Milchindustrie
Natur aus der Fabrik
Ein Reaktor namens Kuh erzeugt täglich sechzig Liter Milch. Bevor diese in den Handel kommt, wird sie zerlegt, gerüttelt und neu zusammengesetzt. Ein Blick hinter die Kulissen einer Hochleistungsindustrie

© Friedemann Vogel/Getty Images
Milch steht für Reinheit und Gesundheit. Doch mit Natur hat sie nicht mehr viel zu tun.
Solange DE 1300188124 nicht auf die Weide muss, geht es ihr blendend. Stellte man sie aber mitten in die Natur, fiele sie vermutlich ins Koma. Als moderne Hochleistungskuh verkraftet sie pflanzliche Rohkost nicht: Erst würde sie sich, immer hungrig, wie sie ist, und an 50.000 Kilokalorien pro Tag gewöhnt, den Pansen mit frischem Gras füllen. Die ungewohnte Diät bekäme ihr schlecht. Ihrem Hochleistungsorganismus – eingestellt auf stetigen Nachschub an Kraftfutter – reichten Löwenzahn, Klee und Pfeifengras bei Weitem nicht, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Zur Deckung des Energiebedarfs zapft der Körper bei Nahrungsmangel seine Reserven an; die Leber verwandelt Fett in Ketone, als Notbrennstoff für Muskeln und Gehirn. Die riesigen Mengen Ketone, die das Blut nun zu transportieren hat, überfordern den Organismus. »Das führt im Extremfall zum komatösen Zustand«, sagt Harald Hammon, Ernährungsphysiologe am Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN) in Dummerstorf. Beim Umgang mit den Leistungsträgerinnen der heutigen Milchwirtschaft ist Vorsicht geboten. Muss sich eine Holstein-Schwarzbunte wie DE 1300188124 natürlich ernähren, beginnt ihr Überlebenskampf. »Sie kann sich von so einer Ketose erholen«, sagt Hammon. »Aber sie kann auch daran sterben.«
Die Produktion des angeblichen Naturproduktes Milch hat heute ein Niveau erreicht, das unter natürlichen Bedingungen nicht aufrechtzuerhalten ist. Pro Kilogramm Körpergewicht verstoffwechseln Tiere der ersten deutschen Milchliga doppelt soviel wie ein Hochleistungssportler. Damit sie nicht ins Koma fallen, steht den Turbokühen 24 Stunden lang Kraftnahrung zur Verfügung.
Das Futter
»Eine Kuh, die 50 Liter Milch gibt, kann man mit Gras nicht ausfüttern«, sagt Physiologe Hammon. Die Tiere auf Gut Dummerstorf, das gleich neben dem Forschungsinstitut liegt, kauen daher Mais- und Grassilage. Das Futter ist mit einem Mix aus Mineralstoffen und Vitaminen ergänzt. Weil sie erst kürzlich gekalbt hat, gehört DE 1300188124 zur Gruppe der Kühe, die vom selbst fahrenden Futtermischwagen die Spezialration erhalten. »Da sind noch 1,4 Kilogramm Eiweiß und 300 Gramm pansengeschützte Fette pro Tier und Tag drin«, sagt Andreas Heklau, ihr Herdenmanager. Und wie jeder moderne Ausdauerathlet bekommt sie einen »Energieriegel« – eine Extraportion schnell verfügbare Zucker (Melasse oder Dextrose).
Wenn die 445 Dummerstorfer Produzentinnen nicht fressen, gehen sie im Stall umher oder legen sich in die Ruhekuhlen zum Wiederkäuen, während dahinter der automatische Kotschieber seine Runden dreht. Sie verbringen ihr ganzes Leben unter Dach und Fach, periodisch eingeteilt in die Besamungsgruppe, in die Abteilung für Färsen oder Euterkranke, bei den Trächtigen oder Hochleistern, Altmelkern oder Trockengestellten. An Arbeitstagen liefern sie ihre Leistung im Schichtbetrieb ab – alle acht Stunden drängt sie der automatische Treiber zum Fischgrätenmelkstand. Währenddessen entgeht Pedometer und Datentransponder kein Schritt. Und das Computerprogramm Superkuh analysiert permanent Leistung, Appetit und Wohlbefinden aller Schützlinge.
