen. Sisyphos, den Mann, der tagaus, tagein denselben Stein immer wieder denselben Hang hochschleppte, sieht er, wie Albert Camus ihn sah, als einen glücklichen Menschen. Wer ihn aber in diesen Tagen trifft, wer Franz Müntefering sieht, der entdeckt einen Sisyphos der anderen Art. Einen, der tagaus, tagein auf der Stelle tritt und dem die Steine wie eine Gerölllawine entgegenprasseln.

Seit gut drei Monaten ist Müntefering, mittlerweile 69 Jahre alt, nun wieder Vorsitzender der SPD. Kein anderer hatte in der 146-jährigen, so stolzen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie diesen Posten zweimal inne. »Den Boden festtrampeln, eine Leiter hinstellen, hochklettern« – so kurz und knackig, so durch und durch Münteferingisch beschreibt der neue/alte Chef seine Aufgabe für die Zeit bis zur Bundestagswahl im Herbst. Rund hundert Tage dauert dieser sozialdemokratische Kampf um Augenhöhe mit Kanzlerin und Union nun schon an – und Müntefering ist immer noch am Trampeln. Er trampelt in den Ortsvereinen, er trampelt in den Spitzengremien, er trampelt öffentlich, und er trampelt hinter verschlossenen Türen – doch der Boden will und will nicht fest werden, und wohin die Leiter eigentlich führen soll, wenn sie denn endlich steht, das scheint er selbst nicht zu wissen.

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In seiner ersten Amtszeit, vom März 2004 bis zum Oktober 2005, saß Müntefering einer Partei vor, die infolge der Schröderschen Reformpolitik in eine dann weidlich ausgelebte Identitätskrise stürzte. Unter dem Vorsitzenden Kurt Beck weitete sich diese Identitäts- zur Existenzkrise aus. Und nun sitzt Müntefering, in seiner zweiten Amtszeit, einer Partei vor, für die es um weit mehr geht als um Sieg oder Niederlage am 27. September. Für die SPD steht ihr Dasein als Volkspartei auf dem Spiel. Müntefering weiß das. Wie soll man da als Sisyphos glücklich sein?

Im November 2007 von der politischen Bühne verschwunden, um seine krebskranke Frau auf ihrer letzten Lebensstrecke zu begleiten, wurde Müntefering, der Mensch wie der Politiker, schnell ins Kultige entrückt; es wurde in ihm jene Lichtgestalt entdeckt, die, eine deutsche Eigenart, in Politikern immer erst dann entdeckt wird, wenn sie nichts mehr zu sagen haben. Zurück auf der Bühne, sieht er sich mit der Frage konfrontiert, ob er gut genug ist. Gut genug, um einer ausgepowerten politischen Kraft ambitioniertere Ziele einzuimpfen als das bloße Überleben als Juniorpartner in einer Großen Koalition. Gut genug, um der ältesten deutschen Partei eine neue sinnstiftende Idee zu vermitteln. Gut genug, um ihr eine Machtperspektive aufzuzeigen, für die sich ihre Mitglieder begeistern können.

Politik ist Organisation. So lautet Münteferings politisches Glaubensbekenntnis. Jetzt und immerdar. Es war ihm folglich auch Fixpunkt, als er sich Mitte Oktober daranmachte, all das Lose, Unsortierte, Unklare der Beck-Jahre zu ordnen. Müntefering, der Hohepriester des politischen Strukturalismus, baute als Erstes das unter Beck heillos zerstrittene Willy-Brandt-Haus zu einer effizienten Schaltzentrale um. Er trommelte seine alte »Boygroup« wieder zusammen, die Männerrunde seiner engsten Vertrauten, setzte deren Leadsänger Kajo Wasserhövel als Wahlkampfmanager ein und wies Generalsekretär Heil die Rolle des Grüß-Gott-Hubertus für die Parteibasis zu. Dann zupfte er die politische Kleiderordnung für das Wahljahr zurecht. Den Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier rief er öffentlich zur Nummer eins der SPD aus, sich selbst zum ersten Vasallen – und überließ Steinmeier fortan die Verhandlungsführerschaft im Koalitionsausschuss. Damit der Kandidat der Kanzlerin auf Augenhöhe begegnen kann.

