DDR-Kunst Vorwärts – und vergessen!

Wie das Kunstmuseum Moritzburg in Halle sich seinem politischen Erbe nicht stellt

In der Ecke für die DDR-Kunst hängt ein großes Gemälde, das heute aktueller wirkt denn je. Wir sehen einen Wettlauf in den Abgrund: Unterm lila lodernden Morgenhimmel, auf einer dieser breiten Betontreppen, wie sie in U-Bahn-Schächte führen, eilen ernste Menschen in strengen Anzügen abwärts. Sie schauen einander nicht an. Sie ziehen den Hut ins Gesicht, vielleicht, um die Resignation zu verbergen, mit der sie in den anbrechenden Tag, aber zugleich ins Dunkle streben. Hinab in die Zukunft! Treppe heißt Uwe Pfeifers apokalyptisches Gesellschaftsporträt von 1983, dessen zum Fortschritt verdammte Helden keine bloß sozialistischen sind, sondern auch einer gegenwärtigen Krise entsprungen sein könnten. Vor allem die Hast, mit der sie auf den Betrachter zukommen, das Forsche, aber Panische erinnert uns an uns selbst, die Bewohner der beschleunigten Epoche.

Vielleicht wurde die Treppe deshalb so lieblos aufgehängt in dem neu eröffneten Museum Moritzburg in Halle, viel zu dicht neben den DDR-Alltagsfotos von Helga Paris, viel zu hart neben einem Wendebild von Einar Schleef: weil die Ausstellungsmacher nicht wahrhaben wollten, dass manche Kunst von damals noch gilt und dass die Geschichte keineswegs abgeschlossen ist. Dafür wäre der Mattheuer-Schüler Pfeifer mit seinen sinnbildhaft zeitkritischen Arbeiten nur ein Beweis von vielen. Denn das Kunstmuseum besitzt außer einer bedeutenden Sammlung von Werken der Klassischen Moderne eine der bedeutendsten Sammlungen ostdeutscher Malerei, Grafik und Plastik. Doch anstatt sie selbstbewusst zu präsentieren, versteckt man die DDR-Kunst geradezu schamhaft – indem wenige Werke zusammenhanglos aneinandergereiht, indem von Malern wie Mattheuer, Tübke, Sitte nur je eine Arbeit gezeigt, indem Bildhauer wie Fritz Cremer vergessen und wichtige Sujets aus der Zeit des Sozialistischen Realismus verschwiegen werden. Kein Proletkult nirgends. Willi Neuberts Parteidiskussion fehlt ebenso wie Sittes Chemiearbeiter am Schaltpult . Hat die Chemiearbeiterstadt Halle Angst, zu ihrem politischen Erbe zu stehen? Fürchtet man, über Auftragskunst neu diskutieren und vorschnelle Urteile aus den Nachwendejahren revidieren zu müssen?

Die Moritzburg ist ein illustres Baudenkmal vieler Epochen, errichtet um 1500 von den Magdeburger Erzbischöfen, erweitert von Kardinal Albrecht, renoviert von Karl Friedrich Schinkel. Dass sie für 18 Millionen Euro nun zum würdigen Kunstmuseum ausgebaut wurde, haben die Rezensenten gebührend gefeiert. Doch was nützt das spektakuläre Haus, wenn man heroische Bilder vom Neuen Menschen versteckt, bloß weil heute keiner mehr an ihn glaubt? Und was nützt der kostbare Expressionismus, wenn man Traditionslinien nicht aufzuzeigen wagt, die von den Krisenbefunden der Moderne zu den Krisenbefunden des Sozialismus führen? So weigert sich Halle, die DDR-Kunst ernst zu nehmen. Vorwärts – und vergessen! 

 
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