Alte Ehepaare kennen das Phänomen: Wenn man lange genug zusammengelebt hat, passt man sich, bewusst oder unbewusst, einander an. Angesichts der Tatsache, dass Mensch und Rind es nun schon seit fast 10000 Jahren zusammen aushalten, ist es nicht verwunderlich, dass auch diese zwei zunächst recht unterschiedlich wirkenden Arten sich im Lauf der Zeit maßgeblich durch den Einfluss des anderen verändert haben. Sie bilden die vielleicht engste Symbiose, die es unter Säugetieren gibt.

Auch wenn die Kuh auf den ersten Blick Natur zu sein scheint, so ist sie doch eine Erfindung des Menschen. Ursprünglich gab es nämlich, vereinfachend gesagt, nur zwei verschiedene Sorten von Rindern: erstens den Bos primigenius primigenius , umgangssprachlich als Auerochse oder Ur bezeichnet. Er wurde in der Jungsteinzeit domestiziert und gilt als Vorfahr unserer heutigen westlichen Rinderrassen. Das Ur war, wie Cäsar in De bello Gallico berichtet, fast so groß wie ein Elefant und verfügte über gewaltige »Kraft und Behendigkeit«, was das Tier allerdings nicht vor der Ausrottung durch den Menschen bewahrte, das letzte Exemplar starb 1627 in Polen. Auf dem indischen Subkontinent war die zweite Form des Urs beheimatet, der asiatische Auerochse. Aus ihm entwickelten sich die indischen Hausrindrassen, die Zebus.

Innerhalb dieser beiden Ur-Rassen gab es vermutlich bereits verschiedene, an die jeweiligen klimatischen und geografischen Gegebenheiten angepasste sogenannte Landschläge. Doch erst durch den züchterischen Einfluss des Menschen entstand das breit gefächerte Spektrum von ungefähr 600 verschiedenen Rinderrassen, das es heute gibt. Spätestens seit der Engländer Robert Bakewell sowie die Gebrüder Collins im 18. Jahrhundert die moderne Rinderzucht begründeten, handelt es sich bei der Kuh um eine zunehmend funktional ausdifferenzierte Konstruktion. Hochleistungskühe vom Typ der Holstein-Friesian geben heute innerhalb von zwei Wochen mehr Milch als ein preußisches Rind Anfang des 19. Jahrhunderts im Lauf eines ganzen Jahres. Ihre Vermehrung geschieht vorwiegend durch künstliche Besamung oder durch Embryonentransfer, besonders ertragreiche Spitzenexemplare werden durch Klonung exakt kopiert. Kühe sind, in den Worten des Philosophen Vilém Flusser, »effiziente Maschinen zum Verwandeln von Gras in Milch«.

Der Mensch unterjochte die Kuh – die Kuh aber machte sich auch den Menschen und dessen Abhängigkeit von ihr als Milch-, Fleisch- und Zugtier zunutze. Mit den europäischen Kolonisatoren eroberten die ursprünglich in der Gegend des heutigen Iran, Pakistan und nordwestlichen Indien beheimateten Rinder den gesamten Globus. Als Christoph Kolumbus 1494 zum zweiten Mal nach Amerika segelte, brachte er die ersten Kühe in die Neue Welt. Im Lauf des 16. Jahrhunderts breiteten sie sich im Gefolge der spanischen Konquistadoren und Missionare über Mittel- und Südamerika aus. Und im 19. Jahrhundert wurden Australien und Neuseeland als Weideländer für den stetig wachsenden Rindfleischhunger des britischen Imperiums erschlossen.

Die Kühe formten dabei maßgeblich das Antlitz der Erde, wie wir es kennen: Nicht nur die mitteleuropäische Kulturlandschaft mit ihrem Wechsel von Äckern, Weiden und Wäldern, auch die Prärien Nordamerikas sowie die riesigen, von Erosion bedrohten Kahlschlaggebiete in Mittel- und Südamerika, wo Millionen Hektar tropischen Regenwalds Platz für Viehweiden machen mussten, sind Resultate der Rinderhaltung. Knapp 1,3 Milliarden Rinder grasen heutzutage auf der Erde, ihre Versorgung mit Gras und Futtergetreide beansprucht fast ein Viertel der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Rinder stellen die zahlenmäßig stärkste Großsäugerart der Erdgeschichte dar. Ihr Gesamtgewicht übersteigt das der menschlichen Erdbevölkerung um mehr als das Doppelte.