Leser-Kommentare
  1. ist der Dunkelmann des anderen.
    Fragt sich, wessen Lichtgestalt Müntefering je war. Di Lorenzos, Naumanns?
    Zudem muss man einen Seeheimer Sumpf trockenlegen, mit Feststampfen versinkt man nur noch mehr. Wie die Beispiele Annen und Clement gezeigt haben.

  2. Müntefering ist ein eiskalter Verfechter der Agenda-Politik, die unter der Kohl-Regierung ( ! ) undenkbar war. Man schuf ein bürokratisches Monster mit allen bekannten Mängel, das zusätzlich teurer als die frühere Regelung war.
    Solange die SPD sich inhaltlich und personell nicht von dieser sozialdemokratischen Todsünde distanziert, wird weiter um die 20% herumdümpeln.
    Die sozialdemokratischen Positionen hat die Linke übernommen.
    Da kann "Münte" ruhig auf volkstümlich machen, die Wähler haben ihn durchschaut.

  3. Eine substanzlose Partei wird mit der schönsten Ordnung keine Wählermehrheiten bewegen sondern nur noch den Tross der Unvertrossenen sammeln können. Die Ära Schröder hat eine SPD hinterlassen, die wie ein Fähnchen im Wind den jeweiligen Trends hinterher rennt und sie als eigene Erfindung zu verkaufen versucht, was kaum jemand mehr ernst nimmt und seine Stimme grundsätzlich verweigert oder Parteien anvertraut, die wenigstens Kontinuität zu verkaufen haben.
    Der Personenkult der Schröder-Ära gibt nichts mehr her und Münterfering eignet sich auch kaum als "Lichtgestalt" auch wenn er sich mit bürokratischem Eifer um bürokratische Strukturen bemüht, wofür, bleibt wohl sein Geheimnis.
    Der Glanz der Vergangenheit wird bei dem aufgewirbelten Staub um Personen, zu einem trüben Schein, der eher die Wehmut des Scheidenden als Hoffnungen wecken kann.
    Welchen Weckruf braucht die Basis, um endlich zu zeigen, wo die Größe dieser Partei ihre Wurzeln hat? Gibt es sie eigentlich noch - die SPD? Gibt es jetzt nur noch "Führer" ohne Gefolgschaft?

    • politz
    • 31.01.2009 um 14:42 Uhr

    Müntefering mag ein besserer Wahlkämpfer, ein besser Organisator sein – das wird alles nichts nützen, solange er die Machtperspektiven der SPD systematisch verbaut. Die SPD siegt nur dort, wo sie selbstbewusst mit linken Inhalten und einer echten Machtperspektive auftritt. Glaubt ernsthaft jemand, die Wahlsiege von 1998 und 2002 seien möglich gewesen, wenn eine Große Koalition angestrebt worden wäre? Auch der Fast-Sieg von 2005 gelang Schröder nur durch die ausgeprägte Polarisierung, eben den Lagerwahlkampf.

    Müntefering stellt sich, so sagt man, für den Herbst 2009 auf einen Lagerwahlkampf ein. Aber was anderes heißt das, als dass das Lager CDU-FDP gegen das Lager SPD-Grüne-Linkspartei steht? Münte betont ständig die angeblich riesengroßen programmatischen Unterschiede zwischen SPD und Linken. Aber wie können die denn je größer sein als zwischen SPD und FDP, wenn ein Großteil der Linken-Wähler früher SPD wählte.

    Es scheint derzeit so, als führe die systematische der SPD zur Machtübernahme und zur politischen Gestaltungsfähigkeit dazu, das linke Lager insgesamt zu schwächen. Schwarz-Gelb hat derzeit eine komfortable Mehrheit, die SPD verharrt auf extrem niedrigen Niveau und selbst die Linkspartei muss federn lassen. Wenn die politische Linke die Möglichkeiten der Demokratien nicht nutzen wollen, werden sie eben vom Wähler abgestraft.

