Zum Tod von John Updike Gott weiß alles
Der menschenfreundlichste aller amerikanischen Schriftsteller ist gestorben: Mit Updike ist die lebhafteste Stimme der US-Literatur verloren gegangen. Ein Nachruf
Nur 76 Jahre alt wurde der amerikanische Schriftsteller, Poet, Kunst- und Literaturkritiker John Updike. Anfang dieser Woche starb er in Beverly, Massachusetts an Lungenkrebs; vorangegangen waren jahrelange Hautkrebsbehandlungen – eine lebenslange Leidenszeit unter juckender Schuppenflechte hatte ihn auf ärztliche Empfehlung immer wieder an die Strände von Cape Cod und der Karibik geführt, um in der Sonne zu baden. Derlei taktlose medizinische Genauigkeiten hatte der Autor selbst in einem seiner besten Essays im New Yorker veröffentlicht – und der Zauber seiner eleganten Sprache, die noch die vulgärsten Einzelheiten leiblicher Existenz mit Glanz zu überziehen verstand, verwandelte diesen doch eher peinlichen Einblick in private Nöte zu großer Literatur.
Dem schwedischen Nobelpreiskomitee bleibt einmal mehr das Nachsehen, doch das ist der geringste Kummer; denn mit Updike ist die lebhafteste, menschenfreundlichste Stimme der amerikanischen Literatur verloren gegangen. Selbst seine schärfsten Parodien und seine anti-feministischen Ausfälle – zum Beispiel in den Hexen von Eastwick – kamen in einem versöhnlichen Grundton daher. Als Witwen von Eastwick, sein letzter, im vorigen Jahr veröffentlichter Roman, gehen sie noch einmal ihren erotischen Fantasien nach, doch Alter und Gelassenheit addieren sich schließlich zu stillem Verzicht – begleitet, aber nur der Pointe wegen, von einem kleinen Mord.
Anders als seine großen Zeitgenossen Norman Mailer, Philip Roth oder Saul Bellow schien Updike an den ideologischen Brüchen seiner Zeit kaum interessiert. Er war ein parteipolitisches Neutrum in seinem geliebten Amerika (seine Vorfahren stammten vom Niederrhein). Seine Kindheit im ländlichen Pennsylvania, seine Jugend im kleinstädtischen Reading, sein strenger Vater, sein erwachsenes Leben in einem der schönsten Flecken Amerikas, in Ipswich bei Boston, fügten sich zu einem stillen, auch literarisch spürbaren Patriotismus – einige seiner Romane wirken heute wie geglückte Libretti zur Melodie der amerikanischen Nationalhymne. Die Neugier des Jungen vom Lande auf das seltsame Leben in der Großstadt hat ihn nie verlassen; darin glich er seinem großen Kollegen des New Yorker, E. B. White, der seine Texte in der Einsamkeit eines fernab an der Küste von Maine gelegenen Hauses schrieb.
Europa begegnete Updike in Kunstwerken und Büchern, für deren Ruhm und Verbreitung in Amerika er weitaus mehr beitrug als die berühmten Pariser expatriates der zwanziger und dreißiger Jahre. Für die Dritte Welt allerdings, ob Afrika oder Südamerika (Der Coup , Brasilien), hegte er das Interesse eines Bühnenbildners mit Vorliebe für tropische Kulissen. Den Vietnamkrieg verteidigte er in einem Essay – aber weiter ging er nicht. Die Folgen eines Atomkriegs konnte er in der Dämmerung seiner Arbeit als pastorale neuenglische Idylle mit Mord und Totschlag inszenieren (Gegen Ende der Zeit) – eine eher modische Fingerübung in Apokalypse, kein Meisterwerk im Vergleich zu Cormac McCarthys Roman Die Straße. Nicht viel überzeugender fiel seine literarische Reaktion auf 9/11 aus: Die Metamorphose seines arabischen Jungen aus New Jersey zum Terroristen wirkte konstruiert – anders als die meisterhaft erzählte eingeschobene Liebesaffäre eines pädagogischen Sozialarbeiters.
Updikes Begabung zum Spott über konkurrierende amerikanische Autoren offenbarte sich in dem gleich zweimal auftretenden, komischen Romanhelden, dem Schriftsteller Bech. Er leidet an einer Schreibblockade und liest stundenlang auf der Toilette den konservativen Encounter (in dem gelegentlich auch Saul Bellow publizierte). Updike hatte eben anderes zu tun: 27 Romane, fünf Kinderbücher, eine Autobiografie (Selbst-Bewußtsein), zwei Bände gesammelter Gedichte, elf Bände Kurzgeschichten, zehn Essaysammlungen und vier missglückte Verfilmungen (woran er keine Schuld trug) zeugen von einem Arbeitsleben, das in der Literaturgeschichte Amerikas wohl lange einmalig bleiben wird.