Die Kuh
DE 1300188124 genießt ein Privileg: Sie heißt manchmal auch Christina. Einen Namen erhalten auf dem Gut Dummerstorf nur Tiere, die als Ausstellungsobjekt auf eine Messe fahren oder in ihrem Leben mindestens 100 Tonnen Milch produziert haben. Vor Christina haben Neike und Marga diese Menge geschafft. In der Geschäftsstelle des Hofs hängen Zinnteller mit den Namen der drei Honorierten an der Wand. Während das Leben von Neike und Marga längst in einer Schlachterei zu Ende gegangen ist, leistet Christina, die achtfache Mutter, noch immer ihren Dienst. Sie ist jetzt bei 105 Tonnen angelangt. Am 5. Februar wird sie zwölf Jahre alt. Eine Ausnahme in dieser Leistungskategorie. Im Schnitt macht es eine Holsteinerin hier keine fünf Jahre. In dieser Zeit ist sie im Mittel zweieinhalb Mal trächtig, das entspricht zweieinhalb Laktationsperioden (Bundesdurchschnitt: 2,8). Das bedeutet, dass eine Kuh nur 750 Tage lang gemolken wird. Christina blickt auf weit über 2000 Arbeitstage zurück.
Die Milch
Mit der Zunahme der Leistung verschwindet die Kuh aus der Landschaft. Noch produziert das Alpenland Bayern weitaus am meisten Milch – mit der kleinsten Leistung pro Tier. Den Trend zeigen die neuen Bundesländer an. Dort produziert die Durchschnittskuh 1,7 Tonnen pro Jahr mehr als die bayrische Kollegin. Dort stehen und entstehen die größten Betriebe, während im Rest der Republik die Kleinbauern ihre Ställe dichtmachen.
- Datum 2.2.2009 - 09:28 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
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Die Frage, welche Milch am gesündesten ist, lässt sich ziemlich einfach beantworten: Muttermilch. Natürlich nur innerhalb der eigenen Spezies und auch nur in der ersten Lebensphase.
Warum die Muttermilch einer anderen Spezies, noch dazu im Erwachsenenalter, hingegen gesund sein soll, will mir irgendwie nicht einleuchten. Also ich hab abgestillt, aber der Großteil der Bevölkerung hängt leider heute noch am Euter...
Ich hab schon länger keinen Artikel mehr über die Lebensmittelindustrie gelesen. Aber, jedesmal nachdem ich das gemacht habe ist mir gründlich der Appetit vergangen... So auch hier.
Ich kann mich gut erinnern wie das war als ich meine Milch noch direkt frisch gemolken bei der Milchsammelstelle im Dorf abholen konnte. 1-2 x die Woche.... Bei jedem Bauern schmeckte Sie anders und man schmeckte und roch in der Milch was die Kühe gegessen hatten... frisches Gras etwa. Wie im Artikel erwähnt trennt sich der Rahm und wenn man die Milch stehen lässt wird diese nicht ungeniessbar sondern man kann diese Weiterverwenden... je nachdem.
Eines Tages kam es so wie es kommen musste. Der Grossverarbeiter übernahm die Kontrolle der Milch, den Bauern ist es Teilweise sogar untersagt Milch direkt zu verkaufen. Der Hygiene wegen ist immer ein gutes, aber leider oft an den Haaren herbeigezogenes Argument, mit dem sich viele Zufrieden geben ohne nachher zu merken was eigentlich als Ersatz auf den Teller kommt.
Zum guten Glück gibt es immer noch Möglichkeiten an frische Milch direkt vom Bauern zu kommen. Nur die vielen kleinen Bauern gibt es immer weniger...
Generell empfinde ich es als eine Zumutung was uns die Lebensmittel (darf man das überhaupt noch so bezeichnen?) Industrie andreht und das leider auch noch völlig legal... Die endlosen Regeln was Hygiene und Reinheit und Naturnähe und Naturrein etc. anbelangt sind reines Industriefreundliches Blendwerk. Die meisten von uns haben sich schon so an die Industrielle Verabeitung von dem was wir essen gewöhnt das der wahre Wert für die Qualität, die Aromen und Geschmack verloren gegangen ist...
Das alles hat noch nicht mal irgendetwas mit BIO zu tun... und selbst da ist die Industrie bereits fleissig mit dabei.
Die Milch ist nur eines von zig 1000' Lebensmitteln die durch industrielle Vorgänge bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt wurde.
Ich wünsche mir gerne mehr solche Artikel... obwohl, die ZEIT ist ja eigentlich nicht die traditionelle Zeitschrift dafür.