    Aber das passiert eben, wenn man kein Mann vom Formate Willy Brandts ist. Der sagte bei seiner Abschiedsrede vorwurfsvoll gegenüber der eigenen Partei: „Darf die SPD es zulassen, dass ein Bürgerblock mit seinen publizistischen Hilfstruppen darüber entscheidet, ob dann, wenn die parlamentarische Konstellation dies möglich macht, die SPD teilhat an der Regierungsverantwortung oder nicht?“

    • loup
    • 31.01.2009 um 14:48 Uhr
    5. MSPD

    Sie verweisen - was in der SPD so gerne geschieht, in geschichtsvergessenem Stolz allerdings - auf die 146jährige Geschichte der Partei und sprechen damit die Anfänge an, verbunden mit Lassalle auf der einen, Liebknecht und Bebel auf der anderen sowie Marx und Engels im Hintergrund. Vergleichen wir doch einmal die damaligen Parteiprogramme mit dem momentan gültigen (wie heißt es eigentlich?) und wir entdecken den Grund für die gegenwärtige Misere.

    Das gegenwärtige Programm heißt übrigens "Programm der SPD zur Billigung des einfachen Weltbildes des Franz Müntefering". Dessen Botschaft an die Arbeiterklasse (inklusive industrielle Reservearmee) lautet bekanntlich: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen."

    Na, dann guten Appetit, MSPD!

  4. 6. Nach..

    dem Sozialabbau, den dieser Mann mit verbrochen hat ,sollte der schnell sein Parteibuch wechseln. Er ist hinterhältig und verlogen. Nachweisen kann man ihm dieses auch noch.

  5. ist noch lange nicht gut für die Leute. Das zeigt in aller Klarheit die Schröder-Agenda. Was wurde damit erreicht? Zum ersten Mal seit 30 Jahren ist die Arbeitslosigkeit im Aufschwung unter den vorherigen Sockel gesunken. Sieht beeindruckend aus, wurde aber nur mit einer massiven Vermehrung der working poor erzielt.
    Die Mehrheit der Deutschen will einen sozialdemokratischen Staat, will Wohlstand für alle. Nur ist mittlerweile "sozialdemokratisch" eine Marke, mit der die SPD nicht in Verbindung gebracht wird. Tragisch.

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    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
    ______

  6. ......stellt solche Thesen halt einfach gerne und hartnäckig immer wieder auf! - Ja, das hätten´s gern: Lehre machen, zwei Jahre in einem Betrieb arbeiten, dann gekündigt werden, und ein Leben lang ALG I beziehen, seinen Hintern nie wieder heben und auf die Schlechtigkeit der Welt, die Unfähigkeit der Regierung schimpfen, und den Erfolgreichen ihr Glück neiden....

    Rechnen wir das mal durch. Sagen wir mal, jeder Hartz-IV-Empfänger kostet monatlich 1000.- €.

    Bei einem Real(!)zins von 2% braucht man ein Kapital von 270000.-€, um diese monatlich 1000.- € aufzubringen.

    Also, liebe Hartz-IV-ler, jeder von Euch ist ein kleiner Bourgeois, der von den Zinsen seiner Wahlstimme lebt! Und Ihr gehört immer noch zu den 10 reichsten Prozent der Weltbevölkerung, mit einem Lebensstandard, wie ihn ein durschschnittlicher westdeutscher Arbeitsnehmer erst Anfang der 1960er hatte!

    Wenn ihr 60 oder älter seid, krank, alleinerziehend mit kleinen Kindern: o. k. Sonst gilt:

    KLAGT NICHT, KÄMPFT!

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    Die Ackermänner? d'accord.

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    In diesem Wahljahr werde ich mich für keine Partei
    aussprechen und zu keinem Parteiprogramm. Aber ich
    werde nicht aufhören, zu sagen, dass diese Krise eine
    ideologische Heimat hat: die FDP.…
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    Die Ackermänner? d'accord.

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