Seine literaturkritischen Essays über nahezu alle namhaften Schriftsteller von Marcel Proust über Isaac Babel bis zu Günter Grass setzten den Goldstandard im New Yorker – Verrisse waren seine Sache nicht. Dazu fehlte ihm das Temperament, vielleicht auch die Boshaftigkeit des von ihm verehrten Vladimir Nabokov.
Dass seine selbstkritische, an übertriebene Bescheidenheit grenzende Zurückhaltung, die auch seine persönlichen Auftritte in der Öffentlichkeit prägten, in Wirklichkeit Merkmale eines nur sorgfältig verborgenen Überlegenheitsgefühls seien, mehr noch, dass sein Talent zum schönen Schreibstil Ausdruck einer hochmütigen Teilnahmslosigkeit am Jammer der Welt seien, behauptete einer seiner strengsten Rezensenten, James Wood. Ein ungerechtes Urteil; denn genau diesen Jammer zu beschreiben – ob in Ehebrüchen und antiklimaktisch verblühenden sexuellen Exzessen, ob in abgebrochenen Karrieren oder dem Verlust religiöser Empfindsamkeit –, das war in Wirklichkeit die Stärke dieses großen Dichters.
Die öffentlichen Erregungen (im doppelten Wortsinn) anlässlich seines Romans Ehepaare, der dem 36-jährigen Autor das Tor zum Weltruhm und zu unvermitteltem Reichtum öffnete, verdankten sich den sexuellen Eskapaden seiner Romanfiguren, die im kaum verschlüsselten Örtchen Ipswich nördlich von Boston leben, über Gott reflektieren und wife-swapping praktizieren. Updike in Selbst-Bewußtsein: »Ich habe mir das Recht genommen, das Leben so genau zu beschreiben, wie es mir nur möglich war, mit besonderer Beachtung menschlichen Zerfalls und menschlichen Betrugs. Dem Rest von Glauben, den ich besitze, verdanke ich meinen künstlerischen Mut. Ich war fest davon überzeugt, dass Gott sowieso schon alles weiß und nicht schockiert werden kann.« Die prüde amerikanische Öffentlichkeit jener sechziger Jahre, die sich gerade von Henry Millers Wendekreisen erholt hatte (und in der, zumindest in einigen Südstaaten, noch Gesetze existierten, die gewisse Sexualpositionen und -praktiken mit Gefängnisstrafen ahndeten) – diese Öffentlichkeit erlebte ihre sexuelle Emanzipation stellvertretend in Ehepaare, eheliches Happy End inklusive.
Den Aufstieg zum weltweit bewunderten Chronisten der begrenzten Welterfahrung der aufsteigenden amerikanischen Mittelschicht – um es einmal soziologisch zu sagen – hatte der bereits 1960 publizierte Roman Rabbit (Hasenherz) markiert. Im Abstand von jeweils zehn Jahren folgten vier weitere »Rabbits«, der letzte gleichsam posthum, da war der Held Harry »Rabbit« Angstrom, erst Vertreter, dann Autohändler (Toyota!) und schließlich Pensionär, bereits tot (Rabbit, eine Rückkehr). In diesen Romanen offenbart sich die wahre Meisterschaft Updikes – seine Leser tauchen ein in den amerikanischen Traum mit diesem unsteten Alltagshelden, leiden mit ihm, nehmen die sexuellen Angebote der neuen Zeit staunend und zugleich bedrückt wahr (denn es endet ja immer traurig, tote Babys und Abtreibungen, Ehefluchten und falsche Versöhnungen in lockerer Abfolge), durchleben die finanziellen Krisen des Bürgertums und seiner Abstiegsängste und wollen am Ende des vierteiligen Romanzyklus den Tod des kleinen Herrn Angstrom nicht wahrhaben. Selten dürfte ein Autor in gleichem Maße wie Updike von seinem Publikum zu einem Abschiedsband gezwungen worden sein – als wäre der junge Castorp aus Thomas Manns Zauberberg auf Wunsch der Kritik aus dem Krieg zurückgekehrt, wenn auch nur als Erinnerung.