;-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
da Milch mein 'Leibgetränk' ist, unda seit meiner Kineheit.
Allerdings habe ich nun ein paar 'handfeste' Argumente gesammelt,
warum doch möglichst keine H-Milch oder auch Längerfrische Frischmilch kaufen.
Wo bekomme ich jetzt aber mit 100%-iger Sicherheit als Stadtmensch
frische Bio- und das auch noch Alpen-Milch :-)
Grüße
Messala
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"Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)
da Milch mein 'Leibgetränk' ist, unda seit meiner Kineheit.
Allerdings habe ich nun ein paar 'handfeste' Argumente gesammelt,
warum doch möglichst keine H-Milch oder auch Längerfrische Frischmilch kaufen.
Wo bekomme ich jetzt aber mit 100%-iger Sicherheit als Stadtmensch
frische Bio- und das auch noch Alpen-Milch :-)
Grüße
Messala
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"Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist" (H. Ford)
Ein kleiner Trost... von mir als Landbewohner. Auch hier ist das schwer sofern man nicht mit dem Auto einige Kilometer fährt um 1-2 Liter Milch zu holen... vor ein paar Jahren ging das noch zu Fuss weil mitten im Dorf die Milchsammelstelle war und die Bauern hat man bei der Gelegenheit auch noch kennengelernt.
Aber Bio und Alpen.... uiii das wird schwer.
:-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
FRISCHE Alpenmilch gibt es nur in den Alpen. Klingt banal, ist es auch und wahr obendrein.
Milchprodukte der Molkerei "Berchtesgadener Land" sind zB zu empfehlen (http://www.molkerei-bgl.de/), man kann aber in vielen (nicht-Discounter)-Bioläden auch Vorzugsmilch bestellen, dann in etwas größeren Einheiten (zB 6x 1 Liter).
Ein kleiner Trost... von mir als Landbewohner. Auch hier ist das schwer sofern man nicht mit dem Auto einige Kilometer fährt um 1-2 Liter Milch zu holen... vor ein paar Jahren ging das noch zu Fuss weil mitten im Dorf die Milchsammelstelle war und die Bauern hat man bei der Gelegenheit auch noch kennengelernt.
Aber Bio und Alpen.... uiii das wird schwer.
:-)
“When I give food to the poor, they call me a saint. When I ask why the poor have no food, they call me a communist." — Dom Hélder Câmara
FRISCHE Alpenmilch gibt es nur in den Alpen. Klingt banal, ist es auch und wahr obendrein.
Da wartet dieser Artikel ja gleich mit einer Reihe "brandneuer" Erkenntnisse auf, z.B:
-Milch und Käse von Almkühen schmeckt besser als die von Viechern die mit Kraftfutter gemästet werden.
-Milch wird vor dem Abfüllen homogenisiert und pasteurisiert.
-Milch wird nicht mehr wie in der "gutenaltenZEIT" per Hand gemolken, wie in der Werbung in blank polierte Milchkannen gegossen und von rosawangigen Mägden auf die Milchbank gestellt und von strahlenden Naturburschen auf das Pferdegespann geladen.
So könnte ich jetzt noch ein bisschen weiter drüber herziehen oder es kurz machen und feststellen. der Autor ist dem Milchäquivalent des Schlachthausparadox aufgesessen. (was ja gelegentlich passieren kann)
Was mich wundert:
Warum wird so ein nichtssagender und mit keinerlei konstruktiven Vorschlägen aufwartender Artikel zum Titelthema??
Und nur um es klarzustellen: in der Agrarindustrie ist vieles in einem bemängelnswertem Zustand, aber DIESER Artikel schafft es in völliger Belanglosigkeit dahinzudümpeln. Schade.
Milchprodukte der Molkerei "Berchtesgadener Land" sind zB zu empfehlen (http://www.molkerei-bgl.de/), man kann aber in vielen (nicht-Discounter)-Bioläden auch Vorzugsmilch bestellen, dann in etwas größeren Einheiten (zB 6x 1 Liter).
Kann mich Kommentar Nr 1 nur anschließen.
Wer trinkt schon Milch?
Absurder Gedanke, ein Drüsensekret einer anderen Spezies zu saufen. Es leckt schließlich auch keiner Schweiß oder Analsekrete von Rindern. Obwohl, bestimmt sehr mineralhaltig...
Na, dafür wird auch noch ein Markt geschaffen...
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