Die Sache wurde ausgerechnet kurz vor dem Start der Grünen Woche publik. Auf der weltgrößten Agrarschau präsentieren sich Landwirte, Handel und Molkereien jedes Jahr von ihrer besten Seite. Da passte die Nachricht ganz und gar nicht ins Bild: »Immer mehr Supermärkte nehmen Frischmilch aus ihrem Angebot«, alarmierten Mitte Januar Verbraucherschützer. Das wirkte aufrüttelnd – den Konsumenten steht der Sinn nach naturnahen Lebensmitteln. Doch was ist die Milch den Deutschen wirklich wert?

Nicht viel, zeigt sich bei einem Blick auf die aktuellen Preise. Sie zählen zu den niedrigsten auf dem europäischen Markt. Die Bauern leiden darunter – und liefern sich einen erbitterten Streit mit Handel und Molkereien. Die deutsche Milchindustrie ist mit Abstand die größte Lebensmittelbranche in ganz Europa. Es geht um Geschäfte mit 28 Millionen Tonnen Milch.

Gefeilscht wird um jeden Cent. Denn die deutschen Konsumenten gelten als besonders preisbewusst. Allerdings gibt es auch eine Gruppe von Milchgourmets, die begeisterte Anhänger von Frischware sind. Von einer »überwältigenden Reaktion« auf ihre Enthüllung berichtet jedenfalls Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie war es, die herausgefunden hatte, dass es »bei Aldi, Lidl und Penny« gar keine Frischmilch mehr gibt und auch andere Supermärkte stattdessen nur noch ESL-Milch anbieten.

Die drei Buchstaben stehen für Extended Shelf Life und bezeichnen eine durch Erhitzung oder Filtrierung verlängerte Haltbarkeit. Die Verbraucherschützerin regt auf, dass die Milch so irreführend gekennzeichnet ist, dass sie leicht als Frischmilch durchgeht.

»Der Verbraucher sollte entscheiden können, was er trinkt«, sagt Silke Schwartau. Wie es aussieht, hat sie dieses Ziel erreicht. Vergangene Woche verdonnerte das Bundesernährungsministerium Milchindustrie und Handel dazu, ESL-Milch erkennbar zu markieren und nicht, wie bislang, nur »maxi frisch« oder »Hält länger frisch« auf die Packung zu schreiben.

Erst mit der eindeutigen Kennzeichnung wird sich zeigen, ob es stimmt, was viele Molkereien glauben. »Der Trend zu ESL-Milch hat sich verstärkt«, sagt Michael Brandl, Sprecher des Milchindustrie-Verbandes. Gesonderte Zahlen für den Absatz gibt es allerdings nicht. Nur so viel ist bekannt: Von rund 3,4 Milliarden Litern Milch, die jährlich über die Ladentheke gehen, sind heute etwa 70 Prozent H-Milch. Wie sich der Rest in echte und unechte Frischmilch aufteilt, wurde bislang gar nicht erfasst. Auch das soll sich ändern.