Unter den großen Schriftstellern des amerikanischen Jahrhunderts war John Updike gewiss der fleißigste – doch genau dies ihm vorzuwerfen hieße, die Ernsthaftigkeit seiner Arbeit und die Schönheit seiner Sprache maßlos zu unterschätzen. Dass sie in ihren deutschen Übersetzungen von Maria Carlsson ihre bewundernswerte Widerspiegelung fanden, bleibt das Glück seiner Leser auch in unserem Land. Mit seinem Verleger Ledig-Rowohlt pflegte er eine flüchtige Brieffreundschaft – als dieser starb, mochte er allerdings nicht zur Beerdigung kommen, denn, wie er sagte, die anderen großen Autoren seines deutschen Freundes würden ja auch nicht dabei sein, weil sie alle nicht mehr lebten. Nun ist auch John Updike gestorben – doch für seine deutschen Liebhaber wird er noch viele Jahre gegenwärtig bleiben. Sein neuer Roman erscheint demnächst.
- Datum 28.01.2009 - 11:56 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 29.01.2009 Nr. 06
- Kommentare 14
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Wer hatte nochmal im November den Nobelpreis fuer Literatur bekommen?
Mein Fall war er NIE. Dennoch sicher schade, wenn der TOT jene ereilt, die das kulturelle Leben zu bereichern im Stande sind. Allerdings
"Ich war fest davon überzeugt, dass Gott sowieso schon alles weiß und nicht schockiert werden kann."
Eine Aussage, die weder geistreich noch klever ist. Gott muss herhalten für jeden BLÖDSINN. Natürlich ist er nicht schockiert, aber genervt.
Agenten, die so respektlos über Gott und die Welt sprechen
bzw. schreiben, sind eigentlich auch nicht mein Fall.
Ich lese mir gern schon mal BLÖDSINN durch.
Insbesonders, wenn er so kurz ist, wie im Beitrag Nr. 2.
Ich muss aber ganz ehrlich sagen:
Ich bin weder über den Kommentar schockiert noch genervt.
Höchstens amüsiert.
Menschen legen Gott so vieles in den Mund und anderem auch das:
-Stirbt einer von den Jungen, sagt Gott:
"Ihn hat der Alkohol verschlungen!"
-Und stirbt einer von den Alten, sagt Gott:
"Ihn hat der Alkohol erhalten!"
Menschen legten ihm auch folgendes in den Mund:
- Der Spieler wird von Gott verachtet,
weil er nach fremden Gelde trachtet!
Oder
- Der Spieler wird von Gott geliebt,
weil er das Geld den andern gibt.
Wir sollten alls nicht so ernst nehmen.
Das Leben ist so schon Ernst genug!
Apropos "Geld" bzw. 28 Millionen Euro.
Ich muss jetzt Lotto spielen gehen.
Ps. Gott wird mich wohl mehr lieben, weil ich das Geld
den anderen gebe und zwar - der Lottogesellschaft.
Aber wer sich ein Schein für 4,50 kauft, der hat
wenigsten die Hoffnung noch nicht verloren.
Und das ist ja auch schon was.
Agenten, die so respektlos über Gott und die Welt sprechen
bzw. schreiben, sind eigentlich auch nicht mein Fall.
Ich lese mir gern schon mal BLÖDSINN durch.
Insbesonders, wenn er so kurz ist, wie im Beitrag Nr. 2.
Ich muss aber ganz ehrlich sagen:
Ich bin weder über den Kommentar schockiert noch genervt.
Höchstens amüsiert.
Menschen legen Gott so vieles in den Mund und anderem auch das:
-Stirbt einer von den Jungen, sagt Gott:
"Ihn hat der Alkohol verschlungen!"
-Und stirbt einer von den Alten, sagt Gott:
"Ihn hat der Alkohol erhalten!"
Menschen legten ihm auch folgendes in den Mund:
- Der Spieler wird von Gott verachtet,
weil er nach fremden Gelde trachtet!
Oder
- Der Spieler wird von Gott geliebt,
weil er das Geld den andern gibt.
Wir sollten alls nicht so ernst nehmen.
Das Leben ist so schon Ernst genug!
Apropos "Geld" bzw. 28 Millionen Euro.
Ich muss jetzt Lotto spielen gehen.
Ps. Gott wird mich wohl mehr lieben, weil ich das Geld
den anderen gebe und zwar - der Lottogesellschaft.
Aber wer sich ein Schein für 4,50 kauft, der hat
wenigsten die Hoffnung noch nicht verloren.
Und das ist ja auch schon was.
Das Buch heißt "Rabbit, Run", Herr Naumann. Dem Lob kann ich mich allerdings so ziemlich uneingeschränkt anschließen. Die vier Rabbitromane fand ich extrem unterhaltsam und auch sozialgeschichtlich erhellend. Auch einige der Kurzgeschichten haben mir sehr gut gefallen. Niemand konnte so gut über Sex schreiben wie Mr. Updike.
R.I.P.
v.
Amerika hat einen großen Schriftsteller verloren. Er schrieb eben nicht wie John Dike, sondern wie John Updike!
Jetzt, nach seinem Tod, könnte der Diskurs beginnen: Solle Updike posthum der Literatur-Nobelpreis verliehen werden? Wäre diese letzte Ehre nicht eine Pflichtaufgabe des Nobelpreis-Komitees? Oder wäre diese nachträgliche Preisverleihung viel eher eine weitere Entlarvung des schwedischen Nobelpreis-Gremiums?
Natürlich sind 76 Jahre ein Alter, in dem man mit grenzüberschreitenden Erfahrungen rechnen muss. Michael Naumanns empathisches "nur" bezieht sich m.E. auf seine eigene Erwartungshaltung gegenüber diesem Schriftsteller. Er hätte sich wohl über weitere Bücher Updikes sehr gefreut!
Agenten, die so respektlos über Gott und die Welt sprechen
bzw. schreiben, sind eigentlich auch nicht mein Fall.
Ich lese mir gern schon mal BLÖDSINN durch.
Insbesonders, wenn er so kurz ist, wie im Beitrag Nr. 2.
Ich muss aber ganz ehrlich sagen:
Ich bin weder über den Kommentar schockiert noch genervt.
Höchstens amüsiert.
Menschen legen Gott so vieles in den Mund und anderem auch das:
-Stirbt einer von den Jungen, sagt Gott:
"Ihn hat der Alkohol verschlungen!"
-Und stirbt einer von den Alten, sagt Gott:
"Ihn hat der Alkohol erhalten!"
Menschen legten ihm auch folgendes in den Mund:
- Der Spieler wird von Gott verachtet,
weil er nach fremden Gelde trachtet!
Oder
- Der Spieler wird von Gott geliebt,
weil er das Geld den andern gibt.
Wir sollten alls nicht so ernst nehmen.
Das Leben ist so schon Ernst genug!
Apropos "Geld" bzw. 28 Millionen Euro.
Ich muss jetzt Lotto spielen gehen.
Ps. Gott wird mich wohl mehr lieben, weil ich das Geld
den anderen gebe und zwar - der Lottogesellschaft.
Aber wer sich ein Schein für 4,50 kauft, der hat
wenigsten die Hoffnung noch nicht verloren.
Und das ist ja auch schon was.
das irgend so eine Antwort eintrudeln würde. Das macht es aber auch nicht besser.
das irgend so eine Antwort eintrudeln würde. Das macht es aber auch nicht besser.
das irgend so eine Antwort eintrudeln würde. Das macht es aber auch nicht besser.
daß
so ist es natürlich richtig. Im Gegensatz zu Gott kümmere ich mich manchmal doch um Kleinkram. ;-)
daß
so ist es natürlich richtig. Im Gegensatz zu Gott kümmere ich mich manchmal doch um Kleinkram. ;-)
aber dabei sind natürlich auch alle Angehörigen seines Jahrgangs eingerechnet, die durch Unfälle, Gewalt oder Kinderkrankheiten schon wesentlich früher verschieden sind.
Es bleibt dabei: 76 ist heutzutage in den USA kein Biblisches Alter mehr.
Nicht Gott sondern Sie und andere Agenten wußten sicher,
dass so eine Antwort eintrudeln wird.
Freuen sich Sie doch,
dass Ihre hellseherischen Fähigkeiten so gut sind.
Gott hat sicher andere Sorgen und Probleme als sich um den Eingang
von irgend welchen Antworten im Zeit-Forum zu kümmern.
Vielleicht macht er sich gerade Gedanken, wie er mir helfen kann,
dass aufgeklärt wird, ob der vormalige Justizminister von Sachsen
und Kandidat für das Präsidentenamt von Deutschland
das Parlament und somit die Öffentlichkeit
mit gefälschten Gerichtsprotokollen
getäuscht hat oder nicht?